

Beschreibung
Bergsteigen eignet sich für die wandelbare Projektion von Gemeinschaftssehnsüchten und für hart umkämpfte Entwürfe von Identität, die auf vielfältige Weise in den Geschlechtergegensatz verstrickt sind. Dieses Buch befragt die alpine Literatur der zurückliegend...Bergsteigen eignet sich für die wandelbare Projektion von Gemeinschaftssehnsüchten und für hart umkämpfte Entwürfe von Identität, die auf vielfältige Weise in den Geschlechtergegensatz verstrickt sind. Dieses Buch befragt die alpine Literatur der zurückliegenden 150 Jahre daraufhin, wie soziale Nahbeziehungen "am Berg" verhandelt wurden.
»Facettenreiche Darstellung und umsichtige Interpretation der sozialen Nahbeziehungen beim Bergsteigen bis in die jüngste Zeit.« Jürgen Reulecke, H-Soz-Kult, 27.07.2017
Autorentext
Wibke Backhaus ist Referentin für Gleichstellung und Diversität der Hochschule Heilbronn.
Klappentext
Bergsteigen eignet sich für die wandelbare Projektion von Gemeinschaftssehnsüchten und für hart umkämpfte Entwürfe von Identität, die auf vielfältige Weise in den Geschlechtergegensatz verstrickt sind. Dieses Buch befragt die alpine Literatur der zurückliegenden 150 Jahre daraufhin, wie soziale Nahbeziehungen "am Berg" verhandelt wurden.
Leseprobe
Alpinismus, Freundschaft und Geschlecht: Einleitung
"Es sind nicht nur Geschichten von rauen Abenteuern in unerkundeten Gegenden, in denen Härte und Durchhaltevermögen zählen. Es sind auch Berichte voller Menschlichkeit und echter Freundschaft" (Mundologia 2012: 40)
Berggeschichten, diese Beobachtung teilt meine Arbeit mit dem oben zi-tierten Werbetext für einenVortragsabend, handeln nicht nur vom einsa-men Kampf eines oder einer Einzelnen gegen eine unwirtliche Natur. Eng mit der Sehnsucht nach Abenteuer, Naturerlebnis und einem Ort außer-halb der erkundeten Zivilisation verbunden ist die Idee einer zwischen-menschlichen Nähe, die dort und nur dort erfahren werden kann. Eine raue Natur, so die Botschaft, erfordere und bedinge eine "Menschlich-keit", die im Hochgebirge im Extrem erfahrbar werde.
Bergsteigen eignet sich offenbar auf besondere Weise für die Projektion von Gemeinschaftssehnsüchten und Entwürfe idealer Subjekti-vität. Dieser Dimension alpinistischer Selbst- und Fremddeutungen geht die vorliegende Arbeit nach. Sie befragt die alpine Literatur eines Zeitraums von circa 150 Jahren daraufhin, wie in ihr und mit ihrer Hilfe soziale Nahbeziehungen am Berg verhandelt werden und arbeitet die ver-geschlechtlichten Implikationen dieser Verhandlungen heraus. Als Material dienen mir deutschsprachige Bergbücher - oft reich bebilderte Tourenberichte, in denen Bergsteiger/innen und Alpinjournalist/innen von Reisen in die Gebirge der Welt erzählen. Historischer Ausgangspunkt der diskursanalytischen Untersuchung ist die Phase der Gründung der ersten alpinen Vereinigungen und Erstersteigungen der hohen Alpengipfel um 1860. Ausgehend von den Schilderungen dieser Alpenreisenden des klassischen Alpinismus (zur Periodisierung vgl. Perfahl 1984: 74ff.) verfolge ich dann die Verhandlungen sozialer Nahbeziehungen am Berg durch das 20. Jahrhundert hindurch.
Überraschenderweise ist das Freundschaftsmotiv in wissenschaftlichen Reflexionen des Phänomens Alpinismus selten zum Gegenstand gewor-den. Das mag am unübersichtlichen Stand der Freundschaftsforschung liegen, die sich nur schwer auf gemeinsame Leitfragen, Begriffe und theo-retische Modelle festlegen lässt. Vor allem ist diese Leerstelle aber wohl in der unmittelbaren Plausibilität der alpinistischen Freundschaftserzählung selbst begründet: Erfahren die Akteur/innen in gefährlichen Situationen doch eine unmittelbare Abhängigkeit von ihren Kletterpartner/innen. Todesgefahr und Abgeschiedenheit, Knappheit von Lebensmitteln, Medi-kamenten oder Sauerstoff aber auch die Enge im Zelt und die Notwendigkeit, gemeinsame Entscheidungen zu treffen, prägen die Gemeinschaftserfahrung am Berg. Zusammenhalt und gegenseitiges Ver-trauen sind für das Gelingen der Unternehmungen unabdingbar; der Tod von Seilgefährt/innen oder Situationen, in denen das eigene Leben von der Hilfe anderer abhängig ist, gehören für diejenigen, die extreme Varianten des Bergsports betreiben, zum Erleben am Berg dazu.
