Willkommen, schön sind Sie da!
Logo Ex Libris

Dein Wille geschehe

  • Kartonierter Einband
  • 592 Seiten
(0) Erste Bewertung abgegeben
Bewertungen
(0)
(0)
(0)
(0)
(0)
Alle Bewertungen ansehen
(488) LovelyBooks.de Bewertung
LovelyBooks.de Bewertung
(236)
(179)
(57)
(13)
(3)
powered by 
Leseprobe
Auf der Clifton Bridge in Bristol steht eine nackte Frau, ein Handy am Ohr. Sie wirkt ferngesteuert, willenlos - und springt in de... Weiterlesen
20%
15.50 CHF 12.40
Auslieferung erfolgt in der Regel innert 3 bis 4 Werktagen.

Beschreibung

Auf der Clifton Bridge in Bristol steht eine nackte Frau, ein Handy am Ohr. Sie wirkt ferngesteuert, willenlos - und springt in den Tod. Wurde die Frau von ihrem Anrufer in den Selbstmord getrieben? Als eine Freundin der Toten erfroren aufgefunden wird, unbekleidet und mit einem Handy zu ihren Füßen, versteht Psychotherapeut Joe O'Loughlin, dass hier ein Experte für Menschenmanipulation am Werk sein muss. Gemeinsam mit Detective Inspector Vincent Ruiz versucht er dem "Seelenbrecher" auf die Spur zu kommen und ahnt nicht, dass er selbst bereits ins Visier des Mörders geraten ist ...

Autorentext
Michael Robotham wurde 1960 in New South Wales, Australien, geboren. Er war lange als Journalist tätig, bevor er sich ganz der Schriftstellerei widmete. Mit seinen Romanen stürmt er regelmäßig die Bestsellerlisten und wurde bereits mit mehreren Preisen geehrt, unter anderem mit dem renommierten Gold Dagger. Michael Robotham lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Sydney.

Leseprobe
Es ist elf Uhr morgens, Ende September, und es regnet so heftig, dass Kühe in den Flüssen treiben und Vögel auf den aufgeblähten Kadavern hocken.
Der Hörsaal ist voll. Zwischen den Treppen zu beiden Seiten des Raums erstrecken sich ansteigende Sitzreihen, so hoch, bis sie sich in der Dunkelheit verlieren. Mein Auditorium sieht blass aus, ernst, jung und verkatert. Die Orientierungswoche mit ihren zahlreichen Erstsemesterpartys ist in vollem Gange, und viele der Anwesenden haben offenbar heftig mit sich gerungen, ob sie heute zu den Vorlesungen kommen oder wieder ins Bett gehen sollten. Vor einem Jahr haben sie noch Teenie-Filme geschaut und mit Popcorn gekrümelt. Jetzt leben sie weit weg von zu Hause, betrinken sich mit subventioniertem Alkohol und sind gespannt darauf, etwas zu lernen.
Ich betrete das Podium und klammere mich mit beiden Händen am Rednerpult fest, als hätte ich Angst umzufallen.
»Mein Name ist Joseph O'Loughlin. Ich bin klinischer Psychologe und werde Sie durch diesen Einführungskurs in die Verhaltenspsychologie begleiten.«
Ich mache eine Pause und blinzele in die Lichter. Ich hätte nicht gedacht, dass es mich nervös machen würde, wieder zu lehren, aber plötzlich zweifle ich daran, irgendetwas Wissenswertes vermitteln zu können. Ich habe noch Bruno Kaufmans Rat im Ohr. (Bruno ist der Chef des psychologischen Instituts der Universität und mit einem perfekten teutonischen Namen für diese Position ausgestattet.) »Nichts von dem, was wir ihnen beibringen, nützt ihnen in der wirklichen Welt irgendwas, alter Junge«, hat er gesagt. »Unsere Aufgabe besteht lediglich darin, ihnen ein Bluffometer an die Hand zu geben.«
»Ein was?«
»Wenn sie fleißig sind und ein bisschen was kapieren, lernen sie zu erkennen, ob ihnen jemand kompletten Schwachsinn erzählt.«
Bruno hatte gelacht, und ich hatte unwillkürlich eingestimmt.
