

Beschreibung
Die Geschichte erzählt vom verzweifelten Willen, Aufmerksamkeit zu erregen, Bedeutung in der Gesellschaft zu haben und von der Familie geliebt zu werden, von einem Journalisten, der mal relevant gewesen ist und es wieder sein will, um jeden Preis. Shai Tamus i...Die Geschichte erzählt vom verzweifelten Willen, Aufmerksamkeit zu erregen, Bedeutung in der Gesellschaft zu haben und von der Familie geliebt zu werden, von einem Journalisten, der mal relevant gewesen ist und es wieder sein will, um jeden Preis.
Shai Tamus ist ein Journalist, der am Anfang seines Weges durch seinen frischen Schreibstil und seine häufigen Fernsehauftritte einige Berühmtheit erlangte. Doch über die Jahre sinkt sein Erfolg, seine Kolumnen werden auf die hinteren Seiten der Zeitung verbannt, und er ist fast vergessen. Auch die Liebe seiner Frau Alona, die sich in angesehenen Galeristenkreisen bewegt, scheint er zu verlieren. Und die Kinder interessieren sich immer weniger für ihn. Als er die Gelegenheit erhält, wieder im Fernsehen aufzutreten, auf der ganz anderen Seite, im patriotischen Kanal, ergreift er sie wie einen Rettungsring. Shai merkt nicht, wie er instrumentalisiert wird, und tut nun alles, damit ihm der Erfolg nicht wieder abhandenkommt.
»Yishai Sarid beobachtet den Erfolg des Rechtspopulismus in Isreal. Davon erzählt er in seinem aktuellen Roman 'Chamäloen'.« Till Schmidt, taz, 14.09.2025
Autorentext
Yishai Sarid wurde 1965 in Tel Aviv geboren, wo er bis heute lebt. Nachdem er als Nachrichtenoffizier tätig war, studierte er in Jerusalem und an der Harvard University und arbeitete später als Staatsanwalt. Heute arbeitet er als Rechtsanwalt und veröffentlicht Artikel in diversen Zeitungen. Bei Kein & Aber erschienen bislang seine Romane Limassol (2010), Alles andere als ein Kinderspiel (2014), Monster (2019), Siegerin (2021) und zuletzt Schwachstellen (2023).
Leseprobe
»Shai Tamus«, las die Arzthelferin aus seinem Personalausweis ab, ohne ihm einen zweiten Blick zuzuwerfen. Sein Name und Gesicht sagten ihr nichts. »Wenn Ihre Nummer aufleuchtet, gehen Sie bitte in Zimmer drei. Gute Besserung.«
Er war nicht krank, nicht dass er wüsste zumindest, und ihr Genesungswunsch irritierte ihn, als würde sie eine schlechte Nachricht kennen, die man ihm noch nicht eröffnet hatte. Auch als er später hinter den Wandschirm trat, um sich auszuziehen, und, nur mit einem dünnen Papierkittel bedeckt, im Behandlungszimmer wartete, wo die Ärztin und ihre Assistenten den Eingriff vorbereiteten, erregte er kein besonderes Interesse. Er war ein weiterer beliebiger Patient in einer langen Reihe von Männern über fünfzig, denen diese Vorsorgeuntersuchung empfohlen wurde. Auf der Liege spritzte man ihm ein leichtes Betäubungsmittel in den Arm und schob ihm einen elastischen Schlauch in den Darm, um zu prüfen, ob sich dort ein Krebsgeschwür eingenistet hatte. Alles verlief ganz normal.
Als er eine halbe Stunde später im Aufwachraum wieder zu sich kam, saß Alona, seine Frau, bei ihm und fragte, wie es ihm ginge. »Bestens«, sagte er ehrlich, »als wäre ich friedlich gestorben«, und im Stillen dachte er, dies sei eigentlich eine wunderbare Art zu sterben, bedauerte geradezu, wieder aufgewacht zu sein. Die Ärztin trat ein und prüfte vor seinen Augen die Untersuchungsergebnisse, die überwiegend gut ausgefallen seien, bis auf einen kleinen Polypen, den man entfernt und zur Biopsie eingeschickt habe, doch es bestehe kein Grund zur Sorge, schloss sie und bat ihn, in sieben Jahren wiederzukommen oder bei auffälligen Symptomen auch früher.
Beim Verlassen der Klinik schlug er Alona vor, einen Kaffee trinken zu gehen, aber sie wollte schnell wieder zur Arbeit in die Galerie, brachte ihn nur heim und vergewisserte sich, dass es ihm gut ging und er sich zur Ruhe legte.
