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Flavia de Luce 1 - Mord im Gurkenbeet

  • Kartonierter Einband
  • 400 Seiten
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Dieser außergewöhnliche All-Age-Krimi hat die Herzen von Lesern, Buchhändlern und Kritikern aus aller Welt im Sturm erobert! Die j... Weiterlesen
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Kurzfristig nicht an Lager - Voraussichtlicher Termin: Dezember 2018

Beschreibung

Dieser außergewöhnliche All-Age-Krimi hat die Herzen von Lesern, Buchhändlern und Kritikern aus aller Welt im Sturm erobert! Die junge Flavia de Luce staunt nicht schlecht, als sie im ersten Morgenlicht das Opfer eines Giftmordes in ihrem Gurkenbeet entdeckt! Da jeder ihren Vater, den sanftmütigen Colonel de Luce, für den Mörder zu halten scheint, nimmt die naseweise Flavia persönlich die Ermittlungen auf. Hartnäckig folgt sie jeder noch so abwegigen Spur - bis sie einsehen muss, dass ihr Vater tatsächlich ein dunkles Geheimnis hütet. Und so befürchtet Flavia schließlich, dass sie vielleicht eine zu gute Detektivin ist ...

Autorentext
Alan Bradley wurde 1938 geboren und ist in Cobourg in der kanadischen Provinz Ontario aufgewachsen. Nach einer Karriere als Elektrotechniker hat Alan Bradley sich 1994 aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen, um sich nur noch dem Schreiben zu widmen. »Mord im Gurkenbeet« war sein erster Roman und der viel umjubelte Auftakt zur Serie um die außergewöhnliche Detektivin Flavia de Luce. Alan Bradley lebt zusammen mit seiner Frau auf Malta.

Leseprobe
m Wandschrank war es so dunkel, und die Dunkelheit hatte die Farbe von altem Blut. Sie hatten mich einfach reingeschubst und abgeschlossen. Ich sog die abgestandene Luft tief durch die Nase ein und bemhte mich, ruhig zu bleiben. Ich versuchte, bei jedem Einatmen bis zehn zu zen und bei jedem Ausatmen bis acht. Zum Glck hatten sie mir den Knebel so fest in den Mund gesteckt, dass meine Nasenlcher frei geblieben waren und ich einen tiefen Schnaufer nach dem anderen machen konnte.
Ich versuchte, die Fingernl unter den Seidenschal zu zwen, mit dem sie mir die He auf den Rcken gefesselt hatten, aber weil ich mir die Nl immer bis auf die Kuppen abkaue, klappte es nicht. Wenigstens hatte ich daran gedacht, die Finger aufeinanderzulegen und die Handflen auseinanderzudrcken, als sie den Knoten festgezogen hatten.
Jetzt lieich die Handgelenke kreisen und drckte die He gegeneinander, bis die Fesseln ein bisschen nachgaben, worauf ich den Knoten mit den Daumen herunterziehen konnte, bis er erst in meiner Handfle landete - und dann zwischen meinen Fingern. Wn sie so schlau gewesen, mir auch die Daumen zu fesseln, he ich mich nie im Leben befreien knnen. Diese Trottel!
Als meine He endlich frei waren, war der Knebel schnell entfernt.
Jetzt die Tr. Aber erst musste ich mich vergewissern, dass sie nicht davor auf der Lauer lagen.
Ich spe durchs Schlsselloch auf den Dachboden hinaus. Kein Mensch war zu sehen, nur dunkle Ecken, das bliche Dachbodengermpel und allerlei ausrangierte Mbel. Die Luft war rein.
Ich griff ber den Kopf nach hinten und drehte einen der drahtenen Kleiderhaken heraus. Indem ich das krumme Ende in das Schlsselloch steckte und das andere Ende nach unten drckte, bog ich mir einen L-frmigen Haken zurecht, mit dem ich in den Tiefen des alten Schlosses herumstochern konnte. Nachdem ich eine Weile zielstrebig hier und dort probiert und gefummelt hatte, wurde ich mit einem zufriedenstellenden Klick belohnt. Es war beinahe zu einfach gewesen. Die Tr ging auf, und ich war wieder frei.
