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Letzte Reise

  • Kartonierter Einband
  • 416 Seiten
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Leseprobe
Captain James Cook war einer der berühmtesten Entdeckungsreisenden des 18. Jahrhunderts, aber vom Leben seiner Frau Elizabeth, die... Weiterlesen
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Beschreibung

Captain James Cook war einer der berühmtesten Entdeckungsreisenden des 18. Jahrhunderts, aber vom Leben seiner Frau Elizabeth, die zu Hause in England immer wieder auf ihn wartete, weiß man wenig. Anna Enquist erzählt in ihrem faszinierenden Roman von Elizabeths Leben als Frau und Mutter, als Geliebte und als Verlassene, und zugleich schildert sie farbenprächtig die vorviktorianische Zeit, Cooks Abenteuer und Ideen.

Ein bewegendes Porträt einer Frau und ihrer Zeit!

Autorentext
Anna Enquist wurde 1945 in Amsterdam geboren, ist ausgebildete Konzertpianistin und arbeitete lange Jahre als Psychoanalytikerin. Seit 1991 veröffentlicht sie Gedichte, Romane und Erzählungen. Ihre Werke wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet und in fünfzehn Sprachen übersetzt. Anna Enquist lebt in Amsterdam.

Hanni Ehlers, geb. 1954 in Ostholstein, studierte Niederländisch, Englisch und Spanisch am Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg und ist die Übersetzerin von u.a. Joke van Leeuwen, Connie Palmen und Leon de Winter.

Leseprobe
Erster Teil

Er erwartet einen leeren Tisch, wenn er zurückkommt, dachte sie. Er wird Koffer und Taschen voll Journale, Skizzen und Karten ins Haus tragen. Die müssen flach liegen, auf einem sauberen Tisch, gewachst und gewienert, daß er blinkt wie ein Teich. Ein Tisch, der dazu einlädt, Mappen darauf zu legen und Bücher und Papiere in vollkommenen Stapeln zu ordnen. Kein Müllabladeplatz. Das Gartenzimmer, in dem der Tisch steht, das fast ganz von dem Tisch ausgefüllt wird -nein, es ist Platz genug, es ist eher so, daß der Tisch Mittelpunkt dieses Zimmers ist, an ihm führt kein Weg vorbei, das Zimmer scheint um ihn herumgebaut zu sein, ein Tabernakel für einen hölzernen Altar -, muß saubergemacht und vielleicht geweißt werden.
Elizabeth schritt langsam am Tisch entlang zum Erker und schaute durch die kleinen Scheibenquadrate in den Garten hinaus. Durch die Unebenheiten im Glas sah es aus, als schwebten die Blumen über dem Gras; je nachdem, wie sie Kopf und Hals bewegte, stülpten sich die blaßblauen Irisblüten zu monströsen Gebilden aus, und die Gartenbank schoß auf und ab. Elizabeth stieß die Fenster auf; die weiß gestrichenen Leisten, in denen die Scheiben gefangen waren, sahen schmutzig aus. Mit dem Zeigefinger wischte sie eine tote Fliege weg.
Frühlingsluft kam herein. Elizabeth stemmte die Hände in die Seite und schnupperte. Weißdorn, Levkojen, die fad-süßlichen Ausdünstungen von der Ginfabrik um die Ecke. Bald würde die Linde über der Gartenbank zu blühen beginnen
und Honig auf Möbel und Grasdecke tropfen. Dichte Wolken emsig summender Insekten würden sich um die hellgrünen Blüten drängen. Demnächst.
Sie wandte sich zu dem dunklen Zimmer um. Wie eine Bergkette ragte das Durcheinander auf dem Tisch vor ihr auf. Er kommt zurück, dachte sie, in einem Monat, im Sommer, vielleicht erst im Herbst, aber er kommt. Irgendwo auf der Welt ist er in dieser beengten hölzernen Hulk unterwegs, die er so stolz sein Schiff nennt. Die Entdeckungen sind gemacht, die Küsten kartiert, die fremden Völker beschrieben, und die Rückfahrt ist angetreten. Länger als drei Jahre kann so eine Reise nicht dauern. Höchste Zeit also, mit der Räumung des Tisches zu beginnen. Das wird sein, als trüge ich einen Schutthaufen ab, auf den jemand jahrelang sein Gerümpel geworfen hat. Eine archäologische Unternehmung, die ich als Herausforderung betrachten könnte.
Die Zugluft blies kühl in ihren Rücken, die schwere Stubentür setzte sich in Bewegung und fiel mit einem Knall ins Schloß.