Dennoch ist die Idee eines besonderen Gemeinschaftserlebens am Berg keinesfalls ein unmittelbares Ergebnis der Lebensgefahr oder des Aufenthalts in unwirtlichen Gegenden. Sie hat ihre eigene Geschichte, die mit sich wandelnden sportlichen Praxen und Veränderungen in der Zusammensetzung von Expeditionsgruppen verbunden ist; sie legitimiert, erklärt und ermöglicht diese Veränderungen. So wenig selbstverständlich wie die Annahme, dass Lebensgefahr und Entbehrungen zu harmonischer "Menschlichkeit und echter Freundschaft" führen - im Gegenteil: die Ge-schichte der Freundschaft am Berg wird sich auch als Geschichte des Erzählens und Verschweigens von Konflikten entpuppen -, so wenig selbstverständlich ist die Annahme, dass es sich hierbei um einen erzäh-lenswerten Kern des Bergerlebnisses handelt. Auf welche Weise zwischen-menschliche Nähe am Berg thematisiert oder verschwiegen wird, zwischen wem sie denkbar scheint oder sogar eingefordert wird, wie sie benannt wird, welche Formen sie annimmt und auf welche Weise sie sich in den Erzählungen der Bergsteiger/innen jeweils beweist, erzählt viel über alpinistische Selbstverständnisse und Ideale.
Im Zentrum meiner Analyse der Verhandlungen sozialer Nahbe-ziehungen am Berg steht dabei die Frage nach der Vergeschlechtlichung der alpinistischen Freundschaftserzählung. Auch im obigen Zitat verweisen "Härte und Durchhaltevermögen" auf ein vergeschlechtlichtes Stereotyp der beim Bergsteigen verlangten Qualifikationen. Alpinistische Männlichkeitsentwürfe der Gegenwart behaupten sich meist gegen solche Annahmen harter Männlichkeit:
"Das ist ein Klischee, ein völlig falsches Bild. Natürlich hängt es mit der Bergstei-gerei zusammen. Der Bergsteiger ist ein harter Mann. Auch der Typus Natur-mensch ist immer noch machobesetzt. Aber ich bin nicht so." (Messner 1996: 82)
Reinhold Messners "immer noch" verweist auf eine Vergangenheit, in der die Verknüpfung von Bergsteigen mit einem Ideal männlicher Härte selbstverständlich gewesen sei. Tatsächlich gilt das Bergsteigen in weiten Teilen des hier untersuchten Zeitraums als besonders männliche Angele-genheit. Insbesondere in der Zwischenkriegszeit charakterisieren Risikobe-reitschaft, Durchhaltevermögen, das Antreten gegen einen als Gegner imaginierten Berg oder die Eroberung unbekannten Territoriums den Bergsteiger entlang kriegerischer Ideale. Diese symbolische Verknüpfung von Bergsteigen und Männlichkeit ist an einen Ausschluss von Frauen ge-bunden, der vielfältige Formen annehmen kann: Bergsteigerinnen werden Vereinsmitgliedschaften verweigert und Expeditionseinladungen versagt, ihre Fähigkeiten werden infrage gestellt oder lächerlich gemacht, die Pu-blikation ihrer Tourenberichte erfolgt gar nicht oder nur anonym (vgl. z. B. Wirz 2007; Runggaldier 2011). Die Freundschaft am Berg ist in die-sem Kontext nicht einfach die milde Seite des Abenteuers, sondern (zum Beispiel in Form männerbündischer Zusammenschlüsse) Medium des Ausschlusses. Als Grenzen überschreitende, persönliche Bindung kann sie aber, das wird die Untersuchung gleicherweise zeigen, auch Chancen der Teilhabe eröffnen.
Die Prinzipien des heroischen Alpinismus der Zwischenkriegszeit, Vorstellungen von Kampf und Opfer am Berg, gelten spätestens mit dem Aufkommen der Sportkletterbewegung in den 1970er Jahren als überholt. Damit scheint auch die Entwicklungsgeschichte einer überwundenen oder in Überwindung begriffenen Männerdominanz im Bergsport unmittelbare Plausibilität zu besitzen. Der Alpinhistoriker Peter Grupp (2008) bei-spielsweise versteht die Geschichte des Frauenbergsteigens als "Kapitel der Emanzipation der Frau von der traditionellen Rolle des Heimchens am Herde" (ebd.: 236). Ernst Hanisch schreibt in seiner Geschichte der Männlichkeiten (2005), die dem Alpinismus immerhin ein eigenes Kapitel widmet, dass dieser in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seinen "männlichen Charakter stark eingebüßt" habe …