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Umdeuten, verschweigen, erinnern

  • Kartonierter Einband
  • 257 Seiten
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In Ost- und Mitteleuropa wurde der Holocaust lange aus der eigenen Geschichte verdrängt. Mit Ende des Kalten Krieges öffneten sich... Weiterlesen
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Beschreibung

In Ost- und Mitteleuropa wurde der Holocaust lange aus der eigenen Geschichte verdrängt. Mit Ende des Kalten Krieges öffneten sich jedoch die bis dahin verschlossenen Archive. Damit ließ sich nicht länger leugnen, dass die Massenvernichtung der Juden ein wesentlicher Bestandteil nicht nur der deutschen Geschichte, sondern auch der vieler europäischer Staaten ist. Der Band zeigt, wie unter anderem in Polen, Rumänien und Litauen, aber auch in Ostdeutschland nach 1989 die Vergangenheit im Dritten Reich aufgearbeitet wurde. Dabei wird klar, dass die Erinnerungsarbeit vielfach noch in den Anfängen steckt.

Autorentext
Micha Brumlik ist Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Universität Frankfurt. Karol Sauerland lehrt deutsche Literatur und Ästhetik an den Universitäten von Warschau und Thorn.

Zusammenfassung
Umdeuten, verschweigen, erinnern
"Verdienstvoll ist der Einblick, den der von Micha Brumlik und Karol Sauerland edierte Band eröffnet. Er ist die Momentaufnahme einer überfälligen Erinnerungsarbeit und ihrer Volten." (Deutschlandfunk, 06.12.2010)