»Geh es locker an«, fügte er hinzu. »Noch sind sie sauber, munter und wohlgenährt. In einem Jahr reden sie dich mit Vornamen an und denken, sie wüssten alles.«
Wie soll ich es locker angehen?, will ich ihn jetzt fragen. Ich bin doch selbst ein Novize. Ich atme tief ein und beginne.
»Warum steuert ein eloquenter Hochschulabsolvent, der Stadtplanung studiert hat, ein Passagierflugzeug in einen Wolkenkratzer und tötet Tausende von Menschen? Warum schießt ein Junge im Teenageralter auf einem Schulhof wahllos um sich, oder warum bringt ein minderjähriges Mädchen in einer Toilette ein Baby zur Welt und lässt es im Mülleimer liegen?«
Schweigen.
»Wie hat sich ein unbehaarter Primat zu einer Spezies entwickelt, die Atomwaffen konstruiert, sich Big Brother anschaut und fragt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, und wie wir hier hergekommen sind? Warum weinen wir? Warum sind manche Witze komisch? Warum neigen wir dazu, an Gott zu glauben oder auch nicht? Warum erregt es uns, wenn jemand an unseren Zehen nuckelt? Warum haben wir Probleme, uns an manche Dinge zu erinnern, während wir einen nervtötenden Britney- Spears-Song nicht mehr aus dem Kopf bekommen? Was bewegt uns, zu lieben oder zu hassen? Und nicht zuletzt: Warum sind wir alle so verschieden?«
Ich blicke in die Gesichter in den vorderen Reihen. Ich habe ihre Aufmerksamkeit gewonnen, zumindest für einen Moment.
»Wir Menschen beschäftigen uns nun schon seit Tausenden von Jahren mit uns selbst, entwickeln zahllose Theorien und Philosophien, erschaffen erstaunliche Meisterwerke der Kunst, der Technik und originelle Gedankengebäude; aber in all der Zeit haben wir ungefähr so viel gelernt.« Mit Daumen und Zeigefinger deute ich einen Zentimeter an.
»Sie sind hier, um Psychologie zu studieren - die Wissenschaft von der menschlichen Seele; die Wissenschaft, die sich mit Erkenntnis, Glauben, Gefühl und Begehren befasst, die unverstandenste Wissenschaft von allen.«
Mein herabhängender linker Arm zittert.
»Haben Sie das gesehen?«, frage ich und hebe den anstößigen Arm. »Das macht er gelegentlich. Manchmal denke ich, er habe einen eigenen Willen, aber das ist natürlich unmöglich. Unser Wille wohnt nicht in einem Arm oder Bein.
Hier ist meine erste Frage: Eine Frau kommt in eine Klinik. Sie ist mittleren Alters, gebildet, redegewandt und gut gekleidet. Plötzlich schnellt ihr linker Arm hoch, und ihre Finger krallen sich um ihren Hals. Ihr Gesicht läuft rot an. Ihre Augen treten hervor. Sie wird gewürgt. Und dann kommt ihre rechte Hand zu ihrer Rettung. Sie schält die Finger der linken von ihrem Hals und drückt die Hand wieder an die Seite. Was sollte ich tun?«
Schweigen.
Ein Mädchen in der ersten Reihe hebt nervös den Arm. Sie hat kurze rotblonde Haare, die sich federngleich um ihren glatten Nacken schmiegen. »Eine detaillierte Krankengeschichte aufnehmen?«
»Das ist bereits geschehen. Sie hat keine Vorgeschichte psychischer Erkrankungen.«
Eine weitere Hand geht hoch. »Es ist ein Fall von selbstverletzendem Verhalten.«
»Offensichtlich, aber sie erwürgt sich nicht freiwillig. Es geschieht ungewollt. Ist beunruhigend. Sie sucht Hilfe.«
Ein Mädchen mit dick getuschten Wimpern streicht mit einer Hand ihre Haare hinters Ohr. »Vielleicht hat sie Suizidneigungen.«
»Ihre linke Hand ja. Ihre rechte Hand ist aber offensichtlich anderer Ansicht. Es ist wie in einem Monty-Python-Sketch. Manchmal muss sie sich auf ihre linke Hand setzen, um sie unter Kontrolle zu halten.«
»Ist sie depressiv?«, fragt ein Junge mit Zigeunerohrring und Gel im Haar.
