

Beschreibung
Was geht in der deutschen Altenpflege vor sich, wenn Angehörige Sondennahrung verabreichen, Langzeitarbeitslose als "Betreuungsassistenten" bettlägerige Patienten waschen und eine bulgarische Schneiderin als "Haushaltshilfe " monatelang mit...Was geht in der deutschen Altenpflege vor sich, wenn Angehörige Sondennahrung verabreichen, Langzeitarbeitslose als "Betreuungsassistenten" bettlägerige Patienten waschen und eine bulgarische Schneiderin als "Haushaltshilfe " monatelang mit einer demenzkranken Pflegebedürftigen das Bett teilt? Die Altenpflege steckt in einer Krise und die Stärkung informeller Laienpflege stellt eine für das deutsche Pflegeregime typische sozialpolitische Lösungsstrategie dar. Das Buch zeigt, dass es sich dabei um eine strukturelle und kaskadenförmige Ausbeutungsdynamik handelt, bei welcher pflegende Angehörige, freiwillig Engagierte, Arbeitslose und Migrantinnen zu Ausfallbürgen eines sozialstaatlichen Umbaus im Kontext einer Krise sozialer Reproduktion avancieren.
Tine Haubner erhielt für diese Arbeit den Dissertationspreis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und den Dissertationspreis der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie.
»Ein absolut lesenswertes Buch, das den Zustand der Gesellschaft und der Pflege sozialkritisch untersucht. Was das Buch vor allem so interessant macht, ist der Blick auf die Pflege mit den Augen einer anderen Profession: Es tauchen unerwartete Aspekte, die im Rahmen der Pflege- und Rechtswissenschaft bisher noch nicht bewertet wurden.« Isabel Romy Bierther, socialnet.de, 22.05.2018 »Eine junge Wissenschaftlerin geht mit der deutschen Pflegepolitik hart ins Gericht. Sie setze gezielt auf Laienpfleger, um Kosten zu sparen. Die Zeche zahlten die Angehörigen.«, Frankenpost, 19.07.2017
Autorentext
Tine Haubner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Politische Soziologie des Instituts für Soziologie an der Universität Jena.
Leseprobe
Einleitung?Rethinking Exploitation und die Ausbeutung von Laienpflege "Alle entwickelten Industriestaaten sind im Zuge des demografischen Wandels mit einer spürbaren Veränderung der Relation zwischen produktiver und unproduktiver Lebenszeit der Bevölkerung - gemessen an der ökonomischen Verwertung - konfrontiert. So verändert sich auch das Verhältnis von Arbeitserlösen und Reproduktionskosten, einschließlich der Sozialkosten für die Zeit nach Beendigung der Erwerbsarbeit. Da die Negativbilanz nicht aus den steigenden Profiten ausgeglichen werden soll, lässt sie sich nur durch Staatsverschuldung oder durch Reprivatisierung sozialer Sicherung steuern." (Frings 2010: 58) Aufbruch in der Sorgekultur - aber wohin? Pflegende Angehörige verabreichen Sondennahrung, die ehemalige Leiterin einer Kindertagesstätte setzt als "Demenzhelferin" auf ehrenamtlicher Basis Injektionen, Langzeitarbeitslose waschen und lagern als umgeschulte "Betreuungsassistenten" bettlägerige Patienten und eine bulgarische Schneiderin teilt als "Haushaltshilfe" monatelang mit einer demenzkranken Pflegebedürftigen das Bett - was geht da vor sich in der deutschen Altenpflege? Die genannten Beispiele sind den empirischen Befunden der vorliegenden Arbeit entnommen, die von der Frage angeleitet wird, wie es kommt, dass die "fürsorgliche Gesellschaft" der Laien statt, "begleitende[r], betreuende[r], tröstende[r] und aufrichtende[r] Handlungen" pflegerisch-medizinische Handgriffe verrichtet, für die sie weder qualifiziert sind noch bezahlt werden. Das Thema Altenpflege wird in der BRD seit vielen Jahren von einem Krisendiskurs beherrscht: Von einem "Pflegenotstand" (vgl. Fussek 2015) oder gar "Pflege-Desaster" ist die Rede (vgl. Wimmer 2013). Die Pflege soll "Schicksalsfrage der Nation" werden (vgl. Fussek 2012), wird wahlweise selbst zum "Pflegefall" (vgl. Voigt 2004) oder zur "Achillesferse der Wirtschaft" (vgl. Kinkartz 2014) erklärt. Den Hintergrund dieses Alarmismus bildet meist die mit Überstunden, Zeitdruck und aufwendigen Dokumentationspflichten angezeigte Überlastung professioneller Pflegekräfte, welche wiederum als Indiz einer primär demografisch verursachten "Mismatch"-Situation der Pflegebranche gilt: Während die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 auf 3,4 Millionen ansteigen soll, fehlen für deren Versorgung geschätzt bis zu 506.000 professionelle Pflegekräfte (vgl. Prognos 2012). Der Verweis auf einen maßgeblich durch den demografischen Wandel verursachten Fachkräftemangel führt jedoch häufig zu einer "Demografisierung sozialer Probleme" (Barlösius/Schieck 2007), die andere Erklärungen an den Rand drängt. So ist die professionelle Pflegearbeit in Deutschland seit jeher durch eine eher niedrige berufliche Attraktivität aufgrund geringer Löhne, mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung sowie einem vergleichsweise schwachen Professionalisierungsgrad bei gleichzeitig hohen psycho-physischen Arbeitsbelastungen gekennzeichnet. Was also läge in der gegenwärtigen Pflegekrise näher, als den Pflegeberuf durch Anhebungen des Lohn- und Qualifikationsniveaus aufzuwerten, um den Beruf für Nachwuchskräfte attraktiv zu machen und so dem eklatanten Fachkräftemangel etwas entgegen zu setzen? Stattdessen tauchen seit den 1990er Jahren sukzessive sozial- und pflegepolitische Lösungsvorschläge und -versuche auf, die einer solchen Aufwertungsstrategie fundamental zuwiderlaufen: Da wird von "Pflegeassistenten im Schnellkurs" (vgl. Focus 2008) - dem Einsatz ehemals Langzeitarbeitsloser als "angelernte Helfer" in der stationären Pflege (vgl. SZ 2015) - oder vom Ehrenamt als "neue[m] Standbein im pflegerischen Versorgungsmix" (vgl. ZQP 2013) gesprochen. Die Bundesagentur wirbt außerdem für "pflegerische Alltagshilfen" aus dem Ausland (vgl. BA 2015), und die Bundeskanzlerin lobt pflegende Angehörige als die "stillen Helden der Gesellschaft" (vgl. Ärztezeitung 2014). Statt also die Attraktivität von Pflegearbeit durch Professionalisierung aufzuwerten, ist die sozialpolitische Stärkung überwiegend informeller Laienpflege zu beobachten - und das zu einer Zeit, in der durch den Anstieg von Demenzerkrankungen und Multimorbidität die Qualifikationserfordernisse in der Pflege tendenziell steigen (vgl. Twenhöfel 2011). Die vorliegende Arbeit widmet sich dieser zunächst paradox erscheinenden Entwicklung und untersucht den Einsatz informeller Laienpflegekräfte im Kontext der gegenwärtigen Pflegekrise. Die sozialpolitischen Interventionen zur Stärkung der Laienpflege werden diskursiv von Debatten über das Leitbild der "fürsorglichen Gesellschaft" (vgl. BMFSFJ 2012a) oder einer "Caring Community als Paradigma für eine nachhaltige Pflegepolitik" gerahmt (Klie 2014: 236). Es heißt dabei, die Pflegekrise fordere zum Umdenken oder gar zu einem kulturellen Aufbruch auf: "Wir brauchen einen Aufbruch, allerdings nicht in der Pflege, sondern in einer Sorgekultur. International sprechen wir von der Compassionate Community, von der sorgenden Gemeinschaft, von Caring Communities, von sorgenden Gemeinschaften. Das Thema gehört in die Mitte der Gesellschaft, nicht delegiert an sozialstaatliche Akteure." (Klie 2015: 213) Weder die staatlichen, gemeinnützigen noch die privaten Träger professioneller Pflege gelten demnach als Hauptadressaten pflegerischer Versorgung. Vielmehr soll auch "die Mitte der Gesellschaft", die "sorgenden Gemeinschaften", konkret also die "informellen Netzwerke" der Familien, Nachbarn, Freunde, freiwillig Engagierten (vgl. Blaumeister/Klie 2002), kurzum: die Zivilgesellschaft der pflegenden Laien zu einer tragenden Säule der alternden Gesellschaft aufgebaut werden. Dieses Vorgehen überrascht zunächst, stellt pflegerische Versorgung doch einerseits eine zwar junge, aber seit einigen Jahrzehnten offiziell zum Beruf geronnene Profession mit institutionalisierten Zugangsvoraussetzungen und zertifizierten Bildungsabschlüssen dar. Andererseits wird mit Blick auf die Pflegestatistik noch immer das Gros der Pflegebedürftigen in Deutschland informell von Angehörigen versorgt (vgl. Statistisches Bundesamt 2015b). Und auch die 1995 eingeführte Pflegeversicherung zielt laut Norbert Blüm, dem damals amtierenden Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, mit dem Ideal einer "Sozialpolitik aus der Nähe" auf die Förd…