

Beschreibung
Manchmal schlägt das Leben wie eine Welle über einem zusammen. Doch dank einer neuen Begegnung erkennt Anna, wer im Leben und in der Liebe zu ihr hält, und wagt einen Aufbruch. Annas Freundin ist ohne ein Abschiedswort verschwunden, und mitten im Berliner Kiez...Manchmal schlägt das Leben wie eine Welle über einem zusammen. Doch dank einer neuen Begegnung erkennt Anna, wer im Leben und in der Liebe zu ihr hält, und wagt einen Aufbruch.
Annas Freundin ist ohne ein Abschiedswort verschwunden, und mitten im Berliner Kiez fällt ihr Leben in sich zusammen. Zurückgezogen verbringt sie ihre Tage in ihrem Pflanzenladen, der weit mehr ist: Sehnsuchtsort, Pflanzenheim, Pflanzenambulanz. Und zum Glück hat Anna auch noch ihren Nachbarn, einen liebenswerten Antiquar. Als schließlich der lebensfrohe Alex in Annas Leben tritt, ändert sich alles, was Anna erst gar nicht wahrhaben will. Schließlich machen sie sich gemeinsam auf die Suche nach der verschwundenen Freundin. Daraus wird eine Reise, die ganz anders ist als gedacht. Und als sie nach Berlin zurückkehren, hat etwas Neues längst begonnen.
Autorentext
Saskia Luka wurde 1980 in Köln geboren. Nach ihrem Studium der Germanistik in Bonn arbeitete sie in Berlin im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und als freie Texterin. Ihr erster Roman Tag für Tag (2019) erschien bei Kein & Aber. Saskia Luka lebt mit ihrer Familie auf der dalmatinischen Insel Brä.
Leseprobe
Das Jahr hatte gerade begonnen und eine Farbe wie Milchglas. Jeden Tag lief Anna eine Runde um den Block, kaufte einen Latte macchiato, dazu einen schwarzen Kaffee, jeden Tag sagte sie »zum Mitnehmen«, dann schaute sie bei Henning vorbei und stellte den Kaffee sachte neben den Kaktus. Manchmal nahm sie den leeren Becher des Vortags, während die Tastatur klackerte. Manchmal ließ sie etwas frische Luft herein, bevor sie wieder ging. Sie wäre nie auf die Idee gekommen, dieses Ritual zu unterbrechen. Sie mochte Henning und sein Geschäft. Sie mochte ihren täglichen Kurzbesuch, das Geräusch der Tasten. Es hatte drei Jahreszeiten gedauert, aber inzwischen wechselten sie ab und zu einige Worte. Rituale lohnten sich. Und den Dingen Zeit zu geben.
»Wo ist eigentlich Vinka?«, fragte Henning, als Anna hereinkam, und rutschte auf seinem Stuhl ein Stück zur Seite, damit er sie am Monitor vorbei ansehen konnte. Er rückte seine Brille zurecht.
»Weg«, antwortete Anna knapp. Jetzt war es ausgesprochen.
»Das Lied ist zu Ende«, erwiderte Henning.
Anna nickte.
»Ein Jammer«, sagte er und klang bestürzt, als habe auch er etwas verloren.
»Kann ich noch bleiben?«, fragte Anna und stellte ihre Tasche ab.
»Such dir ein Buch aus«, sagte Henning, wahrscheinlich der größte Trost, den er geben konnte.
»Welches denn?« Anna schaute die bis zur Decke gefüllten Regale an, die zitternden Spinnennetze.
»Egal. Sie sind alle gut.«
Umständlich schob sich Henning aus dem Schreibtischstuhl, der so nah an der Wand stand, dass er sich nicht zurückschieben ließ.
Anna ließ ihren Blick über die Bücher schweifen.
Henning holte Luft, atmete aus. »Nimm besser zwei.«
Anna griff ein Buch und zeigte es ihm.
»Jetzt guckst du, als ob du mir das doch nicht geben willst.«
»Das habe ich tatsächlich schon lange gesucht.«
Anna überflog den Titel. »Ich stells zurück.«
»Nein«, rief Henning, »nein, schon gut.« Er fuhr sich durchs Haar. »Ich hätte es gern noch mal gelesen.«
»Ich leihe es dir«, sagte Anna. »Unglaublich«, murmelte sie.
Das zweite Buch nahm sie aus einem anderen Regal. Sie ließ den Zufall entscheiden.
»Gute Wahl«, sagte Henning. »Paul Auster. Die Musik des Zufalls , das sehe ich von hier.«
»Danke.« Anna stand mit den zwei Büchern da und nippte an ihrem Kaffee.
»Schon gut.« Als die Stille länger wurde, sagte Henning weiter: »Es gibt Wesen, die leben auf dem Meeresgrund ganz ohne Licht. In der Tiefsee.«
»Hat das jetzt irgendwas damit zu tun?«
Anna legte die Bücher neben ihre Tasche.