Ich hpfte die breite Steintreppe zur Eingangshalle hinunter und blieb ganz kurz vor der Esszimmertr stehen, nur so lange, wie ich brauchte, um meine Zpfe auf den Rcken zu werfen, wo sie normalerweise immer lagen.
Vater bestand nach wie vor darauf, dass das Abendessen pnktlich zur gewohnten Zeit serviert und an unserem Esstisch aus massiver Eiche eingenommen wurde. Genau wie damals, als meine Mutter noch lebte.
Sind Ophelia und Daphne noch nicht unten, Flavia?, fragte er leicht gereizt und blickte von der neuesten Ausgabe des British Philatelist, der Zeitschrift fr den Briefmarkenfreund, auf, die neben seinem Teller mit Braten und Kartoffeln lag.
Die habe ich schon ewig nicht mehr gesehen, antwortete ich.
Was der Wahrheit entsprach. Ich hatte die beiden nicht mehr gesehen - seit sie mich gefesselt und geknebelt und mit verbundenen Augen die Dachbodentreppe hochgeschleift und in den Schrank gesperrt hatten.
Vater schaute mich die gesetzlich vorgeschriebenen vier Sekunden ber seinen Brillenrand an, ehe er sich wieder seinen klebrigen Kostbarkeiten widmete.
Ich schenkte ihm ein so breites Leln, dass er eine prtige Aussicht auf die Zahnspange hatte, mit der mein Gebiss verdrahtet war. Obwohl ich damit wie ein Luftschiff ohne Aunhlle aussah, wurde mein Vater gern ab und zu daran erinnert, dass er fr sein Geld auch etwas bekam. Diesmal war er jedoch viel zu beschigt, um darauf zu achten.
Daraufhin hob ich den Deckel der mit Schmetterlingen und Brombeerranken handbemalten Terrine hoch und entnahm ihr eine grogige Portion Erbsen. Unter Verwendung meines Messers als Lineal und meiner Gabel als Gerte dirigierte ich die Erbsen so, dass sie sich in Reih und Glied auf meinem Teller formierten. Die kleinen grnen Kugeln bildeten so exakt ausgerichtete Zweierreihen, dass der Anblick das Herz des penibelsten Schweizer Uhrmachers he hher schlagen lassen. Anschliend piekte ich sie von links unten nach rechts oben mit der Gabel auf und verputzte sie.
Ophelia war an allem schuld. Schlieich war sie schon siebzehn, weshalb von ihr inzwischen das Mindestmaan Reife erwartet wurde, ber das sie demnst als Erwachsene verfgen sollte. Dass sie sich mit der dreizehnjigen Daphne verbndete, war einfach nicht fair. Zusammen waren die beiden schon dreig! Dreig Jahre gegen meine kmmerlichen elf! Das war nicht nur unsportlich, sondern geradezu niedertrtig. Und es schrie frmlich nach Rache.
Am nsten Morgen, als ich in meinem Labor im obersten Stock des Ostflgels gerade mit einigen Glaskolben und Reagenzglrn beschigt war, kam Ophelia einfach so hereingeplatzt.
Wo ist meine Perlenkette?
Ich zuckte die Achseln. Seit wann bin ich fr deine Klunker verantwortlich?
Ich wei dass du sie weggenommen hast. Die Pfefferminzbonbons aus meiner Unterwheschublade sind auch weg, und mir ist nicht entgangen, dass alle in diesem Haushalt vermissten Pfefferminzbonbons frher oder spr im selben ungewaschenen Mund wieder auftauchen.
