

Beschreibung
Vor dem Hintergrund flexibilisierter und dadurch häufig entgrenzter Arbeitszeitmodelle wird der verantwortungsvolle Umgang mit sich selbst immer wichtiger. Sabine Flick erschließt das Konzept der Selbstsorge für die Arbeitsforschung und wendet es anerkennungst...Vor dem Hintergrund flexibilisierter und dadurch häufig entgrenzter Arbeitszeitmodelle wird der verantwortungsvolle Umgang mit sich selbst immer wichtiger. Sabine Flick erschließt das Konzept der Selbstsorge für die Arbeitsforschung und wendet es anerkennungstheoretisch. Sie zeigt, dass Selbstsorge zugleich Chancen und Risiken in sich birgt: Zwar ermöglicht flexible Arbeitszeit eine autonome Organisation von Berufs- und Privatleben. Die so entstehende doppelseitige Selbstverwirklichung blendet die gleichzeitige Abhängigkeit von den arbeitsökonomischen Strukturen jedoch aus. Selbstverwirklichung kann dadurch jederzeit in Selbstentfremdung umschlagen.
Ausgezeichnet mit dem WISAG-Preis für die beste sozialwissenschaftliche Dissertation der Goethe-Universität Frankfurt am Main 2011.
Autorentext
Sabine Flick, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Frankfurt.
Leseprobe
Einleitung 1. Warum sollten wir uns um's Sorgen sorgen? Dieses Buch Arbeit handelt von der Sorge um sich selbst, von Selbstsorge. Es richtet den Blick auf Arbeitnehmer_innen, die besonders Gefahr laufen, sich zu überfordern. Es fragt nach deren Formen, strukturellen und individuellen Möglichkeiten und Verhinderungen der Selbstsorge und berücksichtigt dabei die Bezogenheit der Menschen. Das macht Selbstsorge konzeptionell relational und somit zu einem soziologischen Forschungsgegenstand. Warum aber sollten wir uns um's Sorgen sorgen? Und was ist das überhaupt, Selbstsorge? Die letzten Jahre ist das Problem der Erschöpfung durch zu viel Arbeit beinahe ein Kassenschlager geworden. Prominente schreiben "Briefe an ihr Leben" (Meckel 2010) und immer mehr Berichte über Personen mit Burnout-Problemen werden öffentlich verhandelt. Depression und Erschöpfung sind, so scheint es, zu Massenphänomenen geworden. Der paradoxale Wandel des Kapitalismus und mit ihm der des Selbst (Honneth 2002), wie er in sich häufenden soziologischen Beiträgen beschrieben wird, scheint mit seinen neuen Wahlmöglichkeiten, der gestiegenen Autonomie bei gleichzeitig erhöhtem Risiko, die Subjekte und ihre Subjektivität zu fordern und - womöglich psychisch - zu überfordern (Beck 1986). Das Subjekt steht nun im Zentrum seiner Lebensplanung, es kann, aber es muss auch sich ganz und gar "selbst verwirklichen" (Boltanski/Chiapello 2006; Honneth 2002; Koppetsch 2006). Die Überforderung zeigt sich als Reproduktionskrise (vgl. Jürgens 2010). Während der generelle Krankheitsstand sinkt, steigen die Zahlen der Fehltage von Beschäftigten aufgrund von psychischen Leiden (beispielsweise Burnout), so die Berichte der Krankenkassen (DAK 2010). Zugleich steigt die Nachfrage nach Coaching-Angeboten und psychosozialer Beratung verschiedenster Art (Blättel-Mink u.a. 2008; Klinkhammer 2009). Daneben lässt sich ein zunehmender Präsentismus der Angestellten beschreiben: Die Beschäftigten gehen immer häufiger krank zur Arbeit und diese Form der Krankheitsverleugnung findet sowohl auf der Ebene der Unternehmen als auch der Beschäftigten selbst ihren Ausdruck. Dabei lässt sich insbesondere im Kontext von neuen arbeitsorganisatorischen Steuerungsformen eine Tendenz zur Individualisierung von Krankheit und somit einer Verantwortungsabwehr des Managements ausmachen. Dieses ignoriere zum Teil die Empfehlungen zur Mitarbeiter_innengesundheit und kontrolliere Krankheit im Rahmen von Fehlzeitengesprächen. Diese wiederum haben einen Disziplinierungseffekt, was weiterhin insgesamt zu einer Tabuisierung von Krankheit im Unternehmen führen kann. Insbesondere durch Arbeitsorganisationen der entgrenzten und subjektivierten Arbeit würden vom Management durch diese Steuerungsformen bewusst die damit einhergehenden bekannten potentiellen Krankheitsfaktoren ignoriert. Dazu gehören vor allem Termindruck bei gleichzeitiger Verantwortung für Teamziele, die durch individuelle Krankheit gefährdet