

Beschreibung
Die spannende Lebensgeschichte von Karl Gehry ist ein wichtiger Beitrag zur Psychiatrie-, Militär- und Sozialgeschichte. Er war Psychiater der Klinik Rheinau von 1905 bis 1942, die letzten zehn Jahre deren Direktor. Seine Biografie dokumentiert den Weg eines s...Die spannende Lebensgeschichte von Karl Gehry ist ein wichtiger Beitrag zur Psychiatrie-, Militär- und Sozialgeschichte. Er war Psychiater der Klinik Rheinau von 1905 bis 1942, die letzten zehn Jahre deren Direktor. Seine Biografie dokumentiert den Weg eines sozialen Aufsteigers, der zeitlebens allen gesellschaftlich höher Gestellten gegenüber sowohl im Beruf wie im Militär kritisch blieb. Das Wohl der Kranken stand für ihn an erster Stelle. Aufgewachsen in der Zürcher Altstadt, besucht der Sohn einer Hebamme und eines aus Deutschland stammenden Schreinermeisters die Kantonsschule und absolviert anschliessend ein Medizinstudium an der Universität Zürich, wo er auf Koryphäen wie Eugen Bleuler und C. G. Jung trifft. Das Studentenleben geniesst er als Mitglied der «Utonia» in vollen Zügen. Seine Hinwendung zur Psychiatrie gründet in seinem «Interesse an seelischer Brüchigkeit». Doch im Verlaufe seiner über dreissig Jahre dauernden Tätigkeit in der Klinik Rheinau, in die er manche Neuerungen einbringt, hegt er immer wieder Zweifel an diesem Fachgebiet und übt Kritik an dessen namhaften Vertretern. Fasziniert von der Hirnforschung betreibt er nebenbei neurologische Studien und führt auch die Dorfpraxis in Rheinau. Gehry ist Patriot und leistet mit vollem Einsatz Militärdienst als Truppenarzt, insbesondere zur Zeit des Ersten Weltkriegs und am liebsten mit seinem Pferd Marie. In seinen Memoiren, die bis ins Jahr 1920 reichen und die für die Autorin einen reichen Quellenfundus darstellen, liefert er in seinen Beschreibungen des Grenzdienstes eine aufschlussreiche, stellenweise humoristische Innenansicht seines Regimentes und damit der Schweizer Armee. Kritisch kommentiert er den Landesstreik und seine Akteure; sein Einsatz bei den an der Spanischen Grippe erkrankten Soldaten lassen ihn manche Missstände erkennen. Karl Gehry ist auch Ehemann und Vater dreier Töchter. In seinen zahlreichen Briefen an seine Verlobte Frieda Knecht gibt er seinem Liebeswerben offen Ausdruck. Die Erwartungen an seine Ehefrau sind hoch, und nicht immer vermag sie diese zu erfüllen. Hart trifft ihn der frühe Tod der zweitältesten Tochter und der Unfalltod seiner Frau Frieda im Sommer 1928 in den Walliser Bergen.
Die Lebensgeschichte von Karl Gehry stellt einen wichtigen Beitrag zur Schweizer Psychiatrie- und Militärgeschichte dar. Anhand seiner umfangreichen Memoiren sowie von Briefen, die bis ins Jahr 1920 reichen, dokumentiert die Autorin das Leben eines sozialen Aufsteigers zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der es dank Intelligenz und Ehrgeiz bis zum Direktor der Psychiatrischen Klinik Rheinau brachte. Seine Hinwendung zur Psychiatrie gründet in seinem 'Interesse an seelischer Brüchigkeit'. Das Wohl der Kranken steht für ihn stets an erster Stelle. Im Verlaufe seiner über dreissigjährigen Tätigkeit in der Rheinau führt er zahlreiche Neuerungen ein. Dennoch hegt er immer wieder Zweifel an der Psychiatrie und übt Kritik an deren namhaften Vertretern, unter andern Eugen Bleuler. Militärdienst war für Karl Gehry als Patriot eine Selbstverständlichkeit. Als Truppenarzt leistet er zur Zeit des Ersten Weltkrieges über viele Monate Grenzdienst im Jura, im Engadin und am Rhein. Seine Memoiren liefern eine zunehmend kritische, stellenweise humoristische Innenansicht seines Regimentes und damit der Schweizer Armee. Ebenfalls kritisch kommentiert er den Landesstreik und seine Akteure; bei seinem Einsatz während des Ordnungsdienstes in der Stadt Zürich im November 1918 erkennt er manche Missstände in der Behandlung der an der Spanischen Grippe erkrankten Soldaten. Karl Gehry war ein den Menschen und den Lebensgenüssen gleichermassen zugewandter Mann und auch ein passionierter Familienmensch. Doch auch er blieb von harten Schicksalsschlägen nicht verschont.
