

Beschreibung
Die Geheimnisse einer faszinierenden Frau Vittorias Tod trifft die ehrgeizige und eigensinnige Anwältin Lea völlig unerwartet. Vittoria soll in ihrer Badewanne ertrunken sein. Doch wie konnte es dazu kommen? Lea glaubt nicht an einen Unfall, und so beginnt sie...Die Geheimnisse einer faszinierenden Frau
Vittorias Tod trifft die ehrgeizige und eigensinnige Anwältin Lea völlig unerwartet. Vittoria soll in ihrer Badewanne ertrunken sein. Doch wie konnte es dazu kommen? Lea glaubt nicht an einen Unfall, und so beginnt sie, Nachforschungen anzustellen. Von dem Tag an, als Vittoria in der italienischen Kleinstadt Scauri auftauchte und gemeinsam mit einer Frau namens Mara ein altes Haus bezog, war Lea von ihrer schillernden Persönlichkeit fasziniert. Nach und nach versucht sie, mehr über ihr Leben herauszufinden, spricht mit dem Apotheker, bei dem Vittoria als versierte Heilpflanzenkennerin arbeitete, mit dem Pfarrer, mit Vittorias Ex-Mann und natürlich mit Mara, der Frau, mit der Vittoria zusammenlebte. Je mehr Lea über Vittorias facettenreiche Vergangenheit in Erfahrung bringt, desto besser lernt sie sich selbst kennen und muss schließlich ihr eigenes geordnetes Leben mit ihrem Mann und den zwei Kindern infrage stellen.
»Wie ungewöhnlich Chiara Valerio diese Geschichten konstruiert, ihre Rätsel langsam aufbaut, lässt eine der gegenwärtig bemerkenswertesten italienischen Autorinnen in ihr erkennen.« Carolin Gasteiger, Süddeutsche Zeitung, 15.07.2025
Autorentext
Chiara Valerio wurde 1978 in Scauri geboren und lebt in Rom. Sie ist promovierte Mathematikerin, Dozentin, Journalistin und Autorin zahlreicher Essays, Romane und Kurzgeschichten. Blinde Flecken war in der Endauswahl des renommierten Premio Strega 2024, wurde in Italien gleich ein großer Erfolg und ist ihr erster Roman bei Kein & Aber.
Leseprobe
Kaum waren die Mädchen aus dem Auto gestiegen, eilten sie auch schon ohne ein Wort des Abschieds davon.
In der Tür wartete bereits meine Mutter und umarmte sie. Lächelnd sah sie mich an und hob das Kinn, so als wollte sie sagen, keine Sorge.
Luigi ließ den Motor an. Nicht, dass ich es mir noch anders überlegte, es bereute, die Einladung übers Wochenende nach Ponza angenommen zu haben in ein Haus mit Blick auf den Hafen.
Die Überfahrt von Formia aus verlief angenehm, es war ein warmer, ja schwülwarmer Freitagnachmittag. Tatsächlich war die Luft am Samstag und Sonntagvormittag vor der Abreise drückend schwer, so als würde es gleich anfangen zu regnen, aber dann regnete es doch nicht. Wir gingen spazieren, aßen etwas und badeten nur Luigi nicht, der fand das Meer zu kalt, obwohl das gar nicht stimmte. Er hörte lieber den Leuten an den Tischen der Hafenbar zu.
Als wir am Sonntagabend wieder nach Hause kamen, brachte ich die Mädchen ins Bett, blätterte in der Nachmittagsausgabe des Golfo , des hektografierten Pfarrblatts, und rauchte eine Zigarette.
Dass ich die Nachricht von Vittorias Tod übersah, lag daran, dass ich vor dem Schlafengehen prinzipiell weder Todes- noch Immobilienanzeigen lese.
Am Montagmorgen in der Kanzlei, als ich gerade versuchte, den Haushaltswarenhändler und seine Frau davon abzubringen, Anzeige zu erstatten, nachdem ihr minderjähriger Sohn bei einer Schlägerei den Kürzeren gezogen hatte, kam meine Sekretärin Cristina herein, um mir auszurichten, sie habe da eine Frau am Telefon, die mich dringend sprechen wolle. Ich entschuldigte mich und ging aus Diskretionsgründen hinaus. Es war Mara. »Vittoria ist gestern Vormittag gestorben«, sagte sie leise, gefasst ein Höflichkeitsanruf. »Ich weiß, dass du ihr gefallen hast und dass sie dir gefallen hat.«
Sie benachrichtige gerade die Freunde.
Ich war nicht in der Lage, irgendwelche Fragen zu stellen, und dachte daran, wie ich es mir in Ponza hatte gutgehen lassen, während Vittoria in Scauri gestorben war.