Mit den Armen über den Tisch fegen und alles hinunterbefördern. Klar Schiff machen mit dem Bodensatz dieser einsamen Jahre. Weg mit den Kinderzeichnungen, den Rechnungen, der vergessenen Flickwäsche, den ungelesenen Büchern und vergilbten Zeitungen. Alles im Garten auf einen Haufen werfen und dann, bei windstillem Wetter, in Brand setzen. Sie würde mit einem Stock die auf Abwege geratenen Papiere ins Feuer zurückschieben, die Jungen würden mit Blasebälgen und Besenstielen helfen, und alles, alles würde ungesehen in dichtem Rauch aufgehen und über die Dächer hinweg zum Fluß hin wehen.
Doch es mußte alles gesichtet werden. Man konnte erst etwas wegwerfen, wenn man wußte, was es war. Jeder Schnipsel Papier würde durch ihre Hände gehen müssen. Sie zog die Schürzenbänder fester zu und trat an den Tisch.
Die Hand ausstrecken, um einen Brief aufzunehmen, und dann rasch zurückziehen. Um den Tisch herumgehen und die Gegenstände von allen Seiten betrachten und taxieren. Ein Ordnungssystem entwerfen: Einen Korb hinstellen für alles, was weg kann, eine Mappe für Geschäftsbriefe, die aufbewahrt werden müssen, ein Stapel für Zeichnungen von den Kindern, für persönliche Briefe, ein Berg mit Büchern, die man zur Hand haben will, und einer mit solchen, die besser verborgen auf den richtigen Moment warten können. Platz schaffen auf dem breiten Dielenboden, damit man die Stapel in gehörigem Abstand voneinander hinlegen kann. Sie wußte, wie sie es anfangen würde, doch sie zögerte und zauderte immer noch.

