

Beschreibung
Gewaltakteure unterschiedlicher Schattierung spielen eine zentrale Rolle in Krisen und Kriegen. Ein besonderer Typus sind dabei Milizen, die für die Verteidigung eines politischen Status quo eintreten und die in ein Geflecht aus staatlichen und gesellschaftlic...Gewaltakteure unterschiedlicher Schattierung spielen eine zentrale Rolle in Krisen und Kriegen. Ein besonderer Typus sind dabei Milizen, die für die Verteidigung eines politischen Status quo eintreten und die in ein Geflecht aus staatlichen und gesellschaftlichen Akteuren eingebunden sind. Dieser Band handelt vom "langen Schatten", den solche Milizen auf ihre Gesellschaften werfen. Analysiert werden Entstehung, Entwicklung und Langlebigkeit von Milizgewalt sowie deren Folgen am Beispiel der kolumbianischen Paramilitärs und der kurdisch-irakischen Peschmerga.
»Eine überfällige Auseinandersetzung mit Milizen und trägt damit zur Schließung einer von vielen Forschungslücken in der Gewaltforschung bei. Sie legt mit der theoretisch geleiteten und prozesssoziologisch verfahrenden Vergleichsstudie außerdem eine fundierte empirische Analyse von Milizgewalt in Kolumbien und Kurdistan-Irak vor. Ein Must-Read für alle, die sich mit Gewalt in beiden Regionen sowie mit Gewaltorganisation und -dynamiken grundsätzlicher beschäftigen.« Jutta Bakonyi, Soziopolis, 09.12.2019
Autorentext
Ulrich Schneckener ist Professor für Internationale Beziehungen und Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Osnabrück und leitete das DFG-Projekt »Security Governance durch Milizen «. Christoph J. König und Sandra Wienand waren bis 2017 in dem DFG-Projekt beschäftigt.
Leseprobe
Vorwort Gewaltakteure der unterschiedlichsten Schattierung spielen eine zentrale Rolle in den aktuellen Krisen und Kriegen. Die Bandbreite reicht dabei von Aufständischen, Rebellenorganisationen und terroristischen Akteuren über Warlords und Söldnern bis hin zu kriminellen Banden und privaten Sicherheitsdiensten - sowie eben Milizen. Dieser Akteurstyp, der für die Verteidigung eines politischen Status quo steht, und seine spezifische Gewaltstrategie stehen im Mittelpunkt der vorliegenden Studie. Sie handelt vom "langen Schatten", den Milizen auf ihre Gesellschaften werfen; sie analysiert die Entstehung, die Entwicklung und die Persistenz von Milizgewalt sowie deren strukturbildende Folgen für Staat und Gesellschaft - am Beispiel zweier Fälle. Dieses Buch ist das Ergebnis eines mehrjährigen Forschungsprozesses und entstand im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projektes zur Rolle von Milizen in Kriegen und fragilen Staaten, das wir von Oktober 2012 bis Juni 2017 durchführten. Der Band wird von uns gemeinsam verantwortet, die Konzeption wurde gemeinsam entwickelt, alle Kapitel wurden wechselseitig gelesen, kommentiert und überarbeitet. Dennoch gibt es für die einzelnen Teile hauptverantwortliche Autorinnen: Ulrich Schneckener verfasste die Einleitungs- und Schlusskapitel I, IV und V, während Sandra Wienand (Kapitel II) und Christoph König (Kapitel III) für die beiden vertieften Fallstudien zu den Paramilitärs in Kolumbien und den Peschmerga in Kurdistan-Irak verantwortlich sind. Ein solches Unterfangen, das nicht zuletzt eine Reihe von Feldaufenthalten erforderte, wäre nicht möglich ohne die konstruktive Begleitung und Unterstützung durch zahlreiche Personen, denen wir zu großem Dank verpflichtet sind. Das Projektteam bedankt sich insbesondere bei Stiven Tremaria für seine langjährige Mitwirkung als wissenschaftliche Hilfskraft, die u. a. einen eigenständigen Feldaufenthalt in Medellín umfasste, bei Sven Keller für seine Unterstützung bei der Erstellung von Datensätzen und Karten sowie bei Susanne Hölscher und Johanna Freimuth für ihre Unterstützung bei Korrekturen und der Fertigstellung des Manuskripts. Darüber hinaus erhielt das Projekt wertvolle Hinweise und Impulse von verschiedenen Kolleginnen sowohl in Deutschland als auch in den beiden Fallregionen. Wir danken daher Günther Maihold, Rainer Dombois, Enzo Nussio, Andrea Fischer-Tahir, Cilja Harders, Salim Hajy und Khoshawe Kamal. Schließlich danken wir