

Beschreibung
Dante Torre besitzt eine besondere Gabe. Er kann Menschen lesen. Aber er hat teuer dafür bezahlt. Elf Jahre war er eingesperrt in ein Betonverlies und darauf angewiesen, die kleinste Regung seines Entführers zu deuten. Als Jahre nach seiner Befreiung ein klein...Dante Torre besitzt eine besondere Gabe. Er kann Menschen lesen. Aber er hat teuer dafür bezahlt. Elf Jahre war er eingesperrt in ein Betonverlies und darauf angewiesen, die kleinste Regung seines Entführers zu deuten. Als Jahre nach seiner Befreiung ein kleiner Junge verschwindet, weiß Dante Torre, dass der Mann, den er Vater nennen musste, dahintersteckt. Doch der Vater gilt längst als tot. Nur Colomba Caselli glaubt Dante. Sie ist jung, gerade vom Dienst suspendiert und hat nichts zu verlieren bei dieser Ermittlung fern von allen Regeln. Dantes Spürsinn bringt die traumatisierte Frau auf eine Fährte: Jahrelang sind unzählige Kinder entführt worden - mit dem Ziel, ihre Erinnerung auszulöschen und sie zu neuen Menschen zu machen. Jetzt wird Colomba Caselli endgültig von ihrer Vergangenheit eingeholt ...
Sandrone Dazieri, geboren 1964 in Cremona, ist einer der wichtigsten Drehbuchschreiber für italienische Kriminalfilme. Er arbeitete als Lektor für Kriminalromane im größten Verlagshaus Italiens. Er lebt heute in Mailand, Rom, Pergola, Cremona und Moskau.
Autorentext
Sandrone Dazieri, geboren 1964 in Cremona, ist einer der wichtigsten Drehbuchschreiber für italienische Kriminalfilme. Er arbeitete als Lektor für Kriminalromane im größten Verlagshaus Italiens. Er lebt heute in Mailand, Rom, Pergola, Cremona und Moskau.
Leseprobe
3 Colomba saß noch weitere fünf Minuten auf dem Boden und atmete kontrolliert ein und aus. Seit der letzten Panikattacke waren Tage vergangen. Wochen. Die Anfälle hatten direkt nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus begonnen. Man hatte sie darauf vorbereitet, dass so etwas passieren konnte - es sei sogar zu erwarten, nach dem, was sie erlebt habe -, aber sie hatte sich auf ein leichtes Zittern und gelegentliche Schlafstörungen eingestellt. Doch der erste Anfall hatte sie wie ein Erdbeben erschüttert, und der zweite war noch schlimmer gewesen. Sämtliche Sinne waren durch den Sauerstoffmangel erloschen, und sie hatte sich dem Tod nahe geglaubt. Immer häufiger waren die Anfälle aufgetreten, bis zu drei-, viermal am Tag. Ein Geräusch oder ein Geruch reichte, um sie auszulösen. Rauchgeruch zum Beispiel.
Der Krankenhauspsychologe hatte ihr seine Nummer gegeben, damit sie ihn anrufen konnte, falls sie Unterstützung brauchte. Er hatte sie sogar eindringlich darum gebeten. Aber Colomba hatte weder mit ihm noch mit sonst jemandem darüber gesprochen. Sie hatte sich in einer Männerwelt durchgesetzt, und es gab dort nicht wenige, die sie lieber mit einer Tasse Kaffee als mit einer Pistole in der Hand sähen. Folglich hatte sie gelernt, Schwächen und Probleme vor ihren Mitmenschen zu verbergen. Außerdem dachte sie in ihrem tiefsten Innern, dass sie es verdient hatte. Als Strafe für die große Katastrophe.
Während sie sich ein Pflaster auf den Handknöchel klebte, dachte sie darüber nach, ob sie Rovere anrufen und zum Teufel schicken sollte, aber das widerstrebte ihr aus irgendeinem Grund. Sie würde die Begegnung auf das Nötigste beschränken, und wenn sie erst ihren guten Willen unter Beweis gestellt hätte, würde sie heimkehren und das Kündigungsschreiben, das bereits in der Küchenschublade lag, in den Briefkasten werfen. Danach würde sie sich Gedanken darüber machen, was sie mit ihrem Leben anstellen sollte. Sie hoffte, dass sie nicht so werden würde wie diese pensionierten Kollegen, die um das Präsidium, die Questura, herumschlichen und sich immer noch als Teil der Familie fühlten.
Draußen entlud sich jetzt ein Gewitter, das die Erde in ihren Grundfesten zu erschüttern schien. Colomba zog eine Regenjacke über ihr Sweatshirt und verließ die Wohnung.
Am Steuer des Streifenwagens saß ein junger Polizist, der trotz des Regens ausstieg, um sie zu begrüßen. »Alberti Massimo, Dottoressa Caselli.«
»Steig ein, sonst wirst du nass.« Sie setzte sich auf den Beifahrersitz. Ein paar Nachbarn waren im Schutz ihrer Regenschirme stehen geblieben und beobachteten die Szene neugierig. Colomba war erst kürzlich eingezogen, und nicht alle wussten, was sie beruflich machte. Wahrscheinlich wusste es niemand, wenn man bedachte, wie selten sie mit jemandem sprach.
Colomba war der Streifenwagen so vertraut wie die eigene Wohnung. Das reflektierende Blaulicht in der Windschutzscheibe, das Knistern des Funkgeräts und die Fotos der Vermissten, die an der Sonnenblende hingen, begrüßten sie wie alte Bekannte, die sie lange nicht mehr gesehen hatte. Bist du wirklich bereit, hierauf zu verzichten? Nein, war sie nicht. Aber es gab keine Alternative.
Alberti schaltete die Sirene an und fädelte sich in den Verkehr ein. Colomba schnaubte. »Mach die aus«, sagte sie. »Wir haben es nicht eilig.«
»Ich habe Anweisung, Sie so schnell wie möglich hinzubringen, Dottoressa«, erwiderte Alberti, kam ihrer Bitte aber nach.
Der junge Mann war etwa fünfundzwanzig und hatte helle Haut mit einem Anflug von Sommersprossen. Sein Rasierwasser gefiel ihr, aber für die Tageszeit roch es ziemlich intensiv. Vielleicht hatte er den Flakon dabei und sich extra noch einmal eingesprüht, um Eindruck zu schinden. Auch die Uniform war erstaunlich sauber.
»Bist du neu?«, erkundigte Colomba sich.
»Ich habe vor einem Monat die Polizeischule beendet, Dottoressa, nach dem freiwilli
