

Beschreibung
Die enthauptete Leiche einer Frau. Ein Mann ohne Vergangenheit. Ein verschollener Junge. Kriminalkommissarin Tamara Wegenast, Nachfolgerin des pensionierten Kommissar Berndorf, ermittelt in ihrem bislang schwierigsten Fall. Und muss gleichzeitig um ihr eigenes...Die enthauptete Leiche einer Frau. Ein Mann ohne Vergangenheit. Ein verschollener Junge.
Kriminalkommissarin Tamara Wegenast, Nachfolgerin des pensionierten Kommissar Berndorf, ermittelt in ihrem bislang schwierigsten Fall. Und muss gleichzeitig um ihr eigenes Leben fürchten: Seit Wochen wird sie mit Drohbriefen überschüttet, als deren Verfasser ein Kai Habrecht firmiert. Doch der ist tot, und zwar seit Jahren Wegenast selbst hat ihn erschossen ...
Hochspannung vom Deutschen Krimipreisträger Ulrich Ritzel.
Ulrich Ritzel beobachtet genau. Seine Figuren sind authentisch. Die Milieus stimmen. Und er arbeitet mit einer schnellen Schnitttechnik.
Autorentext
Ulrich Ritzel, geboren 1940, aufgewachsen auf der Schwäbischen Alb, arbeitete mehr als drei Jahrzehnte als Journalist und wurde 1980 mit dem Wächterpreis der deutschen Tagespresse ausgezeichnet. Mit dem Roman Der Schatten des Schwans debütierte er 1999 als freier Autor. Aus der Reihe seiner Romane um den Kommissar Berndorf erhielten Schwemmholz und Beifang den Deutschen Krimi-Preis, Der Hund des Propheten den Preis der Burgdorfer Krimi-Tage. Ulrich Ritzel lebt mit seiner Ehefrau Susanne und seinen beiden Hunden seit 2008 in der Schweiz.
Leseprobe
enstag, 27. September
Aus dem Schatten, den die Morgensonne in die Herschluchten warf, rollte eine blaue Tramwaj, ruckte ber eine Weiche und nahm wieder Fahrt auf. Dem Mann, der mit einer Plastiktte in der einen Hand stehen geblieben war und mit der anderen die Augen abschirmte, kam es so vor, als liefen die Waggons auf ungewhnlich kleinen Rrn, wie Raupenfahrzeuge, die enge Kurven und steile Rampen berwinden mssen. Die Haltestelle war nur fnfzig Meter entfernt. Wenn er sich beeilte, wrde er sie noch rechtzeitig erreichen und mitfahren knnen, vielleicht bis zur Endstation, irgendwo da draun zwischen Abraumhalden und Schrottplen msste eine geeignete Stelle zu finden sein.
Aber er wollte nicht rennen. Nicht mit der Plastiktte und dem Ding darin, das ihm gegen die Beine schlagen wrde. Aurdem hatte er kein Bilet. Soviel er wusste, he er sich vorher eins in einem Tabak- oder Zeitungsladen kaufen mssen. Die Stranbahn hielt, ein paar Leute stiegen aus, darunter zwei Frauen, die nun auf ihn zukamen, mit kleinen energischen Schritten, und als sie an ihm vorbei waren, folgte ihnen der Mann, weil es offenkundig einen vernnftigen und unverdtigen Grund gab, diese Richtung zu nehmen.
In der Nacht hatte es geregnet, und noch immer roch es, als sei ein Teil des Staubs und der Abgase aus der Luft herausgewaschen. Zumindest schienen die Bewohner der Stadt es so zu empfinden, denn sie hatten ihre altersschwarzen Wohnblocks verlassen, berall sah er Leute, alte und junge, gebrechliche, gleichgltige oder solche, deren Gesicht Misstrauen verbergen mochte.
Es ist lerlich, dachte der Mann, dem die Plastiktrr in die
Hand schnitten, aber seit dem Frhstck war er unterwegs und hatte nirgendwo einen Platz gefunden, an dem er es gewagt he, die Tte abzustellen. Dabei war es eine Tte wie hunderttausend andere auch, von einer Hamburger-Kette ausgegeben, deren gelbroter Schriftzug deutlich zu sehen war, ziemlich genau an der Stelle, an der sich die Plastikfolie ber einer Wlbung spannte. Vor einer halben Stunde noch hatte er sich damit getrstet, wie komisch es sein wrde, wenn er von seiner Irrfahrt erzen knnte, seiner Odyssee durch die staubigen, von Schlaglchern bersn Stran der Stadt, auf der Suche nach einer Ruine, von denen es doch genug geben musste, oder auch nur nach einem abseits gelegenen Mllbeher, und wie er sich dabei immer genauer, immer hartniger beobachtet fhlte, bis er schlieich begriff, dass es nicht allein die Menschen auf der Stra waren, denen er sich ausgeliefert fhlte.