Ich regulierte die Flamme des Brenners, auf dem ich ein Becherglas mit einer roten Flssigkeit erhitzte. Wenn du damit andeuten mchtest, dass meine Krperpflege nicht denselben hohen Standards entspricht wie die deine, kannst du mir mal die erschuhe lecken.
Flavia!
Und zwar kreuzweise. Ich habe es satt, immerzu als Sndenbock herzuhalten, Feely.
Aber mein berechtigter Zorn verflog im Nu, als Ophelia kurzsichtig in das rubinrote Becherglas linste, in dem es just in diesem Augenblick zu brodeln anfing.
Was ist das fr ein klebriges Zeug auf dem Boden? Sie klopfte mit einem langen, sorgsam gefeilten Fingernagel an das Glas.
Das ist ein Experiment. Vorsicht, Feely! Das ist Se!
Ophelia wurde leichenblass. Das ist doch meine Kette! Die hab ich von Mama geerbt!
Ophelia war die einzige von Harriets Tchtern, die von unserer Mutter als Mama sprach, denn sie war die einzige von uns dreien, die alt genug war, sich noch an die Frau aus Fleisch und Blut zu erinnern, die uns unter dem Herzen getragen hatte. Eine Tatsache, die uns Ophelia bei jeder sich bietenden Gelegenheit unter die Nase rieb. Harriet war, als ich gerade mal ein Jahr alt war, beim Bergsteigen ums Leben gekommen, und seither wurde auf Buckshaw nicht oft von ihr gesprochen.
War ich eiferschtig auf Ophelias Erinnerungen? Nahm ich es ihr bel, dass sie sich noch an unsere Mutter erinnern konnte? Ich glaube nicht. Es ging viel tiefer. Aus unerfindlichen Grnden verabscheute ich Ophelias Erinnerungen an unsere Mutter.
Ich hob ganz langsam den Kopf, damit meine runden Brillenglr Ophelia ordentlich anblitzten, denn ich wusste, dass meine Schwester dann jedes Mal das beklemmende Gefhl bekam, vor einem verrckten deutschen Wissenschaftler aus einem alten Schwarzweiilm zu stehen.
Blde Kuh!
Gewitterziege!, fauchte ich zurck. Aber erst, nachdem Ophelia auf dem Absatz kehrtgemacht hatte - brigens ausgesprochen elegant - und hinausgerauscht war.
Die Vergeltung lienicht lange auf sich warten. Was ich von Ophelia schon gewohnt war. Sie war, im Gegensatz zu mir, keine geduldige Planerin, die davon berzeugt war, dass man das Sppchen der Rache mglichst lange kcheln lassen musste, um es zur Perfektion reifen zu lassen.
Gleich nach dem Abendessen, als sich Vater wieder in sein Arbeitszimmer zurckgezogen hatte, um ber seiner Sammlung papierener Miniaturportr zu brten, legte Ophelia das silberne Buttermesser, in dem sie die letzte Viertelstunde wie ein Wellensittich ihr Spiegelbild betrachtet hatte, ein klein wenig zu bedtig auf den Tisch. Dann verkndete sie unvermittelt: Wei du, eigentlich bin ich gar nicht deine richtige Schwester. Und Daphne auch nicht. Darum sind wir auch so ganz anders als du. Dir ist wahrscheinlich noch nie in den Sinn gekommen, dass du bloadoptiert worden bist.
Ich lieden Lffel fallen, dass es nur so schepperte.
Das stimmt nicht! Ich bin Harriet wie aus dem Gesicht geschnitten! Das sagen alle.
Eben deswegen hat Mama im Heim fr ledige Mtter gerade dich ausgesucht. Ophelia schnitt eine angeekelte Grimasse.
Wie konnte ich ihr denn lich sehen, wo ich doch ein Neugeborenes war und sie eine Erwachsene? So leicht lieich mich nicht ins Bockshorn jagen.
Weil du sie an ihre eigenen Babybilder erinnert hast. Herrje, sie hat die Fotos sogar mitgeschleppt und zum Vergleich neben dich gehalten.