Zehn Uhr war es, ein Vormittag Anfang April, die Jungen waren in der Schule, und Besuch erwartete sie nicht. Es war Zeit vorhanden, die sie nicht nutzte. Worauf wartete sie? Nicht auf Hilfe, sie erledigte diese Aufgabe am liebsten allein. Sie setzte sich nicht auf das schmale Bänkchen am Fenster, sondern ging weiter umher, als suchte sie etwas.
Sie war müde. Alles in ihrem vierunddreißigjährigen Körper wollte nach unten, auf den Boden, und dort liegenbleiben. Lieber noch draußen, im Gras unter der Linde. Die Müdigkeit war nicht zu erklären, denn sie hatte in dieser Woche gut geschlafen, sie aß genug und hatte keine besonderen Anstrengungen hinter sich. Dennoch fühlte sich ihr Rücken an, als hätte sie ein Joch mit schweren Milcheimern zu tragen.
Zwischen den Briefen und Zeitungen pflückte sie die Dinge heraus, die auf keinen Fall dorthin gehörten: eine Haube mit Bändern, ein Taschentuch, eine vertrocknete Orange. Die Kerne klapperten gegen die lederartige Schale, als sie die Frucht auf den Boden warf. Bücken. In den Korb. In einer Bewegung aus der gebückten Haltung hochkommen und gleich in die Papiere greifen. Gut so.
Ein Brief von Stephens über Geld: Gemäß dem Wunsch Eures Gemahls hat die Admiralität beschlossen, Euch für die Dauer der Reise eine Summe von zweihundert Pfund jährlich auszubezahlen. Aufbewahren. James würde ihn lesen wollen. Es war sein Geld, verdient damit, daß er in der Welt herumsegelte. Völlig unbegründet, deswegen dieses ärgerliche Gefühl zu entwickeln, man sei zu Dank verpflichtet. Das war keine Mildtätigkeit, das war kein Trinkgeld. Der Betrag, und mehr als das, stand ihr rechtmäßig zu. In Gedanken sah sie die Herren von der Admiralität auf einer Sitzung versammelt, aufgeregt über James' Unternehmung, voller Stolz, Vaterlandsliebe und Dünkel. »Ach, seine Frau muß ja auch leben. Hübsches Sümmchen, sorgst du dafür, daß sie es bekommt?«
Sie zuckte die Achseln. Der nächste Brief, in der Handschrift Hugh Pallisers, betraf die Jungen. Ich vernahm, liebe Elizabeth, daß Euer Ältester, der wackere James junior, nach dem Sommer seinen Antritt an der Seefahrtsschule zu Portsmouth nehmen wird. Er wird es gewiß kaum erwarten können, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. In dessen Kielwasser, sollte ich vielleicht sagen! Es ist freilich schön für Dich, daß Du den kleinen Nathaniel noch ein Jahr zu Hause behalten kannst, sonst wärst Du wohl doch sehr einsam. Wir hoffen natürlich, daß James dieses Jahr wohlbehalten zurückkehrt, aber die Unwägbarkeiten bei derlei Expeditionen sind Dir bekannt. Du weißt auch, daß ich für Dich da bin, wann immer Du mich brauchen solltest.
Palliser, der Schatzmeister der Marine, der James unterstützt und empfohlen und das Augenmerk der Herren mit Gewalt auf ihn gelenkt hatte. Sie lächelte und legte den Brief zu ihren eigenen Papieren. Sie würde ihn auf eine Tasse Tee im Garten einladen, damit er mit Jamie und Nat sprechen konnte.
Sie suchte Rechnungen zusammen und warf Zeitungsausschnitte weg. Das Fundament des Stapels, den sie abtrug, kam zutage: drei dicke, dunkle Bücher über Entdeckungsreisen in der Südsee. Der Name des Autors war mit goldenen Lettern in das Leder geprägt: John Hawkesworth. Sie hob die Bände hoch und klopfte vorsichtig den Staub herunter.
James würde wütend sein. Hawkesworth hatte sich seine Journale angeeignet und die Reise beschrieben, als hätte er selbst sie gemacht. Sie hatte den Text mit den urschriftlichen Logbüchern verglichen und sich über die Übertreibungen und Fehler, über den Verfasser, aber auch über ihren Mann geärgert. Was für eine Dummheit, seine Geschichte so naiv aus der Hand zu geben. Schön und gut, James haßte die Welt der eingebildeten Kunst- und Literaturliebhaber mit bäurischer Bitterkeit, aber er schnitt sich ins eigene Fleisch, wenn er seine Schriften ablieferte und es ablehnte, sich um deren Redaktion zu kümmern. Er sagte, er schäme sich - seine Orthographie sei fehlerhaft, und er könne keine guten Sätze bilden. Das stimmte, doch was er zu sagen hatte, war allemal der Mühe wert. Jemand mußte ihm helfen. Ich, dachte sie, ich.
Neben den Hawkesworth-Folianten lag eine Zeichnung von einem Boot, eine sorgfältig ausgearbeitete Kinderzeichnung. Jamie. Die Seitenwand des Schiffes hatte er durchbrochen dargestellt, so daß die Vorratskammern mit Tonnen und Ballen, der Schiffsraum und die verschiedenen Kajüten zu sehen waren. In die Kapitänskajüte hatte er einen Mann gezeichnet, der mit dem Rücken zum Betrachter schreibend an einem Tischchen saß. Auf dem Achterdeck standen eine Kuh und eine Ziege.
Warum sollte sie James nicht beim nächsten Buch helfen können? Nachher saß er hier am Tisch und seufzte und fluchte, verdarb seinen Text mit übertriebenen Dankesbezeigungen und falschen Ergebenheitsadressen, während seine Laune immer schlechter wurde. Schade drum. Laß mich das machen. Wenn er zum Herbst hin zurückkam, wurden die Tage schon kürzer, und es standen lange, dunkle Abende bevor. Zusammen an etwas Wichtigem zu arbeiten, würde eine Ablenkung sein, ein guter Beginn für ein gemeinsames Leben.
Bei seiner Rückkehr würden sie mehr als zwölf Jahre verheiratet sein, doch sie hatten noch nie ein ganzes Jahr am
Stück zusammen im selben Haus verbracht. Immer wieder fuhr James im Frühjahr weg, um erst im November zurückzukehren. Weihnachten. Am Tisch Karten und Küstenlandschaften zeichnen. Er hatte zwei Leben. Sie auch. Es entstand ein Rhythmus und mit ihm einhergehend Beruhigung. Ein einziges Mal hatte sie Angst bekommen, als er mit einer groben, kaum verheilten Narbe über die ganze rechte Hand zurückgekehrt war. Ein Pulverhorn sei explodiert, sagte er, es hätte schlimmer kommen können. Die Verletzung unversehrter Haut vergegenwärtigte ihr, daß er bei der Marine arbeitete und Kämpfen und Zerstören Teil dieser Arbeit sein konnten. Nach ein, zwei Tagen legte sich ihre Angst. Es war ja schon geschehen, er lief durchs Haus, sie hörte seine Stimme und sah, was er tat. Seine Anwesenheit lenkte ihre Aufmerksamkeit von der Wunde und deren Bedeutung ab.
Er trug seither einen Handschuh, rechts. Schämte er sich für die Verunstaltung, oder wollte er andere nicht damit erschrecken? Die Wunde war wulstig und blaß verheilt, die Narbe bewegte sich wie eine weißliche Schlange über seinen Handteller zum Gelenk. Sie konnte sie fühlen, nachts, wenn er die Hände von ihren Schenkeln zu ihren Schultern wandern ließ. Die Narbe drückte gegen ihre Haut. Sie sollte seine Hand fassen und langsam mit der Zunge über die Verwundung fahren, sie sollte sich die Narbe einverleiben, diese Narbe mußte in die Kartographie des Körpers ihres Mannes aufgenommen werden, von ihr.

