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Gormenghast / Der junge Titus
Mervyn Peake

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Neuausgabe mit einem Vorwort von Kai Meyer - neu durchgesehene Übersetzung Schloss Gormenghast beherbergt das alte Geschlecht der ... Weiterlesen
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Beschreibung

Neuausgabe mit einem Vorwort von Kai Meyer - neu durchgesehene Übersetzung Schloss Gormenghast beherbergt das alte Geschlecht der Grafen von Groan. Hinter den Mauern geht die Zeit ihren eigenen Gang, auch als Titus, der 77. Erbe seines Geschlechts, geboren wird. Begleitet von rätselhaften Zeremonien pflegen die Schlossbewohner ihre Gewohnheiten.

Gormenghast - das mächtige, labyrinthische Schloß, der Stammsitz der Grafen Groan, gehört zwar keiner Zeit an und keinem bestimmten Ort, doch so, wie Mervyn Peake seine phantastische Geschichte erzählt, bleibt weiter nichts unbestimmt ... Im Gegenteil: jede Szene wird grell ausgeleuchtet, wird geradezu furchterregend nahegerückt. Bewohnt wird das Schloß von erstaunlichen Figuren mit ausgesprochenen Mittelstandsallüren, die der Autor so dicht heranführt, daß man sie beinahe berühren könnte. Und den fetten Swelter zu berühren, die massige Lady Gertrude oder den spinnenhaften Mister Flay, das wäre in der Tat ein Schock. Ein Fantasyroman voll schillernder Figuren und einem labyrinthischen Schauplatz, der skurriler nicht sein könnte. Mervyn Peakes zeitloses Meisterwerk ist das Vorbild für viele moderne Fantasyautoren. "Gormenghast" ist von der Hand eines Zauberers geschrieben.

Vorwort
Neuausgabe mit einem Vorwort von Kai Meyer - neu durchgesehene Übersetzung

Autorentext

Mervyn Peake, geboren 1911 im Kaiserreich China, ist neben seinen literarischen Werken auch als Maler und Illustrator hervorgetreten. Mit "Gormenghast" wurde er international bekannt. Peake starb 1968 in Burford bei Oxford.



Klappentext

Gormenghast - das mächtige, labyrinthische Schloß, der Stammsitz der Grafen Groan, gehört zwar keiner Zeit an und keinem bestimmten Ort, doch so, wie Mervyn Peake seine phantastische Geschichte erzählt, bleibt weiter nichts unbestimmt - im Gegenteil: jede Szene wird grell ausgeleuchtet, wird geradezu furchterregend nahegerückt. Bewohnt wird das Schloß von erstaunlichen Figuren mit ausgesprochenen Mittelstandsallüren, die der Autor so dicht heranführt, daß man sie beinahe berühren könnte. Und den fetten Swelter zu berühren, die massige Lady Gertrude oder den spinnenhaften Mister Flay, das wäre in der Tat ein Schock.



