

Beschreibung
Eine brillant erzählte Sittengeschichte des 17. Jahrhunderts von Aldous Huxley, dem Autor von 'Schöne neue Welt'. 1634 wurde der gutaussehende und zügellose Priester Urbain Grandier verhört, gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Er wurde fü...Eine brillant erzählte Sittengeschichte des 17. Jahrhunderts von Aldous Huxley, dem Autor von 'Schöne neue Welt'. 1634 wurde der gutaussehende und zügellose Priester Urbain Grandier verhört, gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Er wurde für schuldig befunden, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, sowie ein ganzes Frauenkloster verführt und ins Unglück gestürzt zu haben. Huxley erzählt hier vom sensationellsten Fall von Massenbesessenheit und sexueller Hysteria im Mittelalter. Grandier selbst beteuerte stets seine Unschuld, aber noch vier Jahre nach seinem Tod wurden die Nonnen exorziert, um sie von ihren Dämonen zu befreien. 'Die Phänomene von Loudun sowohl im Hinblick auf die Haßorgien und Schauprozesse unseres Jahrhunderts wie unter den Aspekten der tiefenpsychologischen Erkenntnis in ein theologisch wie philosophisch sine ira et studio entworfenes Bild der menschlichen Möglichkeiten einzuordnen, ist der im höchsten Grade produktive Sinn von Aldous Huxleys Studie.' (Christian E. Lewalter, DIE ZEIT)
Aldous Leonard Huxley, geboren 1894 in Godalming/Surrey, in Eton erzogen, studierte nach einer schweren Augenkrankheit englische Literatur in Oxford und war ab 1919 zunächst als Journalist und Theaterkritiker tätig. 1921 begann er mit der Veröffentlichung seines ersten Romans 'Die Gesellschaft auf dem Lande' seine literarische Laufbahn. Von 1938 an lebte er in Kalifornien. Huxley starb 1963 in Hollywood.
Autorentext
Aldous Leonard Huxley, geboren 1894 in Godalming/Surrey, in Eton erzogen, studierte nach einer schweren Augenkrankheit englische Literatur in Oxford und war ab 1919 zunächst als Journalist und Theaterkritiker tätig. 1921 begann er mit der Veröffentlichung seines ersten Romans "Die Gesellschaft auf dem Lande" seine literarische Laufbahn. Von 1938 an lebte er in Kalifornien. Huxley starb 1963 in Hollywood.
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ZWEITES KAPITEL
Die Wochen verstrichen. Philippe ging immer seltener aus und zuletzt nicht einmal mehr in die Kirche. Sie sei krank, sagte sie, und müsse das Zimmer hüten. Ihre Freundin, Marthe le Pelletier, ein Mädchen aus guter Familie, aber verwaist und sehr arm, zog als Pflegerin und Gesellschafterin zu ihr ins Haus. Noch immer nichts argwöhnend, noch immer entrüstet, wenn irgendwer die Wahrheit auch nur anzudeuten oder das Geringste gegen den Pfarrer zu sagen wagte, sprach Monsieur Trincant mit väterlicher Besorgnis von verdorbenen Säften und drohender Schwindsucht. Dr. Fanton, der behandelnde Arzt, war ein diskreter Mann und sagte niemandem etwas. Die übrigen Einwohner von Loudun warfen einander bedeutsame Blicke zu und lachten hämisch, oder sie schwelgten in den Freuden gerechter Entrüstung. Wenn die Feinde des Pfarrers ihm begegneten, ließen sie giftige Andeutungen fallen; seine ernster veranlagten Freunde schüttelten über ihn den Kopf, die mehr rabelaisisch gearteten stupsten ihn in die Rippen und boten ihm zotige Beglückwünschungen. Ihnen allen antwortete Grandier, dass er nicht wisse, wovon sie redeten. Für die nicht schon gegen ihn Eingenommenen waren seine offene, dabei aber würdevolle Art und die augenscheinliche Aufrichtigkeit seiner Worte genügende Beweise seiner Unschuld. Es war moralisch unmöglich, dass ein solcher Mann begangen haben konnte, wessen seine Verleumder ihn bezichtigten. In den Häusern so hervorragender Persönlichkeiten wie Monsieur de Cerisay und Madame de Brou war er noch immer ein gern gesehener Gast. Und ihre Türen blieben ihm auch dann noch geöffnet, als der Staatsanwalt ihm die seine verschlossen hatte. Denn am Ende gingen sogar Trincant die Augen darüber auf, welcher Art die Unpässlichkeit seiner Tochter war. Ins Verhör genommen, gestand sie die Wahrheit. Aus des Pfarrers unerschütterlichstem Freund wurde Trincant über Nacht sein unversöhnlichster und gefährlichster Feind. Grandier hatte so noch ein Glied, und ein wesentliches, in der Kette geschmiedet, welche ihn ins Verderben ziehen sollte.
Das Kind kam schließlich zur Welt. Durch die geschlossenen Fensterläden, durch die dichten Decken und Vorhänge, mit welchen man jeden Laut zu ersticken versucht hatte, gaben die gedämpften, aber unverkennbaren Schreie der Mutter allen eifrig erwartungsvollen Nachbarn Monsieur Trincants Nachricht von dem freudigen Ereignis. Binnen einer Stunde hatte sich die Neuigkeit in der ganzen Stadt verbreitet, und am nächsten Morgen fand man eine unflätige »Ode auf die Bastardenkelin des Staatsanwalts« ans Tor des Gerichtsgebäudes geheftet. Von der Hand eines Protestanten, so wurde geargwöhnt; denn Monsieur Trincant war außerordentlich rechtgläubig und hatte jede Gelegenheit wahrgenommen, seinen ketzerischen Mitbürgern Prügel zwischen die Füße zu werfen und ihnen das Leben schwer zu machen.
Indessen hatte Marthe Le Pelletier mit aufopferungsvoller Großmut, welche der vorherrschenden moralischen Verkommenheit wegen umso mehr hervorsticht, sich öffentlich als Mutter des Neugeborenen bekannt. Sie sei es, die gesündigt habe, sie sei es, die gezwungen gewesen sei, ihre Schande zu verbergen. Philippe sei bloß die Wohltäterin, die ihr eine Zufluchtsstätte gewährt habe. Kein Mensch glaubte natürlich auch nur ein Wort davon; aber die Geste wurde sehr bewundert, Als das Kind eine Woche alt war, gab Marthe es zu der jungen Bäuerin, welche sich bereit erklärt hatte, seine Ziehmutter zu sein. Das wurde in recht auffälliger Weise durchgeführt, damit alle Welt es sehen konnte. Aber die Protestanten waren noch immer nicht überzeugt und zeterten weiter. Um ihre zotige Zweifelsucht zum Schweigen zu bringen, bediente sich der Staatsanwalt eines besonders üblen Juristenkniffs. Er ließ Marthe Le Pelletier auf offener Straße verhaften und vor einen Stadtrichter bringen. Hier musste sie unter Eid und in Gegenwart von Zeugen ein Schriftstück unterschreiben, worin sie das Kind öffentlich als das i