Es gab viel zu tun. Mahlzeiten hatten überlegt, zubereitet und gegessen zu werden; die Kleidung der Jungen mußte gewaschen, ausgebessert, ersetzt werden. Im Gemüsegarten mußte sie säen, düngen, jäten. Sie hatte Hilfe, da waren Menschen, die ihr bei diesen Aufgaben zur Seite standen und sie ermunterten oder rundheraus zwangen, tätig zu werden. Nat, der demonstrativ in den zu klein gewordenen Schuhen durchs Zimmer stolperte. Das Mädchen, das sich mit dem Einkaufskorb auf dem Schoß zu ihr setzte, um über den Speiseplan zu reden. Der Gärtner, der sich erkundigte, wo die Möhren und wo die Pastinaken gesetzt werden sollten, und sich erst an die Arbeit machen konnte, wenn sie einen Entschluß gefaßt hatte. Es gab viel zu tun. Mehr als früher schien es, mehr als in den ersten Jahren dieser zweiten Weltreise. James' Rückkehr warf ihre Schatten voraus und färbte schon die täglichen Aufgaben. Auch er würde eine Meinung haben, wo das Gemüse stehen sollte, eine fundierte Meinung, basierend auf einer vernünftigen Erwägung von Sonnenstand und Feuchtigkeitszufuhr. Sie begann, Haus, Garten und Kinder durch seine Augen zu betrachten, und konstatierte, daß viel verändert, saubergemacht und weggeworfen werden mußte. Als ließe sie alles verlottern, sobald er weg war, aber das war nicht so. Ihre Ordnung war anders. Oder war es Einbildung, existierte der kritische Kapitän nur in ihren Gedanken? Daß der kleine Nat jeden Morgen kurz zu ihr ins Bett gekrochen kam, das ging bald nicht mehr. Das ging nie mehr.
Nach dieser Reise mußte es vorbei sein. Nach dieser Reise begann ein anderes Leben, ein Sommerleben.
Zwölf Jahre lang war sie sommers allein gewesen. Das war nicht schlimm, sie hatte es ja gewußt und sich klargemacht, als sie sich dafür entschieden hatte, diesen Seemann zu heiraten, sie kam gut damit zurecht und hatte sich, zumal am Anfang, sogar auf diese Einsamkeit gefreut. Immer hatte es die Wiedervereinigung gegeben; das Bett war zu groß oder zu klein; es herrschte Bewegung und Abwechslung. Als Jamie geboren war, genoß sie das Alleinsein, das Zusammensein mit dem kleinen Kind noch stärker. Jeden Herbst kehrte das Schiff über den Atlantischen Ozean zurück. Die Äpfel reiften, die Blätter färbten sich und begannen von den Bäumen zu fallen, und plötzlich kam eine Kutsche in die Straße gerattert, und die Eingangstür flog auf. Wind fegte durchs Haus, und alles wurde anders.
Dann, im Frühjahr 1768, wurde er mit der ersten großen Reise beauftragt. Die Südsee sollte er befahren, die Bahnen von Sternen und Planeten beobachten und neue Kontinente kartieren. Erstaunlich gut hatte er sich in die Rolle des Kommandeurs hineingefunden. Nicht die leiseste Untertänigkeit oder Unsicherheit war zu erkennen gewesen, als er seine Ansprüche an das Schiff, die Ausrüstung und die Instrumente zum Ausdruck brachte. Er forderte das Beste und Teuerste und bekam es auch. Doch zum Kapitän wollten sie ihn nicht befördern, der Titel war dem Hochadel vorbehalten. Er blieb Leutnant. Es schien James nicht zu stören, solange er nach eigenem Ermessen handeln konnte. Wissen anhäufen, schauen, beschreiben, sehen, wie die Welt wirklich ist - das wollte er.