Ich wandte mich an Daphne, die ihre Nase tief in eine ledergebundene Ausgabe von Die Burg von Otranto steckte. Das ist gelogen, Daffy, stimmt's?
Leider nein. Daphne schlug behutsam eine zwiebelhautdnne Seite um. Vater hat immer gesagt, dass es dich aus den Schuhen hauen wird, wenn du es eines Tages erfst. Wir mussten ihm beide schwren, dass wir es dir nie verraten wrden. Jedenfalls nicht vor deinem elften Geburtstag. Wir mussten einen richtigen Eid ablegen.
Eine grne Gladstone-Tasche, mischte sich Ophelia wieder ein, hab ich selber gesehen. Ich hab gesehen, wie Mama ihre eigenen Babyfotos in eine grne Gladstone-Tasche gesteckt hat und in das Heim gefahren ist. Ich war damals zwar erst sechs, fast sieben, aber ich werde ihre vornehm blassen He niemals vergessen _ wie sie mit ihren schlanken Fingern die Messingschlie zugemacht hat.
Ich brach in Trn aus, sprang auf und rannte aus dem Esszimmer. Erst am nsten Morgen beim Frhstck kam mir das Gift in den Sinn.
Wie alle grortigen Pl war auch dieser ganz einfach.
Buckshaw war seit undenklichen Zeiten das Zuhause unserer Familie, der de Luces. Das jetzige Gebe im georgianischen Stil wurde errichtet, nachdem das ursprngliche elisabethanische Haus von den Dorfbewohnern, die den de Luces unterstellten, mit den Oraniern zu sympathisieren, bis auf die Grundmauern niedergebrannt worden war. Dass wir vierhundert Jahre lang glhende Katholiken gewesen waren und sich daran auch nichts geert hatte, konnte die aufgebrachten Brger von Bishop's Lacey nicht bestigen. Das Alte Haus, wie es damals hie war in Flammen aufgegangen, und inzwischen war das neue Gebe, das an derselben Stelle errichtet worden war, auch schon wieder an die dreihundert Jahre alt.
Zwei spre Familienmitglieder, Antony und William de Luee, die ber den Krimkrieg in Streit geraten waren, hatten die Anlage verschandelt, indem jeder nachtrich einen Flgel hatte anbauen lassen: William den Ostflgel, Antony den Westflgel.
Jeder hatte sich in sein hchsteigenes Herrschaftsgebiet zurckgezogen, und jeder hatte dem anderen untersagt, auch nur einen Fuber den schwarzen Strich zu setzen, den sie quer durch die vordere Eingangshalle, das Vestibl und das Wasserklosett des Butlers hinter der Treppe gezogen hatten. Die beiden gelben, pustelhaft viktorianischen Ziegelanbauten, zeigten wie die steinernen Schwingen eines Friedhofsengels nach hinten, was den hohen Fenstern und Fensterln der georgianischen Fassade in meinen Augen das affektierte, leicht verdutzte Aussehen einer alten Jungfer mit schmerzhaft straffem Haarknoten verlieh.
Ein sprer de Luce - Tarquin, auch Tar genannt - hinterlienach einem spektakuln Nervenzusammenbruch das, was einmal eine brillante Chemikerkarriere zu werden versprach, als Scherbenhaufen. Er wurde in dem Sommer, in dem Knigin Viktoria ihr fnfundzwanzigjiges Thronjubil beging, von der UniversitOxford verwiesen.
Tars nachsichtiger Vater, stets besorgt um die schwache Gesundheit seines Sohnes, hatte weder Kosten noch Mhen gescheut, ihm im obersten Stock des Ostflgels ein richtiges Labor einzurichten: komplett mit Glasbehern, Mikroskopen und einem Spektroskop aus Deutschland, Messingwaagen aus Luzern sowie einer verwirrend geformten, mundgeblasenen deutschen Geierrhre, an der Tar elektrische Spulen befestigen konnte, um zu untersuchen, wie verschiedene Gase fluoreszieren.
