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«Ein gutes Buch garantiert ungestörten Lektüregenuss.»

Warum ist das Thema Entschleunigung so wichtig? Welches Buch hat Ihr Leben verändert? Im exklusiven Interview mit Torsten Woywod erfahren Sie mehr über den Buchhändler, der im Rahmen des Projekts «Around the World in 100 Bookshops» Buchhandlungen auf der ganzen Welt bereiste und nun mit «Mathilde und Marie» seinen ersten Roman vorlegt.

Torsten Woywod hautnah

Porträt Torsten Woywod
Bild: © Tanja Kioschis BTC Photography 2025

Interviewt von Ex Libris


02. Dezember 2025

Sie haben im Rahmen des Projekts «Around the World in 100 Bookshops» zahllose Buchhandlungen besucht. Welche ist bis heute Ihr absoluter Favorit?

Eigentlich ist es kaum möglich, in diesem Zusammenhang eine einzelne Buchhandlung hervorzuheben, da sie alle auf ihre Weise besonders sind und eine Geschichte zu erzählen haben. Ich mache es dennoch, indem ich mich für den Boekhandel Dominicanen entscheide.

Als ich diese Buchhandlung, die in einer alten gotischen Kirche im Herzen Maastrichts beheimatet ist, vor etwas mehr als zehn Jahren zum ersten Mal betrat, kam mir nämlich überhaupt erst die Idee, auf diese Art (weiter) zu reisen. Der Boekhandel Dominicanen brachte mich also zunächst zum Staunen, bevor er mich anschliessend dazu inspirierte, die schönsten und/oder aussergewöhnlichsten Buchhandlungen der Welt zu bereisen.

Was begeistert Sie so an Buchhandlungen?

Das können ganz unterschiedliche Dinge sein. Manchmal ist es die Architektur (wie eben in Maastricht), ein anderes Mal ist es ein besonderes Konzept (in Tokio gibt es zum Beispiel die Buchhandlung Morioka Shoten, die im wöchentlichen Wechsel immer nur ein Lieblingsbuch präsentiert), während es in anderen Fällen die Buchhändler*innen, die Historie, das Sortiment oder das Ambiente sind. Im allerbesten Fall ist es ein Zusammenspiel vieler dieser Dinge.

Was ich an Buchhandlungen am meisten zu schätzen weiss, ist die Ruhe, die sie verströmen. Und dass sie mich zuverlässig zu überraschen wissen, was bei beinahe jedem Besuch zu einem Spontankauf führt.
Was ich an Buchhandlungen am meisten zu schätzen weiss, ist die Ruhe, die sie verströmen.

Ihren ersten Roman widmen Sie den Buchhändler*innen dieser Welt – warum?

Das hat vielerlei Gründe. Zum einen bin ich selbst Buchhändler und habe mit der entsprechenden Ausbildung, die ich vor über zwanzig Jahren absolvierte, meine berufliche Heimat gefunden. Ich weiss das Miteinander, das in dieser Branche vorherrscht, seitdem sehr zu schätzen – nicht nur hierzulande, sondern überall. Als ich in Buchhandlungen um die Welt reiste, machte ich viele schöne und wertvolle Begegnungen, von denen ich bis heute zehre. Und nicht zuletzt war es ein Buchhändler-Ehepaar aus Redu, das mich (u. a.) zu dem Roman «Mathilde und Marie» inspirierte.

«Mathilde und Marie» erscheint am 15. Januar. Kurz und knapp: worum geht es?

Der Roman handelt von einer jungen Frau (Marie), bei der ein bestimmtes Ereignis dazu führt, dass sie ihr Leben in Paris hinter sich lässt und zu einer Reise mit unbekanntem Ziel aufbricht.

Durch eine Zufallsbegegnung landet sie in dem etwas aus der Zeit gefallenen Dörfchen Redu, wo sie nicht nur neue Seiten des Lebens, sondern auch neue Seiten an sich selbst entdeckt. Und sie trifft ganz besondere Menschen.

Im übertragenen Sinne würde ich sagen, dass der Roman von möglichen Kipppunkten in unserem Leben, von Freundschaften, von Büchern und von Empathie erzählt. Und von der Fähigkeit, jeden Tag etwas Schönes entdecken zu können. Schönes im Kleinen und im Grossen.

Was macht das Bücherdorf Redu so besonders?

Eine vollständige Aufzählung all jener Dinge, die diesen Ort so besonders machen, würde an dieser Stelle mit Sicherheit den Rahmen sprengen. Ich beschränke mich daher auf einige ausgewählte Eigenheiten.