»Nein. Sie hat Angst, aber sie kann auch den komischen Aspekt ihrer Lage erkennen. Es kommt ihr lächerlich vor. Trotzdem erwägt sie in ihren schlimmsten Momenten eine Amputation. Was, wenn ihre linke Hand sie in der Nacht erwürgt, während ihre rechte Hand schläft?«
»Ein Hirnschaden?«
»Es gibt keine erkennbaren neurologischen Defekte - keine Lähmung oder übertriebene Reflexe.«
Die Stille dehnt sich und steigt über unseren Köpfen auf, wo sie sich wie Spinnwebenfäden in der warmen Luft bewegt.
Eine Stimme aus der Dunkelheit füllt das Vakuum. »Sie hatte einen Schlaganfall.«
Ich erkenne die Stimme. Bruno macht an meinem ersten Tag einen kleinen Kontrollbesuch. Ich kann sein Gesicht in der Dunkelheit nicht sehen, aber ich weiß, dass er lächelt.
»Geben Sie diesem Mann eine Zigarre«, erkläre ich.
Das eifrige Mädchen in der ersten Reihe schmollt. »Aber Sie haben gesagt, es läge kein Hirnschaden vor.«
»Ich sagte, es gäbe keine erkennbaren neurologischen Defekte. Diese Frau hat einen leichten Schlaganfall in der rechten Gehirnhälfte erlitten, in einem Bereich, der für die Emotionen zuständig ist. Normalerweise kommunizieren unsere beiden Gehirnhälften miteinander und kommen zu einer Übereinkunft, was jedoch in diesem Fall nicht geschah. So musste ihr Gehirn einen dauernden physischen Kampf unter Benutzung der beiden Körperhälften ausfechten.
Dieser Fall ist fünfzig Jahre alt und einer der berühmtesten der Hirnforschung. Mit seiner Hilfe entwickelte ein Neurologe namens Dr. Kurt Goldstein eine der ersten Theorien über das geteilte Hirn.«
Mein linker Arm zittert erneut, aber diesmal ist das Zittern eigenartig beruhigend.
»Vergessen Sie alles, was man Ihnen über Psychologie erzählt hat. Sie werden dadurch nicht zu einem besseren Pokerspieler, und sie hilft Ihnen auch nicht, Mädchen anzumachen oder sie besser zu verstehen. Ich lebe mit dreien zusammen, und sie sind mir alle ein vollständiges Rätsel.
Es geht nicht um Traumdeutung, ESP, multiple Persönlichkeiten, Gedankenlesen, Rohrschach-Tests, Phobien, wiedergefundene Erinnerungen oder Verdrängung. Und am aller- wichtigsten - es geht nicht darum, besser mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Falls das Ihr Ehrgeiz ist, schlage ich vor, Sie kaufen sich einen Playboy und suchen sich ein stilles Eckchen.«
Hier und da erhebt sich schnaubendes Gelächter.
»Ich kenne noch niemanden von Ihnen, aber ich weiß schon einiges über Sie. Einige von Ihnen möchten aus der Menge hervorstechen, andere lieber darin verschwinden. Möglicherweise sichten Sie die Kleider, die Ihre Mutter für Sie eingepackt hat, und planen gleich morgen einen Ausflug zu H&M, wo sie sich maschinell zerknitterte Klamotten kaufen, die Ihre Individualität ausdrücken, indem sie Sie so aussehen lassen wie alle anderen auf dem Campus.
Andere fragen sich vielleicht, ob man von einem einzigen Besäufnis schon einen Leberschaden davontragen kann, oder spekulieren darüber, wer heute früh um drei Uhr im Studentenwohnheim den Feueralarm ausgelöst hat. Sie wollen wissen, ob ich streng zensiere oder Ihnen für Referate eine Fristverlängerung gebe. Möglicherweise überlegt die eine oder der andere auch, ob er nicht besser Politik statt Psychologie gewählt hätte. Bleiben Sie dabei, dann bekommen Sie ein paar Antworten - heute jedoch nicht mehr.«
Ich stolpere leicht, als ich zur Bühnenmitte gehe.
