

Beschreibung
Brooklyn, 1940er Jahre: Die 12-jährige Esther Shaffer und ihr kleiner Bruder Peter müssen den plötzlichen Tod ihrer Mutter verkraften. Sie können nicht verstehen, warum ihr Vater ausgerechnet jetzt freiwillig in den Krieg zieht und seine beiden Kinder in der O...Brooklyn, 1940er Jahre: Die 12-jährige Esther Shaffer und ihr kleiner Bruder Peter müssen den plötzlichen Tod ihrer Mutter verkraften. Sie können nicht verstehen, warum ihr Vater ausgerechnet jetzt freiwillig in den Krieg zieht und seine beiden Kinder in der Obhut einer jungen Frau lässt, die heimlich in ihn verliebt ist. Zum Glück gibt es da noch Jakob Mendel, der mit im Haus wohnt und wie ein Großvater für die Kinder ist. Als in unmittelbarer Nähe die Synagoge in Brand gerät, überschlagen sich die Ereignisse. Werden die Bewohner des Hauses erkennen, dass Gott in ihrem Leben am Wirken ist selbst wenn er schweigt? Werden sie erkennen, dass er sie liebt und auch heute noch Wunder wirkt? Ein mitreißender Roman über das Leben, die Liebe und das Festhalten an Gott auch in schwierigen Zeiten.
Autorentext
Lynn Austin ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Holland, Michigan. Ihre zahlreichen Romane sind allesamt Bestseller und mit unzähligen Preisen ausgezeichnet worden. In Deutschland gilt sie als die beliebteste christliche Romanautorin.
Leseprobe
Kapitel 1 Brooklyn, New York, September 1943 Esthers Vater, der auf der Veranda gemächlich hin- und hergeschaukelt hatte, ließ die Hollywoodschaukel ausschwingen. »Hört zu«, sagte er. »Es gibt etwas, das ich euch allen sagen muss.« Seine Stimme klang so düster, dass Esther eine Gänsehaut bekam. Die gleiche Formulierung, den gleichen Tonfall hatte er gebraucht, als er ihr gesagt hatte, dass Mama von jetzt an im Himmel leben würde. »Ich habe nachgedacht « Er zögerte und massierte seine Stirn, als habe er Kopfschmerzen. Er sah furchtbar traurig aus. Esther wünschte, sie wüsste, wie sie ihn wieder zum Lächeln bringen könnte. Sie waren nach dem Gottesdienst zum Essen zu Oma Shaffers Haus gegangen und Papa hatte den ganzen Nachmittag kaum etwas gesagt. Aber das war nicht ungewöhnlich. Oma hatte die langen Pausen mit Neuigkeiten über Onkel Steve gefüllt, der gegen die Japaner kämpfte, und über Onkel Joe, der bald mit dem Schiff nach Nordafrika fahren würde. Omas Nachbarin von nebenan, Penny Goodrich, war auch gekommen, um mit ihnen auf der Veranda zu sitzen, und sie alle hatten zugesehen, wie Esthers Bruder Peter Omas Hündin durch den Garten gejagt hatte. Es war ein schöner Nachmittag gewesen bis jetzt. Papa räusperte sich. »Ich also ich habe eine Entscheidung gefällt.« Wieder hielt er inne und es war ganz windstill, als wäre selbst die Brise verstummt, um zu lauschen. Woofer hörte auf zu bellen und selbst der Verkehr auf dem Brooklyn Boulevard einige Häuserblocks weiter schien zum Stillstand gekommen zu sein. »Was denn, Eddie?«, fragte Oma. »Du siehst so ernst aus. Geht es dir gut?« »Ich werde mich freiwillig melden, Ma.« »Was?« »Ich sagte, ich werde mich freiwillig zum Militärdienst melden.« Diesmal sprach er lauter, weil Oma schwerhörig war, aber Esther war sich sicher, dass Oma ihn auch schon beim ersten Mal verstanden hatte. Esther schlang die dünnen Arme um ihren Oberkörper und fröstelte. Mit ihren zwölf Jahren war sie alt genug, um zu wissen, was es bedeutete, sich beim Militär zu melden. Sie lauschte jeden Abend im Radio den Nachrichten über den Krieg. Sie sah die Wochenschau in Loews Brooklyn Theater, bevor der Samstagsfilm begann. Oh ja. Sie wusste, es bedeutete, dass ihr Papa weit fort sein würde, so wie ihre beiden Onkel und dass er vielleicht niemals zurückkam. Der Nachmittag schien plötzlich um zehn Grad kälter geworden zu sein, als hätte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben. »Bei allen Heiligen, Eddie!«, rief Oma. »Hast du den Verstand verloren? Du kannst nicht zum Militär gehen! Du musst an deine beiden Kinder denken. Wer soll sich denn um sie kümmern?« »Also darüber müssen wir eben reden. Ich hatte gehofft, du würdest für sie sorgen. Du hast gesagt, wenn ich etwas brauche « »Bist du verrückt? Was denkst du dir nur? Wie in aller Welt « »Der Krieg kann doch nicht ewig dauern. Ich komme bald wieder.