

Beschreibung
ICH BIN zeichnet die Lebensreise der Hamburger Designerin Bisrat Negassi nach. Anfang der Siebzigerjahre in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, geboren, erlebte Bisrat bereits als Kind die grausame Realität des Krieges. Als Bisrats Vater sich auf einer Todesliste...ICH BIN zeichnet die Lebensreise der Hamburger Designerin Bisrat Negassi nach. Anfang der Siebzigerjahre in Asmara, der Hauptstadt Eritreas, geboren, erlebte Bisrat bereits als Kind die grausame Realität des Krieges. Als Bisrats Vater sich auf einer Todesliste wiederfand, verließ die Familie das Land und erreichte nach zwei Jahren Flucht Deutschland. Statt Zugehörigkeit zu erfahren, sah Bisrat sich dort jedoch mit etwas konfrontiert, das sie vorher nicht kannte: Rassismus. Und wurde wütend. Doch sie beschloss, dass Wut nicht der richtige Ratgeber ist, stattdessen ließ sie daraus eine kreative Power entstehen und vertraute ganz auf ihren Mut. Bisrat wurde Modedesignerin und rief nach einer Initiation bei XUYL.Bët in Paris ihr eigenes Modelabel NEGASSI ins Leben. 2016 co-gründete sie in Hamburg den Artspace M.Bassy, um kreativen Stimmen aus Afrika und der Diaspora Raum zu bieten und Begegnungen zwischen verschiedenen Menschen und Kulturen zu zelebrieren. 2020 co-gründete sie das transnationale Atelier/Netzwerk COME iN TENT. Heute ist Bisrat Modedesignerin & Kuratorin.
Bisrat Negassi ist eine Modedesignerin und Co-Gründerin des interkulturellen Salons M.Bassy & des Ateliers COME iN TENT in Hamburg. Sie wurde in Eritrea geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie lebte und arbeitete in Deutschland, Frankreich und den USA und führt heute ihr Modelabel NEGASSI in Hamburg. Dabei steht NEGASSI für transkulturelle Mode - eine Art universelle Sprache durchfließt ihre Kreationen.
Für alle Leser:innen von Alice Hasters, Emilia Roig, Tupoka Ogette, Reni Eddo-Lodge und Noah Sow.
Autorentext
Bisrat Negassi ist eine Modedesignerin und Co-Gründerin des interkulturellen Salons M.Bassy & des Ateliers COME iN TENT in Hamburg. Sie wurde in Eritrea geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie lebte und arbeitete in Deutschland, Frankreich und den USA und führt heute ihr Modelabel NEGASSI in Hamburg. Dabei steht NEGASSI für transkulturelle Mode eine Art universelle Sprache durchfließt ihre Kreationen.
Leseprobe
ROT WIE GRANATAPFELSAFT
Es war das Jahr 1975 in Asmara, Eritrea. Ein Nachmittag im September. Ich war gerade mal fünf Jahre alt, als meine Mutter mir verbot, im Garten zu spielen. Wir lebten sehr idyllisch in einer schönen Villa mit einem großen Vorgarten und einem kleineren Hinterhof. Im Vorgarten ragte der Granatapfelbaum unseres italienischen Nachbarn über eine Steinmauer zu uns rüber. Diesen Baum empfand ich als sehr großzügig, und ich bedankte mich regelmäßig bei ihm dafür, dass er einige seiner knackig roten Früchte bei uns im Garten abschüttelte. So als wollte er uns eine Freude machen, oder mir zumindest. Meine Freude drückte ich in einer Art sportlichen Aktivität aus, indem ich die leuchtend roten, süß-säuerlich schmeckenden Kerne zwischen meinem Daumen und dem Zeigefinger einzeln zerquetschte und sie dann schnell in den Mund steckte, um schließlich den Saft genüsslich von meinen Fingern abzulecken. Meine Mutter ermahnte mich jedes Mal, wenn sie mich dabei erwischte, ich solle doch bitte damit aufhören, das sei eklig und unhygienisch. Trotzdem machte ich es heimlich weiter, manchmal zerdrückte ich sogar gleich fünf oder sechs Kerne auf einmal in der Handfläche und ließ mir den Saft in den Mund tröpfeln. Dann waren meist nicht nur meine Hände dreckig, sondern auch die Kleidung. Außer dem Geschmack gefielen mir auch die Ästhetik und die Haptik dieser Frucht, sie faszinierte mich regelrecht. Von außen rot, rund und glatt, lässt sie sich nicht anmerken, dass sie unzählige Kerne in ihrem Inneren beherbergt. Ich stellte mir immer vor, dass der Granatapfel eine Geschenkverpackung ist und die ganzen Kerne im Inneren der Frucht die eigentliche Überraschung.
Unser Haus befand sich im Zentrum Asmaras, in der Campo di Stato. Es war hell verputzt, einstöckig, mit mehreren Räumen und einem Anbau im Hinterhof. Das Wohnzimmer, das Herz des Hauses, war mit einem hellen Marmorboden und einem opulenten Kamin ausgestattet. Im Campo di Stato - im tigrinischen Slang auch Combishtato genannt - in Asmaras Zentrum lebten viele Botschafter:innen und Expats. Eine internationale kleine Blase. Links von uns lebte der italienische Botschafter mit seiner Familie - zu seinem Haus gehörte der Granatapfelbaum. Uns gegenüber war die große Villa mit einem großzügigen Garten, die dem Direktor der Banca di Roma gehörte. Hinter uns die sudanesische und griechische Botschaft. Mein Vater war damals geschäftsführender Leiter der Highway Constructions in Eritrea/Äthiopien. Und obwohl er wegen der Arbeit sehr viel reisen musste, nahm unser Leben seinen normalen alltäglichen Lauf, und alles schien für mich in Ordnung. Meine beiden älteren Geschwister und ich gingen auf die britische Grundschule, welche von Expat-Kindern aus den USA, Großbritannien, Indien, Italien, Griechenland etc. besucht wurde. Meine jüngste Schwester, die dreieinhalb Jahre jünger ist als ich, war noch zu klein für den Kindergarten.
An dem besagten Nachmittag im September hatte ich mal wieder nicht auf meine Mutter gehört und war doch in den Garten gegangen. In Asmara schien fast immer die Sonne, und der Himmel war meist in einem besonderen Blau gekleidet. Meine älteren Geschwister hatten sich bereits heimlich rausgeschlichen. Ich lief hinter ihnen her. Auch unsere Cousine Rigat, die kaum älter als achtzehn und für meine Eltern wie ein fünftes Kind war, folgte. Fröhlich tobten wir mit unserem Hund Solomon, einem Irish Setter, im Garten rum, als auf einmal in unmittelbarer Nähe Schüsse fielen. Erschrocken liefen wir zum Garteneingang. Rigat versuchte uns daran zu hindern, aber unsere Neugier war stärker. Schon standen wir draußen vor unserem Gartentor und sahen, dass mitten auf der Straße ein Auto quer stand. Die Fahrertür war offen, und ein mit Blut überströmter Mann befand sich daneben. Es war der eritreische Fahrer, der regungslos am Boden lag. Alles war rot, sein weißes Hemd, sein Jackett, die