

Beschreibung
Fanette, 14, lebt mit ihrer Mutter in Paris. Ihr Nachbar ist Aron Schatz, 95. Fanette ist seit ihrer Kindheit mit Aron befreundet und hat von ihm Deutsch gelernt. Ein Schüler-Auslandsaufenthalt bringt sie nach Deutschland, in Aron Schatz' alte Heimat. In ...Fanette, 14, lebt mit ihrer Mutter in Paris. Ihr Nachbar ist Aron Schatz, 95. Fanette ist seit ihrer Kindheit mit Aron befreundet und hat von ihm Deutsch gelernt. Ein Schüler-Auslandsaufenthalt bringt sie nach Deutschland, in Aron Schatz' alte Heimat. In ihrem Gepäck ist ein Abholschein für einen Damenmantel, der den Krieg überdauert und den Aron ihr mitgegeben hat.
Während Fanette in Deutschland ist, kümmert sich Moumouche, ihr Schulfreund, um Aron Schatz. Der alte Jude und der junge Araber freunden sich an. Aron beginnt, von seiner Vergangenheit und vom Krieg zu erzählen.
In Deutschland versucht Fanette herauszufinden, was es mit dem Mantel auf sich hat und was im Zweiten Weltkrieg mit Arons Verwandten geschehen ist. Tatsächlich trifft sie im Dorf auf Menschen, die Arons Onkel und Tante noch gekannt haben. Und sie lernt die Enkelin des Schneiders kennen, der für Arons Tante den Mantel angefertigt und aufbewahrt hat.
Brigitte Jünger
1961 in Köln geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie. Seit 1998 arbeitet sie als Autorin und freie Journalistin für diverse Rundfunkanstalten in Deutschland. Sie macht Hörfunkbeiträge für Kinder und Erwachsene zu Themen wie Musik, Kunst, Religion, Zeitgeschichte, Naher Osten und das Zusammenleben verschiedener Kulturen.
Autorentext
Brigitte Jünger1961 in Köln geboren, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie. Seit 1998 arbeitet sie als Autorin und freie Journalistin für diverse Rundfunkanstalten in Deutschland. Sie macht Hörfunkbeiträge für Kinder und Erwachsene zu Themen wie Musik, Kunst, Religion, Zeitgeschichte, Naher Osten und das Zusammenleben verschiedener Kulturen.
Leseprobe
2
Fanette, vierzehn Jahre alt, erwartungsvoll, was die Zukunft angeht, aber besorgt an diesem Morgen, wohnt in Paris, 12. Arrondissement, Rue de Bercy No. 2, dritte Etage rechts
Das Klopfen! Wo war das Klopfen in dieser Nacht gewesen? Fanette schlug die Augen auf und betastete mit den Fingerspitzen die Wand hinter ihrem Rücken.
Auf der anderen Seite der Wand, in der Wohnung direkt nebenan, stand das Bett von Monsieur Schatz. Ein altes Bett aus dunklem Holz, das am Kopf- und am Fußende geschwungen war, wie eine in der Bewegung erstarrte Meereswelle. Dazwischen türmten sich Kissen und Decken, in denen der schmale alte Mann zu versinken drohte. Seine klaren, tiefblauen Augen im faltigen Gesicht waren die Bojen, die ihn an der Oberfläche hielten.
Bist du da?
Normalerweise sandte Monsieur Schatz regelmäßig Morsezeichen durch den riesigen schwarzen Ozean der Nacht, um Fanette und sich selbst zu vergewissern, dass er noch da war.
Hatte er durchgeschlafen?
Es wäre das erste Mal in der ganzen langen Zeit gewesen, die Fanette den Nachbarn schon kannte. Praktisch war das ihr ganzes Leben lang, auf jeden Fall aber das ganze Leben, an das sie sich erinnerte. Seine quälende Schlaflosigkeit gehörte ebenso dazu wie sein dichtes weißes Haar und der siebenarmige Leuchter auf der Kommode.
"Hypnos, der Gott des Schlafes, flieht vor den Dingen, die in meinem Kopf herumspuken", pflegte Aron Schatz zu sagen. Aber das hörte sich so sanft und verständnisvoll an, als wäre eher der Schlaf zu bedauern als der alte Mann selbst.
Fanette musste lächeln. In der Welt des Monsieur Schatz gab es keine toten Dinge. Auch die Sorgen und sogar die Angst waren lebendige Wesen, die sich abwechselnd zu ihm gesellten, auf seiner Bettkante hockten oder zu ihm sprachen.
Bei ihm konnten sich Bäume Geheimnisse zuflüstern, Kochtöpfe erzählten wundersame Geschichten und sogar der Hund des Gemüsehändlers hatte etwas mitzuteilen, wenn man nur in der Lage war, ihn zu verstehen.
Früher, als Monsieur Schatz das Haus noch verließ, hatte sich Fanette jeden Tag davon überzeugen können, wenn sie zusammen mit ihm eine Runde durchs Viertel gemacht hatte. Rue de Dijon, Rue Joseph Kessel bis in den Parc de Bercy und manchmal bis an die Seine. Unter einem der Bäume saßen sie dann und Monsieur Schatz wies nach oben auf eine Stelle am Baumstamm, wo einmal ein Ast gewesen sein musste. Jetzt war da nur noch eine verharzte Stelle, die aussah wie eine große Ohrmuschel.
"Jede Nacht bekommt der Baum Besuch von jemandem, der etwas auf dem Herzen hat und mit niemandem darüber sprechen kann", hatte Monsieur Schatz ihr erzählt und Fanette hatte sich vorgenommen, irgendwann einmal in der Nacht hierherzukommen, um zu sehen, wie jemand aussah, der mit niemandem sprechen konnte. Dann wanderten sie weiter durch den Park und die Straßen und schließlich zurück nach Hause, durch die Rue George Gershwin, in der Monsieur Schatz immer ein ganz bestimmtes Lied pfiff, weiter durch die Rue de Chablis bis in die Rue de Bercy Nummer 2. "Ströfeln" nannte er das, ein Wort aus seiner Muttersprache, das sich nicht ins Französische übersetzen ließ. Es bedeutete so viel wie promenieren oder einfach spazieren gehen. Er hatte ihr dieses und unendlich viele andere deutsche Worte beigebracht, sodass die Sprache ihr mühelos über die Lippen ging.
Aron Schatz war Nachbar, Großvater und Vater in einer Person. Vertraut seit Anbeginn, doch immer umgeben von einer riesigen Portion Freiheit, die er jedem Menschen ließ.
Fanette tippte mit ihren Fingerspitzen gegen die Wand, ein leichtes, zaghaftes Klopfen, das nach dem Freund forschte, doch unbeantwortet blieb.
War das der Augenbl
