

Beschreibung
Manchmal vergisst Betty, dass sie keine Chinesin ist, so selbstverständlich nah ist ihr das Land, dessen Sprache sie seit Kindertagen beherrscht. Diese elementare Liebe zum Fernen Osten verbindet sie tief mit ihrem künftigen Mann Edward Feathers, dem jungen St...Manchmal vergisst Betty, dass sie keine Chinesin ist, so selbstverständlich nah ist ihr das Land, dessen Sprache sie seit Kindertagen beherrscht. Diese elementare Liebe zum Fernen Osten verbindet sie tief mit ihrem künftigen Mann Edward Feathers, dem jungen Star unter den Richtern der Krone in Hongkong. Als Betty Edward ewige Treue verspricht, weiß sie intuitiv, dass ihre Ehe kaum auf wilder Leidenschaft gründen wird. Doch sie ahnt nicht, dass sie nur eine Stunde später der Liebe ihres Lebens begegnen wird, Edwards Erzrivalen Terry Veneering ... Jane Gardams 'Eine treue Frau' ist ein umwerfend kluger, zarter Roman über die Spielarten von Liebe und Begehren.
Jane Gardam wurde 1928 in North Yorkshire geboren. Als einzige Schriftstellerin wurde sie gleich zweimal mit dem Whitbread/ Costa Award ausgezeichnet. Mit Ein untadeliger Mann stand sie auf der Shortlist des Orange Prize und mit Letzte Freunde auf der Shortlist des Folio Prize 2013. Sie ist Fellow der Royal Society of Literature und lebt in East Kent.
Vorwort
Ist Liebe eine Frage der Haltung? Nach "Ein untadeliger Mann" folgt nun Band zwei der hinreißenden Trilogie von Jane Gardam.
Autorentext
Jane Gardam, geboren 1928 in North Yorkshire, wurde für ihr viel bewundertes schriftstellerisches Werk mehrfach ausgezeichnet. Neben der BestsellerTrilogie um Old Filth erschienen zuletzt »Robinsons Tochter« (2020), »Mädchen auf den Felsen« (2022) und »Gute Ratschläge« (2024). Jane Gardam starb 2025 in Oxfordshire.
Leseprobe
Etwas mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor, als auf den Feldwegen der Donheads noch Kühe und Hühner herumliefen, als es noch Schmiede gab und der Dorfladen der Mittelpunkt des Universums war, als die meisten Einwohner - sofern sie im Krieg nicht bei der Armee gedient hatten - noch nie weiter als bis Shaftesbury gekommen waren, stand ein junges englisches Mädchen in einem Zimmer eines zweitklassigen Hotels in Hongkong und presste sich einen Brief ans Gesicht. "Oh", sagte sie. "Ja."
"Oh ja ", sagte sie zu dem Brief. "Ja, ich denke schon!" Sie strahlte übers ganze Gesicht.
Etwa im selben Augenblick - vom Orient aus betrachtet am Vortag - saß ein ungewöhnliches Paar im glänzenden neuen Flughafen von London (der heute Heathrow hieß) in England (das heute eigenartigerweise United Kingdom hieß) und wartete auf einen Flug nach Hongkong. Einer der Männer, er war beinahe im besten Alter, also gerade Anfang dreißig, war Engländer und sehr groß. Er trug einen etwas altmodischen, maßgeschneiderten Anzug und Schuhe, die er an der Piccadilly gekauft hatte (St. James's Street). Ihm war kaum bewusst, wie distinguiert er wirkte, und hätte er einen Hut getragen, dann hätte man ihn für einen Geist halten können. So hatte man nur das Gefühl, er sei aus der Zeit gefallen.
Sein Begleiter war ein chinesischer Zwerg.
So wurde er jedenfalls in der englischen höheren Anwaltschaft beschrieben. Der große Mann war Anwalt vor höheren Gerichten, Junior im Inner Temple, und man sprach bereits voller Respekt über ihn. Der Zwerg war Anwalt vor niederen Gerichten, hatte sich international schon einen Ruf erworben und war nur theoretisch Chinese. Er selbst sah sich lieber als Hakka. Er wurde mit noch größerem Respekt behandelt als der höhere Anwalt - der natürlich Edward Feathers war und bald unter dem Namen "Old Filth" zu Ruhm kommen sollte (wobei "Filth" das Akronym von "Failed in London Try Hong Kong" ist) - denn er verfügte geradezu über eine Goldmine laufender Zivilprozesse in aller Welt, überall, wo englisches Recht galt. Der Zwerg hatte einen guten Riecher für Gewinner.
Sein Name war Albert Loss. Eigentlich hieß er Albert Ross, aber er hatte Schwierigkeiten, das R auszusprechen, obwohl er sonst akzentfrei Englisch sprach. Das ärgerte ihn, denn "Loss" klang so nach Verlieren, und das war kein gutes Signal seinen Mandanten gegenüber. Er behauptete, er wäre in Eton gewesen, aber selbst Feathers war seine tatsächliche Herkunft schleierhaft. Er bemühte sich nach Kräften, seinen Namen mit dem schottischen Ross-Clan in Verbindung zu bringen, und ließ gelegentlich Anspielungen auf Glamis Castle und die Hirschjagd in den Glens einfließen. Manchmal wurde er scherzhaft "Albatros" genannt, daher auch "Coleridge" oder "Ancient Mariner", was er gewöhnlich mit einem huldvollen Senken des Kopfes quittierte. Er war unglaublich eitel. Aber er war Eddie Feathers seit dessen siebzehntem Lebensjahr ein großartiger, wenn auch strenger Freund gewesen.
Unterhalb der Taille, jetzt von einem Tisch in der First Class Lounge des Flughafens verdeckt, an dem er saß und eine Patience legte, verjüngte sich Ross' stämmiger Rumpf zu dürren, kurzen Beinen, die in klobigen Füßen in Gesundheitsschuhen endeten. Die Beine ließen auf eine schwierige Geburt und eine kränkliche Kindheit schließen. Niemand fand je heraus, ob da etwas dran war.
Wie ein König oder Prinz trug er keine Uhr. Eddie Feathers hatte ihm während des Krieges im Hafen von Ceylon, als um sie herum Bomben fielen und Ross sich entschlossen hatte, dennoch dort zu bleiben, eine Uhr geschenkt, seinen wertvollsten Besitz. Sie hatte Eddies Vater gehört. Die Uhr war inzwischen natürlich längst verschwunden, wahrscheinlich gegen Lebensmittel eingetauscht, aber sie war nicht vergessen, und sie wurde nie ersetzt.
Auf dem Kopf trug Ross heute wie jeden Tag einen braunen Tri