»Ich werde Sie mit einem Gedanken allein lassen. Ein Stück des menschlichen Gehirns von der Größe eines Sandkorns enthält einhunderttausend Neuronen, zwei Millionen Axonen und eine Milliarde Synapsen, die alle miteinander reden. Die Zahl der Permutationen und Kombinationen von Aktivität, die in jedem unserer Köpfe theoretisch möglich sind, übersteigt die Zahl der Elementarteilchen im Universum insgesamt.«
Ich mache eine Pause, um die Zahlen über sie hinwegrollen zu lassen. »Willkommen im großen Unbekannten.«
»Brillant, alter Junge, du hast ihnen einen gehörigen Schrecken eingejagt«, sagt Bruno, während ich meine Unterlagen einpacke. »Ironisch. Leidenschaftlich. Amüsant. Inspirierend.«
»Na ja, nicht direkt, Mr. Chips.«
»Sei nicht so bescheiden. Keiner dieser jungen Banausen hat je von Mr. Chips gehört. Sie sind mit der Lektüre von Harry Potter und der Weinstein aufgewachsen.«
»Ich glaube, es heißt >Stein der Weisen<.«
»Egal. Mit deiner kleinen Marotte hast du alles, was man braucht, um ausgesprochen beliebt zu werden, Joseph.«
»Meine Marotte?«
»Dein Parkinson.«
Er verzieht keine Miene, als ich ihn ungläubig ansehe. Ich klemme meine ramponierte Aktentasche unter den Arm und gehe zum Seitenausgang des Hörsaals.
»Nun, es freut mich, dass du glaubst, sie hätten zugehört«, sage ich.
»Oh, zuhören tun sie nie«, erwidert Bruno. »Wenn manchmal etwas durch ihren Alkoholnebel dringt, geschieht das per Osmose. Aber du hast dafür gesorgt, dass sie garantiert wiederkommen.«
»Wie das?«
»Sie wissen nicht, wie sie dich anlügen sollen.«
Seine Augen verschwinden beinahe zwischen den Falten. Bruno trägt eine Hose ohne Taschen. Aus irgendeinem Grund habe ich einem Mann, der keine Hosentaschen braucht, nie getraut. Was macht er mit seinen Händen?
Die Flure und Wege sind voller Studenten. Ein Mädchen, das ich aus der Vorlesung wiedererkenne, kommt auf mich zu. Sie hat glatte Haut und trägt Desert Boots und schwarze Jeans. Der dicke dunkle Lidschatten lässt sie aussehen wie ein Waschbär mit einem traurigen Geheimnis.
»Glauben Sie an das Böse, Professor?«
»Verzeihung?«
Sie wiederholt ihre Frage und drückt ein Notizbuch an ihre Brust.
»Ich glaube, das Wort >böse< wird zu häufig verwendet und hat dadurch an Wert verloren.«
»Werden Menschen böse geboren oder von der Gesellschaft dazu gemacht?«
»Sie werden dazu gemacht.«
»Es gibt also keine Psychopathen von Geburt an?«
»Ihre Zahl ist zu gering, um sie zu quantifizieren.«
»Was für eine Antwort ist das denn?«
»Die richtige.«
Sie möchte mich noch etwas fragen, kämpft aber noch mit sich, den Mut dazu aufzubringen. »Würden Sie ein Interview geben?«, platzt sie dann plötzlich heraus.
»Wem?«
»Der Studentenzeitung. Professor Kaufman sagt, Sie wären gewissermaßen prominent.«
»Ich glaube kaum
»Er sagt, Sie wären angeklagt worden, eine ehemalige Patientin ermordet zu haben, und hätten sich rausgewunden.«
»Ich war unschuldig.«
Die Unterscheidung scheint zu subtil für sie. Sie wartet noch immer auf meine Antwort.
