

Beschreibung
Kindheit, Jugend und Studienjahre eines Europäers: Als deutschstämmiger Ungar verbrachte Sándor Márai seine Studienjahre vor allem in Deutschland und Paris. Mit feiner Lakonie und warmem Humor erzählt er seine Kindheit im Städtchen Kaschau und führt als scharf...Kindheit, Jugend und Studienjahre eines Europäers: Als deutschstämmiger Ungar verbrachte Sándor Márai seine Studienjahre vor allem in Deutschland und Paris. Mit feiner Lakonie und warmem Humor erzählt er seine Kindheit im Städtchen Kaschau und führt als scharfer Beobachter den Untergang des österreichischen Kaiserreichs und die wilden Zwanzigerjahre vor, die seine eigene Lehr- und Wanderzeit als Bohemien und Journalist waren.
Sándor Márai, 1900 bis 1989, gehörte zu den gefeierten Autoren Europas, bis er 1948 mit seiner Emigration nach Italien und in die USA in Vergessenheit geriet. Mit der Wiederentdeckung des Romans 'Die Glut' wurde er 1998 weltweit gelesen und als einer der bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkannt. Der Niedergang des europäischen Bürgertums zählt zu seinen wichtigsten Motiven.
Autorentext
Sándor Márai, 1900 bis 1989, gehörte zu den gefeierten Autoren Europas, bis er 1948 mit seiner Emigration nach Italien und in die USA in Vergessenheit geriet. Mit der Wiederentdeckung des Romans "Die Glut" wurde er 1998 weltweit gelesen und als einer der bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkannt. Der Niedergang des europäischen Bürgertums zählt zu seinen wichtigsten Motiven.
Leseprobe
I
1 HÄUSER MIT ZWEI OBERGESCHOSSEN gab es nur ein Dutzend in der Stadt: das, in dem wir wohnten, die beiden Honvedkasernen und noch einige öffentliche Gebäude. Später wurde das Palais des Armeekorpskommandos gebaut, es hatte ebenfalls zwei Stockwerke und einen elektrischen Aufzug. Unser Haus aber, das an der Hauptstraße, nahm sich wie ein echtes Großstadthaus aus; es war ein veritables Mietshaus, zweistöckig, mit breiter Fassade, geräumigem Hausflur und breiten Treppen in diesem Treppenhaus war es immer zugig, vormittags lagerten die Marktleute auf den Stufen, in Pelzjacken und Schaffellmützen, sie aßen Speck, rauchten Pfeife und spuckten, und von jedem Stockwerk gaffte eine lange Fensterreihe auf die Straße, zwölf Fenster. An die Wohnungen im ersten Stock und so auch an die unsrige war ein schmaler Balkon gebaut, auf dessen eisernes Geländer wir im Sommer in Erdkästen gepflanzte Geraniengirlanden stellten. (»Verschönere deine Stadt!« So lautete die Losung, und zur Förderung dieses edlen Gedankens wurde sogar ein Verein gegründet, der Verein für Stadtverschönerung.) Es war ein sehr hübsches und vor allem ansehnliches Haus, das erste wirklich »moderne« in der Stadt, die Fassade aus roten Backsteinen, unter die Fenster hatte der Architekt überall Gipszierat geklebt, und überhaupt hatte er alles eingebaut, was der Ehrgeiz eines Architekten im ausgehenden Jahrhundert an ein so nagelneues Mietshaus hängen konnte.
In dieser Stadt wirkten alle Häuser, auch die, wo mehrere Familien wohnten und die Bewohner Miete zahlten, wie Einfamilienhäuser. Die eigentliche Stadt war nahezu unsichtbar, sie war nach innen gebaut, erstreckte sich hinter der ebenerdigen Fassade der Straßenecken. Blickte der Wanderer durch eines der Torgewölbe, sah er vier oder fünf Häuser auf dem Hof, den die Enkel und Urenkel vollgebaut hatten; wenn ein Sohn heiratete, klebte er einen weiteren Flügel an die vorhandenen Bauten. Die Stadt versteckte sich auf den Höfen. Die Menschen lebten in eifersüchtiger, scheeler Vorsicht nach innen; mit der Zeit baute sich jede Familie einen verborgenen kleinen Stadtteil zusammen, einen kleinen Häuserblock, den offiziell und vor den Augen der Welt nur die Straßenfront repräsentierte. Kein Wunder, daß das Haus, in dem meine Eltern zu Beginn des Jahrhunderts eine Wohnung gemietet hatten, in einer solchen Umgebung als regelrechter Wolkenkratzer galt und rasch im ganzen Komitat bekannt wurde. Es war ein richtiges trauriges Mietshaus, wie sie in der Hauptstadt schon zu Hunderten gebaut wurden: ein Mietshaus mit Mietparteien und langen, vergitterten »Gängen«, die sich an den oberen Geschossen um den Hof wanden, mit Waschküche, mit Zentralheizung und mit Dienstbotenklosetts an den Nebentreppen. Dergleichen hatte man in der Stadt bisher nicht gesehen. Die Zentralheizung war eine zeitgemäße Neuerung, aber auch über die Dienstbotenklosetts wurde viel geredet, denn jahrhundertelang hatte man sich taktvoll nicht dafür interessiert, wo die Dienstboten ihre Notdurft verrichteten. Der »moderne« Architekt, der unser Haus baute, war ein Reformer in jener Gegend, als er in seinem Werk so eindeutig die Bedürfnisorte des Zusammenlebens von Herrschaft und Personal trennte. In meiner Schulzeit prahlte ich sogar, in unserem Haus gingen die Dienstboten auf ein eigenes Klosett. In Wahrheit verhielt es sich so, daß die Dienstboten aus einer merkwürdigen Scham und Abneigung heraus diese Aborte nicht aufsuchten; aber niemand wußte, wohin sie dann gingen. Wahrscheinlich machten sie es wie früher, wie davor schon, über Jahrhunderte, seit Anbeginn der Zeit.
Der Architekt konnte sich au