

Beschreibung
Im Jahr 1925 strahlt das Hotel am Drachenfels in bewährter Pracht. Die Goldenen Zwanziger bescheren dem Grand Hotel eine Schar illustrer Gäste und schillernder Abendveranstaltungen. Auch Valerie, die schöne Tochter des Hoteliers, genießt das Leben in vollen Zü...Im Jahr 1925 strahlt das Hotel am Drachenfels in bewährter Pracht. Die Goldenen Zwanziger bescheren dem Grand Hotel eine Schar illustrer Gäste und schillernder Abendveranstaltungen. Auch Valerie, die schöne Tochter des Hoteliers, genießt das Leben in vollen Zügen und verdreht zahlreichen Männern die Köpfe. Ihr Bruder Ludwig dagegen hadert mit seinem Schicksal als Hotelerbe. Viel lieber würde er nach Amerika aufbrechen und dort sein Glück als Ingenieur versuchen. Doch seine Verlobte Charlotte von Domin schreckt vor keiner Heimtücke zurück, um ihn von seinen Plänen abzubringen ...
Anna Jonas wurde im Münsterland geboren, hat einen Teil ihrer Kindheit im hohen Norden verbracht und lebt seit ihren Studententagen in Bonn. Nach ihrem Germanistik-Studium widmete sie sich dem Schreiben. Sie reist gerne und liebt das Stöbern in Bibliotheken, wo sie für ihre Romane intensive Recherchen betreibt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Rheinnähe mit Blick auf das Siebengebirge.
Autorentext
Anna Jonas wurde im Münsterland geboren, hat einen Teil ihrer Kindheit im hohen Norden verbracht und lebt seit ihren Studententagen in Bonn. Nach ihrem Germanistik-Studium widmete sie sich dem Schreiben. Sie reist gerne und liebt das Stöbern in Bibliotheken, wo sie für ihre Romane intensive Recherchen betreibt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Rheinnähe mit Blick auf das Siebengebirge.
Leseprobe
1
Karl Hohenstein fragte sich, was ihn in diesem Moment mehr erschütterte: die Nachricht, dass der Hauptkoch mit einer Kiste Tafelsilber auf und davon war, oder der Moment der Erkenntnis, dass es sich bei dem androgynen Wesen, das gerade durch das Vestibül schritt, um seine Tochter Valerie handelte.
»Grundgütiger!«
Valerie drehte sich einmal um sich selbst, damit er die Gelegenheit bekam, das, was von ihrer dunklen Haarpracht übrig geblieben war, von allen Seiten bewundern zu können.
»Sehr hübsch«, sagte Karls Onkel, Konrad Alsberg, und nickte Valerie aufmunternd zu.
»Danke. Wenigstens einer, der Ahnung von Mode hat.« Valerie stützte sich auf die Rezeption und lehnte sich leicht vor. »Nun guck nicht so, Papa, das ist der letzte Schrei.«
»War das Mariannes Idee?« Valerie hatte bei ihrer älteren Schwester in Köln übernachtet.
»Nein, sie hat mich nur darin bestärkt. Man trägt sein Haar jetzt so.«
Karl begutachtete erneut kritisch die Frisur seiner Tochter. Die Haare waren nun nur noch kinnlang, hatten eine Wasserwelle, und zwei Locken waren seitlich ins Gesicht gedreht worden. Glücklicherweise war das zu seiner Zeit anders gewesen, dachte er.
»Ich werde Mama auch dazu überreden.«
»Untersteh dich.«
»Ach, Papa, du bist so hoffnungslos altmodisch.«
Konrad grinste verhalten. Er hatte auch leicht lachen, seine eigene Tochter Emma sah immerhin noch aus wie eine Frau.
»Wie geht es Marianne?«, wechselte Karl das Thema.
»Gut. Heinrich sagte, das Kind kommt bestimmt früher. Ich glaube, wenn ihr Bauch noch dicker wird, platzt sie.«
»Das hört sie sicher gerne.«
Valerie lachte nur. »Und was gibt's hier Neues?«, fragte sie, als sei sie länger als eine Nacht fort gewesen.
»Unser Erster Koch ist weg, und einen Satz Tafelsilber hat er auch mitgehen lassen«, antwortete Karl.
»Wie spannend.«
»Das kommt wohl auf den Standpunkt an.«
»Ruft ihr die Polizei?«
»Das macht dein Bruder gerade.« Und offenbar dauerte die Sache länger, denn er hatte seinen Ältesten, Ludwig, bereits vor einer guten halben Stunde damit beauftragt. Valerie hielt sich nicht länger mit den langweiligen Details auf, sondern verließ das Vestibül, vermutlich, um ihrer Mutter die neue Frisur vorzuführen.
»In den nächsten Tagen können wir uns noch irgendwie behelfen«, sagte Konrad. »Ich habe einem der Unterköche die Weisungsbefugnis über die Küche erteilt, aber wir brauchen dringend einen Ersatz. Jemand muss eine Anzeige aufgeben.«
Es war Anfang Juni, die Hochsaison hatte begonnen, und das Haus war ausgebucht - zum ersten Mal seit Ende des Großen Krieges ging es der Familie und dem Hotel finanziell wieder gut. In den Jahren zuvor war alles mehr Schein als Sein gewesen, eine glanzvolle Fassade, während in ihrem Privatleben jeder Pfennig zweimal umgedreht wurde. Das strikte Sparprogramm, das Karl und Konrad den Familien verordnet hatten, begann nun, Früchte zu tragen, und dieses Jahr, das hatte Karl seiner Tochter versprochen, würde man feiern wie in alten Tagen. Ausgerechnet jetzt musste er sich allerdings um diese ärgerliche Geschichte kümmern. Weit konnte der Kerl jedoch nicht gekommen sein, und vielleicht erhielten sie das Silber zurück, ohne vorher den Umweg über die Versicherung zu gehen.
»Übrigens wird nächste Woche das neue Automobil geliefert«, sagte Konrad in seine Überlegungen hinein. Ein Rolls Royce Phantom, der sich zu Konrads geliebtem Silver Ghost gesellen würde.
Der neue Wagen war ein Geschenk für Konrads Tochter Emma, Karls Cousine, die mit ihren achtzehn Jahren vier Jahre jünger war als Valerie. Das lag daran, dass sein Onkel nur zehn Jahre älter war als er, ein Umstand, der einer außerehelichen Affäre von Karls Großvater geschuldet war. Vor gut zwanzig Jahren, nachts zur Jahreswende, war Konrad Alsberg urplötzlich aufgetaucht und hatt
