Willkommen. Schön, sind Sie da!
Mein Ex Libris
💕 Geschenk zum Valentinstag gesucht?
Zum Geschenkefinder

«Darüber reden rettet Leben.»

Ein Gesprächsangebot über Alkoholismus – das ist «Belichtet und Benebelt». Im exklusiven Interview spricht Oliver Baer darüber, warum er sich entschieden hat, seine persönliche Geschichte schonungslos ehrlich mit der Welt zu teilen. Und warum wir einen verurteilungsfreien Raum benötigen, um über Sucht zu sprechen.

Oliver Baer hautnah

Porträt Oliver Baer
Bild: © Sarina Höppner

Interviewt von Ex Libris


09. Januar 2026

Können Sie kurz zusammenfassen, worum es in Ihrem Buch «Belichtet und Benebelt» geht?

Es ist ein Gesprächsangebot an uns alle. Über 250.000 Menschen leiden gegenwärtig an einer Alkoholabhängigkeitserkrankung. Meine Geschichte ist eine davon und sie steht exemplarisch für viele Schicksale. In meinem Buch gebe ich einen schonungslos ehrlichen Einblick in meine Suchtgeschichte. Nach aussen war ich erfolgreicher Fotograf, arbeitete mit Schweizer Musikern, für KMU und grosse Kampagnen. Dennoch konnte ich meine Sucht über Jahre verbergen, in einem selbstgebauten Kostüm aus Lügen und dem konsequenten Aufbau einer Fassade. Beziehungen und Freundschaften zerbrachen. Jede einzelne Komponente dieser Erkrankung kommt in diesem Buch zum Vorschein.

Es tut weh – wie ein kalter Entzug.

Was hat Sie dazu bewegt, Ihre persönliche Geschichte so offen in einem Buch zu teilen?

Die Verharmlosung von Alkohol und ihrer Folgen in der Gesellschaft haben mich nachdenklich gemacht. Hochfunktionale Menschen mit Abhängigkeit sind real – und sie sind mitten unter uns. Ehrlichkeit wiegt für mich mehr als jede Floskel. Genau deshalb habe ich meine Geschichte nackt, roh und ehrlich geschrieben. Es ging mir darum, das Innerste freizulegen, die Scham abzulegen und Sucht aus einem anderen Blickwinkel nüchtern zu belichten. Vielleicht hilft diese wahre Geschichte anderen Betroffenen, sich Hilfe zu holen und ihre eigene Scham abzulegen.
Hochfunktionale Menschen mit Abhängigkeit sind real - und sie sind mitten unter uns.

Wie haben Sie den Schreibprozess erlebt? War er für Sie eher eine Form der Therapie oder eine Herausforderung?

Es war eine Achterbahnfahrt der grossen Emotionen, mit jedem Satz kamen diese bedrückenden Stationen aus meinem Leben erneut hervor. Ich habe buchstäblich jede einzelne Situation gedanklich nochmals durchlebt. Intensiv, ohne doppelten Boden und Sicherheitsnetz. Nüchtern betrachtet, war es für mich eine unfassbar starke Therapie. Ich persönlich finde, es braucht einen starken Willen. Aber der alleine reicht nicht. Alkohol kann stärker sein. Deshalb ist es unfassbar wichtig, sich externe und professionelle Hilfe zu nehmen. In meinem Fall hat mich ein extrem starker Wille sehr unterstützt.

Sie beschreiben die zerstörerische Normalität des Alkohols. Wie sehen Sie die Rolle von Alkohol in der heutigen Gesellschaft, vor allem in der Schweiz?

Genau das ist entscheidende Punkt: die konsequente Verharmlosung von Alkohol in unserer Gesellschaft. Wenn die Weinlobbys Alkohol als «Kulturgut» betiteln und jede kritische Auseinandersetzung damit sofort als Kriminalisierung verstanden wird, dann habe ich viele Fragen.

Sind wir wirklich so weit, dass wir eine Droge als Kulturgut brauchen? Haben wir nicht genügend anderes, gesünderes Kulturgut, das unsere Gesellschaft prägt?

Dass Alkohol aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken ist, steht fest. Eine der zentralen Fragen ist nur: Muss der Zugang bereits ab 16 Jahren möglich sein?
Sind wir wirklich soweit, dass wir eine Droge als Kulturgut brauchen?

Sie haben sich früher hinter der Fotografie und einer Fassade versteckt. Glauben Sie, dass Social Media heute eine ähnliche Funktion erfüllt, um Probleme zu verbergen?

Ich finde es extrem schwierig über ein Feld zu urteilen, das ich selbst nicht genau kenne. Mein Social Media ist für mich echt und keine Fassade – und ehrlich gesagt auch noch Neuland.

Gleichzeitig kann ich mir gut vorstellen, dass dieses Medium genutzt wird, um eine Fassade aufzubauen und die Realität auszublenden.

Das Stigma rund um Alkoholismus ist ein grosses Thema. Was müsste sich Ihrer Meinung nach in der Gesellschaft ändern, damit Betroffene offener darüber sprechen können?

