

Beschreibung
Das 20. Jahrhundert sei ohne Hannah Arendt gar nicht zu verstehen, schrieb der Schriftsteller Amos Elon. Arendt prägte maßgeblich zwei für die Beschreibung des 20. Jahrhunderts zentrale Begriffe: Totalitarismus und Banalität des Bösen. Das liegt auch daran, da...Das 20. Jahrhundert sei ohne Hannah Arendt gar nicht zu verstehen, schrieb der Schriftsteller Amos Elon. Arendt prägte maßgeblich zwei für die Beschreibung des 20. Jahrhunderts zentrale Begriffe: Totalitarismus und Banalität des Bösen. Das liegt auch daran, dass Arendts Urteile selten unwidersprochen blieben. Der Band folgt ihrem Blick auf das Zeitalter totaler Herrschaft, Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, die Erblasten der Nachkriegszeit, den Eichmann-Prozess, das politische System und die Rassentrennung in den USA, Zionismus, Feminismus und Studentenbewegung. Mit Beiträgen unter anderem von Micha Brumlik, Ursula Ludz, Jerome Kohn, Wolfram Eilenberger, Barbara Hahn, Thomas Meyer und Ingeborg Nordmann.
Die Herausgeber Monika Boll ist Philosophin und Kuratorin. Sie kuratierte unter anderem Ausstellungen zur Frankfurter Schule, Marcel Reich-Ranicki und Fritz Bauer. Kuratorin der Ausstellung 'Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert'. Dorlis Blume ist Fachbereichsleiterin Sonderausstellungen und Projekte, Deutsches Historisches Museum, Berlin. Raphael Gross ist Präsident des Deutschen Historischen Museums, Berlin.
Autorentext
Die HerausgeberMonika Boll ist Philosophin und Kuratorin. Sie kuratierte unter anderem Ausstellungen zur Frankfurter Schule, Marcel Reich-Ranicki und Fritz Bauer. Kuratorin der Ausstellung "Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert".Dorlis Blume ist Fachbereichsleiterin Sonderausstellungen und Projekte, Deutsches Historisches Museum, Berlin.Raphael Gross ist Präsident des Deutschen Historischen Museums, Berlin.
Leseprobe
Einleitung
Das 20. Jahrhundert sei ohne Hannah Arendt gar nicht zu verstehen, meinte der Schriftsteller Amos Elon. Arendt prägte jedenfalls maßgeblich zwei Begriffe: »totale Herrschaft« und »Banalität des Bösen«. Insbesondere Letzterer hat zu heftigen internationalen Kontroversen geführt. Arendts Urteile sind überhaupt selten unwidersprochen geblieben. Das zeigt, wie eigen jeweils ihre Form des Urteilens war. Und das hat uns dazu motiviert, sie ins Zentrum einer Ausstellung über die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts zu stellen. Der vorliegende Essayband begleitet diese Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Berlin.
Eine Beschäftigung mit Hannah Arendt ist immer auch eine mit politischer und historischer Urteilskraft. Der Begriff stammt von Kant. Heute verbindet er sich mit der wichtigsten politischen Denkerin des 20. Jahrhunderts. Aber anders als bei Kant ist Urteilskraft für Arendt kein ästhetisches, sondern ein politisches Vermögen. Arendt ging es um nicht weniger als um die Bedingungen des politischen Handelns und Urteilens im säkularen Zeitalter, das über keinen absoluten Wahrheitsbegriff als Richtschnur des Handelns mehr verfüge. Deshalb hatte die Frage nach dem politischen und historischen Urteilsvermögen für sie einen so hohen Stellenwert. In diesem Sinn sprach Arendt von einem »Denken ohne Geländer«, auf das wir in der Beurteilung historischer Ereignisse angewiesen seien. Ganz prinzipiell steht damit auch die Ausbildung von Urteilskraft im Fokus historischer Museen.
Die Herausforderung des »Denkens ohne Geländer« stellte sich Hannah Arendt nicht zuletzt persönlich. Seit ihrer Flucht aus Deutschland äußerte sie sich immer wieder als öffentliche Intellektuelle zu aktuellen Ereignissen und löste oft heftige Kontroversen aus. Ihre scharfen Urteile - etwa über totale Herrschaft, Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, die Erblasten der Nachkriegszeit, die Atombombe, den Eichmann-Prozess, das politische System und die Rassentrennung in den USA, Zionismus, Feminismus und Studentenbewegung - sorgen weiter für Aufsehen. Die Ausstellung wie das Buch folgen Arendts Blick auf das Zeitalter und stellen Werk und Leben vor, das selbst die Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt. Im Zentrum steht nicht die Philosophin, sondern Arendt als Intellektuelle, die das Wagnis der Öffentlichkeit nicht scheute.
Der Band versammelt 19 Essays, die das 20. Jahrhundert nach zeitgeschichtlichen Schwerpunkten ordnen, welche Arendts Urteile herausgefordert haben. Überdies erhalten einige dieser Schwerpunktthemen noch einmal eine gedankliche Fokussierung durch eine kleine Sammlung genereller Statements über das Urteilen. Jüdisches Selbstverständnis
Im Beitrag von Micha Brumlik geht es um Arendts Verhältnis zum Zionismus. Hannah Arendts Ausstieg aus der akademischen Philosophie und ihre Wende zur Politik wurde durch den wachsenden Antisemitismus Ende der 1920er Jahre ausgelöst. Sie begann sich für die säkulare Geschichte des Judentums zu interessieren. Damit einher ging auch ihre Beschäftigung mit dem Zionismus. Sie habe, so Brumlik, am Zionismus gewürdigt, dass er die Skepsis an der Assimilation geweckt habe. Als Legitimation für ein säkulares Nationaljudentum aber habe sie ihn heftig kritisiert.
Liliane Weissberg findet die Skepsis an der Assimilation auch in Arendts Biografie über Rahel Varnhagen bestätigt. Weissberg thematisiert außerdem die durch Flucht und Exil verzögerte Publikation von Arendts Rahel-Buch und zeigt, wie noch die erste deutsche Veröffentlichung im Jahr 1959 unter den verlängerten Kontinuitäten des Nationalsozialismus stand.
1943 veröffentlichte Arendt in einer amerikanisch-jüdischen Zeitschrift den Artikel »Wir Flüchtlinge«. Er beschreibt, neben der Dankbarkeit gegenüber dem Exilland, vor allem die Scham, die es bedeutete, Flüchtling zu sein. Der Verlust eigener finanzieller Mittel, des