Leseprobe
Gespräch zwischen Micha Brumlik und Karol Sauerland Brumlik: Man kann die Arbeiten, die in diesen Sammelband aufgenommen worden sind, so verstehen, als sei die Auseinandersetzung mit dem Holocaust den mittelosteuropäischen Staaten und Gesellschaften nach 1989 überhaupt erst vom Westen her aufgedrängt worden. Ist es wirklich so, dass es in diesen Staaten und Gesellschaften kein eigenes Bedürfnis nach der Auseinandersetzung mit der Kollaboration beim nationalsozialistischen Judenmord gegeben hat? Sauerland: Die meisten Beiträge zeigen, dass es diese eigene Auseinandersetzung nicht gegeben hat, dass es sie sogar bis etwa 2000 nicht gab. Und nach meiner Meinung war die internationale Diskussion im Westen der grundlegende Anlass, dass man sich mit diesen Dingen beschäftigte, und zum großen Teil natürlich auch die Interventionen von jüdischer Seite aus, endlich Eigentum zurückzugeben, etwa Synagogen, diese Probleme überhaupt zu besprechen. Ganz eklatant war es in Polen, wo es durch das Buch von Jan Tomasz Gross, der aus Polen stammt, aber seit Jahrzehnten in den USA wirkt, zu der Jedwabne-Debatte kam. Wobei man allerdings sagen muss, dass es in Polen gleich nach dem Krieg, besser nach Ende der Kriegshandlungen, eine interessante Diskussion über die Mitschuld am Holocaust gegeben hat. Unter anderem durch das Werk von Tadeusz Borowski. Aber auch andere Schriftsteller haben hier die Debatte geführt, die allerdings dann, als es zur Gleichschaltung und verschärften Einführung sogenannter sozialistischer Prinzipien kam, ein Ende nahm. Brumlik: Heute sagen sogar Publizisten, die auch den Arbeiten von Jan Tomasz Gross durchaus gewogen sind, dass man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten soll. Letzten Endes war es natürlich doch die deutsche Besatzungsherrschaft, die dort den Holocaust exekutiert hat. Und auch ich würde meinen, dass der polnische Anteil an Kollaborationen in Polen weitaus geringer war als etwa der Anteil der französischen Behörden in Frankreich. Sauerland: Das stimmt. Der Unterschied ist der, dass Polen keine Quisling- Regierung hatte, insofern kann man hier nur indirekt von Kollaboration, Mithilfe, sprechen. Aber man darf nicht vergessen, dass die Zivilverwaltung von Polen getragen wurde. So war die blaue Polizei für Kriminalverbrechen und Ordnungsfragen verantwortlich, sie hat sich aber auch bei der Auflösung von Gettos beteiligt. Das ist kaum erforscht. Jan Grabowski, ein kanadischer Historiker polnischer Abstammung, hat anhand deutscher Gerichtsakten aus der Besatzungszeit in Warschau untersucht, wie Denunziationen und vor allem Eigentumsfragen behandelt und verhandelt wurden. Er kommt mehr oder weniger zu dem Schluss, dass die Bereicherungssucht von sogenannten arischen Polen nicht gering war. Brumlik: Ja, die Frage der blauen Polizei ist natürlich ein abgründiges Thema, weil wir aus der Forschung wissen, dass auch jüdische Polizisten an derartigen Maßnahmen beteiligt gewesen sind. Hier haben wir es wieder mit der Dialektik von Zwang und Freiwilligkeit zu tun, die auch für die polnischen Juden gilt. Sauerland: Die Forschung kann ja durchaus darstellen, dass man unter halbem Zwang oder Viertelzwang gearbeitet hat, aber das Problem ist, dass die Forscher und Forscherinnen im jeweiligen Land sich nicht getrauen, die Akten in dieser Hinsicht aufzuarbeiten, um ein Bild davon zu geben, wie sich die Bevölkerung den Juden gegenüber angesichts der Shoa verhielt. Insofern sind die Erinnerungen von Perechodnik sehr interessant, der schildert, wie Juden ihr Eigentum Polen übergeben in der Hoffnung, dafür Hilfeleistungen zu bekommen. Aber einige Wochen später, es war noch nicht zur Vernichtung des Gettos gekommen, wollen jene Polen von nichts mehr etwas wissen. Diesen Prozess aufzuarbeiten ist sehr wichtig. Das ist auch psychologisch wichtig, weil es die Bevölkerung irgendwie doch innerlich belastet. Brumlik: Ich finde, Polen ist ein besonders schwieriger Fall, weil das ein Land unter der Besatzungsherrschaft gewesen ist. Aufschlussreich und vielleicht eindeutiger sind die Fälle in jenen Staaten, die mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet waren, ohne zunächst von ihm besetzt gewesen zu sein. Ich meine Ungarn und vor allem Rumänien, die nun wirklich einen eigenständigen Anteil am Holocaust hatten und wo man nun beim besten Willen nicht mehr sagen kann, dass das Gespräch durch das nationalsozialistische Deutschland erzwungen worden ist. Sauerland: Damit stimme ich völlig überein. Und der Beitrag über Rumänien zeigt das sehr deutlich. Die Kommission, die in Rumänien um die Jahrtausendwende errichtet worden ist, ist im Grunde genommen zu keinem Ergebnis gekommen, weil am Ende der gute Wille fehlte. Brumlik: Kann man denn von Rumänien und Ungarn sagen, worüber wir vorhin gesprochen haben, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust und der Kollaboration wesentlich vom Westen her angestoßen worden ist? In Budapest gibt es, soviel ich weiß, inzwischen ein Holocaustmuseum. Sauerland: Ja, ich würde nach wie vor sagen, dass es einen westlichen Einfluss gibt, der aber nicht an Personen festzumachen ist. Die internationale Debattenlage zwingt einfach zur Stellungnahme und bei Ungarn haben wir ja auch den Fall Kertész, der im eigenen Land viel weniger zur Kenntnis genommen wird als im Westen. Ungarn hätte ihm wahrscheinlich den Nobelpreis nicht verliehen. Brumlik: Das ist nun die Debatte von ostmitteleuropäischen Staaten auf dem Weg in die EU, auf dem Weg in den Westen. Hier kann man ihnen vielleicht vorwerfen, dass nicht genug getan wird. Ein heikler Fall scheinen mir die baltischen Staaten zu sein, wo man ja nicht nur davon sprechen kann, dass nicht genug getan wird, sondern es, meiner Kenntnis nach, eine richtige Abwehr- und Antihaltung gibt. Sauerland: Die baltischen Staaten stellen ein besonderes Problem dar, das im Westen nach meiner Meinung so gut wie gar nicht gesehen wird. Ich meine die sowjetische Besatzung zwischen 1939 und 1941 (im Falle von Polen) beziehungsweise 1940 und 1941 im Falle der baltischen Staaten. Die sowjetische Besatzung war ein unerhört brutaler Akt. Innerhalb von ganz kurzer Zeit wurde die Kollektivierung vorangetrieben und sehr schnell wurden die Bürger zu Sowjetbürgern erklärt, das heißt, sie mussten ihre polnischen, litauischen, lettischen und estnischen Pässe abgeben. Das betraf auch jüdische Bürger, womit diese Angst haben mussten, nie wieder aus dieser Sowjetunion herauszukommen. Und die deutschen Truppen wurden beim Einmarsch zumeist von den Nichtjuden als Befreier empfangen. Die Überzeugung, dass Bolschewismus und Judentum zusammen, also der sogenannte Judäo-Bolschewismus existiere, war nach meiner Auffassung einer der Hauptgründe für die fanatischen Judenmorde. Das geschah natürlich mit deutscher Bewilligung und deutscher Hilfe. Aber man hätte nicht Zehntausende von Juden in Litauen in so kurzer Zeit ohne Mithilfe der Bürger ermorden können. Brumlik: Aber dann muss man doch trotzdem erklären, warum es jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, mindestens etwa in Lettland, immer noch kaum möglich zu sein scheint, diese Erinnerungen angemessen zu gestalten. Mein Eindruck ist, dass es heftigste Konflikte in der lettischen Gesellschaft gibt, die ja bis heute die Märsche von ehemaligen lettischen SS-Mitgliedern an einem Tag im Jahr zu einem Ehrenmal duldet, was in einem EU-Staat eigentlich nicht passieren dürfte. Sauerland: Das ist völlig richtig. Nur die Nichtbeachtung der ganzen Gulag-Vergangenheit und die Nichtbeachtung der Tatsache, dass die Zeit ab 1944 von großen Teilen der Bevölkerung als sowjetische Besatzung empfunden wurde, als eine andere Besatzung als die deutsche, aber doch als eine sehr brutale Besatzung mit den vielen Deportationen in Richtung Sibirien und Kasachstan, beunruhigt die dortige Bevölkerung. Das ist auch das Problem, das wir in der Ukraine mit der UPA haben: Man wird mit dem Phänomen des Kampfes gegen eine doppelte Besatzung nicht fertig. Unverständlich ist, dass der Westen nicht bereit ist, den Stalin-Hitler-Pakt und dessen Folgen wirklich zu verurteilen, er will ihn nicht einmal beim Namen nennen. Brumlik: Dem würde ich nicht zustimmen, aber in dem Zusammenhang hätte ich die weitere Frage, warum dann diese nationalen Kräfte im Baltikum nicht zur Kenntnis nehmen, dass es ohne den Hitler-Stalin-Pakt auch nicht zur Besetzung der baltischen Staaten durch die Sowjetunion gekommen wäre? Also in gewisser Weise war doch das nationalsozialistische Deutschland daran schuld, dass es überhaupt zur sowjetischen Besatzung gekommen ist. Hinterher werden dann die gleichen Nazis als Befreier bejubelt. Das ist doch sehr paradox. Niemand hat Hitler gezwungen, mit Stalin diesen Pakt abzuschließen. Sauerland: Aber Russland bekennt sich bis heute nicht zu dem Stalin- Hitler-Pakt und zu seinen Einmärschen in diese Länder. Sie bedeuteten eine Missachtung des Völkerrechts. Im russischen Bewusstsein beginnt der Krieg am 22. Juni 1941. Davor gab es keinen Krieg. Und eine Bevölkerung, die vierzig Jahre lang nur hört, welche Wohltaten die Sowjetunion ihren Nachbarn angeblich bereitet hat, denkt natürlich viel stärker an das sogenannte Stalinerbe als an das Hitlererbe.

