

Beschreibung
Rick und Karin versuchen in einem abgelegenen Haus bei Santa Inés, im Hinterland von Ibiza, eine Ehe zu kitten, die seit einiger Zeit auseinanderzubrechen droht. Rick fliegt voraus, verbringt die Tage mit Nichtstun und erhält schon bald Besuch von seiner Tocht...Rick und Karin versuchen in einem abgelegenen Haus bei Santa Inés, im Hinterland von Ibiza, eine Ehe zu kitten, die seit einiger Zeit auseinanderzubrechen droht. Rick fliegt voraus, verbringt die Tage mit Nichtstun und erhält schon bald Besuch von seiner Tochter Tina, was seine Pläne etwas durcheinanderbringt, da Tina ihre Mutter bedingungslos unterstützt. Karin kommt ein paar Tage später auf die Insel, nicht wirklich gewillt, viel zur Rettung ihrer Ehe beizutragen. Sie reden, sie trinken, sie machen Spaziergänge. Auf einem dieser Ausflüge kommen sie zu einem verlassenen Haus in den Bergen. Vor dem Haus steht ein Wagen, die Fahrertür offen, aber weit und breit kein Mensch. Karin findet das unheimlich und zieht Rick weiter, der zum Haus gehen will. Später werden sie von dem Wagen überholt. Am Steuer sitzt ein Mann, an den sie sich ihr Leben lang erinnern werden. Der Mann nennt sich Schorsch. Er sammelt herrenlose Hunde ein und verkauft sie, wenn er sich nicht in den einschlägigen Lokalen im West End von San Antonio herumtreibt und Ausschau nach weiblichen Opfern hält. Er weiss, dass er von zwei Wanderern gesehen wird, als er einen Tatort verlässt, und plant, herauszufinden, wie viel die beiden wissen. Als er sie in ihrem Haus aufsuchen will, ist Tina allein zu Hause, die diese Begegnung mit dem kranken Schorsch nicht überlebt. Seit dem Tod ihrer Tochter gehen Rick und Karin durch die Hölle, vor allem auch, weil der Fall nicht aufgeklärt wird. Sie wohnen in Basel, leben ein von depressiven Momenten durchzogenes Leben und können nicht vergessen. Vor allem Karin ist überzeugt, dass der Mann, der auf dem Berg an ihnen vorbeigefahren ist, mit dem Tod ihrer Tochter zu tun hat. Rick trifft einen alten Freund wieder, der ihn mitnimmt, wenn er mit seinen Hunden durch die Wälder streift, und Karin glaubt, dass die Anschaffung eines Hundes etwas Abwechslung in Ricks Leben bringen könnte. Als sie sich im Internet nach Hunden umsieht, starrt sie auf einmal Schorsch an. Er hat sich in die Gegend von Jaen zurückgezogen und bietet von dort aus via Internet herrenlose Galgos zum Kauf an. Ohne Rick etwas zu sagen, fliegt Karin ein paar Tage darauf nach Granada und fährt weiter nach Cazorla, wo Schorsch in einer alten Kapelle mit seinen Hunden haust. Sie stellt ihn zur Rede, und Schorsch zeigt schliesslich sein wahres Gesicht. Bei Karins Rückkehr nach Basel erscheint tags darauf die Polizei. Sie wird wegen versuchten Mordes an Schorsch festgenommen und kann ihre Unschuld nur mittels einer Aufnahme auf ihrem Handy beweisen.
Autorentext
Jean Willi, geboren 1945 in Basel, arbeitete nach einer Ausbildung zum Grafiker zunächst als Designer in Paris und lebt seit 1973 als Maler, Zeichner und Schriftsteller auf Ibiza und in Basel. In den 1980er-Jahren gestaltete und illustrierte er Bücher, setzte sich intensiv mit Schriftzeichen auseinander, entwickelte eine Art Kalligrafie, die sich zu Strukturen und Netzen verbindet, und malte Buchstaben ihrem Klang nach. Präsentiert wurden diese Arbeiten u. a. in der Ausstellung Schreibgestik, gemeinsam mit internationalen Künstlern wie Cy Twombly oder Roman Opaka. Jean Willi veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Zeitschriften, schreibt Prosa und zusammen mit Martin Suter Drehbücher fürs Fernsehen. Aufsehen erregte er 1999 mit dem Roman «Sweet Home» (Bilger Verlag). Im gleichen Verlag folgten 2005 der Kriminalroman «matar», 2014 «Ödipus im Hier und Jetzt» (vidal) und 2022 «Closing Party» (Johannes Heyn).