»Ich gebe keine Interviews, tut mir leid.«
Sie wendet sich achselzuckend zum Gehen, bevor ihr noch etwas einfällt. »Ihre Vorlesung hat mir gefallen.«
»Danke.«
Sie verschwindet den Flur hinunter. Bruno sieht mich verlegen an. »Ich weiß nicht, wovon sie redet, alter Junge. Da muss sie irgendwas falsch verstanden haben.«
»Was erzählst du den Leuten?«
»Nur Gutes. Sie heißt Nancy Ewers und ist ein intelligentes junges Ding. Studiert Russisch und Politik.«
»Warum schreibt sie für die Zeitung?«
»Wissen ist kostbar, egal, ob es auch nur den geringsten menschlichen Nutzen hat oder nicht.«
»Wer hat das gesagt?«
»A.E. Housman.«
»War der nicht Kommunist?«
»Er war eine Schwuchtel.«
Es regnet immer noch. Es gießt, genauer gesagt, in Strömen. So geht das jetzt schon seit Wochen. Vierzig Tage und vierzig Nächte müssten beinahe vorüber sein. Eine ölige Flut aus Schlamm, Schutt und Matsch, die über den Südwesten Englands schwappt, macht Straßen unpassierbar und verwandelt Keller in Swimmingpools. Es gibt Radioberichte über Überschwemmungen im Malago Valley, Hartcliffe Way und Bedminster. Für den Avon, der in Evesham über die Ufer getreten ist, sind weitere Warnungen ausgegeben worden. Schleusen und Dämme sind gefährdet. Menschen werden evakuiert. Tiere ersaufen.
Der Regen fällt, gepeitscht von seitlichen Böen, auf den Hof. Studenten suchen Schutz unter Schirmen oder hüllen sich fest in ihre Mäntel, wenn sie zur nächsten Vorlesung oder in die Bibliothek hasten. Andere bleiben, wo sie sind, und drängeln sich in der Halle. Bruno beobachtet die hübscheren Mädchen, ohne sich aber je zu verraten dabei.
Es war sein Vorschlag, dass ich als Dozent arbeite - zwei Stunden pro Woche plus vier halbstündige Tutorien. Sozialpsychologie. Wie schwer konnte das sein?
»Hast du einen Schirm?«, fragt er.
»Ja.«
»Wir teilen ihn uns.«
Binnen Sekunden sind meine Schuhe voll Wasser. Bruno hält den Schirm und drängt mich im Laufen beiseite. Vor dem Psychologischen Institut steht ein Streifenwagen in einer Nothaltebucht. Ein junger schwarzer Constable im Regenmantel tritt aus dem Gebäude. Er ist groß und kurzhaarig, seine Schultern sind leicht gebeugt, als hätte der Regen sie niedergedrückt.
»Dr. Kaufman?«
Bruno nickt kaum merklich.
»Wir haben eine Notsituation auf der Clifton Bridge.«
Bruno stöhnt. »Nein, nein, nicht jetzt.«
Eine Weigerung hat der Constable nicht erwartet. Bruno drängt, noch immer meinen Schirm in der Hand, an ihm vorbei zur Glastür des Psychologischen Instituts.
»Wir haben versucht, Sie telefonisch zu erreichen«, ruft der Polizist. »Ich habe den Auftrag, Sie abzuholen.«
Bruno bleibt stehen und wendet sich, Kraftausdrücke murmelnd, um. »Es muss doch noch jemand anderen geben. Ich habe keine Zeit.«
Regentropfen kullern über meine Wange. Ich frage Bruno, was los sei.
Seine Miene hellt sich plötzlich auf. Er springt über eine Pfütze und gibt mir meinen Regenschirm zurück, als würde er die olympische Fackel weiterreichen.
»Das ist der Mann, den Sie eigentlich suchen«, sagt er zu dem Polizisten. »Mein geschätzter Kollege, Professor Joseph O'Loughlin, ein klinischer Psychologe mit herausragendem Ruf. Ein alter Hase mit großer Erfahrung in diesen Dingen.«
»In welchen Dingen?«
»Na, mit Leuten, die springen.«
»Verzeihung?«
»Auf der Clifton Suspension Bridge«, fügt Bruno hinzu. »Irgendein Schwachkopf, der nicht genug Grips hat, bei dem Regen zu Hause zu bleiben.«
Der Constable öffnet mir die Beifahrertür. »Weiblich. Anfang vierzig«, präzisiert er.
Ich begreife noch immer nicht.
»Komm schon, alter Junge«, fügt Bruno hinzu. »Das ist Dienst an der Allgemeinheit.«
»Warum machst du es nicht?«
»Wichtige Termine. Ein Treffen aller Institutsleiter mit dem Rektor.« Er lügt. »Keine falsche Bescheidenheit, alter Junge. Was ist mit dem jungen Burschen, dem du in London das Leben gerettet hast? Wohlverdiente Lorbeeren. Du bist ungleich besser qualifiziert als ich. Mach dir keine Sorgen. Wahrscheinlich springt sie eh, bevor du da bist.«
Ich frage mich, ob er sich manchmal selbst reden hört.
