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«Weil sie eine sehr verführerische Geschichte erzählen.»

Vera Buck geht in ihrem neuen psychologischen Thriller «Keine Angst, Darling» dem Tradwife-Phänomen auf die Spur. Was sie an dieser Bewegung fasziniert und was sie bei der Recherche am meisten überrascht hat, verrät die Bestsellerautorin im exklusiven Interview.

Vera Buck hautnah

Porträt Vera Buck
Bild: © Rafael Dos Santos

Interviewt von Ex Libris


17. Juli 2026

Wie sind Sie auf das Tradwife-Phänomen gestossen? Was hat es in Ihnen ausgelöst?

Zum ersten Mal habe ich den Begriff in einem Gespräch zwischen meiner damaligen Lektorin und meiner Agentin aufgeschnappt. Wir sassen wegen einer Krimi-Preisverleihung in einem Hotel in Hannover. Ich habe dann noch direkt am Frühstückstisch gegoogelt und war plötzlich mit diesen Videos von Frauen konfrontiert, die in makellosen Kleidern Brot backten, Kinder versorgten und ein Familienleben im Stil der 50er Jahre inszenierten. Und die ihren Followern die Ideologie verkauften, dass Frauen glücklicher seien, wenn sie sich wieder unterordnen. Es gibt diese Momente, in denen ich als Autorin sofort weiss: das ist ein Thema, über das ich unbedingt schreiben möchte. Und das war so ein Moment.

Ihr neustes Buch greift diesen Trend mit Lea auf, die in den sozialen Medien als Tradwife aktiv ist. Warum ziehen Influencerinnen wie sie auch in der Realität Millionen Fans in ihren Bann?

Weil sie eine sehr verführerische Geschichte erzählen. In einer Welt, in der viele Menschen erschöpft sind, versprechen sie Ordnung, Schönheit, Zugehörigkeit und ein Leben mit klaren Rollen. Das klingt zunächst nach Entlastung: Man muss nicht mehr alles gleichzeitig sein, Karrierefrau, perfekte Mutter, Partnerin und ständig optimiertes Selbst. Die Unterordnung wird dann nicht als Verlust von Freiheit präsentiert, sondern als Weg zum Glück. Und sie erscheint nicht in einem verstaubten 50er Jahre Hausfrauen-Ratgeber, sondern perfekt ausgeleuchtet auf Instagram.
Die Unterordnung wird dann nicht als Verlust von Freiheit präsentiert, sondern als Weg zum Glück.

Worum geht es in «Keine Angst, Darling»?

In der Geschichte reist Paula nach Florida, weil sie sich Sorgen um ihre Schwester Lea macht. Lea lebt mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Sancta Familia, einer abgeschotteten Gemeinschaft, in der traditionelle Familienwerte grossgeschrieben werden. In den sozialen Medien präsentiert sie sich als glückliche Tradwife. Doch dann verstummt der Account von einem Tag auf den anderen. Leas Ehemann behauptet, sie sei in einem Retreat. Doch bei ihrer Suche stösst Paula auf eine ganz andere Wahrheit und findet schnell heraus, dass Lea nicht die Einzige ist, die spurlos aus der Gated Community verschwunden ist.

Worauf haben Sie bei der Charakterisierung der beiden Schwestern besonders Wert gelegt?

Mir war es wichtig, Paula und Lea nicht als die vernünftige und die verblendete Schwester zu zeichnen. Beide haben ihre blinden Flecken, beide versuchen auf ihre Art, sich durch ein immer komplexer werdendes Leben zu schlagen. Paula ist unabhängig und rational, kann aber auch übergriffig werden, weil sie Lea seit Kindestagen unbedingt beschützen will. Lea wiederum ist nicht einfach nur ein Opfer. Sie hat Dinge in der Vergangenheit erlebt, die sie zu bestimmten Entscheidungen getrieben haben, und diese Entscheidungen werden ihr nun zum Verhängnis. Gerade weil sich die beiden lieben, können sie einander besonders tief verletzen. Diese Ambivalenz war mir wichtig.