Wirkliche Gefahr droht von dem, den man nicht sieht, der vielleicht nur aus einem Fenster sp, hinter einem Vorhang verborgen. Es gab unzige Fenster in dieser Stadt, mit Gardinen oder bunten Vorhanglappen drapiert und dicht an dicht in die staubgrauen Mauern gestanzt, als bohrten sich hunderttausend Augen in seinen Nacken, aber wer glaubt einem das? Die beiden Frauen vor ihm bogen nach links ab, die ere der beiden trug einen mausgrauen Mantel mit einem mausgrauen Pelzkrlchen und ging etwas schneller als die andere, die jnger war und schwerfiger, die breiten Hften in Jeans gezwt. Der Mann blieb etwas zurck. Vor einem Motorradladen mit schweren japanischen Maschinen waren zwei Tische und die Plastiksthle dazu auf das Trottoir gestellt, an einem der Tische san zwei Burschen in Lederjacken und rlten ihre Beine ber den Gehsteig, die Bierdosen vor sich, und musterten ihn, fast belustigt, als sei etwas komisch daran, wie er hinter den Frauen herlief und ihm die rot und gelb bedruckte Plastiktte neben den Knien baumelte. Aus dem Laden drhnte ein Lautsprecher, fast gerhrt erkannte der Mann den alten Seelenfeger Bobby McGee, und es war wirklich und wahrhaftig die Stimme von Janis Joplin, wie schn, dass es eben auch Lieder mit Worten gab, wenn man sie nur singen konnte. Fr einen Augenblick berlegte er, stehen zu bleiben und den Biertrinkern zuzunicken, wie jemand, der gerade genug Zeit hat, sich an einem guten alten Lied zu erfreuen, aber im gleichen Atemzug verscheuchte er den Gedanken wieder, dies war kein Morgen fr den Austausch von Sentimentalitn, schon gar nicht mit Leuten, die die Zeit und das Geld brig hatten, sich vormittags vor einer Kneipe herumzudrcken.
Nicht mit mir, dachte der Mann und ging weiter, zgig tat er das, aber nicht so schnell, dass es irgendjemandem he auffallen knnen, dann bog auch er ab, hinter sich hrte er die beiden Biertrinker auflachen, er geriet in eine Seitenstra, an deren Ende eine rueschwte, geduckte Kirche stand, mit einem kmmerlichen neogotischen Aufsatz, der gerne so getan he, als sei er ein himmelhoch ragender Turm.
Du bist Betschwestern nachgelaufen, dachte der Mann, das hest du eigentlich etwas frher merken knnen, in diesem Land musst du mit so etwas rechnen. Fast zu spbemerkte er, dass ihm ein Passant mit einem Hund entgegenkam, der Hund trug einen Maulkorb, aber trotzdem wechselte er rasch ber die Fahrbahn auf die andere Stranseite. Hunde hatte er noch nie leiden knnen und das Geschnffel schon gar nicht, was hast du da, was riecht da so? Die Fahrbahn war an manchen Stellen mit grobem Klinker gepflastert, und an anderen war sie asphaltiert, es sah aus, als sei die Stra niemals neu gewesen, sondern immer nur ausgebessert worden.
Er sah sich um und nahm die Plastiktte in die andere Hand. Der Mann mit dem Hund war um die Ecke gebogen. Niemand schien ihn zu beachten. Die beiden Frauen hatten das Kirchenportal erreicht und verschwanden darin, zuerst die eine im Melchen hineingehuscht, dann die andere nachgewalzt. Das Fragment eines Bibelspruchs tauchte aus seiner Erinnerung auf, wie von einem Suchscheinwerfer erfasst, irgendetwas von Mhseligen und Beladenen, das Fragment verschwand wieder und machte einem Gedanken Platz.
An Rabatten und vom Regen grn gewaschenen Hecken vorbei kam er zum Portal, stiedie Kirchentr auf und schob einen erstickend muffigen Vorhang zur Seite.
Die Frau, die die Tr des Appartementhauses aufgezogen hatte und nun auf der Schwelle stehen blieb, war ground schlank und hatte langes, dunkles, von einer einzelnen grauen Stre durchzogenes Haar. Ihre rechte Hand steckte in der Tasche eines ausgebeulten grauen Jacketts mit Fischgruster, mit der linken Hand hielt sie die Tr geffnet, wend sie sich draun umsah. In einigen, wenigen Briefken steckten Zeitungen, Post war noch nicht gekommen, aber das ging sie nichts an, denn sie hatte schon vor Wochen ihren Briefkasten zugeklebt und das Namensschild entfernt.
Auf den berdachten Vorplatz neben den Briefken hatte der Wind ein paar Bler geweht. Sonst lag da nichts, nicht an diesem Morgen. Schlieich hatte die Frau genug gesehen, sie ging an der hoch gemauerten Gartenbschung vorbei zur Stra. Wieder blieb sie stehen. Die meisten Wagen, die entlang der Stra g…
