

Beschreibung
Bislang galten die deutschen Kommunisten der Weimarer Republik als gehorsame Befehlsempfänger Moskaus, die peinlich darauf bedacht waren, nicht von der Linie der Komintern abzuweichen. Dass die Beziehungen zwischen KPD und Komintern jedoch sehr viel widersprüc...Bislang galten die deutschen Kommunisten der Weimarer Republik als gehorsame Befehlsempfänger Moskaus, die peinlich darauf bedacht waren, nicht von der Linie der Komintern abzuweichen. Dass die Beziehungen zwischen KPD und Komintern jedoch sehr viel widersprüchlicher und komplexer waren, zeigt nun Bert Hoppe auf der Basis von jüngst zugänglich gewordenen Dokumenten aus osteuropäischen Archiven.
Hoppe schildert nicht nur, wie Stalin die Politik der KPD beeinflusste, indem er sein System persönlicher Gefolgschaft auf die deutsche Partei übertrug - er zeigt auch, dass das Verhältnis zwischen den deutschen und sowjetischen Kommunisten häufig von Missverständnissen und Argwohn, die aus ihrer unterschiedlichen politischen Sozialisation erwuchsen, geprägt war.
Diese Faktoren, so kann Hoppe nachweisen, führten schließlich zu dem paradoxen Ergebnis, dass der sowjetische Diktator seinen Willen in Streitfällen zwar stets gegen die KPD-Spitze durchsetzen konnte, die Moskauer Führung ihre Politik bezüglich der deutschen Partei letztlich aber als eine durchgehende Reihe von Misserfolgen betrachten musste.
In der Reihe werden fast ausschließlich Manuskripte veröffentlicht, die dem Institut von außerhalb angeboten werden. Eine Veröffentlichung erfolgt erst nach einem mehrstufigen positiv verlaufenen Begutachtungsverfahren. Zumeist werden pro Jahr zwei Monographien publiziert, deren Umfang 500 Seiten nicht überschreiten sollte. Die bisher erschienenen Arbeiten weisen ein breites Themenspektrum auf, wobei der Schwerpunkt bisher auf der NS-Forschung lag. Die Reihe beschränkt sich nicht auf Darstellungen über die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, sondern rückt zunehmend auch geschichtliche Entwicklungen in anderen europäischen Staaten in den Blick. Für die redaktionelle Betreuung der Manuskripte ist Petra Weber zuständig.
Autorentext
Bert Hoppe, geboren 1970, 1999-2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin, Schwerpunkt Zeitgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin.
Leseprobe
" IV. Die Krise der Sozialfaschismus""-Doktrin (S. 157-158)
Die Auseinandersetzungen zwischen den Kommunisten in Berlin und Moskau über die Frage der revolutionären Perspektive"" und der politischen Gewalt zeigen, wie schwer es der Komintern fiel, die KPD auf dem schmalen Grat zwischen Aufruhr und Aufstand zu halten. Weil den Kommunisten permanent Gewalt und Bürgerkrieg gepredigt wurden, hatte sich dieser Diskurs tief in die Mentalität vieler Funktionäre eingegraben und zudem Gruppen angezogen, die für diese Sprache der Gewalt besonders empfänglich waren und darauf drängten, sie auch in die Tat umzusetzen. Und nicht zuletzt waren die Bolschewiki selbst innerlich gespalten zwischen ihrer Sozialisation als Berufsrevolutionäre und der realpolitischen Erkenntnis, dass mit einem vorzeitigen"" Aufstand wie dem des Jahres 1923 weder der KPD noch der Sowjetunion gedient wäre.
Die Erkenntnis, dass sich die KPD zunächst um eine Mehrheit in den ausschlaggebenden Schichten des Proletariats"" bemühen müsse, bevor sie daran denken könne, eine Revolution durchzuführen, machte der Komintern aber auch bewusst, dass sich dieses Ziel nicht erreichen ließ, wenn man große Teile der Arbeiterschaft als Sozialfaschisten"" diffamierte. Aus diesem Grunde wurde zur Jahreswende 1929/30 eine taktische Kursänderung vollzogen.
