

Beschreibung
Die klassische Antwort des modernen westlichen politischen Denkens auf die Herausforderung religiöser Pluralität ist das Konzept des "säkularen Staates". Wie diese Formel jedoch unter den heutigen Bedingungen genau zu verstehen ist, bildet den Gegens...Die klassische Antwort des modernen westlichen politischen Denkens auf die Herausforderung religiöser Pluralität ist das Konzept des "säkularen Staates". Wie diese Formel jedoch unter den heutigen Bedingungen genau zu verstehen ist, bildet den Gegenstand einer Debatte in der politischen Theorie. Dieses Buch nimmt eine zentrale Facette dieser Kontroverse in den Blick: Es beleuchtet die Frage nach der Legitimität religiös fundierter moralischer Argumente im Kontext der politischen Meinungs- und Willensbildung. Im Anschluss an den kanadischen Philosophen Charles Taylor erörtert die Autorin, wie sich der "säkulare Staat" mit Blick auf den politischen Diskurs heute neu
denken lässt.
»Die Politikwissenschaftlerin Dr. Ulrike Spohn zeigt, wie der Konflikt zwischen Säkularismus und Religiosität zu überwinden ist.«, SWR2 Aula, 22.10.2017
Autorentext
Ulrike Spohn, Dr. phil., arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster.
Leseprobe
Danksagung
Bei diesem Buch handelt es sich um die leicht überarbeitete Fassung meiner im April 2014 an der Universität Münster eingereichten Dissertationsschrift. Viele Menschen haben zu der Entstehung des Buches auf ihre je eigene Weise beigetragen. Danken möchte ich zunächst den Betreuern meiner Dissertation, Prof. Dr. Ulrich Willems und Prof. Dr. Michael Haus, für ihre durchweg unterstützende Begleitung des Projekts im Kontext von Kolloquien und Einzelgesprächen in Münster und Heidelberg. Die Arbeitsbedingungen am Lehrstuhl für "Politische Theorie mit dem Schwerpunkt Politik und Religion" an der Universität Münster, an dem ich von Beginn meiner Promotionszeit an als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig sein durfte, boten mir zudem großzügige Freiräume zur Beschäftigung mit meiner Dissertation. Den Mitgliedern des DoktorandInnen-Kolloquiums am Lehrstuhl und der Forschungsgruppe "Politische Theorie" der Graduate School of Politics in Münster danke ich für die Zeit und Energie, die sie in die Lektüre und Kommentierung vieler Kapitel (-entwürfe) meiner Arbeit gesteckt haben, sowie für ihre stets konstruktive und ermutigende Kritik. Auch durch das weitere universitäre Umfeld habe ich während meiner Promotionszeit viel Inspiration und Unterstützung erfahren. Die Mitarbeit in einzelnen Arbeitsgruppen des Münsteraner Exzellenzclusters "Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne" habe ich als sehr bereichernd erlebt, und ich danke allen ForscherInnen, die mich hier herzlich aufgenommen und an der Entwicklung meines Projekts mit Wohlwollen und Interesse Anteil genommen haben. Dem Exzellenzcluster und Prof. Dr. Ulrich Willems bin ich außerdem für die großzügige finanzielle Förderung meiner Arbeit in Form der Übernahme des anfallenden Druckkostenzuschusses zu Dank verpflichtet. Dass ich die Dissertation in Ruhe erfolgreich abschließen konnte, verdanke ich den von der Universität Münster und der Münsteraner Kolleg-Forschergruppe "Theoretische Grundfragen der Normenbegründung in Medizinethik und Biopolitik" gewährten Promotionsabschlussstipendien - insbesondere Prof. Dr. Thomas Gutmann möchte ich in diesem Zusammenhang für seine Unterstützung danken. Mein Dank gilt weiter Prof. Dr. Ulrich Wil-lems, Prof. Dr. Detlef Pollack, Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger und Prof. Dr. Thomas Großbölting, die der Aufnahme meines Buches in die Schriftenreihe des Münsteraner "Centrums für Religion und Moderne" als deren HerausgeberInnen zugestimmt haben. Dem Campus-Verlag, namentlich Jürgen Hotz, danke ich für die gute Zusammenarbeit. Jana Eisberg gilt mein Dank für ihre Unterstützung bei der Aufbereitung des Manuskripts für die Drucklegung, Judith Grubel für das sorgfältige Lektorat der Druckfahnen und Stefan Klatt für die kreativen Ideen zur Cover-Gestaltung.