Wir brauchen einen Raum ohne Verurteilung. Die Gesellschaft muss sich von dem manifestierten Bild des Alkoholikers auf der Parkbank vor dem Einkaufscenter lösen – und aufhören dieses eine Bild als das Ganze zu sehen. Alkoholabhängigkeit betrifft alle Bevölkerungsschichten. Darüber reden rettet Leben. Wir reden heute offen über psychische Gesundheit, ohne Scham. Warum also nicht auch über Alkohol?
Oliver am Boden kniend

Was hat Ihnen nach Ihrem Tiefpunkt geholfen, wieder aufzustehen und weiterzumachen?

Ganz ehrlich: nach meinem körperlichen Entzug habe ich in kleinen Schritten wieder gesehen, wie sich der Nebel verzieht. Ich habe gelernt, mich selbst wieder lieb zu gewinnen und die einfachsten Dinge im Leben zu schätzen.

Den Boden wieder sicher unter den Füssen zu spüren. Und die Perspektive am Ende des Marathons zu sehen.

Haben Sie Tipps für den Umgang mit Sucht und den Weg zur Heilung?

Aus meiner persönlichen Erfahrung weiss ich, dass die treibende Kraft hinter Veränderung die eigene Entscheidung ist. Die Initialzündung muss von der betroffenen Person selbst kommen. Externe Hilfe kann und soll diesen Weg unterstützen. Sich Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.
Sich Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.

Welche Rolle spielt die Fotografie heute in Ihrem Leben, seit Sie nüchtern sind? Hat sich Ihre Perspektive darauf verändert?

Auf jeden Fall gab es einen Wechsel der Perspektive. Ich fotografiere heute nicht mehr kommerziell, habe und besitze nur noch eine Kamera, die Ruhe vermittelt.

Für mein Buch bin ich im 2025 an die Orte zurückgereist, die mich in meiner Sucht massgeblich geprägt haben. Ich habe nüchtern, manuell fokussiert und ohne Inszenierung fotografiert. Diese Bilder sind Teil meiner letzten Ausstellung an der PhotoSchweiz 26 und werden vom 6. bis 10. Februar 2026 im Kongresshaus Zürich zu sehen sein.

Für mich markiert das den Abschluss eines langen Kapitels. Privat werde ich die Kamera vermutlich in Zukunft in die Hand nehmen. Alles andere ist für mich ausgeschlossen.

Spoiler: Wer das Buch liest, erfährt warum.

Welche Ratschläge oder Gedanken möchten Sie Menschen mit Ihrem Buch auf den Weg geben?

«Belichtet und Benebelt» ist kein Ratgeber. Es ist die traurige Biografie eines 37-jährigen Schweizers.
Mein offener Brief ans Stigma und an die Gesellschaft ist unmissverständlich. Es muss sich etwas ändern. Für die Gesundheit unseres Landes – und für das Leid unter uns, das oft unsichtbar jeden Tag passiert. Alkohol verursacht in der Schweiz jährliche Gesundheitskosten von über 2 Milliarden Franken. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, Familien und Geschichten wie meine.

Sie haben Ihr Buch über ein Crowdfunding-Projekt finanziert. Wie haben Sie diesen Prozess erlebt?

Das war eine sehr spannende Angelegenheit, die extrem an den Nerven gezerrt hat – aber auch eine Erfolgsgeschichte für sich. Ich bin allen Unterstützerinnen und Unterstützern sehr dankbar, dass sie mein Gesprächsangebot bereits in dieser Phase genommen haben.

Durch meine jahrelange Tätigkeit im kreativen Umfeld konnte ich vieles selbst umsetzen – von der Webseite über Design, Cover und Layout bis hin zum Marketing. Das macht mich, ganz ehrlich, jetzt ein wenig stolz. Und ja – auch müde.

Was inspiriert Sie heute? Gibt es eine bestimmte Quelle, aus der Sie Kraft und Motivation schöpfen?

Seit ich jung bin begleitet mich Musik – insbesondere Schweizer Rap. Damals wie heute ist er meine Kraftquelle. Die Texte von Rappern wie Spooman, Greis, Phumaso und Smack oder Freezy inspirieren mich jedes Mal aufs Neue, auch wenn die Songs mittlerweile 20 Jahre alt sind. Kleine Randnotiz: Heute sind wir befreundet. Phumaso, Smack und Freezy haben meinem Buch sogar einen Song gewidmet: «Belichtet und Benäblet».
Seit ich jung bin, begleitet mich Musik - insbesondere Schweizer Rap.

Welches Buch würden Sie jedem empfehlen, und warum?

Die Biografie von Barack Obama – «Ein verheissendes Land». Meine beste Freundin brachte mir dieses Buch in die Klink. Ich habe es während meines Entzuges gelesen. Nicht wegen der Politik, sondern wegen der Ehrlichkeit über Zweifel, Herkunft und den eigenen Weg.

Wahrscheinlich auch, weil das einer der Menschen ist, den ich liebend gerne einmal vor der Linse gehabt hätte. Klingt verrückt, aber so ist es.

Barack Obama mit einem Glas Wasser. Ich sehe das Bild glasklar vor mir.
graue Linie

Lesen Sie «Belichtet und Benebelt»

Mehr von Oliver Baer.
graue Linie

Beliebte Kategorien

Schweizer Autor*innen
Interviews mit Autor*innen
Autor*innen
Inspirations-Welt