

Beschreibung
Jürg Beeler entwirft in seinem Roman «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz» ein Bild einer Gesellschaft und einer Zeit, in der Figuren wie Josef Lautenbacher keinen Platz mehr finden. Das Alter und der schwierige Übergang vom Berufsleben zum Rentnerleben gehör...Jürg Beeler entwirft in seinem Roman «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz» ein Bild einer Gesellschaft und einer Zeit, in der Figuren wie Josef Lautenbacher keinen Platz mehr finden. Das Alter und der schwierige Übergang vom Berufsleben zum Rentnerleben gehören zu den versteckten Themen dieses Romans. «Josef Lautenbacher war früh aufgestanden, um allein zu frühstücken. Es war nicht einfach, seiner Frau auszuweichen, vor allem nicht, da man in derselben Wohnung lebte. Mit drei Zimmern waren die Fluchtmöglichkeiten nicht groß, Begegnungen waren unvermeidlich.» Josef Lautenbacher, seit Kurzem im Ruhestand, wähnt sich von seiner Frau kontrolliert und gegängelt. Verzweifelt versucht er, ihr zu entkommen. Nicht alle seiner oft komischen Versuche gelingen, selbst die Flucht in eine benachbarte Stadt verhindert nicht, dass die besorgte Ehefrau ihn findet. Im Bahnhofbuffet von Nimmerach, einer Kleinstadt am Jura-Südfuß, findet er einen Rückzugsort. In diesem «Kurort für Geist und Seele» vollzieht sich seine Wandlung vom ehemaligen Buchhändler, der täglich von Weltliteratur umgeben gewesen war, zum Schriftsteller. Je größer die räumliche Entfernung von Luise, seiner Frau, desto schärfer und unerbittlicher arbeitet sein Verstand, wie er festzustellen glaubt. Nimmerach ist klein, nicht immer gelingt es ihm, seinen ehemaligen Kunden («der Plage jedes rechtschaffenen Buchhändlers») auszuweichen. Als schließlich Luise mit Sohn unerwartet im Bahnhofbuffet auftaucht, nimmt die Geschichte eine dramatische Wendung. Nach und nach ahnen die Lesenden, dass Josef Lautenbacher seine Buchhandlung nicht ganz freiwillig aufgab. Er war ein Original, Leserinnen und Leser behandelte er anders als Kundinnen und Kunden. Nicht immer zur Freude der Nimmeracher. In seinen Augen ist der Kunde eine moderne Erfindung, die Missgeburt einer Welt, die nicht mehr seine ist. Als Luise ihren siebzigsten und seinen fünfundsechzigsten Geburtstag mit einer gemeinsamen Feier begehen will, beschließt er, zu verschwinden. Er plant eine Reise nach «Flätz», einem Ort, an dem ihn gewiss niemand finden wird. Kein einfaches Unternehmen für einen Menschen, der in seinem Leben fast ausschließlich mit Büchern Umgang pflegt und alle alltäglichen Dinge seiner Frau überlässt. Im Titel, «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz», verbirgt sich eine Hommage an Jean Paul, insbesondere an dessen Erzählung «Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz». Entsprechend fehlt es auch in Josef Lautenbachers Reise nicht an Doppelbödigkeiten, wird eine Welt, die viele für die richtige und normale halten, als verkehrte geschildert. Ort der Handlung ist Nimmerach, eine fiktive Stadt am Jura-Südfuß, eine Art Seldwyla. Nicht ohne Grund finden sich Anklänge an Gottfried Kellers Seldwyler Geschichten. Vielleicht ist der Roman nichts anderes als eine neue Seldwyler Geschichte, in unsere Gegenwart übersetzt.
Autorentext
Jürg Beeler (*1957) ist in Zürich geboren und in Olten aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Literaturkritik und Komparatistik. Er arbeitete als Mittelschullehrer und als Rezensent sowie als Reise- und Kulturjournalist. Der Autor hat schon viele Auszeichnungen erhalten, u. a. den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (2002) und 2024 die Literarische Auszeichnung der Stadt Zürich. Jürg Beeler lebt als freier Schriftsteller in Narbonne (F) und Zürich. Zuletzt erschienen von ihm bei Dörlemann die Romane «Die Zartheit der Stühle» (2020) und «Der blinde König und sein Narr» (2024).
