

Beschreibung
Eine außergewöhnliche Familiengeschichte, eine Reise zurück in die Nazi-Zeit: Die Erzählerin sucht nach den Spuren ihrer an Schizophrenie erkrankten Großmutter, die während des Krieges in einer psychiatrischen Anstalt verschwand und aus dem Familiengedächtnis ...Eine außergewöhnliche Familiengeschichte, eine Reise zurück in die Nazi-Zeit: Die Erzählerin sucht nach den Spuren ihrer an Schizophrenie erkrankten Großmutter, die während des Krieges in einer psychiatrischen Anstalt verschwand und aus dem Familiengedächtnis gelöscht wurde. Und dabei stößt sie in den Akten auf eine Frau, die ihr auf alarmierende Weise ähnlich ist.
Autorentext
Melitta Breznik, geb. in Kapfenberg, Österreich, studierte Humanmedizin und wurde zur Praktischen Ärztin ausgebildet, bevor sie sich als Fachärztin in Psychiatrie und Psychotherapie spezialisierte. Sie lebt in der Schweiz im Kanton Graubünden. Bei Luchterhand sind von ihr bisher erschienen: »Nachtdienst« (Erzählung 1995), »Figuren« (Erzählungen 1999), »Das Umstellformat« (Erzählung 2002), »Nordlicht« (Roman 2009), »Der Sommer hat lange auf sich warten lassen« (Roman 2013) und »Mutter. Chronik eines Abschieds« (2020).
Klappentext
Eine außergewöhnliche Familiengeschichte, eine Reise zurück in die Nazi-Zeit: Die Erzählerin sucht nach den Spuren ihrer an Schizophrenie erkrankten Großmutter, die während des Krieges in einer psychiatrischen Anstalt verschwand und aus dem Familiengedächtnis gelöscht wurde. Und dabei stößt sie in den Akten auf eine Frau, die ihr auf alarmierende Weise ähnlich ist.
Leseprobe
Lange hat es gedauert, bis ich angefangen habe, die Geschichte meiner Groutter aufzuschreiben, von dem Zeitpunkt an gerechnet, als ich die Portrufnahme von ihr das erste Mal in Hen hielt. Es war im M 1998, ich stand in einem kleinen Raum des Dokumentationszentrums fr Euthanasie im Dritten Reich, in Hadamar.
Soweit ich mich zurckerinnern kann, existierte lediglich ein Photo, auf dem sie schemenhaft abgebildet war. Es zeigt einen zweistckigen Ziegelbau, aus dessen Fenster im oberen Stockwerk zwei Gestalten lehnen. Undeutlich erkennt man die Figur einer Frau und die eines Kindes, ihre Gesichtszge verschwimmen. Von Groutter ist aus dieser Zeit kein weiteres Photo erhalten geblieben, in den Familienalben fanden sich Aufnahmen von Urgroutter mit den Enkeln, von Groater auf einer Bank sitzend, mit einem Kaninchen auf dem Arm, oder vom ersten Schultag der Mutter 1927, auf dem das in ein weis Kleid gesteckte Mhen mit Schmollmund und klaren Augen im Hinterhof des Wohnhauses neben einem mit besticktem Tuch gedeckten Tisch steht und in die Kamera blickt. Es ist der Hof, in dem sie mit ihrer Mutter und den anderen Frauen des Hauses gemeinsam die hig im erfluvorhandenen Pflaumen zu Latwerge verkocht oder die Laken mit einem gron Holzlffel im Bottich gerhrt hatte. Im Hintergrund sieht man einen Garten, getrennt durch einen Holzzaun, die Obstbe tragen noch Bler, es ist Herbstbeginn, eine Tafel, die auf dem Tischchen an eine Vase gelehnt worden ist, verrin einer Aufschrift das Jahr, mein erster Schultag.