Omer, sein Sohn, briet sich ein Omelett in der Küche. Es war schon nach zehn Uhr, aber er war gerade erst aufgewacht, trug noch seine Schlafkleidung und hatte sich lange nicht mehr rasiert. Shai arbeitete von zu Hause aus, und auch Omer blieb den ganzen Tag dort. Seine Wehrentlassung lag über ein Jahr zurück, doch wenn man ihn fragte, wann er mit dem Studium anfangen werde, erklärte er ausweichend, heutzutage sei ein Universitätsabschluss nicht mehr so wichtig. Er hatte nebulöse Pläne für ein Online-Unternehmen und arbeitete vorerst einige Stunden pro Tag in seinem Zimmer, hinter verschlossener Tür, verkaufte irgendwelche Produkte, deren Art Shai nicht kannte und lieber auch nicht erfahren wollte. Er wusste nicht einmal, ob sein Sohn etwas dabei verdiente, denn vorerst lebte er komplett auf Kosten der Eltern.
»Alles in Ordnung bei der Untersuchung«, berichtete er Omer, der etwas über seine Ohrstöpsel hörte und nicht reagierte. »Wo ist Goni?«, fragte Shai, plötzlich ungehalten, nach seiner Tochter. »Weißt du, wo sie steckt?« Er wurde lauter, baute sich richtiggehend vor dem Sohn auf, der einen der Stöpsel aus dem Ohr zog und antwortete: »Weiß nicht, sicher in der Schule, was regst du dich denn auf, bin gerade erst aufgestanden.«
Shai öffnete ihre Zimmertür, was strengstens verboten war, konnte dem Chaos dort der halbe Kleiderschrank auf dem Boden verstreut, Zigarettenkippen in gebrauchten Kaffeetassen jedoch nicht entnehmen, ob sie die Nacht dort geschlafen hatte. Ihr Telefon war ausgeschaltet. Er rief Alona an, die ihm zuflüsterte, es sei gerade jemand in die Galerie gekommen, doch er beharrte: »Nur ganz kurz, verzeih die Störung, vielleicht weißt du, wo Goni ist?« Gewiss in der Schule, meinte sie und warum er denn frage. »Weil sie nicht antwortet und ich sie schon lange nicht mehr gesehen habe, ist ja wie ein Gespenst«, sagte er, worauf Alona ungeduldig erwiderte, sie habe Goni am Vortag im Kühlschrank stöbern sehen, als er schon schlafen gegangen war, und er solle sich mal nicht so aufregen.
Vor vielen Jahren, noch als Student, hatte Shai als kleiner Nachrichtenredakteur bei einer Zeitung angefangen. Ein Bekannter hatte ihn empfohlen. Internet gab es noch nicht oder bestenfalls in den Labors amerikanischer Wissenschaftler, und ein Smartphone existierte nur in Steve Jobs' Gehirn. Es war eine andere Welt, und alle lasen Printmedien. Er wollte schreiben, und als sich die Gelegenheit bot, begann er, Konzerte zu besprechen. Sein Stil war jung und locker, doch er wollte seinen Lesern auch nützliche Informationen liefern. Unter dem Einfluss amerikanischer und britischer Musikmagazine, die er gebraucht im Dizengoff Center kaufte, gefielen seine Artikel in den Gegenden Tel Avivs, in denen er verkehrte, und bei Menschen, denen er begegnete. Er spürte seinen Einfluss stetig wachsen und schwor sich, ihn stets zum Guten zu nutzen. Aufgrund seiner Aufsätze lud man ihn ein, in einer experimentellen TVKultursendung einen festen Beitrag über interessante Events zu moderieren, zum Beispiel über Aviv Geffen, der in einem kleinen Club auftrat, als noch kaum jemand ihn kannte, und über junge Rockbands wie Eifo HaYeled. Man engagierte Shai als neues Gesicht, das die Stimme der jungen Generation vertrat, und bat ihn, ein buntes Hemd anzuziehen. Sein Auftreten war unsicher und seine Körpersprache fahrig. Er wollte die Sache nur heil überstehen und hoffte, man übersah die Schweißflecken, die sich vor Nervosität in seinen Achselhöhlen bildeten. Seine Eltern und ein paar Freunde sagten ihm, er sei gut gewesen. Bald jedoch wurde die ganze Sendung abgesetzt, was Shai als nützliche Erfahrung und nicht als persönlichen Misserfolg wertete. Seine Zeitungskolumnen hingegen wurden immer besser, lasen sich so farbig und interessant, dass sein Redakteur ihn auch über andere kulturelle Themen wie Theater und Bücher schreiben lassen wollte, und da Shai sich ohnehin dafür interessierte, stimmte er gern zu. Wenn er abends ausging, suchten junge Musiker, Nachwuchsschauspieler, Literaten und deren Fans seine Nähe. Auf einmal hatte er viele interessante Freunde.
Alona lernte er in einer dieser Nächte kennen, als er in einem Pulk rauchender junger Journalisten und Künstler und ihrer Begleitungen draußen vor einer Bar in der Balfour-Straße saß. Es war im Sommer 1995, und die Welt sah offen und einladend aus. Sie sprachen über Nick Cave, und Shai erzählte Dinge, die er in der aus…