Die Reise sollte drei Jahre dauern. Als das Schiff - eine plumpe, flache Kohlenschaluppe - auslief, hatte Elizabeth drei kleine Kinder und ging mit dem vierten schwanger. Sie war erleichtert gewesen, als James' Nichte zweiten Grades, Frances, ins Haus kam, um ihr Gesellschaft zu leisten. Siebzehn war sie, ein halbes Kind noch, ein Mädchen mit einer Fülle roter Locken und scheuen Augen. Sie erweckte den Eindruck, als werde sie mit ihren staksigen Gliedmaßen überall anstoßen, das Geschirr aus den Händen fallen lassen und mit gefülltem Tablett gegen die Tür laufen, doch nichts dergleichen. Sie war gewandt, sah, wo es etwas zu tun gab, und hatte Spaß daran, behilflich zu sein. Sie ging mit den Jungen, damals drei und vier Jahre alt, in den Garten, während Elizabeth die kleine Elly badete. Frances' Bett stand im Jungenzimmer, und die Kinder waren schon bald ganz vernarrt in sie.
Für Elizabeth war es, als habe sie endlich eine Schwester bekommen. Frauen im Haus, ein Töchterchen, eine Schwester. Sie kannte das nicht, immer waren da Männer gewesen: der Stiefvater, der Onkel, die Vettern. Der Ehemann. Die Söhne. Der Vater, den sie nie gekannt hatte, der starb, als sie erst zwei war, und von dem ihr absolut nichts mehr in Erinnerung geblieben war. Was sagte er zu mir, hob er mich hoch, wenn er nach Hause kam, tanzte er mit mir durchs Zimmer? Ihre Mutter antwortete nicht. Was früher gewesen war, tat jetzt nichts zur Sache, jetzt saß ein schwarzhaariger, gedrungener Mann in der Küche, der Pfannkuchen wollte. Er lehrte Elizabeth rechnen und die Bücher führen. Neue Kinder kamen nicht. Sie blieb das einzige, die Tochter.
Der Bruder ihrer Mutter hatte zwei Jungen, mit denen Elizabeth aufwuchs. Sie war die Älteste und dachte sich die Spiele aus, bis die Jungen in die Schule kamen und ihnen das mädchenhafte Getue zuwider wurde. Wenn sie eine Schwester gehabt hätte, dachte sie, hätte es wenigstens zwei gegen zwei geheißen. Sie hatte sich zurückgezogen. Sie konnte gut lesen, und der Stiefvater, den sie Vater nannte, besaß eine stattliche Anzahl Bücher, zu denen sie freien Zugang hatte. Sie konnte sticken und stricken. Sie wußte sich schon zu helfen.
Zur Schenke ihres Stiefvaters hatte sie keinen Zutritt, aber sie verzeichnete seine Ausgaben und Einnahmen in länglichen, gebundenen Kassenbüchern. Ihre Handschrift war deutlich und gleichmäßig; sie war eine Zierde für ihre Eltern. Wenn eine Schwester dagewesen wäre, hätte sie dann unnütze, kindische, leichtsinnige Dinge gemacht? Arm in Arm am Fluß entlangspazieren, unter einem Sonnenschirm hervor zu Jungen hinüberschielen und dann, wenn sie zurückblicken, rasch etwas Wichtiges besprechen, einander in den Arm zwicken und in prustendes Gelächter ausbrechen?
Onkel Charles sah sie abends die Buchhaltung machen. »Das kannst du?« fragte er. »Donnerwetter! An dir ist ein Kerl verlorengegangen. Gebt mir so eine Tochter!«
Sie richtete sich kurz auf und beugte sich wieder über das Kassenbuch, ohne etwas zu erwidern. Mit fester Hand notierte sie die Tageseinnahmen, tupfte die Tinte mit Löschpapier trocken und stellte die Lampe um, damit sie ihre Arbeit besser sehen konnte. Eine Schwester hätte jetzt den Kopf zum
Fenster hereingestreckt und ihr zugerufen, sie solle noch kurz nach draußen kommen, raus aus dem Zimmer mit der niedrigen Decke, wo es nach Tabakrauch und schwelendem Holz roch, wo die alten Leute mit einem Stolz und einer Zufriedenheit von ihr sprachen, als wäre sie auch schon so alt.


Produktinformationen

Titel: Letzte Reise
Untertitel: Roman
Autor:
Übersetzer:
EAN: 9783442737765
ISBN: 978-3-442-73776-5
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: BTB Tb.
Genre: Sonstige Literatur
Anzahl Seiten: 416
Gewicht: 335g
Größe: H190mm x B116mm x T28mm
Veröffentlichung: 04.09.2008
Jahr: 2008
Land: DE