

Beschreibung
Abhauen, das haben alle aus der Familie gemacht. Die einen sind aus dem Osten, die anderen aus dem Westen Europas abgehauen. Getroffen haben sie sich zufällig irgendwo in Ostdeutschland, und zu guter Letzt sind sie auch von dort wieder geflohen. Nach diversen ...Abhauen, das haben alle aus der Familie gemacht. Die einen sind aus dem Osten, die anderen aus dem Westen Europas abgehauen. Getroffen haben sie sich zufällig irgendwo in Ostdeutschland, und zu guter Letzt sind sie auch von dort wieder geflohen. Nach diversen Flüchtlingslagern landen sie in einer Dreizimmerwohnung in Westdeutschland, im Land der Verheißung, von dem alle geträumt haben. Für das Kind ist es ein übler Ort, eine drastische, gewalttätige Gegenwart. Und weil es weder genützt hat, abzuhauen, noch, sich wie das siebte Geißlein im Uhrkasten zu verstecken, sucht die Fantasie der Tochter sich eine Verbündete: sich selbst als Erwachsene. Und plötzlich ist da eine Person, mit der sie über alles reden kann. - Kraftvoll, zornig erzählt Birgit Vanderbeke die Geschichte ihrer Familie und die Flucht eines Mädchens aus Ostdeutschland zu sich selbst.
Birgit Vanderbeke, geboren 1956 im brandenburgischen Dahme, lebt im Süden Frankreichs. Ihr umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Kranichsteiner Literaturpreis. 2007 erhielt sie die Brüder-Grimm-Professur an der Kasseler Universität.
Vorwort
Die sechziger Jahre, die Flucht in den Westen - Birgit Vanderbeke erzählt die Geschichte ihrer Familie
Autorentext
Birgit Vanderbeke, geboren 1956 im brandenburgischen Dahme, lebt im Süden Frankreichs. Ihr umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Kranichsteiner Literaturpreis. 2007 erhielt sie die Brüder-Grimm-Professur an der Kasseler Universität.
Leseprobe
Die besten Ideen hat man zwischen fünf und zehn. Danach haben manche Leute noch ein paar Ideen, vielleicht so bis fünfundzwanzig oder dreißig, je nachdem, ob sie in der Zeit noch mit jemandem reden oder nicht, aber nach dreißig haben die meisten von ihnen keine Lust mehr, mit jemandem zu reden, dann haben sie aufgegeben, und natürlich ist dann auch Schluss mit den Ideen.
Meine beste Idee hatte ich mit sieben, weil ich um die Zeit unbedingt mit jemandem reden musste, und als mir einfiel, wie ich das hinkriegen könnte, hatte ich gleich das Gefühl, dass es eine richtig gute Idee war, aber wie gut sie wirklich war, ist mir erst sehr viel später aufgegangen.
Genau genommen passierte es an meinem siebten Geburtstag.
Wir standen in unserer Dreizimmerwohnung im Land der Verheißung, und es war klar, dass ich zum Geburtstag wieder keine Katze bekommen würde.
Seit wir aus dem Lager raus waren, hatte ich mir eine Katze gewünscht. Da war ich fünf gewesen. Dies war der dritte Geburtstag, an dem ich keine bekommen würde.
Man gewöhnt sich an Enttäuschungen, aber auf Dauer machen sie, dass man sich kalt und leer im Inneren anfühlt und anfängt, den Mut zu verlieren.
Dabei stimmte es nicht, dass Haustiere in der Neubausiedlung verboten waren.
Die Egners in der 24c hatten einen Dackel in ihrer Wohnung im ersten Stock, und Giselas Mutter züchtete im Keller Chinchillas. Das wusste jeder, also wusste es auch die Hausverwaltung, und die hatte bisher nichts gegen Egners Dackel und die Chinchillas von Giselas Mutter gesagt. Die Chinchillas lebten in Käfigen wie die Kaninchen bei meiner Oma, aber meine Oma war im Osten, sie schlachtete manchmal eines von ihren Kaninchen, meistens freitags, bevor ihre Söhne zu Besuch kamen, am Samstag wurden sie abgezogen, und dann kamen sie sonntags auf den Tisch und wurden gegessen.
Jetzt waren wir im Westen, und da wurde es anders gemacht. Giselas Mutter schlachtete ihre Chinchillas nicht und zog sie auch nicht ab, um daraus Braten zu machen, sondern würde sie demnächst lebendig an einen Pelzhändler verkaufen und damit reich werden, weil der Pelzhändler die Tiere tötete und abzog und ihr dann 300 Mark für ein Fell bezahlte. Das war schon ganz schön viel Geld für Giselas Mutter, aber der Preis würde noch viel höher und weiter steigen, mit Sicherheit bis auf 400 oder 500 Mark. Das hatte jedenfalls der Lenzlinger gesagt, der ihr die ersten Chinchillas verkauft hatte, ein Pärchen zu 2000 Mark, und seit dem ersten Pärchen vermehrten sich die Chinchillas so rasant, wie sich die Kaninchen von meiner Oma im Osten vermehrt hatten. Viermal im Jahr. Demnächst würde der Kellerraum für die Zucht nicht mehr reichen, aber dann würde die Familie sowieso umziehen, weil sie dann so reich wäre, dass sie mit dem vielen Geld nicht mehr wüsste, wohin; so reich, dass sie sich einen eigenen Bungalow leisten könnte. Giselas Mutter müsste nicht mehr stundenweise putzen gehen, und der Vater müsste nicht mehr bei der Rotfabrik in Nachtschicht arbeiten und tagsüber schlafen, wenn Gisela und ihre Schwester Elvis Presley im Radio hören wollten.
Das alles war kein Geheimnis. Jeder wusste das. Deswegen stimmte es nicht, wenn meine Mutter sagte, wir dürften in der Neubausiedlung keine Katze halten, und meine Mutter wusste auch genau, dass es nicht stimmte, und das gehörte zu den Dingen, die ich an den meisten Erwachsenen nicht leiden konnte: ihre dauernde Lügerei.
Wenn man was sagte, egal, was es auch war, hörten sie entweder nicht zu, oder sie erzählten einem irgendwelche Lügen, weil sie dachten, man wäre noch zu klein, um zu merken, dass man angelogen wurde, und jedenfalls hätte die Hausverwaltung nichts dagegen einzuwenden gehabt, meine Mutter wollte nur nicht, dass ich eine Katze bekam, aber sie sagte mir nicht, warum.
Es war mein Geburtstag, also standen wir in unserem Wohnzimmer, anst