»Nicht direkt«, gab Henning zu und schob sich wieder hinter seinen Monitor. »Ich versuche nur, dich aufzumuntern.«
»Ach, das ist wirklich nicht nötig.« Anna machte eine abwehrende Handbewegung. Sie stand unschlüssig in der Nähe der Tür. »Kann ich dich mal was fragen?«
»Hm«, machte Henning irgendwo hinter seinem Computer.
»Möchtest du deine Bücher eigentlich verkaufen?«
Hennings Kopf tauchte neben dem Bildschirm auf. »Nicht unbedingt.«
»Ich fasse es nicht.«
»Du wolltest sicher eine ehrliche Antwort.«
»Kann ich dich noch was fragen?«
»Klar, jetzt wo wir gerade so warm werden.«
»Wie machst du das?«
»Was?«
»Wie überlebst du? Wie zahlst du deine Miete?«
»Es gehört mir«, sagte Henning.
»Du meinst, der Laden gehört dir?«
»Das ganze Haus.«
»Das ganze Haus?«
»Um genau zu sein, meiner Mutter, aber sie ist sechsundachtzig Jahre alt und gerade ausgezogen.«
Anna nickte, als verstünde sie das.
Sie überlegte, ob ausgezogen eine Umschreibung für gestorben war.
»Ich muss dann mal wieder.« Sie nahm die Bücher und ihre Tasche.
Ihr Blick fiel auf den Kaktus.
»Willst du noch einen Kaktus?«, fragte sie.
»Ja«, sagte Henning, »jetzt, wo du es sagst. Ich glaube, man sollte sie nicht allein halten.«
Anna lachte.
Die Tür fiel zu.
Nebenan schloss Anna die Glastür auf und der warme Geruch nach feuchter Erde schlug ihr entgegen, nach all den Pflanzen, die entlang des großen Fensters rankten und in die Höhe wuchsen. Sie hingen von der Decke und füllten das Fenster so komplett aus, dass man kaum hineinsehen konnte. Sie schob die Tür zu und drehte das Schild mit der Aufschrift GLEICH ZURÜCK auf OFFEN. »Pflanzen« stand auch noch darauf, und die Öffnungszeiten. Sie hatte den ganzen Tag geöffnet, außer sonntags. Da arbeitete sie ohne Störung. An den anderen Tagen saß sie oft auf einem Stuhl im Inneren des Ladens und schaute durch das Grün der Pflanzen hinaus, beobachtete das Licht, das hereinfand, die Blüten, die Blätter, die Formen, sie konnte sich nicht daran sattsehen, sie goss, sie hielt die Blätter frei von Staub, und auch die anderen Dinge, die sie außer den Pflanzen verkaufte: die kleinen Glashäuser mit den Kakteen und Orchideen, schwere Briefbeschwerer aus Glas mit Blüten wie eingefroren in ihrem Inneren, ihre Bilder und Drucke, sie beobachtete, und sie wartete auf Menschen, die hereinkommen würden. Nach und nach waren es mehr geworden. Sie verkaufte einiges, aber viele kamen auch herein, um einfach eine Weile hier zu sein. Morgens zog eine Kitagruppe draußen vorbei, mittags zurück, oft blieben die Kinder vor ihrem Schaufenster stehen, manchmal kamen sie herein, bestaunten die Wand im hinteren Teil des Ladens, die sie selbst bemalt hatte: Unzählige Pflanzen mit unterschiedlichsten Blättern schimmerten in allen Grüntönen, mit wenigen Blüten, zwischen denen nur der genaue Blick bunte Vögel und Insekten entdeckte. Das Wandbild verbarg die Tür, die in einen quadratischen Hinterhof führte. Stand die Tür offen, gab sie von innen den Blick auf den mächtigen Stamm des Kastanienbaums frei, der seine Krone weit über den bis auf die Mülltonnen leeren Hof spannte. Jetzt war er kahl, aber im Sommer war er das Schönste, was man zwischen Mauern finden konnte. Fand zumindest Anna. Wenn das Wetter es zuließ, topfte sie im Hof die Pflanzen um. Es war, als wäre Anna mit dem Baum ganz allein. Manchmal hörte sie das scharfe Geräusch, wenn die großen Mülltonnen geöffnet wurden. Manchmal sah sie Gestalten durch den Hof huschen und wieder verschwinden. Zusammen mit Vinka hatte Anna an einem Abend den Fuchs gesehen, der lautlos lief und mit einem Sprung über die Mauer verschwand. Er hatte sie auch gesehen und kam nie wieder.
Anna zog die meisten Pflanzen selbst, und wenn das Messer eine saubere Schnittkante schnitt, wenn sie die Pflanzen teilte, einpflanzte oder in Wasser stellte, erfasste sie ein ähnliches Gefühl wie beim Malen. Manchmal hörte sie Musik, aber meistens war es still hier drinnen, und Anna konnte den Atem der Pflanzen hören und den Pinsel oder den Stift auf dem Papier. Vinka hatte hier gesungen, und fast hätte Anna sich daran gewöhnt.
Heute war die Stille unerträglich und Anna machte sofort Musik an. Sie stapelte Jacke, Schal, Handtasche und Bücher auf einem Stuhl u…