Auf einem Schreibtisch vor dem Fenster stand ein Leitz-
Mikroskop, dessen Messinggehe immer noch so schwelgerisch glte wie an dem Tag, als es per Kutsche von der Bahnstation Buckshaw angeliefert worden war. Der blanke Spiegel konnte so eingestellt werden, dass er die ersten Strahlen der Morgensonne einfing, und damit man das Gerauch an diesigen Tagen und nach Einbruch der Dunkelheit benutzen konnte, war es mit einer Petroleum-Mikroskoplampe von Davidson & Co. aus London ausgestattet.
Es gab sogar ein Skelett auf einem Rollster, das Tar im zarten Alter von zwlf Jahren von dem berhmten Naturforscher Frank Buckland geschenkt bekommen hatte, dessen Vater einst das mumifizierte Herz von Knig Ludwig XIV. verzehrt hatte.
Drei We waren mit deckenhohen Schren und Vitrinen versehen, von denen wiederum zwei mit Chemikalien in glrnen Apothekengefn vollgestellt waren, ein jedes mit Tar de Luces akribischer Handschrift beschriftet, denn Tar hatte dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen und sie alle berlebt. Er war 1928 im Alter von sechzig Jahren inmitten seines chemischen Knigreichs gestorben, wo er eines Morgens von seinem Verwalter gefunden wurde, am Schreibtisch sitzend und mit dem gebrochenen Auge durch sein geliebtes Leitz-Mikroskop spnd. Man munkelte, er habe sich mit dem Zerfall erster Ordnung von Stickstoffpentoxid beschigt. Wenn das stimmt, handelt es sich um die erste belegte Forschung zu einer Reaktion, die letztendlich zur Entwicklung der Atombombe fhrte.
Onkel Tars Schatzkammer wurde verschlossen und verharrte in staubiger ungestrter Stille, bis das, was Vater meine skurrile Begabung nannte, zutage trat und ich so weit war, das Labor fr mich zu beanspruchen.
Mich berlt immer noch jedes Mal ein freudiger Schauer, wenn ich an den regnerischen Herbsttag denke, an dem die Chemie in mein Leben trat.
Ich war beim Bergsteigerspielen in der Bibliothek an den Regalen hochgeklettert, als ich mit dem Fuabrutschte und ein dickes Buch zu Boden polterte. Als ich es aufhob und die zerknitterten Seiten glatt streichen wollte, sah ich, dass es nicht nur Worte, sondern auch lauter Abbildungen enthielt. Zum Beispiel gossen krperlose He Flssigkeiten in eigenartig geformte Glasbeher, die aurirdischen Musikinstrumenten glichen.
Der Titel des Buches lautete Grundzge der Chemie, und ich entnahm dem Werk im Handumdrehen, dass das Wort Jod von violett und das Wort Brom vom griechischen Wort fr Gestank abgeleitet ist. Hochspannend! Ich schob den dicken roten Wer unter meinen Pullover und nahm ihn mit nach oben in mein Zimmer, und erst viel spr entdeckte ich, dass jemand H. de Luce auf das Vorsatzblatt geschrieben hatte. Das Buch hatte Harriet gehrt.
Schon bald vertiefte ich mich in jeder freien Minute in meine neue Errungenschaft. Abends konnte ich es manchmal kaum erwarten, endlich ins Bett gehen zu drfen. Harriets Buch war inzwischen mein heimlicher Freund.
Es fhrte sliche Alkalimetalle eingehend auf: Metalle mit wunderlichen Namen wie Lithium und Rubidium, aurdem Erdalkalien wie Strontium, Barium und Radium. Als ich las, dass eine Frau, nich Madame Curie, das Radium entdeckt hatte, stieich einen Freudenschrei aus.
