

Beschreibung
Verstehen, nicht verurteilen eine Reise in das Herz des Fundamentalismus Ägypten, Luxor, 1993: Gemeinsam mit einigen arabischen Mitkämpfern plant der junge Deutsche Jochen Sawatzky einen Anschlag auf einen Tempel. Doch als die Attentäter den Nil überqueren, ge...Verstehen, nicht verurteilen eine Reise in das Herz des Fundamentalismus
Ägypten, Luxor, 1993: Gemeinsam mit einigen arabischen Mitkämpfern plant der junge Deutsche Jochen Sawatzky einen Anschlag auf einen Tempel. Doch als die Attentäter den Nil überqueren, geraten sie in einen Hinterhalt von Polizei und Militär. Nur wenige überleben, darunter Sawatzky. Mit dem Fall betraut wird Claus Cismar, der deutsche Botschafter in Ägypten. In langen Gesprächen mit Sawatzky versucht er, die Motive seiner Tat zu ergründen und seine Auslieferung nach Deutschland zu erreichen
"Kühne Bildkonstruktionen und bemerkenswerte Beobachtungen, alles das, was man von Christoph Peters kennt, findet man auch in diesem Buch."
Autorentext
Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021), dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022) sowie dem Schubart-Literaturpreis (2025). Christoph Peters lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Luchterhand mit "Innerstädtischer Tod" (2025) der letzte Teil einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie.
Klappentext
Verstehen, nicht verurteilen - eine Reise in das Herz des Fundamentalismus
Ägypten, Luxor, 1993: Gemeinsam mit einigen arabischen Mitkämpfern plant der junge Deutsche Jochen Sawatzky einen Anschlag auf einen Tempel. Doch als die Attentäter den Nil überqueren, geraten sie in einen Hinterhalt von Polizei und Militär. Nur wenige überleben, darunter Sawatzky. Mit dem Fall betraut wird Claus Cismar, der deutsche Botschafter in Ägypten. In langen Gesprächen mit Sawatzky versucht er, die Motive seiner Tat zu ergründen und seine Auslieferung nach Deutschland zu erreichen ...
Leseprobe
Erster Teil
Zwischen Gebeten der Traum: Arua hat mich angeschaut. Ein langer Blick für den Bruchteil einer Sekunde. Weder Ermutigung noch Abscheu. Zwei schwarze Löcher, in denen alles verschwand. Dann schloß sie die Augen und drehte sich weg. Das Haar fiel offen über die Schultern. Sie hätte es verhüllen müssen. Trauer, von der ich wach geworden bin. Das falsche Gefühl. Zumindest nicht Angst. Um mich herum war es finster. Die Glut in der Feuerstelle gab kein Licht an den Raum. Ich richtete mich auf. El Choli stand scharf umrissen im Eingang der Höhle. Sein Maschinengewehr teilte Himmel und Landschaft. Draußen schien die Nacht ungewohnt hell. Mond beleuchtete die Bergrücken, harte Schatten von Vorsprüngen auf den Hängen. Unter der Decke hing kalter Rauch. Er steckte in Kleidern, Laken, füllte bitter den Mund. Achmed phantasierte. Jamal rang mit einem Alp. Die Luft war schwer von Ausdünstungen.
Ich stand auf, tastete nach dem Teppich, schlich zum Eingang. El Choli fuhr erschrocken zusammen. Wortlos ging ich an ihm vorbei. Sein Mißtrauen folgte mir. Einen Moment lang dachte ich, er würde durchdrehen, schreien, schießen. Nichts geschah. Die Sterne leuchteten grell, ihre Anordnung ließ keine Gesetzmäßigkeit erkennen. Ich kniete nieder, legte die Hände auf den Sand, blies den Staub von den Flächen und reinigte mich. Dann breitete ich den Teppich aus und wandte mich nach Mekka.
Sprich: Er ist Gott, der Eine. / Gott, der Undurchdringliche. / Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt / und da ist keiner, der Ihm gleicht.
Aruas Traumgesicht löste sich nicht auf. Ich wurde nicht still. Um mich herum arbeitete der Fels, Brocken stürzten ab, Kies rutschte nach.
Ich saß, ich sitze hier, versuche Kraft zu sammeln, die Gedanken zu ordnen. Sie schweifen, jagen Bilder einer Vergangenheit, die kaum noch meine ist: Mutter, fett und allein, Nüsse kauend beim Fernsehen; frühmorgens im grauen Hosenanzug, rechts die Kaffeetasse, links das Käsebrot; froh über ihre Unkündbarkeit als Finanzbeamtin im mittleren Dienst; eine Art Liebe. Der Blick von der Anhöhe auf das Rheintal, Dunst über dem Wasser, Haschischrauch im Mund, die Flasche in der Hand, Grillen, laut wie ein Güterzug. Im Rock-Café: Warten auf den Mann, der einen Zopf tragen und sich »Falko« nennen wird. Noch ehe er sich vorstellt, weiß ich, welchen Geschmack Verrat hat. Aruas schlanke Gestalt vor der Pizzeria. Ich möchte sie nach ihrem Namen fragen und wage es nicht.
