

Beschreibung
Weggewischt ist ein literarischer Roman über die Suche nach Nähe in einer Welt, in der Algorithmen Begegnungen arrangieren und Menschen mit einem Wisch aussortiert werden. Drei Figuren Sophie, Thiento und Loelia bewegen sich zwischen Sehnsucht, Selbstinszenier...Weggewischt ist ein literarischer Roman über die Suche nach Nähe in einer Welt, in der Algorithmen Begegnungen arrangieren und Menschen mit einem Wisch aussortiert werden. Drei Figuren Sophie, Thiento und Loelia bewegen sich zwischen Sehnsucht, Selbstinszenierung und der Hoffnung, wirklich gesehen zu werden. Der Roman verhandelt hochaktuelle Themen wie digitale Beziehungen, Selbstvermarktung, Einsamkeit und Bindungsangst und beleuchtet, wie Liebe in einer Gesellschaft aussieht, die immer schneller, unverbindlicher und gleichzeitig verletzlicher reagiert.
Autorentext
Ela Jenni, geboren 1979, wuchs im Kanton Schwyz auf, wo sie heute auch lebt. Sie studierte Publizistik sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich und ist beruflich in der Unternehmenskommunikation und Öffentlichkeitsarbeit eines internationalen Unternehmens tätig. Mit »Weggewischt« legt sie ihren Debütroman vor. Die Inspiration für ihre Geschichten findet sie im Alltag in Begegnungen, Beobachtungen und den leisen Zwischentönen menschlicher Beziehungen.
Klappentext
Algorithmus zum Glück? In einer Welt, in der Algorithmen Begegnungen arrangieren und Profile mehr versprechen, als die Realität hält, wird die Suche nach Liebe zur Herausforderung. Sophie überlässt nichts dem Zufall, bereitet jedes Date sorgfältig vor, stets in der Hoffnung, etwas zu finden, das sich nicht berechnen lässt: Verbindlichkeit, Wärme, ein Mensch, der bleibt. Auch Thiento, der Koch mit dem Traum vom eigenen Restaurant, ist auf der Suche. Zwischen der Angst, sich zu verlieren, und der Sehnsucht, jemanden zu finden, wünscht er sich in der Liebe dieselbe Würze wie in seinen Gerichten. Seinen Dates verleiht er eine eigene Note und überrascht mit besonderen Momenten. Irgendwo dazwischen bewegt sich auch Loelia. Mal hier, mal dort, legt sie sich scheinbar nie fest. Ela Jennis feinfühliger Debütroman über die Liebe in Zeiten der Selbstvermarktung, die flüchtige Nähe im Netz und die stille Hoffnung, wirklich gesehen zu werden.
Leseprobe
Der erste Eindruck zählt. Und ein erster Eindruck dauert einhundertfünfzig Millisekunden, wenn man wissenschaftlichen Studien glauben darf. Ich glaubte ihnen. Deshalb erschien ich immer pünktlich, lieber noch ein paar Minuten zu früh. Während ich in der S-Bahn in Richtung Hauptbahnhof fuhr, ärgerte ich mich über mich selbst. Ich war spät dran, und dies, obwohl es sich um eine äußerst wichtige Angelegenheit handelte. Um neunzehn Uhr wollte ich meinen Mann fürs Leben treffen. Jedenfalls wünschte ich mir nichts sehnlicher als das. Dabei hatte alles am späten Nachmittag begonnen. Mein Chef hatte mir kurzerhand seinen Achtzehn-Uhr-Termin aufgebrummt. »Sophie, kannst du bitte für mich einspringen?«, hatte er gefragt. Wie üblich war es eine rein rhetorische Frage gewesen, die keine Antwort erfordert hatte. Ich hatte genickt und den Termin übernommen, obwohl ich gewusst hatte, dass dies meinen Zeitplan durcheinanderbringen und mich womöglich zu spät zu meinem Date kommen lassen würde. Wie so oft hatte ich nichts gesagt und das getan, was andere hätten tun müssen. Einmal mehr nahm ich mir an diesem Abend im April vor, die längst überfällige Gehaltserhöhung anzusprechen. Es war nicht das erste Mal, dass ich mir das vornahm. Aber das ist eine andere Geschichte. Um acht Minuten vor sieben fuhr die Bahn an sich pünktlich, aber für mein Empfinden doch zu spät in den unterirdischen Teil des Bahnhofs ein. Mit einem kaum merklichen Ruck kam sie zum Stehen. Die automatischen Türen öffneten sich, und die Passagiere ergossen sich über den Bahnsteig. So viele Menschen, so viel Lärm, dachte ich, drückte meine Handtasche an mich und schloss mich dem Menschenstrom in Richtung der Rolltreppen an, die nach oben führten. Manche sagen, der Hauptbahnhof sei das Herz von Zürich. Dieses Herz schlug sehr, sehr schnell wenn man mich fragte. Ich war oft an diesem Ort und jedes Mal aufs Neue verwundert, dass es nicht längst zum Infarkt gekommen war. Die Rushhour, die zuverlässig jeden Abend hier einbrach, war überwältigend. Für die meisten Passanten, die sich mit mir durch die weitläufigen Etagen und Gänge des Bahnhofgebäudes drängten, war es wohl ein ganz gewöhnlicher Donnerstagabend. Sie gingen nach Hause, kochten mit ihren Liebsten Geschnetzeltes mit Rösti oder bestellten Sushi beim Lieferdienst. Später würden sie ein bisschen netflixen, bevor sie dann gegen halb elf müde, aber zufrieden in ihre Doppelbetten mit zwei Matratzen unter-schiedlicher Härtegrade fielen. Ein gewöhnlicher Donnerstagabend eben. Ich beneidete sie. Ich war sechsunddreißig Jahre alt, hatte kein Netflix-Abo, dafür eine Dating-App. In das Date mit Elias setzte ich große Hoffnungen. Größere als sonst, schließlich verbanden uns einhundertdreiundzwanzig Matching-Punkte. Das galt laut Parship als herausragend. Die Spann-weite reichte von sechzig bis einhundertvierzig Punkten, wobei man ab einhundertzehn Punkten von einem vielversprechenden Match sprach und die entsprechende Person unbedingt anschreiben sollte. Natürlich hatte ich dies getan. Viele Menschen glauben, dass, wenn zwei sich ver-lieben, höhere Mächte im Spiel sind. Dass es den richtigen Menschen braucht, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit. Sie nennen das dann Schicksal. Andere wiederum glauben an den Zufall, an eine Aneinanderreihung von Ereignissen ohne größeren Zusammenhang, die so oder auch anders hätten geschehen können. Zufall gefiel mir ganz gut. Zufallen. Ich stellte mir dabei vor, wie ich mit offenen Armen die Bahnhofstraße entlang spazierte und mir die Dinge reihenweise zufielen. Nur die guten Dinge selbstverständlich. Letztlich spielte es für mich aber keine Rolle. Ob Zufall oder Schicksal, man muss beidem auf die Sprünge helfen, davon war ich überzeugt. Das war auch der Grund, warum ich mich bei Parship angemeldet hatte. Parship, die Plattform für Menschen mit gebrochenen Herzen und Narben auf der Seele so wie ich.