Da wäre zunächst die Lage: Redu ist ein kleines Dorf inmitten der belgischen Ardennen, dessen Name sich vom Begriff «reduzieren» ableitet. Hier gibt es kaum Internet, doch die Schönheit der Natur, die Herzlichkeit der Menschen und der Zauber der Abgeschiedenheit haben mich immer wieder dorthin reisen lassen. Bei jedem Besuch stiess ich auf neue, liebenswerte Ungewöhnlichkeiten.

In diesem Zusammenhang wären beispielsweise die Zeiger der Kirchturmuhr zu nennen, die in jede Himmelsrichtung eine leicht unterschiedliche Uhrzeit anzeigen. Darüber hinaus ist Redu das zweitälteste Bücherdorf der Welt (auf 390 Einwohner*innen kamen zum Zeitpunkt der Romanhandlung dreizehn Buchhandlungen) – und gleichzeitig auch eines der schönsten Dörfer der Wallonie. Als solches wurde Redu im Sommer 2024 ausgezeichnet.

Mathilde oder Marie – welcher Figur fühlen Sie sich persönlich näher?

Vermutlich ist jede Figur dieses Romans mit irgendeiner Eigenschaft ausgestattet, die mir selbst nicht allzu fremd ist. Wenn ich mich zwischen Mathilde und Marie entscheiden müsste, würde ich aus einer ganzen Reihe von Gründen Marie wählen. Das ungläubige Staunen, mit dem sie zunächst der Natur begegnet, bevor es in eine dauerhafte Faszination und ein bewusstes Erleben übergeht, ist mir als Kind des Ruhrgebiets, das die Natur erst spät in all ihren Facetten kennen und lieben gelernt hat, sehr vertraut.
Wir können weder die Zeit, in der wir leben, noch die damit verbundenen Gegebenheiten ändern.

Sie haben bereits zwei Reiseberichte veröffentlicht. Inwieweit sind diese Erfahrungen in das Schreiben von «Mathilde und Marie» eingeflossen?

Ich glaube nicht, dass diese Schreibprojekte einen nennenswerten Einfluss auf die Entstehung des Romans hatten. Zum einen sind die Reiseberichte bereits vor gut zehn Jahren entstanden, zum anderen zeichneten diese ausschliesslich reale und persönliche Erlebnisse nach. «Mathilde und Marie» ist hingegen eine fiktive Erzählung, die sich nur hier und da einiger Anleihen aus der Realität bedient – kleine Versatzstücke, die dann von der Fantasie weitergesponnen und zu einer Geschichte ausgeformt wurden.

Im Zentrum des Romans steht unter anderem das Thema Entschleunigung. Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?

Wir können weder die Zeit, in der wir leben, noch die damit verbundenen Gegebenheiten ändern. Alles wird schneller, unmittelbarer und oftmals auch lauter. Umso wichtiger finde ich es, sich in all dem Lärmen der Welt mit ihrer «Höher, schneller, weiter»-Mentalität hin und wieder auch Zeit für sich selbst zu nehmen. Zeit fürs bewusste Erleben und das Erkennen vermeintlich kleiner Dinge, die jedoch grosse Freude bereiten können. Nur wer innehält, zuhört und reflektiert, kann auch geniessen.

Wie entschleunigen Sie selbst Ihr Leben am liebsten?

Mit einem Besuch der nächstgelegenen Buchhandlung. Mit einer Hunde-Gassirunde durch den Wald. Oder mit einer kleinen Auszeit in Redu, dem belgischen Bücherdorf, das nur circa zwei Stunden Fahrzeit von meinem Wohnort entfernt ist.

Wenn Sie Ihre Leser*innen mit einem Gedanken oder einer Botschaft zurücklassen könnten, welcher wäre das?

Wir sollten bei all dem Hass und all der Negativität, die heutzutage einen Teil der Gesellschaft und des Weltgeschehens prägen, nicht aus den Augen verlieren, dass es auf der Gegenseite weiterhin viel Schönes zu entdecken gibt.

Was bedeutet Lesen Ihnen persönlich?

So ziemlich alles. Lesen kann bilden, herausfordern und/oder unterhalten – und ich weiss jede dieser Eigenschaften sehr zu schätzen.

Gibt es ein Buch, das Ihr Leben nachhaltig verändert hat?