»Ein Unfall«, erklärte Mara. »Ein Unfall in der Badewanne«, wiederholte sie mit einer Stimme, die mit jeder Silbe schwächer wurde. Ich versprach, bei ihr vorbeizuschauen, und sie sagte kurz vor dem Auflegen, ohne jedes Dankeschön: »Sie ist hier, zu Hause, übermorgen ist die Beerdigung.«
Wieder in meinem Büro, setzte ich das Gespräch mit dem Haushaltswarenhändler und seiner Frau fort und ließ dabei das Türschloss nicht aus den Augen, das hin und wieder zwischen ihren Köpfen auftauchte, die sie beim Reden heftig bewegten. Der Mann schrie förmlich, es setzte ihm offenbar zu, dass der Sohn Schläge hatte einstecken müssen.
»Der Kerl hat eine Bierflasche nach ihm geworfen, die ihn Gott sei Dank nicht am Kopf getroffen hat, denn dann wäre er tot gewesen, Lea, sie hat ihn bloß gestreift, okay? Riccardo ist kein Feigling, deswegen ist er hin und hat ihm eine reingehauen, und da hat der andere Anlauf genommen und ihm mit einem Kopfstoß die Nase gebrochen. Das war kein Unfall.«
»Das war kein Unfall«, wiederholte Anna, die Mutter. »So ein Verhalten muss in jedem Fall geahndet werden«, fügte sie hinzu, um dann genervt herumzufahren, vermutlich weil sie wissen wollte, was ich da hinter ihrem Kopf fixierte.
Ein Unfall in der Badewanne, dachte ich und sah Vittoria wieder vor mir, ihren beschwingten Schritt, ihre weder dunkle noch helle, aber intensive Augenfarbe, ihr ärmelloses blaues Leinenkleid. Ich sah, wie sie über den Gehsteig lief, vor den Schaufenstern stehen blieb und den Kopf schüttelte. Was sie von den ausgestellten Waren hielt, habe ich nie erfahren. Sie machte sich über Sachen lustig, die eigentlich nicht zum Lachen waren: über Leute, die sich gegenseitig Hörner aufsetzten oder oben auf dem Friedhof Zweifamilien-Grabhäuser errichten ließen, über Leute, die blöd stürzten, über Leute im Rollstuhl, die an architektonischen Barrieren scheiterten. »Stell dir vor, da ist so eine Barriere, und das wars!«
Ich war häufig bei Vittoria gewesen und kannte die Badewanne, in der sie gestorben war, sie war schlichtweg nicht zu übersehen, weil das Bad am Ende eines langen Flurs der Haustür direkt gegenüberlag. Dort befand sich unter einem gelbgrünen Buntglasfenster die Wanne. Die Scheiben bildeten ein unregelmäßiges Schachbrettmuster aus Vier- und Rechtecken, Boden und Wanne waren mit glänzenden schwarzen Kacheln gefliest.
Das Haus war Anfang der Siebzigerjahre, als Vittoria mit Mara nach Scauri gezogen war, renoviert worden. Wir alle kannten die Wanne, die uns besonders wegen dieser schwarzen Kacheln aufgefallen sein dürfte. Das hatte mir zumindest Enrico bestätigt, ich hatte ihn aus irgendeinem Grund danach gefragt, vielleicht als wir unser Haus sanieren ließen. Enrico vertrieb Sanitärzubehör und Fliesen im Süden der pontinischen Ebene bis nach Fondi und war ein Onkel meines Mannes. Soweit ich mich erinnern konnte, war das Haus bis dahin unbewohnt gewesen.
Aber seit Vittoria dort lebte, stand seine Tür immer offen, man betrat es vom Garten aus, und schon auf der Veranda herrschte eine heitere Atmosphäre, Leute plauderten, Hunde tollten umher, Katzen sprangen auf den Tisch und schärften ihre Krallen an den Bäumen. Es gab auch einen Pfau: Patrick.
Das war jedes Mal so, wenn ich hinging, vom ersten Tag an. Für mich und für alle anderen, denn schon als das Haus noch gar nicht fertig renoviert war, veranstalteten sie zu Maras Geburtstag ein Fest. Ich selbst war nicht dort, habe aber davon gehört. Alle sprachen darüber.
Es war ein kleines Haus, aber mit Stil, wenn auch heruntergekommen, zwei Stockwerke und ein schönes Eingangstor in der Via Romanelli, dazu ein kleiner Garten, der nach zwanzig Jahren richtig üppig war. Vittoria kannte sich mit Pflanzen aus, sie las Gartenbücher und ging viel spazieren, ja schaffte es zu Fuß bis zum »Erlöser«, wo die Christusstatue stand. Gartenbücher zu lesen, war laut der Buch- und Schreibwarenhandlung, in der Vittoria die Ratgeber bestellte, etwas ganz Besonderes. Besonders im Sinne von sonderbar. Wir anderen hatten Gemüse- und Blumenbeete Gärten waren nur was für vornehme Leute. Oder aber sie gehörten der Gemeinde. Die Villa von General Nobile hatte einen richtigen Garten und das Gemeindehaus mit den Kinderkarussells hinter dem Eiskiosk Sayonara ebenfalls, aber der war ein öffentlicher Park.
Als sie hergezogen waren, ha…