»Ich muss mich sputen. Viel Glück.« Er stößt die Glastür auf und verschwindet in dem Gebäude.
Der Polizist hält noch immer die Wagentür auf. »Die Brücke ist abgesperrt worden«, erklärt er. »Wir müssen uns wirklich beeilen, Sir.«
Die Scheibenwischer schlagen hin und her, eine Sirene heult. Im Innern des Wagens klingt sie eigenartig gedämpft, sodass ich mich immer wieder nach einem Streifenwagen umsehe. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass die Sirene noch viel näher ist, nämlich auf dem Dach über mir.
Gemauerte Türme tauchen am Horizont auf. Die Clifton Suspension Bridge ist Brunels Meisterwerk, ein Wunderwerk der Ingenieurskunst im Dampfzeitalter. Rücklichter verschwimmen. Der Verkehr staut sich länger als eine Meile vor der Auffahrt zur Brücke. Auf dem Randstreifen fahren wir an den stehenden Fahrzeugen vorbei bis zur Straßensperre der Polizei.
Der Constable öffnet mir die Tür und gibt mir meinen Regenschirm. Eine Böe weht mir den Regen seitlich ins Gesicht und reißt mir den Schirm fast aus der Hand. Vor mir liegt die verlassene Brücke. Die gemauerten Türme stützen die gigantischen verketteten Trägerkabel, die sich anmutig bis zur Fahrbahn schwingen und zum gegenüberliegenden Ufer hin wieder ansteigen.
Eine Eigenschaft von Brücken besteht darin, dass sie die Möglichkeit bieten, eine Überquerung zu beginnen, ohne je auf der anderen Seite anzukommen. Für Menschen, die das so sehen, ist eine Brücke virtuell, ein offenes Fenster, an dem sie vorbeigehen oder durch das sie hinausklettern können.
Die Clifton Suspension Bridge ist eine Sehenswürdigkeit, eine Touristenattraktion und eine bekannte Selbstmörderbrücke. Gut ausgelastet, häufig benutzt; »beliebt« wäre aber vielleicht eine zu unglückliche Wortwahl. Manche Leute sagen, auf der Brücke spukten die Geister früherer Selbstmörder, auf der Fahrbahn wurden unheimliche Schatten gesichtet.
Heute gibt es keine Schatten. Und der einzige Geist auf der Brücke ist aus Fleisch und Blut: Eine nackte Frau steht auf der anderen Seite des Sicherheitszauns, den Rücken an das Metallgitter gepresst. Die Absätze ihrer roten Schuhe balancieren auf der Kante.
Wie bei einer Figur auf einem surrealistischen Gemälde wirkt ihre Blöße nicht besonders schockierend oder unpassend. Sie steht mit steifer Würde aufrecht und starrt mit der Miene eines Menschen aufs Wasser, der sich von der Welt abgekoppelt hat.
Der Einsatzleiter stellt sich vor. Er trägt Uniform. Sergeant Abernathy. Seinen Vornamen bekomme ich nicht mit. Ein anderer Polizist hält seinen Schirm. Wasser strömt von dessen dunkler Nylonkuppel auf meine Schuhe.
»Was brauchen Sie?«, fragt Abernathy.
»Einen Namen.«
»Haben wir nicht. Sie spricht nicht mit uns.«
»Hat sie irgendwas gesagt?«
»Nein.«
»Möglicherweise steht sie unter Schock. Wo sind ihre Kleider?«
»Nichts gefunden.«
Ich blicke den Fußgängerweg hinunter. Er ist von beiden Seiten eingezäunt mit fünf Bahnen Draht auf der Krone, sodass man ihn nur mit Mühe überwinden kann. Der Regen fällt so dicht, dass ich das andere Ende der Brücke kaum ausmachen kann.
»Wie lange ist sie schon da draußen?«
»Etwa eine Stunde.«
»Haben Sie ein Fahrzeug gefunden?«
»Wir suchen noch.«
Wahrscheinlich ist sie von der dicht bewaldeten Ostseite aus gekommen. Aber selbst wenn sie sich erst auf der Brücke ausgezogen hat, müssen Dutzende von Fahrern sie gesehen haben. Warum hat niemand sie aufgehalten?