Diese Kursänderung wäre nur eine unter vielen anderen, wenn sich an ihr nicht zweierlei besonders deutlich zeigen ließe: Erstens führt dieses taktische Manöver vor Augen, welch großes Risiko offizielle Politikwechsel aus Moskauer Sicht darstellten, konnten sie doch missverstanden und vor allem in ihrer Tragweite überschätzt werden. Mit anderen Worten: Wie jeder Politikwechsel barg auch dieser die Gefahr, dass Funktionäre über das Ziel hinausschossen und zu Abweichlern"" wurden. Zweitens lässt sich an diesem Beispiel ein erster, ins Grundsätzliche zielender Konflikt zwischen der KPD-Spitze und den Bolschewiki ablesen.
Die Auseinandersetzung entstand, weil die deutschen Führungsfunktionäre damals daran zu zweifeln begannen, ob sich mit der Sozialfaschismus""-Doktrin die soziale Wirklichkeit in Deutschland angemessen beschreiben ließe. Diese Zweifel wurden durch den damaligen rasanten Aufstieg des Nationalsozialismus und das Ende der SPD-geführten Koalition unter Reichskanzler Hermann Müller verstärkt. Zwischen deutschen Kommunisten und sowjetischen Bolschewiki war damals nicht nur umstritten, wie Sozialdemokratie und Nationalsozialismus zu bewerten seien, sondern auch, wodurch sich überhaupt eine faschistische Diktatur"" auszeichnete.
Diese Streitpunkte waren nicht bloß scholastischer Natur: Sie veranschaulichen, wie die Wahrnehmungen der Ereignisse in Deutschland in Berlin und Moskau zunehmend auseinander klafften. Wie schon das vorige Kapitel gezeigt hat, wäre es jedoch falsch, daraus zu folgern, die deutschen Kommunisten hätten eine durchgehend realistischere"" Sichtweise vertreten. Wie zu zeigen sein wird, bemühten sie sich, um diese Meinungsverschiedenheiten zu kompensieren, vielmehr weiterhin, sich von niemandem in ihrer Linientreue übertreffen zu lassen.
Inhalt
1;Inhalt;6
2;Vorwort;10
3;Einleitung;12
3.1;Ein stalinistisches Marionettentheater?;12
3.2;Die deutschen Kommunisten, das bolschewistische Modell und die sowjetische Realit t;22
4;I. Seilschaften und Hierarchien;32
4.1;1. Thälmanns Sturz;33
4.2;2. Moralischer Fimmel versus bolschewistische Disziplin;40
4.3;3. Die unwillkommene Radikalisierung;45
4.4;4. Kommunikationsprobleme;51
4.5;5. Die Entmachtung der Versöhnler ;55
4.6;6. Ein Stellvertreterkrieg;60
4.7;7. Säuberungen ;65
4.8;8. Stalins personale Netze;70
4.9;9. Die Autorität Stalins und die Autoritätsprobleme der Komintern;86
4.10;10. Musterknaben;97
4.11;11. Handlungsspielräume?;103
5;II. Ein au enpolitisches Instrument?;106
5.1;1. Priorität der Sowjetunion;107
5.2;2. Ideologie und Realpolitik;110
5.3;3. Im Sande verlaufen;127
6;III. Zwischen Aufstand und Aufruhr;142
6.1;1. Moskau und der Berliner Blutmai von 1929;142
6.2;2. Die Furcht vor dem "Putschismus";149
7;IV. Die Krise der Sozialfaschismus -Doktrin;158
7.1;1. Der halbherzige Kampf gegen ultralinke Tendenzen;159
7.2;2. Der Aufstieg der NSDAP und das Ende der Großen Koalition;164
7.3;3. Der Disput um die "aschistische Diktatur";170
8;V. Die nationalsozialistische Konkurrenz;176
8.1;1. Marxistischer Nationalismus und sowjetische Nationalit tenpolitik;177
8.2;2. Die nationalpopulistische Wende der KPD;182
8.3;3. Über das Ziel hinausgeschossen;198
9;VI. Der "wiederentdeckte" Hauptgegner;204
9.1;1. Eine gute Gelegenheit;204
9.2;2. Ein innerparteilicher Schachzug mit Folgen;208
9.3;3. Reaktionen;213
9.4;4. Außenpolitik oder Revolutionserwartung?;220
10;VII. Zusammenprall der Kulturen;228
10.1;1. Schwatzende Salonbolschewisten und schweigsame Revolutionäre;230
10.2;2. Vegetarische Parteien und gläserne Funktionäre;240
10.3;3. Vom Versuch, ein "Neuer Mensch" zu werden;251
10.4;4. Katholische Hausfrauen in der KPD;262
10.5;5. Fundamen…
