

Beschreibung
Verfall ist eine Sammlung von 13 Erzählungen, geschrieben zwischen 2008 und 2010. Die Erzählungen marschieren über das dünne Eis des bulgarischen Alltags, der zerschlissenen Kleider der Korrektheit, des Anstands und des falschen Images entledigt. Verfall ist e...Verfall ist eine Sammlung von 13 Erzählungen, geschrieben zwischen 2008 und 2010. Die Erzählungen marschieren über das dünne Eis des bulgarischen Alltags, der zerschlissenen Kleider der Korrektheit, des Anstands und des falschen Images entledigt. Verfall ist ein Buch, das vom Zerfall der falschen menschlichen Persönlichkeit handelt, während die einzelnen Erzählungen darin ihre ausgezogene Hypostase überzeugend zum Vorschein bringen verwirrt, fragend und auf der Suche nach den Antworten im Innern, in den dunklen Ecken des Geistes, deren Preisgabe beklemmt. Georgievs Erzählungen sind skandalös, romantisch, nostalgisch und sogar sozial. Den Grat des Absurden entlang und mit der Vitalität des Humors schöpfen sie ihre Poesie in Samples aus dem urbanen Alltag in der Stadt, am Meer und in der Wüste. Ähnlich mobilen Computerspielen wirken sie motivierend bis hoch stimulierend und sind wahre Antidepressiva in einer kontinuierlich und mehrspurig bröckelnden, volkstümlich-globalen Umgebung.
In "Verfall" kommen die Erzählungen in allerhand Textsorten daher. Keines dieser Formate mutet bemüht an, weil es darum geht, den Menschen Geschichten über sich selbst zu erzählen. Die Entsprechung zwischen Inhalt und Form ist bestechend - ein ungeniertes Spiel mit einer Unzahl von aktuellen Sujets. Die Cocktails aus Fiktionsebenen wären natürlich nicht so exquisit, wären da nicht meisterhaft nachgebildete, übersteigerte Figuren, die auf jeder Ebene einen Dreh weiter verzerrt sind, um ihre Wahrheit aktuell werden zu lassen, um Literatur zu werden. Georgievs Erzählungen sind skandalös, romantisch, nostalgisch und sogar sozial. Voller Absurdität und intellektuellem Witz schöpfen sie ihre Poesie in Samples aus dem urbanen Alltag. Ähnlich Computerspielen wirken sie motivierend bis hoch stimulierend und sind wahre Antidepressiva in einer stets und in hohem Masse zerfallenden, volkstümlich-globalen Umgebung.
Autorentext
Vassil Georgiev, geboren 1975 in Sofia, ist Jurist und Schriftsteller. Erste Kurzgeschichten veröffentlichte er 2003. Seine Erzählung "Der schwarze Mann" gewann den ersten Preis beim Jordan-Jovkov-Wettbewerb. Die erste Erzählsammlung "Buddhistenstrand" war das meistbesprochene Debüt 2009. Sein zweites Buch "Strassenjunge. Geschichten der Strassen von Sofia" wurde für mehrere Preise nominiert, und der Erzählband "Verfall" gewann 2011 den Helikon-Preis für zeitgenössische Prosa. "Apparat", sein erster Roman, wurde 2014 bulgarischer Roman des Jahres.
Klappentext
Heute werde ich deinen Lieblingstee aufbrühen - Thymian, getrocknete wilde Erdbeeren und Lindenblüten -, ich werde dir mein neues grünes T-Shirt mit den gelben und roten Blumen zeigen, und wir werden uns lange unterhalten. Über die Erdnüsse, die wir nicht aufgegessen, über die Bücher, die wir nicht gelesen haben und über den Meeressand, der an unseren Füssen nicht kleben blieb - über alle die gemeinsamen Erinnerungen, Dinge und Situationen, die gleich Bahnhöfen an einem stillstehenden Zug wie irr an uns vorbeigerast sind. Die Zeit radiert die Erinnerungen aus, wandelt die Situationen, entstellt die Dinge, niemals aber wird sie es schaffen, eine im Efeu gross gewordene, zwar ein wenig angestaubte, jedoch stets zu uns gehörige Liebe auszulöschen.