Das Portrhoto von Groutter war bei Eintritt in die Landesheilanstalt Hadamar gemacht worden, ich besitze es erst seit der Reise mit Mutter nach Deutschland, als wir gemeinsam, auf den Spuren der verlorenen Geschichte von Groutter, vier psychiatrische Kliniken in Hessen besuchten. Am unteren Rand des Bildes steht in geschwungenen handgeschriebenen Lettern der Name, eine Zeile tiefer, rechts die Nummer 5678, in der linken Ecke das Datum, August 35, Groutter war zu dieser Zeit neununddreig Jahre alt. Die ungeordneten glatten Haare sind aus der Stirn gestrichen, sie sehen fettig aus, das Gesicht ist aufgedunsen, der Blick ist in einer vordergrndig freundlichen Art auf den Betrachter gerichtet, Spott und ein naiver Hochmut liegen darin, so als ob sie die Situation nicht recht begreifen wrde, oder doch, und sie he das Unausweichliche bereits erkannt, sich dem ergeben. Sobald sie den leicht in den Nacken gelegten Kopf nach vorne neigt, wenn sie vom Sessel aufsteht, auf dem sie nach Anweisungen des Photographen Platz genommen hat, werden ihr die Haare ins Gesicht fallen. Sie wird die Stren mit der linken Hand hinter das Ohr streichen, wend die Schwester ihren Arm nimmt und sie wieder zurck in den berfllten Krankensaal fhrt, wo ihr Bett neben dem Fenster steht, auf dessen brauner Wollberdecke sie das Strickzeug liegengelassen hat, als man sie mitkommen hie Der Nackenansatz ist wulstig, ihre Kinnpartie wird am Hals von einer weichen Falte gedoppelt, das Hemd, das sie tr, ist vermutlich wei es wirft an den Schultern Wellen, die Knpfe am geffneten Revers sind nicht zu erkennen, lediglich ein in Kreuzstichen eingesticktes K ft ber der rechten Brust auf, der Buchstabe davor hat sich im Schatten des Stoffes verkrochen. Krankenhaus, Klinik, Abteilung K, ein Anstaltshemd, es ist ungebgelt, vielleicht tr sie es schon seit Tagen am Leib, der Kragen hat sich eingerollt, liegt locker am berbelichteten Teil der dem Betrachter zugewandten Schulter. Ich sitze an meinem Schreibtisch ber die alten Aufnahmen gebeugt, daneben einige Bilder von den Kliniken und Anstalten, die ich wend der Reise gemacht habe, blere in der Kopie der Krankengeschichte und lese Seite um Seite Eintr ber eine Frau, die ich nicht kenne, von der meine Mutter immer behauptet hat, daich ihr sehr lich sei. Ich habe die Bilder rahmen lassen, die Portrufnahme der Frau im Anstaltshemd, das Photo von Mutter am ersten Schultag, und vom Haus mit dem geffneten Fenster im zweiten Stock. Sie hen sonst ber meinem Schreibtisch und werden dort bleiben, bis ich diesen Bericht beendet habe, anschliend werde ich sie abnehmen und in das Familienalbum einordnen. Sie sind in meinem Kopf, mit allen Details, jedem kleinen Schatten, jeder angedeuteten Bewegung.
Wir waren am Morgen von Innsbruck aufgebrochen, an einem naalten Mtag 1998, Mutter und Tochter, seit vielen Jahren wieder auf einer gemeinsamen Fahrt unterwegs. Der Schnee am Rand der Stra war von Schotter geschwt, Nebelschwaden stiegen aus den nassen kern, an deren flachen Krumen da und dort noch ein weir Fleck an den gefrorenen Krusten festhielt, die Erde dampfte, ein khler Windhauch wehte durch den Spalt des Autofensters, das ich geffnet hatte, um den Rauch der Zigarette abziehen zu lassen. Aus dem kaputten Lautsprecher an der Fahrerseite drhnte heiser ein alter Schlager, Veronika, der Lenz ist da , ich hatte vor Beginn der Reise, mit deren Vorbereitung ich in den letzten Wochen beschigt gewesen war, gengend Musikkassetten fr das Autoradio berspielt, weil ich wue, daich auf den langen Fahrten manchmal in eine nicht zu durchbrechende Sprachlosigkeit verfallen wrde, die fr Beifahrer, ohne daich es wollte, bestigend wirken konnte. Ich verkroch mich in die Monotonie der Stra, der Landschaft, des Regens, der Motorgerche, und das Reden, die Unterhaltung wurde zur Anstrengung. Es gab keinen Grund nach Themen zu suchen, es gengte das Zufahren auf einen imaginn Punkt am Horizont und das Kreisen meiner Gedanken, die sich wechselweise verlangsamten oder beschleunigten und schlieich stig wiederholten.
Diese Reise hatte immer konkretere Formen angenommen, nachdem ich mich im Dokumentationszentrum Hadamar erkundigt hatte, ob es mglich sei, noch irgendwelche Hinweise auf ehemalige Anstaltsinsassen zu finden. Mutter wollte zunst nichts davon wissen, war unentschlossen, als ich ihr unterbreitete, daich im Sinn hatte, verschiedene Kliniken in Deutschland zu besuchen, in denen Groutter untergebracht gewesen war, aber auch eine Reihe anderer Orte, die ich in meinem Kopf mit Mutters Jugend und mit ihrer Herkunft, aber auch mit der Zeit des Nationalsozialismus verband. Nachdem ich schlieich geplant hatte, mich allein auf den Weg zu machen, kam Mutters Zusage, sie war inzwischen fast achtzig und hatte seit fnfzig Jahren nicht mehr an der Vergangenheit gerhrt, bis ich eines Tages herausfinden wollte, wie Groutter verschwunden war und warum man in der Familie nichts mehr darber wue. Ich lieMutter, die neben mir im Auto sa erzen, von den Nachbarn, von den Ausflgen, die sie regelmg an den Wochenenden mit den Mitgliedern…
