

Beschreibung
Tausende Kilometer voneinander getrennt und doch ohne es zu wissen derselben Familie angehörig, wachsen drei Jugendliche auf, zwei Söhne und eine Nichte des ruhelosen Matrosen Jonas Doucet. Da ist der namenlose Erzähler, der in Montréal als Buchhändler jobbt. ...Tausende Kilometer voneinander getrennt und doch ohne es zu wissen derselben Familie angehörig, wachsen drei Jugendliche auf, zwei Söhne und eine Nichte des ruhelosen Matrosen Jonas Doucet. Da ist der namenlose Erzähler, der in Montréal als Buchhändler jobbt. Die einzige Erinnerung an seinen Vater ist der »Nikolski-Kompass«, der nicht nach Norden weist, sondern auf den winzigen, hinter Alaska auf den Aleuten gelegenen Ort Nikolski. Noah ist der Halbbruder des Erzählers, seine Mutter ist eine von ihrem Stamm verstoßene Indianerin. Als Noah nach Montréal aufbricht, ist in seinem Gepäck das »dreiköpfige Buch«, das auf geheimnisvolle Weise mit seiner Herkunft verbunden zu sein scheint. Joyce, die Dritte im Bunde, ist die Nichte von Jonas Doucet. Tagsüber filetiert sie Fisch, nachts stiehlt sie Computerteile aus Mülltonnen. Und hätte der Nikolski-Kompass ein bisschen besser funktioniert, vielleicht hätten die drei den Norden ihres Lebens und einander gefunden.
Autorentext
Nicolas Dickner, geboren 1972, lebt in Montréal. Sein erster Roman, »Nikolski« (FVA 2009), erhielt alle großen Preise und war einer der Bestsellererfolge Kanadas . Der Roman gilt heute wie Yan Martels »Schiffbruch mit Tiger« als Klassiker der neuen kanadischen Literatur. Es folgten seine Romane »Tarmac Apokalypse für Anfänger« (FVA 2011) und »Die sechs Freiheitsgrade« (FVA 2017), der mit dem Prix littéraire du Gouverneur général ausgezeichnet wurde. Dickners Werk ist in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Klappentext
Nikolski ist ein ungemein charmantes, fliegend leicht lesbares Buch, das von der ersten Seite an bezaubert. Tausende Kilometer voneinander getrennt und doch - ohne es zu wissen - derselben Familie angehörig, leben drei Jugendliche, drei in jeder Hinsicht grundverschiedene Charaktere. Es sind zwei Söhne und eine Nichte des ruhelosen Matrosen Jonas Doucet. Diesem in seiner Rastlosigkeit in nichts nachstehend, verlassen sie - gerade volljährig geworden - ihr jeweiliges Zuhause und ziehen nach Montréal. Da ist der namenlose Erzähler, der für kleines Geld in Montréal als Buchhändler jobbt. Die einzige Erinnerung an seinen Vater Jonas ist ein alter Kompass mit einer "magnetischen Anomalie", den er den "Nikolski-Kompass" getauft hat, weil er nicht exakt nach Norden weist, sondern stur auf den kleinen, hinter Alaska auf den Aleuten gelegenen Ort Nikolski... Noah ist der Halbbruder des Erzählers, seine Mutter ist eine von ihrem Stamm verstoßene Indianerin. Zwischen Manitoba und Alberta bringt er seine gesamte Kindheit damit zu, in einem Wohnmobil die Prärie zu durchkreuzen. Als Noah das Nomadentum seiner Mutter eines Tages reicht, bricht er nach Montréal auf, um dort ein Archäologiestudium zu beginnen. In seinem Gepäck ist das "dreiköpfige Buch", das auf geheimnisvolle Weise mit seiner Herkunft verbunden zu sein scheint... Joyce, die Dritte im Bunde, ist die Kusine der beiden anderen. Ihre Mutter ist auf mysteriöse Weise verschwunden, Joyce wächst bei ihrem Großvater in einem Fischerdorf an der Küste nahe Neufundland auf. Dieser erzählt ihr, sie sei die letzte in einer langen Ahnenreihe von Freibeutern und lässt so Joyce' Lebenstraum erwachen. Wie es sich für einen Piraten gehört, reißt sie von zuhause aus und sucht ebenfalls in Montréal ihr Glück: Tagsüber filetiert sie Fisch, nachts geht sie auf Beutezug und stiehlt Computerteile aus Mülltonnen...