Leseprobe
«Herr Lautenbacher!» Die junge Angestellte las seinen Namen von einem Handy ab. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als aufzustehen und der jungen Frau zu folgen. Luise wollte mit ihm das Sprechzimmer betreten, doch der Arzt lächelte etwas amüsiert. Warten Sie draußen, Frau Lautenbacher, Ihr Mann kommt schon mit mir zurecht, sagte er zu Josef Lautenbachers Erleichterung. Luises Hausarzt war ein schon älterer Herr und sah eher wie ein Privatgelehrter aus, der seine Zeit gerne am Schreibtisch oder beim Kaffee auf einer Veranda verträumte. Josef Lautenbacher glaubte eine Ähnlichkeit mit Stefan Zweig zu bemerken. Sie sind seit Kurzem im Ruhestand, erzählte mir Ihre Frau. Seit drei Wochen. Vom Berufsleben gleich ins Rentnerdasein, so harte Übergänge sind nicht leicht zu bewältigen, sie sind im Grunde wider die Natur. Unsympathisch ist er nicht, dachte Josef Lautenbacher. Schon gleich beim Eintreten war ihm das Bücherregal aufgefallen, das die Wand auf einer Seite des Sprechzimmers einnahm und, wie er mit geschultem Auge bemerkte, nicht mit medizinischer Fachliteratur gefüllt war, sondern mit Romanen. Zu seiner Freude entdeckte er die gesammelten Werke Thomas Manns in der Frankfurter Ausgabe. Dies war auch die Praxis meines Vaters, die ersten Jahre habe ich mit meinen Eltern noch hier gewohnt, erklärte der Arzt, der seinem neugierigen Blick gefolgt war. Das Bücherregal, den Schreibtisch, fast alles habe ich so übernommen, nur das menschliche Skelett und die Totenschädel, die mein Vater sammelte, habe ich aus diesem Zimmer verbannt. Der Mensch wird nicht gerne an den Tod erinnert. Josef Lautenbacher hätte gerne gefragt, ob Herr Zweig, wie er den Arzt bereits für sich nannte, die Bücher auch gelesen hatte oder ob sie bloß Dekoration waren. Herr Zweig schien seine Gedanken erraten zu haben. Meine Mutter war Russin, aus Kursk, sie schrieb Romane und Gedichte, die sie leider nie veröffentlichen konnte. Ich selber muss mindestens einmal während der Arbeitszeit eine längere Lesepause einlegen, entweder früh am Morgen, in der Mittagszeit oder in einer freien Stunde. Sonst könnte ich meinen Beruf nicht ausüben, wie ich ihn ausübe. A l'ancienne, wenn Sie so wollen. Die Zeiten ändern sich, auch die Bücher und die Kunden, leider nicht immer zum Besten, entgegnete Josef Lautenbacher. In der Medizin ist es nicht anders. Der Fortschritt ist zwar da und wird überall gefeiert, nur hilft er uns wenig, da der Mensch vollkommen aus dem Blickfeld geraten ist. Sie kennen gewiss die Betrachtungen über den Zeitbegriff, die Thomas Mann im Zauberberg anstellt. Man könnte die Sanatoriumswelt, wie sie im Zauberberg beschrieben ist, durchaus mit dem Ruhestand vergleichen, was das Erleben der Zeit betrifft, sagte Josef Lautenbacher. Thomas Mann hatte wohl recht, wenn er sagte, dass die Zeit nicht für sich existiert, sondern an unser Bewusstsein gebunden ist. Nicht nur das, Zeit ist eine körperliche Erfahrung, Krankheit und Gesundheit spielen dabei eine wichtige Rolle, wie ich als Arzt immer wieder feststelle. Schon lange, schien Josef Lautenbacher, war er nicht mehr so gesprächig gewesen. Er hätte mit Herrn Zweig gerne noch weiter über Thomas Mann, den Zauberberg, über den Zeitbegriff und vieles andere gesprochen, doch zu seinem Bedauern erinnerte sich Herr Zweig an seinen Beruf und griff zum Blutdruckmesser.