Leseprobe
Warum ich dieses Buch geschrieben habe Einmal, an einem nebligen Samstagmorgen im November, ging ich nach einer Party die Vitoka entlang nach Hause. Ich war so einsam und verlassen wie die Straße selbst die Straßen- bahngleise waren verödet, und einzig Barmänner oderVerkäufer sah man hie und da verzagt die Türen zu- oder aufmachen, die Stühle auf die Tische oder herunterstellen, die Jalousien her- aufziehen oder herunterlassen und Kessel voll Schmutzwasser in die Gullys gießen. Da trat, von der Ecke bei Neofit Rilski, eine weiße, saubere Katze, die offensichtlich ein Zuhause hatte, mit aufgerichtetem und nervös zitterndem Schwanz aus dem Nebel. Aus Gewohn- heit rief ich pss-pss und bückte mich, um sie zu streicheln, sie aber machte eine halbe Drehung um ihre imaginäre Katzen- Achse und ging weiter auf ihrem Catwalk zur griechischen Imbissstube. Kurz darauf tauchte aus dem Nebel eine Frau mittleren Alters auf, ohne Brauen und ohne Haare, mit einer orangen- farbenen Jacke und einer grünen Hose offensichtlich lief sie der Katze hinterher, die ihr zusammen mit der Chemotherapie die Kraft gab, um zehn vor sieben in der Frühe die Straße ent- langzugehen. Die Frau versuchte, sich der Katze zu nähern, und erreichte sie auch beinahe, aber dann bog die Katze ihr Rückgrat und machte zwei, drei Schritte vorwärts gerade genug, um zu entschlüpfen. Wimmernd bückte sich die Frau und redete ihr zu, während die gewissenlose Katze jedes Mal mit kleinen Schritten im letzten Moment entwischte. Schließlich huschte die Katze unter einen Container, damit die Frau nicht an sie herankam. Natürlich habe ich nicht geholfen, um weder die Katze noch die Frau, noch mich selbst zu erschrecken, und unmittelbar darauf versank die ganze Geschichte folgenlos im Nebel. Ich hoffte, dass die zwei einfach durch den nebligen Sams- tagmorgen spazieren gegangen waren und dass das Fehlen von Brauen und Haaren zum seltsamen Verständnis von Schönheit der Frau gehörte. Hoffentlich hat jede Geschichte tatsächlich einen sichtbaren und einen unsichtbaren Teil, wie wir hier im Süden es uns wünschen würden, selbst an einem vernebelten Samstagmorgen. Der sichtbare wäre jener, mit dem ich in der Welt zu exis- tieren versuche im Rahmen jener Handvoll Verhaltensregeln, die einzuhalten von mir erwartet wird Macht, Business, Prioritäten. Diese Regeln sind wie die Straßenbahngleise auf der Vitoka, ich muss sie entlanggehen und zwar mit möglichst wenigen Zwischenstationen und ohne Boxenstopp, denn die Reisenden in der Straßenbahn meiner Erwartungen haben für ihre Fahrt bezahlt , um auf dem offensichtlich kürzesten Weg die Endstation zu erreichen. Deshalb werdet ihr mich oft mit meiner sichtbaren Geschichte wie die kranke Frau durch die Straßen von Sofias Zentrum eilen sehen. Den unsichtbaren Teil werde ich die wahre Geschichte nennen. Er ist die davonhuschende Katze des Wunsches, die im Nebel zurückbleibt und die mir stets entwischt, jener wich- tigeren Dinge wegen, die man Prioritäten nennt. Mir ist diese Geschichte lieber sie ist flauschig, weiß, sauber und weicht mir kokett aus. Sie macht zwei, drei Schritte zur Seite, während ich stets versuche, an sie heranzukommen, wenn auch nicht besonders eifrig. Solange ich sie nur weiter verfolge, werde ich zufrieden sein. Das wird mir genügen. Und zwar weil mir ungeachtet aller Möglichkeiten und Prio- ritäten am Ende nur eine einzige Möglichkeit bleiben wird, welche meine Nächsten mit einer voreingenommenen, mir schmeichelnden Beschreibung meiner Person unzureichend illustrieren werden, festgemacht an einem Laternenpfahl oder an der Tür, die jedes Mal zuklappte, wenn ich es nach Hause geschafft hatte, zurück von einer Party, von der Arbeit oder von sonst einer Verzückung. Diese Personenbeschreibung wird einzig mit meinem falschen Abbild etwas zu tun haben, Spiegel- bild ihrer Erwartungen an mich sie wird albern sein und dem Texter des Beerdigungsunternehmens weitererzählt worden sein, der sie noch plumper wiedergeben wird. Deshalb habe ich es vorgezogen, sie selbst zu schreiben.