Inhalt
Inhalt Gespräch zwischen Micha Brumlik und Karol Sauerland Micha Brumlik und Karol Sauerland Einleitung Anika Walke "Wir haben über dieses Thema nie gesprochen" Jüdischer Überlebenskampf und sowjetische Kriegserinnerung Joachim Tauber "Gespaltene Erinnerung" Litauen und der Umgang mit dem Holocaust nach dem Zweiten Weltkrieg Mariana Hausleitner Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Rumänien Frank Golczewski Die Ansiedlung von Juden in den ehemaligen deutschen Ostgebieten Polens 1945-1951 Andrzej ?bikowski Die Erinnerung an den Holocaust in Polen Klaus-Peter Friedrich Der Rückblick auf den NS-Judenmord und die Reaktion auf antijüdische Unruhen im Krakauer Wochenblatt Tygodnik Powszechny (1945-1952) Dieter Pohl Die Historiker Volkspolens und der Judenmord: Erforschung und politische Instrumentalisierung 1956-1968 Beate Kosmala Der Aufstand im Warschauer Getto 1943 und der Warschauer Aufstand 1944 in der Geschichtspolitik der Volksrepublik Polen - Zwischen Umdeutung, Verschweigen und Erinnerung Thomas Taterka "Das kann dem deutschen Leser nicht zugemutet werden" Polnische Literatur über Konzentrationslager und Judenvernichtung in der DDR Bill Niven Der Umgang mit dem Jüdischen in der DDR-Rezeption der Rettung Stefan Jerzy Zweigs Christian Lotz Annäherungen an die Schuldfrage Die Diskussionen um die nationalsozialistische Vergangenheit im ostdeutschen Samizdat Autorinnen und Autoren. 255

Produktinformationen

Titel: Umdeuten, verschweigen, erinnern
Untertitel: Die späte Aufarbeitung des Holocaust in Osteuropa
Beiträge von:
Schöpfer:
Editor:
EAN: 9783593392714
ISBN: 978-3-593-39271-4
Format: Kartonierter Einband
Hersteller: Campus
Herausgeber: Campus
Genre: 20. Jahrhundert (bis 1945)
Anzahl Seiten: 257
Gewicht: 324g
Größe: H213mm x B140mm
Jahr: 2010
Untertitel: Deutsch
Auflage: 1. Aufl. 11.2010