herzlich einer Reihe von Personen, die uns maßgeblich bei Übersetzungen (vor allem aus dem Kurdischen) und vor Ort bei der Feldforschung unterstützt haben, die aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht namentlich genannt werden wollen. Abschließend möchten wir den beiden Herausgebern, Klaus Schichte und Peter Waldmann, für die Aufnahme des Bandes in die Reihe "Mikropolitik der Gewalt" danken. Ulrich Schneckener, Christoph König, Sandra Wienand Osnabrück, Juli 2018 I Die Rolle von Milizgewalt in Kriegen und fragilen Staaten 1. Einleitung Ob kolumbianische oder philippinische Paramilitärs, christliche Forces Libanaises, Kamajors in Sierra Leone, sudanesische Janjaweed, peruanische Rondas Campesinas, kurdische Peschmerga oder (überwiegend) schiitische al-Hashed al-Sha'bi im Irak, Abarkees in Afghanistan oder ukrainische Freiwilligenbataillone - so sehr sich diese bewaffneten Gruppierungen in ihrer Genese, Struktur, konkreten Zielsetzungen und der Wahl ihrer Mittel unterscheiden, teilen sie doch einen gemeinsamen Kern. Bei ihnen handelt es sich um Milizformationen, die ihrem Selbstverständnis nach als "Verteidiger" oder "Hüter" einer politischen und sozialen Ordnung auftreten und den Anspruch erheben, diese vor inneren und äußeren "Feinden" zu schützen. Dabei agieren sie, jedenfalls anfangs, im Interesse oder unter Billigung einer Regierung, dominierender Eliten, politischer Parteien, Clans oder anderer gesellschaftlicher Akteure (bspw. Großgrundbesitzer, Kaufleute, einflussreiche Familien). Je nach Kontext werden Milizen auch als Paramilitärs, Freiwilligenverbände, Schutzbünde, "Civil Defence Forces" oder Bürgerwehren bezeichnet. Bereits die Vielzahl an Titulierungen verweist auf die Vielschichtigkeit des Milizphänomens, das häufig zwischen formal-staatlicher und nicht-staatlicher Gewalt changiert. Oder in den Worten von Blom (2009: 135): "Militia is one of the most ambiguous words in military vocabulary. It veers between two extremes, from a back-up police force that replaces or reinforces a regular army to an illegal formation tasked by a community [] with defending its interests through the use of force." Darüber hinaus erweist sich der ubiquitäre Gebrauch des Begriffs, wonach nahezu jede bewaffnete Gruppierung in der medialen Darstellung oder umgangssprachlich als Miliz bezeichnet wird, analytisch als wenig hilfreich. Zum einen gilt es den Typus Miliz von der staatlichen Gewalt bzw. vom formalen Staatsapparat abzugrenzen, was empirisch mitunter nicht ganz eindeutig ist, zumal dann, wenn - wie bspw. in Kolumbien, Guatemala, auf den Philippinen, in Zimbabwe oder in jüngerer Zeit in der Ukraine - eine materielle und personelle Verzahnung mit staatlichen Sicherheitskräften, der Regierung oder der dominierenden Regierungspartei bestand. Gleichwohl sind Milizen vielerorts nicht nur rein formal und institutionell vom Staatsapparat getrennt, sondern sie verfügen auch über einen gewissen Grad an Handlungsautonomie. Sie folgen einer eigenen Organisationslogik, sie entwickeln entsprechende Interessen und Agenden. Eine Charakterisierung als "proxy warriors" (Ahram 2011a), "pro-regime strongmen" (Alden et al. 2011) oder "pro-government"-Akteure (Carey et al. 2013) greift daher zu kurz und läuft Gefahr, das Eigenleben dieser Gruppierungen und somit die Persistenz von Milizgewalt zu unterschätzen. Zum anderen unterscheiden sich Milizen von anderen Formen nicht-staatlicher Gewalt. Grundlegend ist hierbei die Differenz zu Rebellen oder Aufständischen, die auf einen radikalen Wandel, auf den Sturz eines Regimes oder auf die Abspaltung eines Landesteils (Separatismus) setzen. Kurzum: Rebellische oder aufständische Gewalt zielt auf eine Änderung des politischen Status quo, Milizgewalt hingegen auf die Beibehaltung und Verteidigung einer - wie auch immer - definierten Ordnung. Der Milizionär ist insofern typologisch die Gegenfigur zum Rebellen. Er setzt seine Gewalt explizit gegen jene Akteure und Bevölkerungsgruppen ein, die einen Status quo gefährden oder potenziell gefährden können. Auf dieser Basis lassen sich Milizen wie folgt charakterisie…