Ich glaube, das Buch, auf welches diese Zuschreibung am ehesten zutrifft, ist «Offene See» von Benjamin Myers. Dieser Roman war und ist mein Lieblingsbuch und wurde später auch zum «Lieblingsbuch der Unabhängigen» gewählt.

Ich habe das Online-Marketing für dieses Buch verantwortet, das ausgerechnet zwei Tage nach dem ersten Corona-Lockdown veröffentlicht wurde (im Hauptberuf arbeite ich beim DuMont Buchverlag). Unter diesen besonderen bis unvorhersehbaren Umständen trieben unsere Aktivitäten ungeplante Blüten. So schufen wir unter anderem einen Online-Austausch zwischen deutsch- und englischsprachigen Leser*innen – und das in einer Zeit, in der alle Kontakte eigentlich auf ein Minimum reduziert wurden. Genau das führte drei Jahre später dazu, dass ich mit meiner Freundin einen Verlag gründete, mit dem wir den Roman «Leonard und Paul» verlegten, der auf Anhieb ein SPIEGEL-Bestseller wurde.

(Die Originalausgabe dieses Titels ist im selben Verlag wie die frühen Werke von Benjamin Myers erschienen. Den Verleger und «Leonard und Paul» hätte ich jedoch nie kennengelernt, wenn es «Offene See» nicht gegeben hätte.) Zu guter Letzt trug «Offene See» entscheidend dazu bei, dass ich meine grosse Liebe zur Natur erkannte, die sich nun auch in «Mathilde und Marie» widerspiegelt.
In diesem Moment wurde mir bewusst, dass das passende Buch zur richtigen Zeit manchmal von elementarer Bedeutung sein kann.

Sie waren früher Buchhändler. Erinnern Sie sich an eine besonders kuriose oder ungewöhnliche Kundschaftsanfrage, die Ihnen bis heute im Gedächtnis geblieben ist?

Da gibt es viele Geschichten. Als ich mich noch in der Ausbildung befand, kam kurz vor Weihnachten eine ältere Frau in die Buchhandlung. Sie suchte eine bestimmte Kurzgeschichte, die sie im Rahmen einer Weihnachtsfeier vorlesen wollte. In der Buchhandlung hatten wir keinen Titel vorrätig, der diese Geschichte beinhaltete – und eine Bestellung kam aus Zeitgründen nicht infrage.

Als ich die immer grösser werdende Verzweiflung der Frau bemerkte, suchte ich im Internet nach der Geschichte und druckte sie aus, nachdem ich festgestellt hatte, dass der Text gemeinfrei war. Die Frau strahlte mich an, nahm den Ausdruck mit – und kehrte kurz darauf zurück, um mir eine riesige Packung Merci zu überreichen.

In diesem Moment wurde mir bewusst, dass das passende Buch oder die passende Geschichte zur richtigen Zeit manchmal von elementarer Bedeutung sein kann. Und wie schön es ist, wenn man dafür sorgt, dass Buch, Mensch, Anlass und Zeitpunkt perfekt aufeinander abgestimmt sind.
Darüber hinaus ist ein physisches Buch aus meiner Sicht das perfekte Medium.

Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung der Buchbranche, besonders in Zeiten von Digitalisierung und veränderten Lesegewohnheiten?

Ich neige grundsätzlich dazu, das Positive an den Dingen zu sehen. Natürlich konkurriert das Buch heutzutage mit mehr Medien und entsprechenden Angeboten als dies vor ein paar Jahren und Jahrzehnten der Fall war. Gleichzeitig bieten neue Medien aber auch die Möglichkeit, neue Leser*innen zu erreichen.

Darüber hinaus ist ein physisches Buch aus meiner Sicht das perfekte Medium, um sich selbst etwas Gutes zu tun: Man kann in der Geschichte versinken und muss dabei keinerlei Ablenkung befürchten. Es gibt keine eingehenden Nachrichten, keine Anrufe, keine Werbespots …

Ein gutes Buch garantiert ungestörten Lektüregenuss.

Welchen Buchhandlungen sollte man unbedingt einmal im Leben einen Besuch abstatten?

Am besten natürlich jeder einzelnen. Ich würde vor allem den Boekhandel Dominicanen in Maastricht empfehlen. Ein Besuch dort kann nämlich weitreichende Entscheidungen, grosse Ideen oder besondere Buchentdeckungen (und -käufe) zur Folge haben. Ich spreche da aus eigener Erfahrung.
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Überzeugen Sie sich selbst von «Mathilde und Marie»

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