

Beschreibung
Diesmal ist es der Apotheker Roemer Simon Minderhout, der im Mittelpunkt des Geschehens steht und dessen kurze, heftige, um so unvergesslichere Liebe zu der Netzflickerin Hillegonda während der deutschen Besatzungszeit in den Niederlanden. Eine Liebe, die ihn ...Diesmal ist es der Apotheker Roemer Simon Minderhout, der im Mittelpunkt des Geschehens steht und dessen kurze, heftige, um so unvergesslichere Liebe zu der Netzflickerin Hillegonda während der deutschen Besatzungszeit in den Niederlanden. Eine Liebe, die ihn 50 Jahre später auf eine beklemmende Weise einholt ...
Maarten 't Hart, geboren 1944 in Maassluis, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich als Schriftsteller niederließ. 1997 erschien auf Deutsch sein Roman 'Das Wüten der ganzen Welt', der zu einem überragenden Erfolg wurde. Nicht zuletzt seine autobiografischen Bücher machten ihn zu einem der renommiertesten europäischen Gegenwartsautoren, dessen Bücher sich allein im deutschsprachigen Raum über 2 Millionen Mal verkauft haben.
Autorentext
Maarten 't Hart, geboren 1944 in Maassluis, studierte Verhaltensbiologie, bevor er sich als Schriftsteller niederließ. 1997 erschien auf Deutsch sein Roman "Das Wüten der ganzen Welt", der zu einem überragenden Erfolg wurde. Nicht zuletzt seine autobiografischen Bücher machten ihn zu einem der renommiertesten europäischen Gegenwartsautoren, dessen Bücher sich allein im deutschsprachigen Raum über 2 Millionen Mal verkauft haben.
Leseprobe
Neletta
Neletta Minderhout zog die Gardine zurück und sah, daß es in der Nacht geschneit hatte. Jacob Minderhout erwachte, richtete sich langsam auf und fragte: »Was ist los?«
»Mir ist wieder so schlecht.«
»Warum gehst du nicht zu dem neuen Doktor?«
»Der ist noch so jung. Wenn es unser alter Doktor wäre, würde ich «
»Ja, aber der ist nun einmal im Ruhestand, geh doch zu dem Neuen. Er wird allgemein gelobt.«
»Kann sein, aber ich vielleicht muß ich mich dann vor ihm ausziehen.«
»Warum in Gottes Namen?«
»Weil etwas mit meinem Bauch ist, wahrscheinlich wird er sich das ansehen wollen.«
Sie starrte in das Mondlicht, das auf den Schnee des Martinikerkhof fiel. Wenn sie doch nur brechen könnte, dann würde sie sich wenigstens für kurze Zeit etwas besser fühlen.
Ein paar Stunden später, an demselben klaren Wintertag, lehnte sie sich gegen die Anrichte. Sie hielt sich den Bauch, sie stöhnte. Floer wurde unruhig in ihrem Korb und bellte. Neletta strich ihr über den Kopf, richtete sich dann entschlossen auf, zog ihre Kittelschürze aus und lief zur Haustür. Hastig schlüpfte sie in ihren Wintermantel, und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging sie schon durch den Torbogen. Sie trat auf die mit dünnem Schnee bedeckte Straße. Ab und an schlitterte sie ein wenig, und nach ein paar Metern war sie von der prickelnd frischen Luft und dem Sonnenlicht, das dem Schnee einen hellblauen Glanz verlieh, so aufgemuntert, daß sie, als sie so dahineilte, alles andere als eine Frau mittleren Alters zu sein schien. Sie hatte schon immer auffallend jung ausgesehen. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, weshalb Jacob, um viele Jahre jünger als sie, gut ein Jahr, nachdem sie Witwe geworden war, mitten im Torbogen einfach vor ihr auf die Knie gesunken war und sie gefragt hatte: »Willst du meine Frau werden?«
»Steh erst mal auf«, hatte sie gesagt.
»Erst, wenn du geantwortet hast.«
»Dann kannst du da noch lange hocken.«
»Ist das deine definitive Antwort?«
»Die kann ich dir erst geben, wenn du aufgestanden bist.«
»Nein, ich bleibe hier knien, bis du ja gesagt hast.«
»Danke bestens. Weißt du, was meine Mutter immer sagte? Wer A sagt, muß auch B sagen.«
Sie war weggegangen, um eine Besorgung in der Turfstraat zu machen. Als sie zurückkam, sah sie, daß er stand. Sobald er sie erblickte, kniete er sich hastig wieder hin, wie zum Gebet. Sie hatte schon immer gewußt, daß Jacob Minderhout etwas eigenartig war. Wer wußte das nicht in Groningen? Als sie den Tod ihres Mannes meldete, hatte er ihr als diensthabender Gemeindebeamter beigestanden. Seitdem hatte sie oft gespürt, wie sein Blick auf ihr ruhte, einfach so, auf dem Martinikerkhof oder bei dem jüdischen Bäcker in der Folkingerstraat, wenn sie dort Sonntag morgens eine warme Challa holte. Ein anderes Mal sehr lange bei den Spilsluizen in der hellen blauen Dämmerung eines Winterabends.
Wenn sie überhaupt wieder heiraten wollte, konnte sie bestimmt eine schlechtere Wahl treffen. Er kam immerhin aus gutem Hause, sein Vater war Arzt gewesen. Nach dessen Tod war es allerdings mit der Familie Minderhout allmählich bergab gegangen; zuletzt waren Mutter und Kinder bis auf den ältesten Sohn Herbert, der sein Apothekerstudium schon fast beendet hatte in der Soephuisstraat untergekommen. Dennoch erinnerte sich in Groningen jeder an den alten Doktor Minderhout. Wie konnte also dessen Sohn, dieses große Kind mit seiner verrückten Amtssprache, es s
