

Beschreibung
Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin Renate Mayntz (1929) gehörte über viele Jahrzehnte zu den führenden Vertretern erst der Gemeindestudien und Organisationssoziologie, dann der Verwaltungswissenschaft und später der Gesellschaftsforschung. Ihre Vita i...Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin Renate Mayntz (*1929) gehörte über viele Jahrzehnte zu den führenden Vertretern erst der Gemeindestudien und Organisationssoziologie, dann der Verwaltungswissenschaft und später der Gesellschaftsforschung. Ihre Vita ist mit einer Reihe von Schlüsselereignissen der deutschen Zeitgeschichte verknüpft. Die Nachkriegszeit erlebte sie unter amerikanischer Besatzung, die Ereignisse um »1968« an der Freien Universität in West-Berlin. Während der Kanzlerschaft Willy Brandts engagierte sich Mayntz in der Politikberatung und verarbeitete die dort gewonnenen Erfahrungen später in ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Im Gespräch mit Ariane Leendertz und Uwe Schimank blickt die Gründungsdirektorin des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung auf ihre Lebensgeschichte und ihren beruflichen Werdegang zurück und erläutert ihr Selbstverständnis als eine der Aufklärung durch Wissenschaft verpflichtete Sozialwissenschaftlerin.
»Das Gespräch, das fast 100 Seiten umfasst, ist unbedingt lesenswert. Es dokumentiert nicht nur die thematische und theoretische Breite ihrer Arbeit und stellt sie in einen intellektuellen und gesellschaftlichen Zusammenhang, sondern vermittelt gleichzeitig einen instruktiven Einblick in den Wandel der Soziologie in den letzten 60 Jahren.« Prof. Dr. Bettina Heintz, Soziologische Revue, 07.01.2021
Autorentext
Ariane Leendertz ist Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Uwe Schimank ist Professor für Soziologie an der Universität Bremen.
Leseprobe
Vorwort Das Zustandekommen dieses Buches kommt einem kleinen Wunder gleich: Denn für Renate Mayntz gibt es wohl kaum etwas Überflüssigeres, als über die eigene Biografie zu sprechen. Mehr als das, was sie in sparsam dosierter Form zu früheren Gelegenheiten dazu geäußert hat, gebe es doch wirklich nicht zu sagen. Auch teilt Mayntz mit Theodor Adorno die Überzeugung, es sei »nicht möglich, aus einer freien Improvisation etwas Gedrucktes zu machen, es sei denn, die Ansprüche dabei wären bescheidener als meine«. Ein Gespräch ist in der Tat etwas anderes als ein systematisch durchkomponierter, theoretisch und empirisch hieb- und stichfester, präzise argumentierender wissenschaftlicher Aufsatz. Für Außenstehende, zumal historisch Neugierige, ist die Vita von Renate Mayntz jedoch durchaus von Interesse. Zum einen machten nur wenige Frauen aus ihrer Generation Jahrgang 1929 eine wissenschaftliche Karriere, noch weniger eine derart exzeptionelle: Auf deren Höhepunkt wurde sie zur Gründungsdirektorin eines Max-Planck-Instituts berufen, das unter der gemeinsamen Leitung mit Fritz Scharpf rasch großes Renommee im In- und Ausland erwarb. Zum anderen sind der persönliche Lebensweg und der berufliche Werdegang von Renate Mayntz mit einer Reihe von Schlüsselereignissen der deutschen Zeitgeschichte verflochten. Aufgewachsen unter dem NS-Regime, erlebte Mayntz als Jugendliche den Zweiten Weltkrieg und legte ihr Abitur 1947 in der US-amerikanischen Besatzungszone in West-Berlin ab. Hunger und Bomben, physische Gewalt und Gefahr und schließlich der völlige Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung prägten über viele Jahre den Alltag der meisten Deutschen, die die Kriegszeit erlebten. Als Mayntz 1948 ein Vollstipendium am renommierten Wellesley College in Boston erhielt, lernte sie eine vollkommen neue Welt kennen. Hier herrschten Wohlstand und Sicherheit, hier hatte sie erstmals Kontakt mit dem Fach Soziologie und hier nahm eine lebenslange persönliche Bindung zu den Vereinigten Staaten ihren Anfang. Als Wissenschaftlerin orientierte sich Mayntz schon früh an amerikanischen Forschungsansätzen und Methoden und tauchte in die akademische Kultur der USA ein besonders intensiv, als sie zwischen 1958 und 1960 an der Columbia University in New York zu Gast war und in den