

Beschreibung
"Tausend und eins" beschreibt eine Zeit aus den Fugen, in der politische, ökologische und gesellschaftliche Katastrophen eine Spaltung der Gesellschaft vorantreiben. Ein »Ruck«, der das geistige Klima zu verändern scheint. Es gibt keine Garantie, dass das Erzä..."Tausend und eins" beschreibt eine Zeit aus den Fugen, in der politische, ökologische und gesellschaftliche Katastrophen eine Spaltung der Gesellschaft vorantreiben. Ein »Ruck«, der das geistige Klima zu verändern scheint. Es gibt keine Garantie, dass das Erzählen von Geschichten, auch nicht von Tausend und einer, das Überleben sichern, und auch das (philosophische) Denken nicht. Dass dieser »Ruck« in der Gesellschaft, ausgelöst unter anderem durch aktuelle Themen wie Obdachlosigkeit und Flüchtlings- problematik, auch durch die eigene Familie geht, bestürzt ihn. Während gerade die isländische Aschewolke über Europa schwebt, beschäftigt sich der Ich-Erzähler in seiner Lektüre mit dem Ausbruch des Vesuv, mit der Beschreibung des Lebens im Gulag oder mit der gewaltvollen Besetzung Abessiniens, die sich immer mehr mit der realen Geschichte eines irregulären Einwanderers aus Äthiopien in Rom vermischt. Das Schicksal dieses Äthiopiers beschäftigt ihn zunehmend, zumal auch sein Freund Mara sich immer mehr in eine Liebesgeschichte mit ihm einlässt. "Tausend und Eins" führt tief in die Zustände der heutigen Welt Fremdenfeindlichkeit, Naturkatastrophen, Umweltzerstörung und, trotz der Deutungsversuche mithilfe von Wittgenstein, in die eigene Ratlosigkeit, in Anbetracht der »Rucke«, die die Welt beherrschen.
Autorentext
Kari Hukkila, geboren 1955 in Helsinki, studierte unter anderem Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie in Helsinki, seit den 1980er Jahren publiziert er Essays, überwiegend zu literarisch-philosophischen Themen; 2010 erschien die Sammlung "Kerettiläisesseet" (Ketzeressay). Neben Herausgeberschaften zu Stéphane Mallarmé in der Zeitschrift Hyperion zahlreiche Arbeiten als Drehbuchautor für Bühne und Fernsehen, etwa für das TV-Drama "Katso ihmistä" (Schau die Menschen an) über Blasphemie. Mit "Tuhat ja yksi" (Tausend und eins) erschien 2016 sein erster Roman, der thematisch sein Interesse für das Leben von Immigrant:innen fortsetzt.
Leseprobe
Bereits im April stand fest, dass ich am Donnerstag, den 17.6., von Helsinki nach Uukuniemi an der Ostgrenze fahren würde, um mich einer Arbeit zu widmen, die den ganzen Frühling auf mir lastete, weil sie durch eine Auseinandersetzung mit einigen meiner Verwandten geprägt war. Ich fahre aufs Land, es bringt nichts, ich bleibe über Mittsommer, vier oder fünf Wochen, sagte ich einem guten Freund, der aus Rom anrief und mich an mein Versprechen erinnerte, ihn an Mittsommer zu besuchen. Als ich am Donnerstag gegen Mitternacht ankam, sah ich schon aus der Ferne, dass zwei hohe Birken vom Nachbargrundstück über den Zaun auf die Blockhütte im Schweizer Stil gestürzt waren, die Baumwipfel und armdicken Äste ragten mehrere Meter in die Höhe, doch das Gebäude schien heil geblieben zu sein, obwohl die Bäume quer auf der Terrasse lagen und sich vor der Tür verkeilt hatten. Ich versuchte, mir einen Weg zur Tür zu bahnen, vergeblich, und eine Stunde später beschloss ich, in der Umkleide der Sauna zu schlafen, doch der Schlaf wollte nicht kommen. Die Arbeit sollte am Morgen (18.6.) um zehn beginnen, am nächsten Freitag, also am Tag vor Mittsommer (25.6.) würde ich meine Notizen durchgehen, und am darauffolgenden Freitag (2.7.) wäre die Arbeit zur Hälfte fertig, um eine Art Beobachtungspunkt einnehmen zu können. Ich hatte beschlossen, die Arbeitsetappen und Zeitpläne durch nichts erschüttern zu lassen, nun wälzte ich mich auf meinem provisorischen Bett herum, die Angelegenheit mit den Birken müsste geregelt werden, der Beginn der Arbeit würde sich verzögern, und als ich gegen vier Uhr morgens endlich wegdöste, begann ein lauter Kuckuck über mir im Baumwipfel zu lärmen, als wollte er mir jede volle und halbe Stunde anzeigen. In der Früh erschien die Lage bei den Birken noch mindestens genauso übel wie in der Nacht. Du glaubst nicht, wie es