

Beschreibung
Es hat geschneit. Auf den Wehrmauern liegt weißer Schimmer, als Barthel die Wartburg erreicht. Im Auftrag seines Meisters Lucas Cranach soll er Briefe an Martin Luther überbringen. Wie befürchtet, erhält der Reformator Nachricht, dass sein einstiger Verbündete...Es hat geschneit. Auf den Wehrmauern liegt weißer Schimmer, als Barthel die Wartburg erreicht. Im Auftrag seines Meisters Lucas Cranach soll er Briefe an Martin Luther überbringen. Wie befürchtet, erhält der Reformator Nachricht, dass sein einstiger Verbündeter Thomas Müntzer den gewaltsamen Aufstand gegen die weltliche Obrigkeit fordert. Ein Weg, der viele Menschen in größte Gefahr bringt. Nicht zuletzt Barthel selbst und seine Liebste Dorothea. Eine Katastrophe bahnt sich an, und Luther reist zurück nach Wittenberg, um den Kampf gegen seinen Gegner Müntzer aufzunehmen ...
Tilman Röhrig, geboren 1945, lebt in der Nähe von Köln. Der ausgebildete Schauspieler ist seit über vier Jahrzehnten als freier Schriftsteller tätig. Die größten Erfolge brachten ihm seine historischen Romane, die allesamt Bestseller und vielfach übersetzt wurden. Für sein literarisches Werk erhielt der Autor, dessen lebendige Lesungen begeistern, zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Großen Rheinischen Kulturpreis.
Autorentext
Tilman Röhrig, geboren 1945, lebt in der Nähe von Köln. Der ausgebildete Schauspieler ist seit über vier Jahrzehnten als freier Schriftsteller tätig. Die größten Erfolge brachten ihm seine historischen Romane, die allesamt Bestseller und vielfach übersetzt wurden. Für sein literarisches Werk erhielt der Autor, dessen lebendige Lesungen begeistern, zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Großen Rheinischen Kulturpreis.
Leseprobe
4
Es schneite nicht mehr. Noch hing der Himmel grau, unter ihm aber dehnte sich die Ebene, bedeckt mit weichem, reinem Weiß. Weit vorn erkannte Barthel die beiden Kirchtürme von Allstedt, umringt von geduckten Hausdächern, aus den Schornsteinen stieg Rauch hinauf zum Bergrücken, und dort thronte über allem die mächtige Burg. »In einer Stunde hab ich es geschafft. Ach, Dorlein ...« Er reckte sich im Sattel. »Ich komme!«, jubelte er, wollte pfeifen, es gelang nicht, die verfrorenen Lippen ließen sich nicht runden. Seit drei Tagen war er unterwegs. In Salza hatte er die alte Lisa wohlbehalten bei den Eltern wieder im Stall untergebracht und war auf dem braunen Wallach seines Meisters weitergeritten.
»Waschen muss ich mich.« Nur die Stiefel hatte er abends in den Herbergen ausgezogen. Eine strohgestopfte Matratze, eine Decke, mehr gaben die Wirte nicht her, und so entstand allein Wärme, wenn die Reisenden, ob nun Verwandte oder Fremde, Mann oder Frau, auf der breiten Bettstatt enger zusammenrückten. Morgens war nur ein Eisklumpen in der Waschschüssel gewesen.
»Ein Bottich mit dampfendem Wasser ...« Barthel schüttelte den Kopf. »Nein, erst ein Kuss, dann der Bottich.« Er unterbrach sich, roch in seine Jacke. »Besser erst waschen. So wie du stinkst.«
Das Stadttor stand weit offen. Unter dem Bogen hielt Barthel das Pferd an, wartete, doch niemand kam. Er stellte sich in die Steigbügel, blickte nach rechts ins Guckfenster, die Wachstube war leer. »Ah, verstehe. Da drinnen ist es sicher zu kalt«, feixte er. »Und so spät am Tag kommt der Feind nicht. Jetzt wird sich daheim aufgewärmt.«
Leises Schnalzen und der Braune trottete weiter. Nur wenig Schnee bedeckte das Pflaster, doch dämpfte er den Hufschlag. Vorbei an St. Wigberti, bog Barthel nach links ab in Richtung Stadtkirche.
Das Hoftor, einfach aus Balken und Brettern gezimmert. Mein Himmelstor. Sein Herz schlug heftiger. Vergessen waren der steife Rücken, die verfrorenen Glieder, neu erwacht schwang er sich aus dem Sattel, band den Wallach an und drückte die Pforte auf. Gleichmäßiges Hämmern drang aus der Werkstatt im Nebengebäude. Geruch nach Holzbrand, vermischt mit Duft von gekochten Rüben erfüllte den Hof. Barthel ging direkt zum Haupthaus, pochte kaum hörbar an die Küchentür und wartete nicht. Bei seinem Eintreten rührte Frau Gerlach im Tiegel über dem Feuer, eine leicht füllige Gestalt, das angegraute Haar zum Knoten am Hinterkopf gesteckt. Sie wandte sich nicht um, sagte nur erstaunt: »Bist du schon zurück, Mädchen?«
Er trat einige Schritte näher. »Nein, ich bin's nur.«
»Wer?« Sie blickte über die Schulter. Der erste Schreck wurde gleich vom Lächeln weggewischt. »Du? Aber ich wusste gar nicht ...?«
Barthel dienerte. »Bitte verzeiht.« Kurz berichtete er von seinem Botenritt. »Vorher schreiben ging nicht. Und da dachte ich ...«
»Du bist mir immer willkommen.« Agathe Gerlach ging auf ihn zu, der Blick ihrer hellen Augen prüfte den jungen Burschen mit mütterlichem Wohlwollen, sie fasste seinen Arm, ließ die Hand aber gleich wieder sinken. »Warst du schon in der Werkstatt?«
»Nein. Ich wollte zuerst ...«
»Dummer Junge«, sie furchte die Stirn, »erst musst du ihn begrüßen. Immer zuerst den Hausherrn.« Leise setzte sie hinzu: »Ordnung bedeutet so viel für meinen Konrad. Dorothea ist ohnehin nicht da. Sie fegt und wischt mit anderen Mädchen drüben in St. Johannis. Sonst verkommt unsere Kirche ganz.« Ein leises Lachen, und Agathe Gerlach deutete an sich hinunter. »Und meinetwegen bist du sicher nicht hier.«
»So will ich das auch nicht sagen ...«, beeilte sich Barthel.
»Nicht weiter, sonst bricht dir noch die Zunge.« Der Finger zeigte zur Tür: »Und nun geh rüber zum Vater.«
Schlag und Schaben und wieder der kurze Schlag, gefolgt von Schaben, ein leichter, fast beschwingter Rhythmus. Kon