intellektuellen Zirkel des »Upper West Side Kibbutz« um Daniel Bell eingeführt wurde. Informelle, kollegiale Umgangsformen waren hier im Unterschied zu zementierten Hierarchien und Traditionen in den deutschen Universitäten vollkommen selbstverständlich. Die Geschichte der Bundesrepublik ist ohne die wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Verbindungen mit den USA politisch als Westbindung, kulturell als Amerikanisierung bezeichnet kaum zu verstehen. Renate Mayntz können wir als eine der zahlreichen transatlantischen Mittlerinnen und Mittler begreifen, die dazu beitrugen, dass sich in Westdeutschland eine offene, pluralistische und demokratische Gesellschaftsordnung entwickelte. Als die Studentenbewegung in den 1960er-Jahren gegen den »Muff von 1.000 Jahren« in der westdeutschen Professorenschaft protestierte, zählte Mayntz, seit 1965 Ordinaria an der FU Berlin, zunächst zu den Reformern, die sich auf die Seite der Studentenschaft stellten. Das Umkippen von Teilen der Bewegung in Dogmatismus, ideologisches Denken und Gewalt erlebte sie dann jedoch als große Enttäuschung. Für Mayntz und andere Angehörige ihrer Altersgruppe, die sich in der Charakterisierung als »skeptische Generation« zustimmend wiederfanden, roch das allzu sehr nach Altbekanntem, schien die Bewegung mehr und mehr totalitäre Grundzüge aufzuweisen, die man mit dem Nationalsozialismus assoziierte. Da die Arbeitsbedingungen an der FU Berlin infolge erbitterter hochschulpolitischer Kämpfe zunehmend unerträglich wurden, wechselte Mayntz 1971 an die Verwaltungshochschule in Speyer und von dort 1973 an die Universität zu Köln. Parallel zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit engagierte sie sich zur Zeit der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt für innenpolitische und administrative Reformen, für die die Regierung in jenen Jahren verstärkt Kontakt mit Wissenschaftlern suchte, um deren fachliche Expertise zu nutzen. Auch wenn Mayntz die aktive Politikberatung Ende der 1970er-Jahre hinter sich ließ, blieb sie verschiedenen Kommissionen und Behörden als Gutachterin erhalten. Diese praxisbezogene Tätigkeit stand stets in reger Wechselwirkung mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Politikberatung, Beziehungen zwischen Wissenschaft und Politik oder politisch-administrative Sachfragen mutierten zu Forschungsgegenständen und führten zu neuen Forschungsfragen, Projektideen und theoretischen Reflexionen. Sucht man schließlich nach einem Thema, das den persönlichen Lebensweg der Forscherin mit ihrem wissenschaftlichen Interesse verbindet, so ist es wohl die Ordnung des Sozialen und deren Fragilität. Mayntz ging es immer wieder darum, zu verstehen und zu erklären, wie Organisationen und größere soziale Systeme funktionieren (seien es Industriebetriebe, Gemeinden, Ministerien, Politiknetzwerke, gesellschaftliche Sektoren oder illegale Märkte); was die Voraussetzungen oder Hindernisse effektiven politischadministrativen Handelns sind (sei es zu Zeiten relativer nationalstaatlicher Autonomie oder in Zeiten von Europäisierung und Globalisierung); unter welchen Bedingungen Steuerung erfolgreich ist oder warum Steuerungsversuche scheitern (seien es Reformvorhaben der sozialliberalen Ära oder die Finanzmarktregulierung nach 2008). Mayntz fragte wieder und wieder, inwiefern die Wissenschaft Antworten auf soziale oder politische Probleme formulieren und damit zu gesellschaftlicher Stabilität und sozialer Gerechtigkeit beitragen kann und welchen internen und externen Kräften und Dynamiken die politische und soziale Ordnung ausgesetzt ist, die stets fragil bleibt und sich laufend verändert. Die in diesem Band wiedergegebenen Gespräche mit Renate Mayntz fanden am 14. August und 24. September 2018 in Köln statt. Die Tonbandaufnahmen wurden von Katrin Dorfmüller transkribiert und in mehreren Durchgängen von den drei Gesprächspartnern überarbeitet. Darüber hinaus enthält der Band eine Sammlung von Aufsätzen aus allen Karrierephasen von Renate Mayntz, die Einblick in die Entwicklung ihrer Forschungsinteressen und ihres wissenschaftlichen Denkens geben. Christel Schommertz und Thomas Pott unterstützten u…