« Großmutter hieb ihm mit der Faust gegen die Schulter. »Und was ist, wenn du nicht zurückkommst? Hm? Was ist dann? Was ist, wenn du auf dem Grunde des Pazifiks landest wie Millie Barkers Sohn? Was dann? Willst du, dass diese armen Kinder Waisen werden?« Esther verstand die Endgültigkeit des Todes. Sie wusste, dass sie Mama nicht wiedersehen würde, bis sie selbst starb und in den Himmel kam. Sie wusste auch, dass viele Männer im Krieg getötet wurden. Oma hatte eine kleine Flagge mit zwei Sternen in ihr Fenster gehängt, einen für Onkel Joe und einen für Onkel Steve, und sie hatte Esther erklärt, warum Mrs Barker auf der anderen Straßenseite jetzt auch eine Flagge mit einem goldenen Stern im Fenster hängen hatte. Esther hätte am liebsten geweint und Papa gebeten, nicht zu gehen, aber sie wollte ihn nicht verärgern. Die Liebe zwischen ihnen war so zerbrechlich wie Spinnweben und Esther wusste nie so recht, ob sie sich seiner Aufmerksamkeit sicher sein konnte, geschweige denn seiner Zuneigung. Manchmal schien es, als wäre Papa nicht zu Hause, selbst wenn er da war. Sie beschloss, ihre Großmutter mit ihm streiten zu lassen. »Mir wird nichts passieren, Ma. Ich werde beim Heer sein, an Land.« »Meinst du, an Land sterben keine Soldaten?« »Hör zu, ich hatte gehofft, Esther und Peter könnten hier bei dir wohnen, bis ich wiederkomme.« Großmutter starrte Papa mit offenem Mund an, als wäre sie kurz davor, in irgendetwas hineinzubeißen. Esther versuchte, sich vorzustellen, wie es wäre, hier zu wohnen, und bei dem Gedanken drehte sich ihr der Magen um. Oma hatte schrecklich viele Regeln, wie zum Beispiel: »Lass die Tür nicht offen stehen, sonst entwischt der Hund«, und: »Lass meinen Sittich in Ruhe«, und: »Fass meine Sachen nicht an« die überall stapelweise herumlagen. Esther hatte nichts gegen die Besuche am Sonntag, aber wenn sie mit Papa und Peter anschließend in den Bus stiegen und nach Hause fuhren, hatte sie immer das Gefühl, als hätte sie drei Stunden lang die Luft angehalten. »Wie können sie hier wohnen?«, fragte Oma Papa. »Was ist mit der Schule? Hast du daran gedacht? Sie müssten in eine andere Schule wechseln, wenn sie hier bei mir leben sollen. Außerdem ist in diesem Haus gar kein Platz für sie.« »Was meinst du damit, kein Platz? Du und Pa, ihr habt hier drei Jungs großgezogen.« Esther hatte sich immer gefragt, wie Papa und ihre Onkel in das Haus gepasst hatten. Oma behielt Dinge, die von den meisten anderen Menschen in den Müll geworfen wurden riesige Stapel mit Sachen, zwischen denen man sich kaum von einem Zimmer zum nächsten bewegen konnte. »Das ist Jahre her, Eddie. Eure Etagenbetten sind längst fort und das Zimmer benutze ich jetzt für meine eigenen Sachen. Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte, wenn ich das alles ausräumen müsste. Und wohin sollte ich damit?« »Du könntest doch in unsere Wohnung ziehen.« »Und was ist dann mit meinem Hund, hm? Und mit meinem Vogel? Dort, wo ihr lebt, sind doch keine Haustiere erlaubt. Außerdem gibt es bei eurer Wohnung zu viele Treppen.« »Ma, hör zu « »Nein, du hörst mir zu. Ich liebe Peter und Esther, das weißt du genau « Großmutter warf die Bemerkung in Esthers Richtung wie einen Ausball beim Baseball. Er klang großartig, wenn er gegen den Schläger prallte, aber am Ende zählte er nicht. »Aber bei allen Heiligen, Eddie, ich bin zu alt, um Kinder großzuziehen! Ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen und mir Sorgen wegen Masern und Windpocken zu machen Das ist einfach zu viel! Tag und Nacht für sie zu sorgen, das wäre zu viel für mich. Lass andere Leute gegen die Nazis kämpfen. Du bist dreiunddreißig, um Himmels willen. Du hast hier zu Hause deine Aufgaben.« Esther blickte zu Papa auf, um zu sehen, ob Omas Argumente ihn überzeugt hatten, aber der Ausdruck, den sie in seinem Gesicht sah, jagte ihr einen neuerlichen Schauer über den Rücken. Seine Lippen waren ganz weiß und er schien die Luft anzuhalten. Oma musste es auch bemerkt haben. »Was? Was ist los?«, fragte sie ihn. »Es ist zu spät. Ich habe mich schon verpflichtet.« »Du has…