Eine große Frau mit stoppelkurzen, schwarz gefärbten Haaren unterbricht unsere Beratung. Sie zieht die Schultern hoch und hat die Hände in den Taschen ihres Regenmantels vergraben, der bis zu ihren Knien hängt. Sie ist riesig. Vierschrötig. Und sie trägt Männerschuhe.
Abernathys Pose wird steifer. »Was machen Sie denn hier, Mam?«
»Ich versuche bloß, nach Hause zu kommen, Sergeant. Und nennen Sie mich nicht Mam. Ich bin nicht die verdammte Queen.«
Sie blickt zu den Fernsehteams und Pressefotografen, die sich auf dem begrasten Ufer versammelt haben und ihre Stative und Lichter aufbauen. Schließlich wendet sie sich mir zu.
»Was zittern Sie denn so, Schätzchen? So unheimlich bin ich auch nicht.«
»Tut mir leid. Ich habe Parkinson.«
»Schicksal. Kriegt man da eine Plakette?«
»Eine Plakette?«
»Für Behindertenparkplätze. Damit kann man praktisch überall parken. Das Ding ist fast so gut, wie Detective zu sein, nur dass wir auch noch Leute erschießen und schnell fahren dürfen.«
Sie ist offensichtlich höherrangig als Abernathy.
Sie blickt zur Brücke. »Sie machen das schon, Doc, kein Grund, nervös zu werden.«
»Ich bin Professor, kein Arzt.«
»Schade. Ich hatte Sie mir schon als Doctor Who vorgestellt und mich als ihren weiblichen Komplizen. Sagen Sie, was glauben Sie, wie die Daleks es geschafft haben, weite Teile des Universums zu erobern, obwohl sie nicht mal Treppen steigen konnten?«
»Ich nehme an, das ist eines der großen Rätsel des Lebens.«
»Davon kenne ich noch jede Menge.«
Ein Funkgerät wird unter meine Jacke geschoben, und man legt mir einen reflektierenden Sicherheitsgurt an, der auf der Brust zugeklickt wird. Die Frau zündet sich eine Zigarette an und zupft einen Tabakkrümel von ihrer Zungenspitze. Obwohl sie den Einsatz nicht leitet, strahlt sie natürliche Autorität aus, sodass die uniformierten Beamten offenbar bereitwillig alles befolgen, was sie sagt.
»Möchten Sie, dass ich mit Ihnen gehe?«, fragt sie.
»Ich komme schon zurecht.«
»Also gut, dann sagen Sie dem Hungerhaken da draußen, dass ich ihr ein Diät-Muffin kaufe, wenn sie auf unsere Seite des Zauns kommt.«
»Mache ich.«
Beide Zufahrten sind vorübergehend abgesperrt, die Brücke ist bis auf zwei Krankenwagen und wartende Notärzte und Sanitäter vollkommen leer. Autofahrer und Schaulustige drängen sich unter Schirmen und Regenmänteln. Einige sind wegen der besseren Sicht eine Böschung hinaufgestiegen.
Regen prasselt auf den Asphalt, Tropfen zerstieben in winzigen pilzförmigen Wolken, bevor sie durch Gullys rauschen und wie ein Vorhang aus Wasser vom Brückenrand fallen.
Ich ducke mich unter den Straßensperren durch und gehe langsam auf die Brücke. Meine Hände sind nicht in den Taschen, und mein linker Arm weigert sich zu schwingen. Das macht er manchmal - er kommt beim Plansoll einfach nicht mit.
Vor mir sehe ich die Frau. Aus der Entfernung hatte ihre Haut makellos ausgesehen, aber nun fällt mir auf, dass ihre
Schenkel zerkratzt und schlammverschmiert sind. Das Dreieck ihres Schamhaars ist dunkler als ihr Haar, das sie in einem locker geflochtenen Zopf im Nacken trägt. Und da ist noch etwas - Buchstaben auf ihrem Bauch. Ein Wort. Als sie sich zu mir umdreht, kann ich es lesen.
HURE.