Und dann die Giftgase: Phosphin, Arsin (von dem eine einzige Blase tdlich sein kann), Stickstoffpentoxid, Schwefelwasserstoff ^ die Liste war schier endlos. Als ich entdeckte, dass mein Buch auch noch ausfhrliche Anleitungen fr die Herstellung dieser Stoffe enthielt, war ich im siebten Himmel.
Sobald ich mir beigebracht hatte, wie man chemische Gleichungen liest (etwa KFeCgNg + 2K = 6KCN + Fe, womit die Reaktion beschrieben wird, die auftritt, wenn man das gelbe Prussiat Pottasche oder auch Kalziumkarbonat erhitzt, um Kaliumzyanid bzw. Zyankali herzustellen), kam es mir vor, als stnde mir von nun an die ganze Welt offen, als w mir das Zauberbuch einer Mhenhexe in die He gefallen.
Am spannendsten fand ich aber, dass alles (die ganze Schpfung - ohne Ausnahme!) von unsichtbaren chemischen Verbindungen zusammengehalten wurde. Und ich fand es aus unerfindlichen Grnden ausgesprochen trstlich, dass es irgendwo - selbst wenn es unsereiner nicht sehen kann - etwas unerschtterlich Dauerhaftes gibt.
Anfangs kam ich nicht gleich darauf, den offenkundigen Zusammenhang zu bemerken - nich den zwischen dem Buch und dem verlassenen Labor; aber als der Groschen endlich fiel, erwachte mein Leben erst zum richtigen Leben, falls irgendwer versteht, wie ich das meine.
Hier, in Onkel Tars Labor, standen ordentlich aufgereiht sliche Chemiebcher, die er einst liebevoll zusammengetragen hatte, und schon bald fand ich heraus, dass die meisten gar nicht so sehr ber meinen Verstand gingen.
Es folgten einfache Experimente, bei denen ich mich darin bte, die Anweisungen Wort fr Wort zu befolgen. Was nicht hein soll, dass es nicht gelegentlich zu betrtlichem Gestank und etlichen Explosionen gekommen w, aber darber wollen wir lieber den Mantel des Schweigens breiten.
Meine Notizbcher wurden immer dicker. Sobald sich mir die Geheimnisse der organischen Chemie offenbart hatten, traute ich mir immer kniffligere Experimente zu und erfreute mich an meinem neuen Wissen darber, was einem die Natur so alles grogig zur Verfgung stellt.
Meine besondere Vorliebe galt den Giften.
Ich hieb mit einem Bambusspazierstock, den ich aus dem ElefantenfuSchirmster in der vorderen Eingangshalle gemopst hatte, auf das Unkraut ein. Hier hinten im Kchengarten hatten die hohen roten Ziegelmauern die wende
Sonne noch nicht durchgelassen. Alles war noch feucht vom ntlichen Regen.
Ich bahnte mir einen Weg durch das wuchernde, letztes Jahr nicht mehr geme Gras, bis ich am Fuder Mauer das Gesuchte entdeckte: ein Bschel hellrot schimmernder Pflanzen, deren dreiblrige Stauden sich von den anderen Kletterpflanzen abhoben. Ich zog die baumwollenen Gartenhandschuhe an, die ich mir in den Grtel gesteckt hatte, und machte mich, begleitet von einer schallend gepfiffenen Interpretation von Bibbidi-Bobbidi-Buu, frisch ans Werk.
Spr, als ich glcklich wieder in meinem Sanctum Sanctorum, meinem Allerheiligsten, sa- auf diesen Ausdruck war ich in einer Biografie Thomas Jeffersons geston und hatte ihn mir sogleich angeeignet -, stopfte ich die bunten Bler in einen Destillierkolben und achtete darauf, dass ich die Handschuhe erst auszog, nachdem ich alles bis ganz unten auf den Boden gedrckt hatte. Nun kam der Teil, der mir am meisten Spamachte.
