

Beschreibung
Migration und Multikulturalismus, Integration und Identität bis heute lösen diese Themen in westlichen Gesellschaften Kontroversen aus. Die Begegnung mit dem Anderen hat in der Geschichte wiederholt vertraute Ordnungen und Vorstellungen herausgefordert. Sebast...Migration und Multikulturalismus, Integration und Identität bis heute lösen diese Themen in westlichen Gesellschaften Kontroversen aus. Die Begegnung mit dem Anderen hat in der Geschichte wiederholt vertraute Ordnungen und Vorstellungen herausgefordert. Sebastian Klöß analysiert diese Debatten am Beispiel des Notting Hill Carnivals in London. Die mehrtägige Großveranstaltung gilt als Kontaktzone, in der Afrokariben und Briten ihre eigene Identität und die Abgrenzung zum Anderen konflikthaft aushandeln. Die Analyse des multikulturellen Festes leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Migrations- und Integrationsprozessen.
Vorwort
Eigene und Fremde Welten
Autorentext
Sebastian Klöß promovierte am Sonderforschungsbereich »Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel« der HU Berlin.
Klappentext
Migration und Multikulturalismus, Integration und Identität - bis heute lösen diese Themen in westlichen Gesellschaften Kontroversen aus. Die Begegnung mit dem Anderen hat in der Geschichte wiederholt vertraute Ordnungen und Vorstellungen herausgefordert. Sebastian Klöß analysiert diese Debatten am Beispiel des Notting Hill Carnivals in London. Die mehrtägige Großveranstaltung gilt als Kontaktzone, in der Afrokariben und Briten ihre eigene Identität und die Abgrenzung zum Anderen konflikthaft aushandeln. Die Analyse des multikulturellen Festes leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Migrations- und Integrationsprozessen.
Leseprobe
Einleitung Notting Hill Carnival "Carnival is something you cannot ignore [...]. In 100 years' time historians will find it very difficult to ignore and dismiss it simply as a bunch of Westindians jumping up and down in the road". Diese Aussage von Claire Holder, einer früheren Organisatorin des Notting Hill Carnivals, ist prophetisch und falsch zugleich. Prophetisch, weil Historiker den Notting Hill Carnival mittlerweile in der Tat für relevant halten. Sogar für so relevant, dass darüber - siehe die vorliegende Studie - Dissertationen geschrieben werden können. Falsch, weil Historiker keine 100 Jahre benötigten, um das zu erkennen. Denn dann hätte es erste Arbeiten über den Notting Hill Carnival erst im Jahr 2089 geben dürfen. Doch was ist der Notting Hill Carnival überhaupt? Und warum beschäftigen sich Historiker mit ihm? Der Notting Hill Carnival ist ein jährliches Straßenfest im Londoner Stadtteil Notting Hill. Heute feiern auf ihm Hunderttausende von Menschen - Afrokariben und weiße Briten, Londoner und Touristen, Jung und Alt - am Sonntag und Montag der August Bank Holiday mit bunten Kostümen, lauter Musik, karibischem Essen und Alkohol. Von seinen Anhängern wird das Treiben selbstbewusst als Europas größtes Straßenfest bezeichnet, als Höhepunkt des Jahres, den man sich keinesfalls entgehen lassen dürfe. Viele Anwohner hingegen fliehen regelrecht vor ihm, da ihm der Ruf anhaftet, nicht nur mit Lärm und Müll, sondern auch Gewalt einherzugehen. Um dieses Fest mit all seinen Facetten soll es in dieser Arbeit gehen, von seinem Anfang - oder besser: seinen Anfängen - im dritten Viertel des 20. Jahrhunderts bis in die 1990er Jahre. Dass sich das Treiben heute selbstbewusst als Europas größtes Straßenfest bezeichnet und an ihm Hunderttausende von Menschen teilnehmen, macht es sicherlich interessant. Für Historiker relevant wird der Carnival in Notting Hill jedoch vor allem - so sei als Ausgangsthese formuliert -, weil er eine zentrale Schnittstelle, ja eine Kontaktzone war, an und in der wiederholt und häufig kontrovers das Eigene und das Andere verhandelt wurden. An ihm und mit ihm wurde jährlich ausgehandelt, was es bedeutete, als Mensch mit afrokaribischer Herkunft in Großbritannien zu leben. Und zugleich, was es für die britische Gesellschaft bedeutete, seit der Nachkriegszeit eine afrokaribische Minderheit zu besitzen. 