Autorentext
Susanne Peter-Kubli lebt und arbeitet als freischaffende Historikerin in Wädenswil. Autorin mehrerer Publikationen zur Glarner und Zürcher Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts mit den Schwerpunkten Sozial- und Alltagsgeschichte, Mitarbeiterin beim Historischen Lexikon der Schweiz, Redaktorin des Jahrbuches des Historischen Vereins des Kantons Glarus.
Leseprobe
Liebeswerben 'Mein einziges, herziges Lieb! Wo ich gehe und stehe, muss ich in diesen Tagen Deiner gedenken. Ein wildes Sehnen macht mich erschauern. Ich träume wachend von Deinem Kusse und sitze ich einen Augenblick still, so ist mir, Deine kleine Hand schiebe sich liebkosend um meinen Hals. Ich habe Angst mitten in diesem seligen Zustand, denn jede Kraft fehlt mir, aus dem zauberhaften Traum zu energischer Arbeit zurückzukehren. Geliebte, was machst Du aus mir? [] Mein Gott, Friedy, ich fürchte die Einsamkeit hier; sie lässt den glückverlangenden Träumen zuviel Raum. Und es ist so süss, mich wie in frühern Stunden Dir hinzugeben. Der Verstand sträubt sich, der Sehnsucht des Herzens zu unterliegen; Liebste, ich bin nicht mehr ich selbst, seit mich diese Weichheit gepackt hat.' Aus einem Brief von Karl Gehry an Frieda Knecht, 18. Januar 1906 In der Pflegeanstalt Rheinau 'Im hintersten linken Winkel des Tisches liegen ein Haufen Briefe von Patienten, welche ich durchsehen sollte. [] Einer hält mir einen Vortrag über die Möglichkeit, dass er als Taubstummer doch hörende Kinder haben könnte. Eine andere klagt, dass sie einen Mann geliebt habe. [] Sie liebt ihn noch jetzt nach 22 Jahren, obwohl sie ihn noch nie gesprochen hat. Nun soll ich ihn endlich einmal holen, damit sie das späte Glück erhalte. [] Die Briefe müssen die Patienten offen abgeben; ich lese sie dann und schicke sie an den Adressaten oder in den Papierkorb. Was nicht heller Blödsinn ist oder eine Bettelei oder ungerechte Anschuldigung gegen Wärter, wird fortgeschickt. [Es] giebt natürlich viel Händel deshalb, da man den Patienten stets mitteilt, was das Schicksal des Schreibens war. Es ist das 1. Prinzip, dass Patienten nie irgendwie hintergangen werden und angelogen. Die Gesunden halten es nicht immer so!' Aus zwei Briefen von Karl Gehry an Frieda Knecht, 23. Januar und 12. Februar 1906 Im Stabsquartier der lokalen Streikleitung in Zürich, Nov. 1918 'Major Niederer überliess mir, [], den Herren auseinanderzusetzen, warum es wohl gut wäre, tagsüber den Verkauf von Alkohol an jeglichem Ort zu verbieten und nur 2 Abendstunden freizugeben. Der Chef des Komitees war mir sehr sympathisch, ein stattlicher, kräftiger Mann mit gutem Kopf, m. E. ein Maschinenmeister oder ähnlich. Er erinnerte mich sogleich an meinen Wachtmeister im Bat. 60 (Baden), der auch Sozialist, aber ein guter Mensch mit aufgeschlossenem Geist war. Wir verhandelten jedenfalls schon erfolgreicher miteinander als es mit einem Kav. Off. der Fall gewesen wäre. Wir wurden bald einig in der Alkoholfrage und an anderen Tagen auch mit der Frage der zu gestattenden Versammlungen. Es überlief mich ein Schauer, wenn ich hörte, wie Offiziere sich fast freuten, Gelegenheit zum Zusammenhauen oder Zusammenschiessen des Pöbels zu bekommen.' Aus den handgeschriebenen Memoiren von Karl Gehry
Inhalt
Einleitung Karl Gehry und seine Memoiren Die Zürcher Psychiatrie um 1900 Das familiäre Umfeld Die Verwandtschaft Die Eltern und Halbbruder Heiri Kindheit und Schulzeit in der Stadt Der Primarschüler Ferien und Feste Strassen- und Stadtbild Der Kantonsschüler Vom Zipfelhaus an die Wolfbachstrasse Freunde fürs Leben Ausbildung und Liebe Der Rekrut Der Medizinstudent Erste Stellvertretungen Mitglied der Utonia Frieda Psychiater in der Rheinau Von der Pflegeanstalt zur psychiatrischen Klinik Der Assistenzarzt Der Sanitätsoffizier Rheinau nur eine Zwischenstation? Überfall auf Direktor Ris Heirat und weiterer beruflicher Aufstieg Der Sekundararzt Berufliche Engagements, Hoffnungen und Enttäuschungen Häusliches Glück und militärisches Ärgernis Die Kaisermanöver Klinik und Öffentlichkeit Differenzen mit Bleuler Der erste Weltkrieg und die Spanische Grippe Die Mobilmachung An die Grenze nach Pruntrut Aktivdienst im Oberengadin und am Rhe…