Was hat Sie bei der Recherche für dieses Buch am meisten überrascht?

Wie modern und anschlussfähig diese Bewegung auftritt. Tradwives sprechen häufig nicht von Unterordnung, sondern von Selbstbestimmung, Weiblichkeit und persönlicher Freiheit. Sie bedienen sich also einer Sprache, die eigentlich aus feministischen Debatten stammt. Dadurch sind die Übergänge zwischen harmlosen Lifestyle-Inhalten, religiösem Konservatismus und offen antifeministischen Botschaften nicht immer zu trennen. Mich hat auch überrascht, wie professionell diese Inhalte produziert werden und wie gut sie die Mechanismen der sozialen Medien nutzen, um eine riesen Followerschaft zu bekommen.
Dadurch sind die Übergänge zwischen harmlosen Lifestyle-Inhalten, religiösem Konservatismus und offen antifeministischen Botschaften nicht immer zu trennen.

Warum haben Sie die Gemeinschaft Sancta Familia gerade in Florida angesiedelt?

Ich habe erst innerhalb von Europa gesucht und auch eine einmonatige Recherchereise nach Kalifornien unternommen. Doch letztendlich war Florida das einzige Setting, in dem ich mir die Geschichte vorstellen konnte. Gated Communities sind dort weit verbreitet, und viele funktionieren als eigene kleine Welt, die man im Grunde gar nicht mehr verlassen muss, wenn man nicht will (oder kann ;)). Die Sancta Familia kann sich nach aussen als luxuriöse, sichere Gemeinschaft präsentieren, während hinter den Toren ein immer engeres System aus Regeln und Kontrolle entsteht. Gleichzeitig fand ich Florida atmosphärisch spannend. Es hat dieses Image des Grellen und Perfekten. Sonne, Palmen, riesige Häuser und das Versprechen eines vollkommenen Lebens. Gleichzeitig hat die Landschaft mit ihrer Hitze und den Sümpfen etwas Unberechenbares. Diese Spannung passte sehr gut zum Roman.

Abgeschottete Orte finden sich auch in Ihren anderen Werken wieder. Woher kommt diese Faszination?

Abgeschottete Orte funktionieren für mich wie soziale Versuchsanordnungen. Wenn eine Gruppe von Menschen auf engem Raum lebt und eigene Regeln entwickelt, werden Machtverhältnisse besonders sichtbar. Auf mich üben solche Orte eine grosse Faszination aus: Mich interessiert, was diese Versuchsanordnung mit den Menschen dort macht und wann ein vermeintlicher Zufluchtsort zur Falle wird.

Wie gehen Sie persönlich mit den sozialen Medien um – wie real kann und soll man sein?

Soziale Medien sind für mich Schaufenster und Begegnungsort zugleich. Ich zeige dort durchaus Persönliches, aber nicht mein ganzes Privatleben. Ich mag den Kontakt zu den Leser*innen, und Authentizität ist mir wichtiger als der perfekte Post. Aber natürlich ist schon die Entscheidung, was man erzählt oder weglässt, eine Form von Inszenierung. Trotzdem gibt es für mich einen Unterschied zwischen Inszenierung und Täuschung. Gerade beim Tradwife-Phänomen wird das problematisch, weil eine hochprofessionell produzierte Kulisse als müheloses und für alle Frauen erstrebenswertes Leben verkauft wird.

Wie beeinflusst das Schreiben von Thrillern Ihre Wahrnehmung von Menschen, Themen und Konflikten?