Ich stpselte den Destillierkolben zu, verband ihn auf einer Seite mit einem Glaskolben, in dem bereits Wasser kochte, und auf der anderen mit einer gewundenen glrnen Khlschlange, die in ein leeres Reagenzglas mndete. Das Wasser brodelte wie verrckt, und ich sah zu, wie sich der Dampf seinen Weg in den Kolben mit den Blern bahnte. Die fingen schon an, weich zu werden und sich aufzurollen, wend der hei Dampf die winzigen Taschen zwischen den Zellen ffnete und die Essenz der Pflanze freisetzte.
So hatten schon die alten Alchimisten ihre Kunst praktiziert: Feuer und Dampf, Dampf und Feuer. Destillation.
Einfach herrlich.
Destillation. Ich sprach es laut vor mich hin: Des-til-la- tion!
Ehrfrchtig sah ich zu, wie sich der Dampf in der Glasspirale abkhlte und kondensierte, rieb mir verzckt die He, als sich der erste klare Tropfen am Glasrand bildete - und mit vernehmlichem Plopp! in das Auffanggeffiel.
Als das ganze Wasser verdampft war, drehte ich den Bunsenbrenner aus, sttzte das Kinn in die He und beobachtete gespannt, wie die Flssigkeit in dem Reagenzglas zwei Schichten bildete. Unten auf dem Boden sah man das klare destillierte Wasser, obendrauf schwamm eine gelbliche Flssigkeit, der Pflanzensaft. Er wurde Urushiol genannt, eine Substanz, die unter anderem bei der Lackherstellung verwendet wird.
Ich zog ein goldfarbenes Rhrchen aus der Pullovertasche, nahm die Kappe ab und musste schmunzeln, als die rote Spitze erschien. Es war Ophelias Lippenstift, aus der Schublade ihrer Frisierkommode geklaut, wie auch die Perlenkette und die Pfefferminzbonbons. Und Feely - Frein Rotzfahne - war nicht mal aufgefallen, dass ihr heieliebter Lippenstift verschwunden war.
Apropos Pfefferminzbonbons - ich steckte eins in den Mund und zermalmte es krachend.
Der Lippenstift selbst liesich ganz leicht herausdrehen. Ich zndete den Bunsenbrenner wieder an. Der wachsliche Stift verwandelte sich im Nu in eine klebrige Masse. Wenn Feely wsste, dass man Lippenstifte unter anderem aus Fischschuppen herstellt, dachte ich, w sie vielleicht nicht ganz so erpicht darauf, sich das Zeug auf den Mund zu schmieren. Ich musste es ihr bei Gelegenheit mal erzen. Aber das hatte Zeit.
Mit einer Pipette entnahm ich dem Reagenzglas eine kleine Menge destillierten Saft, lieihn vorsichtig in die Lippenstiftpampe trpfeln und rhrte die Mixtur mit einem Holzspatel krig durch.
Zu dnn, fand ich, nahm ein Gefaus dem Regal und fgte ein paar Klmpchen Bienenwachs hinzu, um die ursprngliche Konsistenz zu erreichen.
Jetzt war es wieder Zeit fr die Handschuhe - und fr die eiserne Patronengussform, die ich mir aus der recht passablen Feuerwaffensammlung von Buckshaw ausgeborgt hatte.
Schon komisch, dass ein Lippenstift genauso groist wie ein Projektil vom Kaliber 45. Gut zu wissen, jedenfalls. Wenn ich heute Abend im warmen Bettchen lag, musste ich ausfhrlicher darber nachdenken, was sich mit diesem Wissen noch alles anfangen lie jetzt war ich zu beschigt.
Nachdem ich den roten Pfropf behutsam aus der Gussform gelst und unter kaltem Wasser abgekhlt hatte, passte er wieder anstandslos in seine goldene Hlse.
Ich drehte ihn mehrmals raus und rein, um mich zu vergewissern, dass der Stift einwandfrei funktionierte, dann schob ich die Kappe wieder darber. Feely war eine Langschlrin und sabestimmt noch beim Frhstck.