würden (Kocyba/Voswinkel 2007). Im Rahmen eines Projektes des Instituts für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München zum partizipativen Gesundheitsmanagement wurde, bezogen auf die zunehmenden Erkrankungen und den Umgang der einzelnen Beschäftigten mit diesen, die These der "interessierten Selbstgefährdung" entwickelt (Pargema 2009; Peters 2009, 2011). Dies meint, dass sich die Beschäftigten gesundheitlich "gefährden", um beruflich leistungsfähig zu sein. Das heißt, ähnlich wie bei der von Kocyba und Voswinkel ausgemachten subjektiven Krankheitsverleugnung wird hier problematisiert, dass es nun die Subjekte selbst seien, die sich überarbeiten, sich überstrapazieren (Ahlers u.a. 2010). Waren die Beschwerden der Arbeitnehmer_innen - oder zumindest der Fokus darauf - lange Zeit körperlicher Art, so steigt die Tendenz der soziologischen und sozialpsychologischen Zu entdecken (Dejours 2012; Eichler 2013; Rau 2010). Als Ursache identifizieren die Beiträge zum Thema immer häufiger die gestiegene und sich wandelnde Arbeitsbelastung der Betroffenen: Der fundamentale Formwandel der Arbeit bestehe demnach in einer stärkeren Fokussierung auf die Eigenleistung der Person. Zudem habe sich durch die Aufnahme psychologischer und insbesondere psychoanalytischer Ideen in den Managementdiskurs eine neue Form eines "emotionalen Kapitalismus" etabliert, so Eva Illouz (2005). Dieser basiere darauf, dass der Einzelne persönliche und emotionale Fähigkeiten zum Zwecke eigenverantwortlich gesetzter Ziele einsetzt. Eine mit diesen Diagnosen einhergehende Annahme ist, dass das Konzept der "emotionalen Intelligenz" und des "Managements der Gefühle" klarer Bestandteil der geforderten Selbstregulierung sei (Neckel 2005b). Die Zunahme von Arbeitsausfällen aufgrund von psychischen Erkrankungen sowie die krankheitsverleugnende interessierte Selbstgefährdung korrespondiert mit dieser Anforderung an Selbstorganisation, die, so erscheint es, zur Überforderung wird. Selbst wenn fraglich bleibt, ob nun real die psychischen Belastungen gewachsen sind oder nur eine spezifische Aufmerksamkeit dafür, verweist dies dennoch auf eine Korrespondenz: Offenbar sind die soziokulturellen Lebensweisen für die Subjekte in einer neuen Weise anstrengend; Arbeit scheint neue Leiden und Leidenschaften zu schaffen. Offen bleibt dabei aber, wie die Beschäftigten diesen Anstrengungen begegnen und welcher Selbstumgang damit korrespondiert. Die Frage nach einem sorgenden Selbstumgang scheint in jeder Hinsicht drängend. Wie lässt es sich erklären, dass sich so viele Individuen selbst überfordern, sich scheinbar nicht gut schützen? 2. Ökonomisierung des Sozialen: Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit Der für die Zunahme der interessierten Selbstgefährdung wie auch von Arbeitsausfällen verantwortlich gemachte Wandel der Arbeit wird in den gängigen Debatten der Arbeits- und Industriesoziologie als "Subjektivierung von Arbeit" sowie als "Entgrenzung von Arbeit und Leben" bezeichnet (Lohr/Nickel 2009; Matuschek 2005; Moldaschl/Voß 2003 u.v.a.m.). Was meint Subjektivierung von Arbeit? Dabei gilt es, so die arbeitssozio-logische Argumentation, subjektive Eigenschaften wie kommunikative und affektive Praktiken in den Arbeitsprozess zu integrieren. Diese Subjektivierung hat dabei zwei Bedeutungsgehalte, sie ist in diesem Sinne als "doppelte Subjektivierung von Arbeit" vorzustellen (Voswinkel 2002): Zum einen bezeichnet Subjektivierung von Arbeit die Ansprüche von Beschäftigten, zum anderen die Anforderungen der Unternehmen an die subjektive Arbeitsleistung. Kocyba/Voswinkel argumentieren im Hinblick auf die zunehmende Krankheitsverleugnung: "Gerade dann, wenn sich Beschäftigte mit ihrer Arbeit identifizieren, weil sie Autonomiespielräume besitzen, ihnen die Arbeit Spaß macht und Sinn gibt, werden Krankheiten oder bereits Anzeichen von Belastungsgrenzen abgewehrt und nicht zur Kenntnis genommen" (Kocyba/Voswinkel 2007: 12). Die Prekarisierung von Arbeit und die damit einhergehenden Belastungen werden in diesem Zusammenhang von einigen Beiträgen…
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