Samirs Wecker klingelt. Fünf Uhr. Der Tag, auf den wir hingelebt haben, beginnt mit einem häßlichen, elektrisch erzeugten Ton, seiner siebenfachen Wiederholung, gefolgt von Echos, die sich überschneiden. Wenn alles nach Plan läuft, werden wir in acht Stunden beim Tempel sein. Gedämpfte Stimmen. Obwohl die nächsten Häuser weit entfernt liegen, wird nur das Nötigste gesprochen. El Choli beruhigt sich. Hinter ihm huschen Kegel von Taschenlampen über die Wände. Samir tritt neben ihn, prüft den Horizont.
Noch herrscht Nacht. In wenigen Minuten wird das Dunkel aufbrechen. El Choli flüstert ihm etwas zu, deutet in meine Richtung. Er hält es für einen Fehler, mich mitzunehmen. Einer nach dem anderen kommen die Brüder heraus, gehen zu der Sandfläche, reiben sich den Schmutz des Schlafes vom Leib. Ich wechsle einige Sätze auf deutsch mit Karim. Er erzählt von seiner Schwester. Sie kellnert in einer Studentenkneipe. Seit dem Tod des Vaters trägt er die Verantwortung für sie und wird ihr nicht gerecht.
Schon daß El Choli manchmal nicht versteht, worüber wir sprechen, erbost ihn. Samir winkt mich heran: »Vor dem Kampf ist es wichtig, Ruhe zu finden«, sagt er. »Alle Ruhe liegt in Gott«, antworte ich. Erst jetzt spüre ich die Kälte der Wüste vor Tagesanbruch. Auf meiner Haut ein Film aus trockenem Schweiß, pulverisiertem Stein.
Es beginnt zu dämmern. Hinter den Bergen jenseits des Wadis verbreitert sich ein heller Streifen: die Zeit des Morgengebets. Vielleicht wird es unser letztes sein. Wir stellen uns in einer Reihe hinter Samir auf, der Heiligen Moschee zugewandt, Seite an Seite mit Abraham, Ismael, Jesus, Mohammed, mit allen, die gläubig waren und sind, vor und nach uns.
Bei der Morgenröte! / Und bei den zehn Nächten! / Und beim Geraden und Ungeraden! / Und bei der Nacht, wenn sie vergeht! / Ist das kein Beweis für den, der Verstand hat? / Hast du nicht gesehen, wie dein Herr mit den 'Ad verfuhr, / mit Iram, ihrer säulenreichen Stadt, / der nichts im Land glich? / Und mit den Thamuud, die den Fels aushöhlten im Tal? / Und mit Pharao samt seinen Prachtzelten? / Die allerorten frevelten / und Verderben stifteten? / Dein Herr ließ die Geißel der Strafe auf sie niederfahren...
Während meine Stirn den Boden berührt, erlischt die sichtbare Welt. Die unsichtbare wird von Bildern verhüllt: Unsere Mutters Wohnung vollgestopft mit Teddybären; geblümte Schleifen raffen die Gardinen zusammen. Hochwasser; der Pfarrer bringt die Kommunion per Boot; wo er vorbeifährt, bekreuzigen sich die Leute. Meinen Arm in den Rücken gedreht, stößt mich der Zivilfahnder in den Wagen.
»Friede und Gottes Barmherzigkeit sei mit Euch.« Ich wende mich nach rechts, nach links, stehe auf, falte den Teppich zusammen. Ein Vogel gleitet über uns hinweg dem Nil zu. Der graue Streifen Licht hat sich in Gelb verwandelt, das weiter oben die Schwärze durchdringt. Die Kante der Sonne scheint orange über den Hügeln, bringt die Wüste zum Glühen. »Pack dein Zeug, Jochen«, brüllt El Choli. »Ich heiße Abdallah!« antworte ich. »Hört auf herumzuschreien«, zischt Mohammed. Ich gehe zu meinem Platz in der Höhle, rolle die Decke auf, räume Pullover, Konserven, Bücher, das Briefbündel aus dem Rucksack, lege alles auf einen Stapel, dazu die schriftliche Verfügung. Aruas winzigen, von Lippenstift beschmierten Qur'an stecke ich in die Hosentasche.
Shukri hat den Gaskocher angezündet und Wasser aufgesetzt. Der Gestank von neun Männern, die am Vortag durch Gluthitze marschiert sind, ungewaschen eingeschlafen, stört ihn nicht. Er ist mit sechs Geschwistern aufgewachsen. Seine Familie haust in einem einzigen Raum aus Lehmziegeln. Kein …