hier aussieht, zwei große Birken, gerade als die Arbeit beginnen sollte, sagte ich später am gleichen Tag zu Mara, als er anrief, ich wusste, dass er mich wieder nach Rom einladen würde. Deine Scheite kannst du auch später noch spalten, sagte Mara, so wie er stets sagte, du wirst deinen Wittgenstein noch öfter aufschieben, womit er recht behielt. Er hatte bereits in jungen Jahren seine Wittgenstein-Scheite gespalten, mit etwas über zwanzig war er der aufstrebende Stern der weltweit renommierten Wittgenstein-Schule Finnlands, er befand sich auf demselben Weg wie Von Wright oder Hintikka, die ihre Wittgenstein-Scheite so gut gespalten hatten wie sonst niemand, doch zu aller Entsetzen hörte Mara mit der Philosophie auf, unwiderruflich, wie er allen sagte. Zwei große Birken sind umgestürzt, und jede von ihnen wiegt über eine Tonne, sagte ich Mara. Auf dem Nachbargrundstück steht ein kleines, verlassenes Sommerhäuschen, in dem seit mindestens zwanzig Jahren niemand mehr war, beantwortete ich eine Frage Maras, rund um das Sommerhäuschen lag ein gutes Dutzend umgestürzter Bäume, eine lange Birke über der anderen. Ich beendete das Telefonat abrupt, ich muss los, das Hinterland, Freitag, das Wochenende fängt an, ich muss 15 Kilometer fahren, eine mir bekannte Bibliothekarin weiß, was zu tun ist, sagte ich, während ich um die Hütte spazierte, und obwohl das Gebäude offenbar keinen Schaden genommen hatte, beschlich mich das Gefühl einer Schicksalswendung, die Windböe hatte nicht nur die Birken umgeworfen, sondern auch meine Arbeit getroffen, die ich von April an geplant hatte. Die Auseinandersetzung mit meinen Verwandten begann während der letzten Märztage, als ich in meiner Unüberlegtheit einen ihrer Runden im Restaurant auf Uunisaari besuchte, das für diesen Anlass reserviert worden war. Der Streit kam aus dem Nichts. Ihnen missfiel dieses Buch von mir, wie sie sagten. Ich hatte ein paar Monate zuvor herausgefunden, dass mein neun Jahre jüngerer Bruder in Einwanderungsgefaselforen aktiv war, wie ich ihm alsbald sagte, und dass mich dieses Gefasel mitsamt seinen verlogenen Gefühlen von Zusammengehörigkeit an einen kollektiven Rausch erinnerte, und man Menschen nicht wie Vieh sortieren kann, wie ich ebenfalls sagte. Dass diese Dinge etwas von öffentlicher Unterhaltung hatten, ließ mich schaudern, es erinnerte mich an den Zerfall der Familienbande und weckte auch sonst starke Gefühle, und trotzdem hatte ich einen Moment zuvor, als ich beim Kaivopuisto über den Wintersteg zur Uunisaari gegangen war, mit nichts gerechnet Der feuchte, skandinavische Nebel, das Meer und die zerzauste Vorjahreswiese dufteten, vom Steg aus konnte man die Ziegelsteinbauten und dunklen Baumstämme auf der Insel kaum erkennen. An der Tür zum Restaurant drehte ich mich zur Terrasse, auf der eine Rauchergruppe stand, darunter auch mein Bruder, ohne zu ahnen, dass dieselbe Front, die in diesem Moment, im Frühjahr 2010, Finnland sowie den Rest Europas von Athen bis Budapest und Stockholm zweiteilte, kurz darauf auch den Kreis der Rauchenden zweiteilen würde. Ich erwähnte etwas über Uukuniemi. Schau dich ein bisschen um, wenn du aufs Land fährst, sagte mein Bruder, und obwohl er selbst nie aufs Land fuhr, meinte er damit, dass das Leben im Hinterland real sei, zumindest verglichen mit diesem Buch von mir. Als nächstes spottete jemand über die Wertegemeinschaft und den Wohlfahrtsstaat und wer weiß was noch Nichts als Sortier- und Stacheldrahtwörter, konstatierten Mara und ich am folgenden Tag via Telefon, genau diese Leute könnten etwas Wittgenstein und Björling vertragen; Mara erwähnte hintereinander seinen Idealphilosophen und seinen Idealdichter, wie er es bei allem zu tun pflegte. Man kann so gut wie jeden auf Abstand halten, aber nicht seinen eigenen Bruder. Er hatte keine Bildung, reiste nicht, scherte sich nicht um förmliche Gepflogenheiten, das gefiel mir, er schüttelte keine Hände, ließ sich nicht auf unnötigen Smalltalk ein; in jungen Jahren begrüßte er mich oft, indem er meine Brust sanft mit seiner zur Faust geballten Hand berührte, heute nicht mehr. Einige Jahre zuvor war er der Arbe…