Wo ist mein Lippenstift, du Miststck? Was hast du damit gemacht?
Der liegt in deiner Schublade, antwortete ich. Da hab ich ihn jedenfalls gesehen, als ich deine Perlenkette geklaut hab.
In meinem kurzen Leben war ich, als jngste von drei Schwestern, wohl oder bel zu einer Meisterin der gespaltenen Zunge geworden.
In der Schublade ist er nicht. Da hab ich eben erst nachgeschaut.
Hast du die Brille aufgehabt?, fragte ich feixend.
Obwohl uns Vater alle drei mit Brillen ausgestattet hatte, weigerte sich Feely hartnig, ihre aufzusetzen, und meine enthielt kaum mehr als Fensterglas. Ich trug sie fast nur im Labor, als Augenschutz, und sonst hin und wieder auch mal, um Mitleid zu erregen.
Feely schlug auf den Tisch und strmte in ihr Zimmer.
Ich konnte warten.
Mrs Mullet, die untersetzt und grau und rund wie ein Mhlstein war und die, da bin ich mir sicher, sich fr eine Gestalt aus einem Gedicht von A. A. Milne hielt, war in der Kche mit einem ihrer eitergelben Schmandkuchen beschigt. Wie gewhnlich kfte sie mit dem riesigen AGA-Herd, der die kleine, vollgestopfte Kche schier erschlug.
Ach, du bist's, Miss Flavia! Hilf mir doch bitte mal mit dem Herd, mein Schatz.
Noch ehe mir eine passende Erwiderung einfiel, stand Vater hinter mir.
Ich muss dich kurz sprechen, Flavia. Sein Ton war gewichtig wie die Bleistcke an den Stiefeln eines Tiefseetauchers.
Ich schielte zu Mrs Mullet hinber. Die pflegte sich nich beim kleinsten Anzeichen von Missstimmigkeiten aus dem Staub zu machen. Einmal hatte sie sich sogar, als Vater die Stimme erhoben hatte, in einen Teppich eingerollt und sich geweigert, wieder herauszukommen, bis man nach ihrem Mann geschickt hatte.
Sie schloss die Backofentr so behutsam, als w sie aus kostbarstem Kristallglas.
Ich muss los, verkndete sie. Das Mittagessen steht in der Weklappe.
Vielen Dank, Mrs Mullet, sagte Vater. Das kriegen wir schon hin. Wir kriegten es immer hin.
Sie ffnete die Kchentr - und stieunvermittelt einen Schrei aus wie ein in die Enge getriebener Dachs.
Ach herrje! Entschuldigen Sie vielmals, Colonel de Luce, aber _ um Himmels willen!
Vater und ich mussten uns an ihr vorbeidreln.
Es war ein Vogel. Eine Zwergschnepfe. Und zwar eine tote. Sie lag rcklings auf der Treppe, die steifen Flgel wie ein kleiner Flugsaurier ausgebreitet, die Augen mit einem ziemlich unschnen Film berzogen, und der lange schwarze nadelartige Schnabel zeigte senkrecht in die Luft. Etwas war darauf aufgespie und wehte im Morgenwind - ein Fitzelchen Papier.
Nein, kein Papierfitzelchen, sondern eine Briefmarke.
Vater bckte sich und rang pltzlich nach Luft. Er griff sich an die Kehle, seine He zitterten wie Espenlaub im Herbst, und sein Gesicht war aschfahl.

Produktinformationen

Titel: Flavia de Luce 1 - Mord im Gurkenbeet
Untertitel: Flavia de Luce 1 - Roman, Flavia de Luce 1
Autor:
Übersetzer:
EAN: 9783442376247
ISBN: 978-3-442-37624-7
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Blanvalet
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 400
Gewicht: 304g
Größe: H185mm x B116mm x T28mm
Veröffentlichung: 01.09.2010
Jahr: 2010
Land: DE

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