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Beim Hute meiner Mutter

  • Fester Einband
  • 172 Seiten
Die Figuren Adelheid Duvanels heißen Alois, Georg oder Taddea, sie sitzen am Küchentisch, schauen den Schneeflocken zu und fühlen ... Weiterlesen
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Beschreibung

Die Figuren Adelheid Duvanels heißen Alois, Georg oder Taddea, sie sitzen am Küchentisch, schauen den Schneeflocken zu und fühlen deren Kälte in ihrem Herzen. Sie rüsten sich umständlich für eine Reise, die sie gerade mal in die Nachbarstraße führt. Duvanel beobachtet mikroskopisch genau Menschen im Ausnahmezustand, bei alltäglichen Verrichtungen und kurz vor dem Untergang: ungeliebte Kinder, enttäuschte Gattinnen, betrügerische Ehemänner mit vergletscherten Herzen, windige Tunichtgute, in Einsamkeit verbarrikadierte Sonderlinge. In ihren erzählerischen Kleinstbiographien rückt sie Durchschnittsbürger genauso wie Außenseiter ins Blickfeld, deren Existenz plötzlich von der Mitte her einbricht - meistens genau dann, wenn sie es mit anderen Menschen zu tun bekommen. Liebevoll, mit atmosphärischer Dichte und manchmal selbst erschrocken über ihre Gestalten, erschafft Adelheid Duvanel ein literarisch staunenswertes Universum.

Autorentext

Adelheid Duvanel, geboren 1936 in Basel, arbeitete nach einer Lehre als Textilzeichnerin in verschiedenen Bürostellen, als Journalistin und Schriftstellerin in Basel, wo sie im Juli 1996 starb. Sie erhielt 1984 den Kranichsteiner Literaturpreis und 1987 den Basler Literaturpreis.



Klappentext

Mit Adelheid Duvanel ist eine der wichtigsten Autorinnen der Schweiz wiederzuentdecken. In diesem Band, der in Kollektion Nagel & Kimche erscheint, versammelt Peter von Matt ihre eindrücklichsten Erzählungen, einige davon erscheinen erstmals in Buchform. Diese Prosaminiaturen bewirken einen unwiderstehlichen und unheimlichen Sog - "sie lesen sich leicht und unterhaltsam, aber sie stammen aus der finstersten Gegenwart" (Peter von Matt).



Leseprobe
Kaspar liebte es nicht, wenn der Nebel die Kronen der Bäume versteckte und der Wind den Blumen den Mund zuhielt, so daß sie wie tote Vögel auf der Erde lagen, wohl aber liebte er das radschlagende Licht über den Kirchturmspitzen, die tanzenden Wellen des Flusses, die die Bäuche der Schiffe an sich preßten, den durchdringenden Gesang der Vögel. Als Kind, so wenigstens zeigte es ihm die Erinnerung, saß er in einem Zimmer und aß, und seine Mutter, auf deren Kopf ein großer Hut thronte, näherte sich jede Minute, um zu sehen, ob es ihm schmecke. Manchmal, wenn es finster wurde, die Uhr nicht mehr tickte und der Himmel zum Fenster hereinzufallen drohte, flogen weiße Blumen vorbei. Einmal, als Kaspar kein Kind mehr war, flatterte eine Fledermaus zum Fenster herein. Ihre Augen waren zart und leuchtend, ihre Stimme glich dem Orgelspiel des Satans, sie hatte gelbe Zähne, ihre Bewegungen waren fremdartig, tänzerisch, ihr Lächeln rein wie der Morgenhimmel. Sie sprach: "Guten Abend" und bat, sich setzen zu dürfen. Sie aß Weißbrot, trank Milch und blickte zum Fenster hinaus, wo Schneeflocken um eine großäugige Winternacht wirbelten und Bäume wie die Hände Verschütteter aus der Erde ragten. Das Fenster stand offen, denn Kaspar fürchtete immer zu ersticken. Nun betrachtete er den Besuch beunruhigt, denn es hatte ihn noch nie jemand von ähnlicher Art besucht. (Die gelegentlichen Visiten des Betreibungsbeamten nahm er nicht ernst.) Er fragte: "Wer bist du?", was beweist, daß er versuchte, seinen angeborenen Hang zur Höflichkeit zu unterdrücken, der ihm geboten hätte, die Fledermaus mit "Sie" anzureden. Es ist möglich, daß er dadurch das Befremdende, Unglaubliche entzaubern wollte, vielleicht hielt er auch deshalb in seiner Arbeit nicht inne, sondern fuhr fort, weibliche Figürchen aus Ton zu formen, die er jeweils verkaufte. Seine Mutter saß neben dem Ofen, wo sie die Zeitung gelesen hatte. Ihr Hut war von grellroter Farbe, und sie blickte recht selbstsicher darunter hervor, wahrscheinlich liebte sie es, sich und ihren Sohn unter seinem Schutz zu wähnen. Die Fledermaus räusperte sich, beugte sich über den Tisch und sprach einige geflügelte Worte, worauf das Figürchen, das Kaspar eben tüchtig und liebevoll geknetet hatte, wuchs, rostbraunes Haar bekam und blaue Augen, einen lächelnden Mund, niedliche Händchen und Füßchen, die sich bewegten. Da es möglicherweise schamhaft war, wurde es in ein weißes Spitzenkleid gehüllt, das, einer Schneewolke gleich, zum Fenster hereinschwebte. Kaspar, der nicht wußte, wie ihm geschah, stammelte: "Wie schön du bist" und betrachtete das Wunder von allen Seiten, als ob er seine Vollkommenheit anzweifelte. Während er noch von einem Fuß auf den andern trat, ohne sich dieser kindlichen Angewohnheit bewußt zu werden, erhob sich die Mutter aus ihrer Ecke, in welcher sie wie ein Pilz im finstern Wald gesessen hatte, öffnete ihren Mund, auf welchem Staub lag, und meinte, diese Figur sei ihrem Sohn besonders gut gelungen, und er werde sie wohl teuer verkaufen können. Das schöne Mädchen lächelte, als Kaspar sagte: "Ja, Mama", denn es schien, als wäre nicht er es, der diese Worte sprach, da seine Zunge sich nicht bewegte, sondern auf seiner Lippe lag. Er erinnerte sich, daß er bis jetzt Frauen geküßt hatte, wie man sonderbare Tiere streichelt, um sie, mehr noch sich selbst, zu beschwichtigen. Noch während verschiedene, nicht unangenehme Gedanken durch seinen Sinn gingen, begann der Hut der Mutter zu wanken, neigte sich wie ein Schneemann, den die

Produktinformationen

Titel: Beim Hute meiner Mutter
Untertitel: Erzählungen
Autor:
EAN: 9783312003327
ISBN: 978-3-312-00332-7
Format: Fester Einband
Herausgeber: Nagel & Kimche
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 172
Gewicht: 288g
Größe: H211mm x B131mm x T22mm
Jahr: 2004
Auflage: 3. A.
Land: DE

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