

Beschreibung
Acht Jahre nach Kriegsende ringt das Luxushotel Hohenstein noch immer damit, zu seiner einstigen Größe zurückzufinden. Sebastian, der Enkel von Hotelier Karl Hohenstein, kommt mit neuen Ideen aus Amerika und will den nur zögerlich anlaufenden Tourismus ankurbe...Acht Jahre nach Kriegsende ringt das Luxushotel Hohenstein noch immer damit, zu seiner einstigen Größe zurückzufinden. Sebastian, der Enkel von Hotelier Karl Hohenstein, kommt mit neuen Ideen aus Amerika und will den nur zögerlich anlaufenden Tourismus ankurbeln. Er verliebt sich in die Ärztin Annemarie, die sich auf ein Verhältnis einlässt, obwohl sie einem anderem die Ehe versprochen hat. Als ihr Verlobter tot im Rhein gefunden wird, fällt der Verdacht auf Sebastian. Währenddessen holt Karl seine Vergangenheit ein, und plötzlich steht nicht nur Sebastians Ruf auf dem Spiel, sondern auch der des Hotels ...
Anna Jonas wurde im Münsterland geboren, hat einen Teil ihrer Kindheit im hohen Norden verbracht und lebt seit ihren Studententagen in Bonn. Nach ihrem Germanistikstudium widmete sie sich dem Schreiben. Die DELIA-Preisträgerin reist gerne und liebt das Stöbern in Bibliotheken, wo sie für ihre Romane intensive Recherchen betreibt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Rheinnähe.
Autorentext
Anna Jonas wurde im Münsterland geboren, hat einen Teil ihrer Kindheit im hohen Norden verbracht und lebt seit ihren Studententagen in Bonn. Nach ihrem Germanistikstudium widmete sie sich dem Schreiben. Die DELIA-Preisträgerin reist gerne und liebt das Stöbern in Bibliotheken, wo sie für ihre Romane intensive Recherchen betreibt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Rheinnähe.
Leseprobe
1
»Dieser Rotzbengel hat mich altmodisch genannt!« Karl Hohenstein stand im Vestibül, die Hände in die Seiten gestemmt, und sah in die Richtung, in die sein Enkel verschwunden war.
»Du hast deinen Vater seinerzeit mit demselben Wort belegt, erinnerst du dich?«, antwortete seine Ehefrau mit einem nachsichtigen Lächeln.
»Er war altmodisch, ich bin lediglich auf Stil bedacht.«
»So begründete er es seinerzeit auch.«
»Ich bin nicht altmodisch.«
»Wäre dir Altersstarrsinn lieber?«
Karl bekam den Eindruck, dass Julia dieser Disput Spaß machte, und gab es seufzend auf. Man krempelte sein Hotel um, und er sollte als Zuschauer danebenstehen. Langsam ließ er seinen Blick durch das Vestibül gleiten, über die geschwungene Treppe, die Rezeption aus poliertem Holz mit ihren goldverzierten Kästen für Zimmerschlüssel und Post, die Säulen, die eleganten Sitzgruppen - Bilder schoben sich darüber, lachende Gäste in Abendroben, Soldaten, Offiziere ... Karl spürte einen Stich in der Brust und sah wieder zu dem Aufzug, dessen Türen sich hinter seinem Enkel geschlossen hatten. Vielleicht war es nicht das Schlechteste, einen klaren Schnitt mit der Vergangenheit zu machen, und Sebastian brachte in der Tat frischen Wind hier hinein.
Karl verließ das Hotel und trat auf den Hof. Es war Anfang März und die Temperaturen immer noch empfindlich kalt. Schneereste klebten an den Wegesrändern, waren auf dem Hof zu matschigen Pfützen geschmolzen. Zwar bemühte sich Karl nach wie vor um einen gepflegten Eindruck, aber es war unübersehbar, dass das Hotel einmal bessere Zeiten gesehen hatte, daran änderte auch der Anblick der glänzend polierten Limousinen - »altmodisch, Großvater!« - in der Remise nichts. »Du kannst deine Gäste doch nicht in diesen Vorkriegsmodellen durch die Gegend kutschieren«, hatte sein Enkel sich beschwert.
Aber für neuere Wagen war schlechterdings gerade kein Geld da, und Karl war - so ungern er es gestand - zu alt, um sich allein um das Hotel zu kümmern. Solange Konrad noch gelebt hatte, war es immer noch irgendwie gegangen. Außerdem hatten sie dessen Sohn Andreas gehabt, der ebenfalls mit der Leitung betraut gewesen war, aber auch der war aus dem Krieg nicht zurückgekehrt. Wie so viele andere, unter anderem Karls Neffe Jacob, dessen Bruder Hans zwar nach wie vor im Hotel in der Buchhaltung arbeitete. Doch seit seine Frau auf und davon war und ihn mit der kleinen Tochter Greta allein gelassen hatte, war er nicht mehr so recht mit dem Herzen bei der Sache. Karls Cousine Emma half zwar ebenfalls, aber auch für sie wurde es langsam zu viel.
Karl zitterte ein wenig in der Kälte, blieb jedoch dennoch draußen stehen und spürte alten Zeiten nach - wie so oft in letzter Zeit. Er hoffte nicht, dass das bedeutete, er würde sich eines Tages gänzlich in der Vergangenheit verlieren, aber er vermisste sie alle so furchtbar, die Gefährten, die ihn auf dem letzten Stück seines Weges nicht mehr begleiteten.
»Willst du dir eine Lungenentzündung holen?«, fragte Julia, die ihm nun nach draußen gefolgt war. Im Gegensatz zu ihm hatte sie sich jedoch vorher noch einen warmen Mantel geholt und ihm seinen gleich mitgebracht.
»Denkst du, es war die richtige Entscheidung?«, fragte er und sah seine Frau an. »Ihn aus Amerika kommen zu lassen? Ist es nicht, als wolle man einem Toten neues Leben einhauchen?« Er drehte sich um und sah zum Hotel, während seine Hände in die warmen Ärmel des Mantels glitten.
»Es ist nicht tot«, antwortete Julia. »Es hat all das überlebt. Ebenso wie wir.« Sie hakte sich bei ihm ein, und er drückte ihre Hand.
Im Sommer hatte er nach langem Überlegen seinem Sohn in Amerika geschrieben und diesem das erste Mal gestanden, dass er das Hotel nicht länger allein halten konnte. Da das Haus zur Hälfte seinem Sohn zustand, wollte er diesen darüber in Kenntnis setzen, dass er mit dem Gedanken spielte, es zu verkaufen, wenn nicht die