Ich möchte die Frage gern umkehren: Nicht das Schreiben von Thrillern verändert meinen Blick auf die Welt, sondern mein Blick auf die Welt bringt mich dazu, Thriller zu schreiben. Mich interessieren soziale, historische und politische Entwicklungen. Psychologie ist ein Steckenpferd von mir. Gesellschaftsphänomene, die zunächst harmlos oder sogar erstrebenswert wirken, die aber ganz schnell kippen können. Daraus entstehen meine Stoffe. Der Thriller ist für mich nur die Form, in der ich solche Konflikte am stärksten zeigen kann.
Der Thriller ist für mich nur die Form, in der ich solche Konflikte am stärksten zeigen kann.

Sie sind auch als Schreibcoach und Mentorin aktiv. Wie hat sich das ergeben – und wie balancieren Sie das mit Ihrem eigenen Schreiben?

Das hat sich zunächst ganz organisch entwickelt. Ich wurde immer häufiger von Schreibenden um Rat gebeten und habe gemerkt, dass es mir Freude macht, gemeinsam herauszufinden, warum eine Geschichte noch nicht funktioniert. Beim Coaching geht es für mich nicht darum, jemandem eine bestimme Art zu schreiben überzustülpen. Ich versuche vielmehr, den Kern eines Stoffes sichtbar zu machen und die Autorin oder den Autor dabei zu unterstützen, die eigene Stimme zu finden. Den Grossteil meiner Zeit macht aber natürlich das eigene Schreiben aus. Ich kann nicht zu viele Projekte betreuen, da muss man lernen, bei allem Interesse auch mal zu einem Projekt Nein zu sagen.

Sie sprechen fünf Sprachen. Wechseln Sie beim Schreiben auch mal die Sprache?

In der Regel nicht beim eigentlichen Schreiben eines Romans. Da brauche ich die grösstmögliche sprachliche Präzision, und die habe ich im Deutschen. Aber andere Sprachen helfen mir durchaus in der Recherche, wenn ich längere Zeit in Frankreich, Italien oder den USA verbringe. Und dann kann es schonmal sein, dass sich bei den Dialogen bestimmte Redewendungen oder Ausdrücke in der Sprache der jeweiligen Figur einschleichen, einfach weil man so tief im Setting und bei der Figur ist. Bei «Keine Angst, Darling» ist es mir tatsächlich einige Male passiert. Leas Ehemann, Matt, der Amerikaner ist, hat in meinem Kopf zum Beispiel die ganze Zeit auf Englisch gesprochen.

Inspirieren lassen Sie sich unter anderem auf halsbrecherischen Touren – welche Route hat Sie besonders beeindruckt?

Wir haben ein Chalet im Berner Oberland, in das ich mich gern zum Schreiben zurückziehe, und entsprechend bin ich viel in dieser Gegend unterwegs. Ich liebe ausgesetzte Passagen, steile Felswände und Gletscher. Einige der Touren, die mich landschaftlich immer wieder aufs Neue beeindrucken, sind z.B. die Wanderung zur Schreckhornhütte, der Tälli-Klettersteig oder auch das Klettern am Eigergletscher. Das hintere Lauterbrunnental ist für mich auch ein irre wild gebliebener Ort, der praktischerweise genau hinter unserem Haus beginnt.

Wie geniessen Sie den Sommer am liebsten?

Am liebsten draussen, möglichst in den Bergen oder am Wasser. Ich mag lange Tage, an denen man früh zu einer Tour aufbricht, irgendwann erschöpft zurückkommt und abends noch mit einem Buch auf dem Steg liegt.

Welches Buch können Sie jederzeit empfehlen und warum?

«Strange Sally Diamond» von Liz Nugent. Der Roman beginnt mit einer so ungewöhnlichen und verstörenden Situation, dass man sofort weiterlesen muss. Das Buch ist düster, überraschend und psychologisch. Liz Nugent gelingt etwas, das ich an Thrillern besonders liebe: Die Spannung entsteht nicht nur aus der Frage, was passiert ist, sondern daraus, wie ein Mensch zu dem geworden ist, der er heute ist.
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