Persönlicher Dank gilt meiner lieben Kollegin und Freundin Manon Westphal für die gemeinsam durchlebte Zeit der Promotion und den beständigen Austausch über die damit verbundenen Erfahrungen. Ich danke auch meiner guten und langjährigen Freundin Karin Rolle, die die Entste-hung der Dissertation von den ersten Ideen im Jahr 2009 an mitverfolgt und schließlich ihren Weihnachtsurlaub 2013 dafür geopfert hat, das gesamte Manuskript vor der offiziellen Einreichung zu lesen und zu kommentieren. Tobias Gumbert danke ich dafür, dass er mir bei der Disputatio im Februar 2015 und in der nachfolgenden Zeit zur Seite gestanden hat. Ganz besonderer Dank gilt meinen Eltern Anne und Ingo Spohn für ihr Vertrauen in mich und ihre bedingungslose Unterstützung über all die Studienjahre hinweg, vom ersten Semester Politikwissenschaft in Mainz über die Zeit des Hauptstudiums in Leipzig bis hin zur Promotion in Münster. Ihnen ist dieses Buch gewidmet.
Einleitung
Eine veränderte religiöse Landschaft stellt westliche Gemeinwesen heute vor neue Herausforderungen hinsichtlich ihrer Performanz wie auch ihres normativen Selbstverständnisses als freiheitliche Demokratien. Weisen die verschiedenen westlichen Länder historisch bedingt auch unterschiedliche konfessionelle Konstellationen und politische Regulierungsmodelle auf, so lassen sich diese doch als Varianten einer gemeinsamen Antwort auf eine geteilte historische Ausgangslage verstehen (vgl. Willems 2012a: 244, 247f.; 2012b: 146f.). Diese Ausgangslage ist vor allen Dingen dadurch gekennzeichnet, dass sich das Ausmaß religiöser Pluralität, insbesondere im Vergleich zu anderen Weltregionen wie etwa Südostasien, in den westlichen Ländern lange Zeit in Grenzen gehalten und sich größtenteils auf die in der Folge der Reformation entstandenen christlichen Konfessionen beschränkt hat (vgl. Willems 2012a: 244; 2012b: 146). Im Zuge einer langen, konfliktreichen historischen Entwicklung haben die westlichen Gemeinwesen verschiedene Modelle des Umgangs mit religiöser Pluralität entwickelt, die normativ auf ein gleiches Recht auf Religionsfreiheit rekurrieren und sich alle auf ihre je eigene Art als Versuch verstehen lassen, dieses Recht institutionell, materiell und symbolisch zu realisieren. Die westlichen Länder orientieren sich dabei an dem Konzept des "säkularen Staates", dessen Grundprinzipien die Trennung von Staat und Religion und die sich daraus ergebende weltanschauliche Neutralität des Staates darstellen. Mit Blick auf die konkrete institutionelle Ausgestaltung dieses Konzepts zeigt sich jedoch eine weite Spannbreite unterschiedlicher Modelle, die auf einem Kontinuum angesiedelt sind, das von der strikten Trennung zwischen Staat und Religion bis hin zu Formen der Kooperation oder Förderung reicht (vgl. Willems 2012a: 247). Während sich Modelle der strikten Trennung tendenziell mit einer Interpretation von Religionsfreiheit als einem negativen Recht (Freiheit von religiösem Zwang) verbinden, verknüpft sich mit Kooperationsmodellen eher ein Verständnis von Religionsfreiheit als einem positiven Recht (Freiheit zur Religionsausübung) (vgl. ebd.: 261).
Lange Zeit haben die etablierten religionspolitischen Arrangements in den westlichen Ländern relativ breite Akzeptanz erfahren und waren in der Lage, den entstehenden Regelungsbedarf in ihren jeweiligen Kontexten erfolgreich zu verarbeiten (vgl. ebd.: 261f.). Seit den 1960er Jahren haben sich die gesellschaftlichen Umstände jedoch derart stark verändert, dass heute Problemlösungsfähigkeit und Legitimität der gewachsenen Institutionengefüge zunehmend in Frage gestellt werden. Verschiedene Entwicklungen, wie Individualisierung, Säkularisierung, gestiegene Mobilität sowie erweiterte Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten durch digitale Technologien, haben zu einer starken Pluralisierung des religiösen Feldes in westlichen Gesellschaften geführt (vgl. ebd.: 245, 254). So machen den etablierten christlichen Konfessionen heute individualisierte und/oder alternative religiöse Bewegungen, nichtwestliche Religionen sowie säkulare Anschauungen Konkurrenz (vgl. Willems 2…