Warum die Selbstanklage? Warum nackt? Das ist eine öffentliche Erniedrigung. Vielleicht hatte sie eine Affäre und hat einen geliebten Menschen verloren. Jetzt möchte sie sich selbst bestrafen, um zu beweisen, dass es ihr wirklich leidtut. Oder es könnte eine Drohung sein - das ultimative Spiel mit dem Risiko: »Wenn du mich verlässt, bringe ich mich um.«
Nein, das ist zu extrem. Zu gefährlich. Teenager drohen bei scheiternden Beziehungen manchmal, sich etwas anzutun. Es ist ein Zeichen emotionaler Unreife. Diese Frau ist Ende dreißig oder Anfang vierzig, mit kräftigen Schenkeln und kleinen Zellulitedellen an Pobacken und Hüften. Eine Narbe fällt mir ins Auge. Ein Kaiserschnitt. Sie ist Mutter.
Ich bin jetzt bis auf wenige Schritte herangekommen.
Sie drückt den Po fest gegen den Gitterzaun und hat den linken Arm um einen der Drähte auf der Krone geschlungen. Mit der anderen Hand presst sie ein Handy ans Ohr.
»Hallo. Ich heiße Joe. Und Sie?«
Sie antwortet nicht. Von einer kräftigen Böe erfasst, scheint sie kurz das Gleichgewicht zu verlieren und nach vorne zu schwanken. Der Draht schneidet in ihre Armbeuge, und sie zieht sich zurück.
Ihre Lippen bewegen sich. Sie telefoniert. Ich muss ihre Aufmerksamkeit gewinnen.
»Sagen Sie mir nur Ihren Namen. Das ist doch nicht so schwer. Sie können mich Joe nennen, und ich kann Sie^«
Der Wind weht eine Haarsträhne in ihr Gesicht, sodass nur ihr linkes Auge sichtbar ist.
Nagende Ungewissheit macht sich in meinem Magen breit. Weshalb die hochhackigen Schuhe? War sie in einem Nachtclub? Dafür ist es eigentlich schon zu spät am Tag. Ist sie betrunken? Steht sie unter Drogen? Ecstasy kann psychotische Zustände auslösen. LSD. Vielleicht Ice.
Ich schnappe Fetzen ihres Gespräches auf.
»Nein. Nein. Bitte. Nein.«
»Wer ist am Telefon?«, frage ich.
»Das mache ich. Versprochen. Ich habe alles getan. Bitte verlangen Sie nicht
»Hören Sie mir zu. Sie wollen das nicht tun.«
Ich blicke nach unten. Gut siebzig Meter tiefer schiebt sich ein breiter Lastkahn mit Maschinenkraft gegen die Strömung flussaufwärts. Der angeschwollene Fluss leckt an den Ginster- und Weißdornbüschen am Ufer. Auf der Oberfläche treibt buntes Konfetti aus Müll: Bücher, Äste und Plastikflaschen.
»Ihnen ist bestimmt kalt. Ich habe eine Decke.«
Wieder gibt sie keine Antwort. Ich muss dafür sorgen, dass sie mich zur Kenntnis nimmt. Ein Nicken oder ein einziges zustimmendes Wort ist schon genug. Ich muss sicherstellen, dass sie mir zuhört.
»Vielleicht könnte ich versuchen, sie Ihnen über die Schulter zu legen - nur um Sie zu wärmen.«
Ihr Kopf schnellt zu mir herum, und sie schwankt nach vorne, als wolle sie loslassen. Ich bleibe wie angewurzelt stehen.
»Okay, ich komme keinen Schritt näher. Ich bleibe, wo ich bin. Sagen Sie mir nur Ihren Namen.«
Sie wendet den Blick zum Himmel und blinzelt in den Regen wie ein Gefangener auf dem Hof, der einen kurzen Moment der Freiheit genießt.
»Was auch schiefgelaufen ist, was immer passiert ist oder Sie aufgewühlt hat, wir können darüber reden. Ich möchte Ihnen Ihre Entscheidung auch gar nicht ausreden. Ich will nur verstehen, warum.«

Produktinformationen

Titel: Dein Wille geschehe
Untertitel: Psychothriller
Übersetzer:
Autor:
EAN: 9783442474585
ISBN: 978-3-442-47458-5
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Goldmann
Genre: Krimis, Thriller & Horror
Anzahl Seiten: 592
Gewicht: 512g
Größe: H186mm x B126mm x T38mm
Veröffentlichung: 13.10.2010
Jahr: 2010
Land: DE

Bewertungen

Gesamtübersicht

Meine Bewertung

Bewerten Sie diesen Artikel