

Beschreibung
In ihrem zweiten Werk streift Pia Strub durch die Vergangenheit, lässt eintauchen in längst vergessene Zeiten. Sie nimmt einen mit in Schneegestöber, Gewitter, Julisonne und farbigen Herbst durch die Geschichte einer Grossfamilie mit ihren Freuden und Leiden i...In ihrem zweiten Werk streift Pia Strub durch die Vergangenheit, lässt eintauchen in längst vergessene Zeiten. Sie nimmt einen mit in Schneegestöber, Gewitter, Julisonne und farbigen Herbst durch die Geschichte einer Grossfamilie mit ihren Freuden und Leiden in einem Bergdorf zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Einfühlsam, berührend, bedrückend, beglückend ein Zeitzeugnis. Dorette Schmid
Autorentext
Pia Strub ist 1943 in Schwyz geboren, Tochter einer Hotelierfamilie in den Voralpen. Schon in Primar- und Mittelschule gern Aufsätze geschrieben und grosse Leseratte. Matura in Freiburg und, nach Pharmaziestudium, Familienfrau in der Nähe Zürichs. Während dieser Zeit Stellvertretungen in Apotheken und etliche Schreibseminare, u. a. im Studienhaus Boldern. Mit vierzig an der SAL Journalistikdiplom, einige Jahre für den Ringierverlag Gesundheitskolumnen im Gelben Heft verfasst. Ende des Jahrtausends Abschluss der Ausbildung als Kunsttherapeutin bei ISIS/EHB. Seit einigen Jahren Vereinsmitglied von PRO LYRICA. 2021 Publikation des Mundart Gedichtbandes und zwischen 2019 und 2022 je einen Monatsbeitrag für den PRO LYRICA Jahreskalender.
Leseprobe
Nachwort «Bisch Heimet gsii es farbigs Juhee», lautet der letzte Vers des Gedichts «Eibäland» von Pia Strub-Hubli. Mit Eibenland ist die Innerschweizer Region Iberg gemeint, die zwischen Sihlsee und Ibergeregg gelegen ist und aus geschichtlich bewegten Gründen nicht zum nähergelegenen Einsiedeln gehört, sondern zum Bezirk Schwyz. Auch Sprache ist Heimat, welche die Autorin, eigentlich in der Lyrik zuhause, für diese chronologisch angeordneten, Fiktion und Fakten mischenden Episoden aus den Jahren 1937 bis 1948 für einmal verlässt. Besser zur Distanz der Erinnerung passt die standardsprachliche Prosa, die trotzdem mit Mundartausdrücken, direkter Rede oder Gedichtzeilen in Dialekt durchsetzt ist, wodurch akustische und emotionale Nähe entsteht. Das Kaleidoskop, Arbeitstitel-Metapher für diese Textsammlung, funkelt unablässig aus der Vergangenheit und lässt unterschiedlichste Welten aufleuchten: Die historische Ausnahmezeit des Zweiten Weltkriegs bildet den omnipräsenten Hintergrund des Alltags der Hoteliersfamilie, in dem Phänomene aus dem Unterland, Industrie und Tourismus auf die Ybriger Berglerwelt und urtümliche Naturereignisse treffen. Die Beschreibung des anbrechenden Unwetters kurz vor dem Einbringen der Heuernte lässt an Gotthelf denken, aber ohne dessen missionarischen Eifer. Die Strahlen des mentalen Kaleidoskops sind lose gebündelt, keinem Prinzip untergeordnet ausser dem der «biografischen Wurzelsuche», wie es die Autorin im Vorwort ihrer Lyriksammlung «looslaa» formuliert. «Was für eini bini / weli und wie», lautet daraus ein weiterer Vers. Wird die Frage nach der Identität gestellt, geraten neben der geographischen Heimat auch die zwischenmenschliche Sphäre sowie das Geschlecht in den Blick. Im Brennpunkt steht das Grossfamilien-Hotel, das sehr weiblich geprägt ist: von der Grossmutter Barbara, von der jurassischen Fabrikantentochter Lisa, die den Hotelier, Offizier und Skilehrer Anton heiratet und fünf Töchter zur Welt bringt, von den zahlreichen Tanten und Hotelangestellten. Das deutliche Hervorheben des weiblichen Anteils an der Geschichte ist der Realität, nicht einer Ideologie verpflichet. Die noch herrschende Patriarchen-Mentalität, sichtbar zum Beispiel am vergeblichen Wunsch der Familie nach einem männlichen Nachkommen, erhält einen berechtigten und selbstbewussten Gegenakzent. Gleichzeitig werden die Figuren, Männer wie Frauen, in ihrer Individualität, ohne geschlechterspezifische Schablonen, dargestellt und gewürdigt. Sie sind so einfühlsam wie Grossvater Vinzenz oder so streng wie manchmal die «Patronne» Barbara. Überhaupt sorgen zahlreiche Nebenfiguren für lebendige Vielfalt: etwa die streitbare Tante Cilly, die in ihrem selbständig geführten Tearoom in Zürich mit Berühmtheiten wie Therese Giehse oder Heinrich Gretler in Berührung kommt und urbanes und internationales Flair verströmt. Oder der Hausarzt Kälin aus Einsiedeln, der dem Wirken des Naturheilers Friedli mit tolerantem Wohlwollen gegenübersteht. Oder Tante Amalie, das lediggebliebene, gutmütige Faktotum im Hotelbetrieb, das viel Verständnis für die Kinder hat und entsprechend geliebt wird. Nicht zu reden von den zahlreichen lebensnahen Erlebnissen mit den verschiedenen Kinder-Charakteren der Schwestern. Es stellt sich heraus, dass sich hier kein Ich in den Vordergrund drängt, dass keine sogenannte Hauptfigur eine dominante Perspektive beansprucht. Der Aspekt der Verarbeitung auch schmerzlicher individueller Prägungen ist zwar spürbar, ebenso deutlich sind aber auch die Hinweise auf die Fragwürdigkeiten der damaligen sozialen Wirklichkeit. Erzählt wird in der dritten Person, weder Verklärung noch Bitterkeit sind das Resultat. Die Autorin schildert eine längst verblichene Lebenswelt, eine «Heimet» eben, die auch als ein «Heimet», also ein Haus, ein verlorenes Zuhause voller Leben, als «es farbigs Juhee» mit all seinen Gegensätzen in der Erinnerung der Zeitzeugin melancholisch weiterwirkt: «bisch Geischter im Chäller im Eschtrich en Ängel / em Chind wo hinder Marroniseck huured / nid weiss worum 's truured». Herbert Bichler