Leseprobe
Magnetische Abweichung Mein Name ist ohne Bedeutung. Alles beginnt im September 1989 gegen sieben Uhr in der Frühe. Ich schlafe noch, eingerollt in meinen Schlafsack, im Wohnzimmer auf dem Boden. Um mich herum stapeln sich Pappkartons, zusammengerollte Teppiche, halb auseinandergenommene Möbel und Werkzeugkisten. Die Wände sind kahl bis auf die hellen Flecken von den Bilderrahmen, die dort allzu lange hingen. Durch das Fenster hört man den monotonen Rhythmus der Wellen, die sich auf dem Kieselstrand brechen. Jeder Strand hat seine ganz eigene akustische Signatur, die abhängig ist von der Länge und Stärke der Wellen, von der Beschaffenheit des Bodens, der Morphologie der Landschaft, der vorherrschenden Windrichtung und der relativen Luftfeuchtigkeit. Es ist so gut wie unmöglich, das leise Murmeln Mallorcas mit dem kräftigen Rollen der vorgeschichtlichen Steine Grönlands zu verwechseln oder die Musik der Korallenstrände Belizes mit dem dumpfen Grollen der Küsten Irlands. Und auch die Brandung, die ich an diesem Morgen höre, ist ganz klar zuzuordnen. Dieses tiefe, ein wenig raue Rauschen, der kristalline Klang des vulkanischen Gesteins, die leicht asymmetrische Wiederkehr der Wellen, das nährstoffreiche Wasser das ist die unnachahmliche Brandung auf den Aleuten. Grummelnd öffne ich das linke Auge einen Schlitz breit. Woher kommt dieses höchst unwahrscheinliche Geräusch? Der nächste Ozean ist über tausend Kilometer weit entfernt. Und ich war in meinem Leben übrigens auch noch nie an einem Strand. Ich schäle mich aus dem Schlafsack und taumele zum Fenster. Am Vorhang festgekrallt sehe ich den Wagen der Müllabfuhr unter Druckluftgequietsche vor unserem Bungalow anhalten. Seit wann imitieren Dieselmotoren das Geräusch der Brandung? Schäbige Vorstadtpoesie. Die zwei Müllmänner springen von ihrem Fahrzeug und betrachten den Berg übereinandergetürmter Plastiksäcke auf dem Gehweg. Der erste tut so, als würde er sie zählen und macht einen schwer geschafften Eindruck. Plötzlich kommen mir Zweifel: Habe ich etwa gegen eine städtische Verordnung verstoßen, die die Anzahl der Müllsäcke pro Haus beschränkt? Der zweite Müllmann, sehr viel pragmatischer, beginnt den Wagen zu beladen. Ihm sind die Anzahl, der Inhalt oder die Geschichte der Säcke ganz offensichtlich egal. Es sind genau dreißig Stück. Ich habe sie im Laden an der Ecke gekauft ein Einkaufserlebnis, das ich so bald nicht vergessen werde. Am Regal mit den Dingen für den Haushaltsbedarf stehend, fragte ich mich, wie viele Müllsäcke man wohl bräuchte, um die unzähligen Erinnerungen, die meine Mutter seit 1966 angesammelt hatte, darin unterzubringen. Wieviel Platz brauchte man wohl für dreißig Jahre eines Lebens? Ich sträubte mich dagegen, diese pietätslose Rechnung anzustellen. Zu welchen Ergebnissen ich auch käme, ich fürchtete, die Existenz meiner Mutter zu gering einzuschätzen. Ich hatte eine Marke ins Auge gefasst, die mir ziemlich reißfest erschien. In jedem Paket befanden sich zehn revolutionäre Müllsäcke aus Ultra-Plastik mit einem Volumen von 60 Litern. Ich nahm drei Stück, entsprechend einem Gesamtvolumen von 1800 Litern. Diese dreißig Säcke erwiesen sich als ausreichend auch wenn ich ab und zu mit dem Fuß nachhelfen musste und nun machen sich die Müllmänner daran, sie dem Wagen ins Maul zu schleudern. Von Zeit zu Zeit zerdrückt ein schwerer Eisenkiefer die Abfälle und grunzt dabei ganz nach Art eines Dickhäuters. Weit entfernt vom poetischen Säuseln der Wellen. Aber der eigentliche Beginn der ganzen Geschichte, da ich sie nun einmal erzählen muss, war der Nikolski-Kompass. ~ Dieser alte Kompass kam im August wieder zum Vorschein, zwei Wochen nach der Beerdigung. Der endlose Todeskampf meiner Mutter hatte mich vollkommen erschöpft. Seit der ersten Diagnose war mein Leben zu einem wahrhaften Staffellauf geworden. Rund um die Uhr pendelte ich zwischen Wohnung, Arbeit und Krankenhaus hin und her. Ich schlief nicht mehr, aß immer weniger und hatte fast fünf Kilo abgenommen. Man hätte glauben können, ich sei es gewesen, der sich mit den Metastasen herumschlug doch gab es kein Verwechseln: Meine Mutter starb nach sieben Monaten, und da stand ich nun, die ganze Welt auf meinen Schultern. Ich war leer, verwirrt, aber aufgeben kam nicht in Frage. Sobald der Papierkram erledigt war, machte ich mich an das letzte Großreinemachen. Nach Art eines Abenteurers beim Survivaltraining hatte ich mich im Keller des Bungalows verschanzt, ausgestatte…