Leseprobe
Rick starrte seine Zehen an und verstand nicht, was er sah. Der Himmel leuchtete ihm ein, die Bäume waren selbstverständlich, so bizarr sie auch wirkten, die Felsen, die Steine, alles schien völlig normal. Nur die Zehen, mein Gott, diese Zehen, dachte er. Es war mitten im Sommer, als er sich ihrer bewusst wurde. Die Zikaden lärmten, kein Windhauch brachte Linderung, der Himmel schien in endlose Ferne gerückt. Er hatte das Buch, in dem er zu lesen versucht hatte, auf den Tisch gelegt und betrachtete stattdessen seine Füsse, die auf einem kleinen Holzstuhl lagen und ihm so seltsam wie noch nie vorkamen. Irgendwie schaffte er es schliesslich, die Gedanken an seine Zehen loszuwerden und einzunicken, bis ihn das Kitzeln einer Fliege ins Leben zurückholte. Er stand auf und ging ins Haus, um Wasser zu trinken. Er hatte das Haus für einen Monat gemietet und sich vorgenommen, richtig Ferien zu machen, so wenig wie möglich zu tun und die Zeit, bis Karin kam, mit Nichtstun auszufüllen. Die ersten zwei Tage gelang ihm das leidlich, doch nahm er sich vor, weniger zu lesen; er hatte am ersten Tag ein Buch gelesen, für das er normalerweise eine Woche benötigte. Dass der Hausbesitzer eine Bibliothek besass, die ein Viertel des Wohn- und Aufenthaltsraums einnahm, machte es nicht einfacher. Doch würden, wenn Karin einmal hier war, sicher kleine Arbeiten und Aufgaben auf ihn warten, die er, so hoffte er, wenn nicht abwenden, dann wenigstens über den Tag so verteilen könnte, dass sie ihm nicht lästig würden. Ferien das sollte das Zauberwort bleiben und er hoffte, Karin darauf einstimmen zu können. Er ertappte sich dabei, wie er in einer Art Fernhypnose begann, Karin gewisse Ideen auszutreiben, zu denen Strandbesuche gehörten oder längere Wanderungen und langweilige Abende mit Freunden, von denen sie wusste, dass sie ihre Ferien auf derselben Insel verbrachten. Das Wasser, das aus der Leitung kam, war warm. Er füllte eine leere Weinflasche damit und stellte sie in den Kühlschrank. Dabei wurde ihm klar, dass die Idee der kleinen Arbeiten und Aufgaben, mit denen Karin ihn beschäftigen könnte, einem Wunschdenken entsprang. Sie hatten sich darauf geeinigt, einen letzten Versuch zu unternehmen, ihre Probleme beim Namen zu nennen und herauszufinden, ob es noch Gemeinsamkeiten gab, die ein Zusammenleben nicht ausschlossen. Da konnte er sich schlecht vorstellen, dass man zusammen zum Strand fuhr. Nächtelange Diskussionen waren eher zu befürchten und dass Karin sich kurzerhand aus dem Staub machte, wenn es ihr zum Hals heraushing. Dabei wünschte er sich nichts so sehr, als dass sie zu ihm zurückkam. Das, nahm er an, war auch im Sinne der Kinder, die sich zwar auf ihre Seite geschlagen hatten, aber nichts gegen einen Neuanfang einzuwenden hätten. Die Kinder hiessen Tina und Fiona. Sie waren neunzehn und dreiundzwanzig. Rick ging zurück auf die Terrasse. Er liess sich in den Liegestuhl sinken und nahm einen Band Gedichte zur Hand. Allein die Seiten aufzuschlagen war Schwerstarbeit. Ganz zu schweigen von der Vorstellung, ein Gedicht lesen zu müssen. Selbst seine Zehen, die vorübergehend in sein Blickfeld gerieten, interessierten ihn nicht mehr.
