

Beschreibung
Vintage-Jahre! Das ist ein Stoßseufzer der Erleichterung und hat im Ausgang eine Note - der Verblüffung. Vintage? Wie: von gestern? Dieser Schock ist Ausgangspunkt des Buches. Susanne Mayer begibt sich auf Spurensuche danach, was Altern heute bedeutet. Sie erz...Vintage-Jahre! Das ist ein Stoßseufzer der Erleichterung und hat im Ausgang eine Note - der Verblüffung. Vintage? Wie: von gestern? Dieser Schock ist Ausgangspunkt des Buches. Susanne Mayer begibt sich auf Spurensuche danach, was Altern heute bedeutet. Sie erzählt von der ersten Altersbashing-Erfahrung - hat dieser Typ an der Kreuzung 'Alte Fotze' gekreischt? -, von Erlebnissen in der Familie - 'Du in deinem Alter, Mama?' - oder am Arbeitsplatz: Hat der Kollege impliziert, den Job mache ein Jüngerer besser? Nämlich er? Neben persönlichen Erfahrungen werden gesellschaftliche Entwicklungen seziert wie die Phantasien von der Optimierung nun auch dieser Lebensphase, die Rentenerwartung der deutschen Mutter oder Erfahrungen von Fremdheit in einer sich beschleunigenden Welt. Fazit: Vintage verlangt Gelassenheit, gegenüber den ehemals heißumkämpften politischen Zielen, den verlorenen Hoffnungen, alten Vorsätzen - Haltung auch gegenüber dem, was kommen mag.
Susanne Mayer ist Kulturreporterin und Literaturkritikerin der Wochenzeitung DIE ZEIT. Sie diskutiert in einem abgelegenen Dorf Kambodschas mit Überlebenden des Völkermordes, steigt mit dem Kunsttheoretiker John Berger auf ein Motorrad, berichtet aus New York über Punk und Fashion oder untersucht den Glamourappeal von Intellektuellen wie Joan Didion und Susan Sontag. Im Feuilleton der ZEIT erscheint ihre Kolumne 'Männer!'. Susanne Mayer ist Autorin des Buches 'Deutschland armes Kinderland' und lebt in Hamburg.
Vorwort
Wann, wenn nicht jetzt?
Autorentext
Susanne Mayer ist Kulturreporterin und Literaturkritikerin der Wochenzeitung DIE ZEIT. Sie diskutiert in einem abgelegenen Dorf Kambodschas mit Überlebenden des Völkermordes, steigt mit dem Kunsttheoretiker John Berger auf ein Motorrad, berichtet aus New York über Punk und Fashion oder untersucht den Glamourappeal von Intellektuellen wie Joan Didion und Susan Sontag. Im Feuilleton der ZEIT erscheint ihre Kolumne "Männer!". Susanne Mayer ist Autorin des Buches "Deutschland armes Kinderland" und lebt in Hamburg.
Leseprobe
KOLLISIONEN
Neulich musste ich sehr lachen, Altern wird so obsessiv! In der Zeitung wurde eine Schauspielerin zum Thema Altern befragt, Überschrift: »Anfang 30«, sie sagte: »Ich bin froh um meine Sommersprossen, weil man meine Falten nicht so sieht!« Meine Falten? Anfang dreißig? Ich wollte gar nicht weiterlesen. Tat es leider doch. Ich las, die Frau ginge jetzt früher ins Bett und sehe morgens trotzdem zerknittert aus. Ich dachte: Liebes! Komm zum Frühstück, dann siehst du meine!
Da stand etwas von einem 26-jährigen Markus, der klagte, er bringe es einfach nicht fertig, sich von seinen Teenie-T-Shirts zu trennen, ja, warum - aus »latenter Angst vor dem Alter«. Im Ernst? Und Ronja von Rönne. Die Autorin ist so jung, dass die Feuilletons sie mit Jahreszahl nennen, wie: »Ronja von Rönne, 23«. Die frische Jungautorin, die auch schon mal als »wohlstandsverwahrlostes Schulmädchen« rüberkommt, las auf einem Literaturwettbewerb einen Text, der vor Alterspanik schon selber Falten warf: »Ich denke daran, wie ich mit meinem Vater auf einem Konzert im Olympiastadion war, und dann denke ich daran, dass mein Vater altern und sterben wird und dass ich das miterleben werde, und ich muss auch sterben, und überhaupt alle, und dann ruft Grönemeyer Bochum, ich komm aus dir, und ich fange an zu schluchzen ...«
Was geht ab? - jung gefragt. Es scheint einen hysterischen Rutsch in Richtung Altern zu geben. Womöglich ist es ja so, dass in einer demographisch entgleisenden Gesellschaft, wo der Trend zu immer mehr alten Leuten geht, nun schon die Jugend überrollt wird von dem Alterstsunami und - trendig, wie sie ist, die Jugend - auf den Trend aufspringt und mit den alten Alten jetzt ums Altsein wetteifert.
Brillante Idee. Hätte man selber draufkommen sollen, also früher. Im Alter bella figura zu machen ist natürlich erheblich einfacher, weil man gar nicht alt ist, sondern noch jung und formvollendet. Es besteht leider ein wenig die Gefahr, dass die jungen Alten die echten Alten im Altsein abhängen. Auf Style-Blogs schütteln Jungmodels provozierend ihre grau gefärbten Haare. Girlies stratzen auf Instagram in neuen Omablüschen herum. Embrace your granny! Wer wirklich altert, dem wird natürlich oft ein wenig klamm bei dem Thema.
Der Mann einer Freundin wurde fünfzig, und sie erzählte, er wolle das nicht feiern, offensichtlich ein Fall von echter Alterspanik. Sie regte an, ich möge ihn anrufen und ein wenig aufmuntern. Ich also rufe an, und er sagt pampig: »Und? Wie war dein Fünfzigster?«
Ich wähnte mich zum Zeitpunkt dieses Telefonats Jahrzehnte von fünfzig entfernt. Ich machte darauf aufmerksam, dass ich just over forty liege, und fand Gelegenheit einzuflechten, dass einer meiner Ex in seiner Mail zu meinem vierzigsten Geburtstag geschrieben hatte: »Du bist der Neid aller Vierzigjährigen.« Das war sehr nett von ihm, wenn auch meine Nachfolgerin natürlich zehn Jahre jünger ist als ich, Neufrauen haben meiner Erfahrung nach ein konstantes Alter von zehnjahrejünger. Als ich dann fünfzig wurde, brauchte ich zwei Jahre, um mich dem Fakt zu stellen. Ich feierte meinen fünfzigsten Geburtstag mit 52 Jahren.
Als meine beste Freundin sechzig wurde, fuhr sie mit ihren Lieben nach Wien, weit weg von diesem Sechzigsten. Am Tag des Geburtstags stand ein junger Mann in der Straßenbahn auf und bot ihr seinen Platz an, noch nie hatte ein junger Mann oder irgendein anderer Mensch ihr einen Platz angeboten. Ein schwarzer Tag. Ich hörte es nur von ihrer Tochter, meine Freundin selbst wollte darüber gar nicht reden.
Als ich selber sechzig geworden war, passierte etwas, was ich schon hatte kommen sehen. Mir wurde harsch beschieden, wie klapprig ich jetzt sei. Quasi Schrott. Die Situation war, dass ich, von rechts kommend, links abbiegen wollte - und fast mit einem Auto kollidierte, das mit Schwung aus dieser Neb