1. Fragestellung Von dieser Ausgangsthese leitete sich die konkrete Fragestellung dieser Arbeit ab. Es wird untersucht werden, wie das Eigene und das Andere anhand des Notting Hill Carnivals ausgehandelt wurden, inwiefern und ob es sowohl aufseiten der Afrokariben als auch der britischen Mehrheitsbevölkerung eine Rückbesinnung auf das Eigene gab, wenn sie mit dem jeweils Anderen konfrontiert waren - und wie diese Rückbesinnung aussah. Also: Was wurde jeweils wann, warum als das Eigene betrachtet? Was als eigene Kultur, als eigene Geschichte, als eigene Identität? Was war in Abgrenzung davon das Andere? An welche (konstruierten) Traditionslinien wurde dabei angeknüpft? Wie wurden diese Traditionslinien wahrgenommen, sich angeeignet und in der konkreten zeitlichen und räumlichen Situation in London umgesetzt? Wie wurde dabei insbesondere die Geschichte des karibischen Carnivals, der Afrokariben überhaupt, (um-)gedeutet, wie und warum wurde sie handlungsleitend? Oder, anders formuliert: Wie bestimmten die Afrokariben in Großbritannien ihr In-der-Welt-Sein? Wie definierte sich die britische Mehrheitsgesellschaft? Wer und welche kulturellen Einflüsse zählten jeweils zu unterschiedlichen Zeiten zu ihr? Es griffe jedoch bedeutend zu kurz, das Eigene und das Andere, die anhand des Notting Hill Carnivals ausgehandelt wurden, nur entlang ethnischer Kategorien zu definieren, sprich: nur entlang einer Grenze zwischen weißer britischer Mehrheitsbevölkerung und Afrokariben. Es standen sich nämlich keineswegs zwei monolithische Blöcke gegenüber. Vielmehr waren beide Seiten vielfach in sich gespalten und insofern jeweils selbst diversen Aushandlungs- und Wandlungsprozessen unterworfen. In dieser Arbeit wird es deshalb insbesondere auch um die Binnendifferenzierungen innerhalb der afrokaribischen Bevölkerung gehen. Denn sie stammte von ganz unterschiedlichen karibischen Inseln, die teils Tausende von Kilometern voneinander entfernt liegen, eine je eigene koloniale Vergangenheit besitzen, sich kulturell unterscheiden und zwischen denen mitunter innerkaribische Rivalitäten bestanden. Obendrein setzte sie sich recht bald aus unterschiedlichen Generationen zusammen - um nur einige der relevanten Binnendifferenzierungen vorwegzunehmen. Von der Aushandlung des Eigenen und des anderen zwischen Afrokariben und britischer Mehrheitsbevölkerung ausgehend und mit ihr verwoben liegt dieser Arbeit ein zweites Set an Fragen zugrunde, das eher auf das Fest im engeren Sinne zielt. Es lautet: Wer waren jeweils die Protagonisten des Notting Hill Carnivals? Wie wandelte er sich durch die Aushandlung des Eigenen und des Anderen? Inwiefern veränderten sich seine Bestandteile? Und inwiefern nicht zuletzt seine Wahrnehmung? Inwiefern changierte also auch das Fest in der Perzeption der Zeitgenossen wiederholt zwischen Eigenem und Anderem? Dabei sollen zwei gängige Vorannahmen vermieden werden, mit denen Gegner beziehungsweise Anhänger des Carnivals auf das Fest blickten. Nach der ersten hat sich der Notting Hill Carnival zyklisch im Kreis gedreht; nach der zweiten linear-teleologisch entwickelt. Sich zyklisch im Kreis zu drehen schien er sich für zahlreiche seiner Gegner, die kritisierten, er bringe jedes Jahr aufs Neue dasselbe Chaos und dieselbe Belästigung. Sich linear-teleologisch zu entwickeln hingegen schien er sich für all jene, die beim Carnival eine klare Entwicklung zum Positiven ausmachten. Sei es von den Unruhen des Jahres 1958 hin zum heutigen multikulturellen Megaevent; von einer nach der Ankunft der Afrokariben spannungsgeladenen britischen Gesellschaft zu einer multikulturellen, spannungsfreien; oder von einer gespaltenen afrokaribischen Bevölkerung in Großbritannien hin zu einer starken, selbstbewussten Community. Insbesondere die zweite Sicht hat sich häufig auch in wissenschaftlichen Abhandlungen über den Notting Hill Carnival niedergeschlagen. Diese Fragestellung und die Tatsache, dass es weder eine homogene afrokaribische Bevölkerung noch eine homogene weiße Bevölkerung in Großbritannien gab und gibt, erfordern für die vorliege…