Leseprobe
Die Halle der Edlen Schnitzwerke Gormenghast - oder genauer: Der größte Teil des alten Mauerwerks - hätte, für sich gesehen, eine bestimmte, eindrucksvolle Bauweise repräsentiert, wäre es nur möglich gewesen, jene umliegenden schäbigen Behausungen zu ignorieren, die sich wie eine krankhafte Wucherung um die Außenmauern legten. Sie breiteten sich über den Hang aus, eine jede halb über dem Nachbargebäude aufragend, bis die oberen Hütten, aufgehalten durch die Befestigungen der Burg, wie Napfschnecken am Felsen klebten. Aufgrund eines alten Gesetzes war diesen armseligen Behausungen die fröstelnde Nähe der über ihnen drohenden Festung gewährt. Zu allen Jahreszeiten fielen über die unregelmäßigen Dächer die Schatten der von der Zeit angenagten Zinnen, der zerfallenen und der hochaufragenden Türmchen und, am gewaltigsten, der Schatten des Pulverturms. Dieser Turm, ungleichmäßig mit Efeu bewachsen, erhob sich wie ein verstümmelter Finger aus einer Faust von knöchelartigem Mauerwerk und wies blasphemisch gen Himmel. Des Nachts verwandelten ihn die Eulen in einen hallenden Schlund; tagsüber ragte er stumm auf und warf seinen langen Schatten. Zwischen den Bewohnern jener äußeren Hütten und denen, die innerhalb der Mauern lebten, gab es kaum Umgang, außer wenn am ersten Junimorgen eines jeden Jahres sämtliche Bewohner der Lehmhütten Erlaubnis erhielten, den Besitz zu betreten und die Holzschnitzereien vorzustellen, an denen sie das ganze Jahr gearbeitet hatten. Diese Schnitzwerke, mit sonderbaren Farben bemalt, stellten gewöhnlich Tiere oder Menschen dar und waren in höchst einzigartiger Weise gestaltet. Der Wettbewerb um die besten Werke eines Jahres war hart und erbittert. Wenn die Tage der Liebe verronnen waren, galt die einzige Leidenschaft der dort lebenden Menschen der Herstellung jener Holzskulpturen, und in dem Durcheinander von Hütten am Fuß der Außenmauer lebten ein paar begabte Kunsthandwerker, deren Stellung als beste Schnitzer ihnen den Ehrenplatz unter den Schatten vergönnte. An einer Stelle innerhalb der Großen Mauer, ein paar Fuß über dem Erdboden, bildeten die gewaltigen Quader, aus denen die Mauer erbaut war, einen riesigen Vorsprung, der sich von Ost nach West etwa zwei- bis dreihundert Fuß entlangzog. Diese vorspringenden Steine waren weiß bemalt, und auf eben diesem Mauervorsprung wurden am ersten Junimorgen eines jeden Jahres die Schnitzwerke aufgestellt, um vom Grafen Groan beurteilt zu werden. Die Werke, die man für die vollendetsten hielt - und das waren niemals mehr als drei -, wurden daraufhin in der Halle der Edlen Schnitzwerke aufgestellt. Jene lebensvollen Objekte standen also reglos dort den ganzen Tag über, warfen an die dahinterliegende Mauer ihre phantastischen Schatten, die sich mit dem Sonnenlauf Stunde für Stunde bewegten und verlängerten, und strahlten trotz ihrer bunten Farben Düsternis aus. Die Luft zwischen ihnen war aufgeladen mit Verachtung und Hass. Die Künstler standen wie Bettler umher, um sich die schweigenden Familien geschart. Alle wirkten sie grob und frühzeitig gealtert. Jeglicher strahlende Glanz war verschwunden. Die Schnitzwerke, die nicht erwählt worden waren, wurden noch am gleichen Abend im Hof unter dem Westbalkon des Grafen Groan verbrannt, und es herrschte der Brauch, dass der Graf während der Verbrennung dort stand und den Kopf wie im Schmerz gesenkt hielt; wenn dann von innen der Gong dreimal ertönte, wurden die drei von den Flammen verschonten Skulpturen hinaus ins Mondlicht getragen. Man stellte sie auf die Balustrade des Balkons, wo die unten versammelte Menge sie deutlich sehen konnte, woraufhin Graf Groan ihre Schöpfer aufrief. Nachdem sich diese sogleich unter ihm aufgestellt hatten, warf der Graf die traditionellen Pergamentrollen hinab, die, wie ihr Inhalt besagte, den Künstlern die Erlaubnis gaben, den Wehrgang über ihren Behausungen bei Vollmond eines jeden zweiten Monats zu betreten. In diesen festgelegten Nächten konnte ein Beobachter aus einem Fenster der Südfassade jene mondbeschienenen Gestalten betrachten, denen ihre Kunstfertigkeit diese so ersehnte Ehre verschafft hatte, wie sie auf der Festungsmauer auf- und abgingen. Abgesehen von dieser Ausnahme am Tag der Schnitzwerke und der Freizügigkeit, die man den Hervorragendsten gewährte, gab es für diejenigen innerhalb der Mauern keine Gelegenheit, das Volk draußen kennenzulernen, noch waren die in den Schatten der Mauern Hausenden von irgendwelchem Interesse für die Welt dahinter. Es war ein nahezu vergessenes Volk: ein Stamm, an den man sich mit Erstaunen erinnerte oder mit dem unwirklichen Gefühl eines wieder aufflackernden Traumes. Nur der Tag der Schnitzwerke brachte es ans Sonnenlicht und ließ die Erinnerung an frühere Zeiten wieder aufleben. Denn soweit sich selbst Nettel, der Achtzigjährige aus dem Turm oberhalb der vor sich hinrostenden Waffenkammer, erinnern konnte, hatte man diese Zeremonie immer schon abgehalten. Unzählige Holzskulpturen waren dem Gesetz getreu zu Asche vergangen, doch die ausgewählten standen immer noch in der Halle der Edlen Schnitzwerke. Diese Halle im Obergeschoss des Nordflügels unterstand dem Kurator Rottcodd, der den Großteil seines Lebens in einer Hängematte am Ende der Halle verbrachte, da niemals irgendjemand diesen Raum aufsuchte. Wenn er auch ständig vor sich hindöste, soll er doch den Staubwedel nie aus den Händen gegeben haben, den Staubwedel, mit dem er die eine der beiden notwendig erscheinenden regelmäßigen Aufgaben in jener langen und stillen Halle vollzog, nämlich die Edlen Schnitzwerke vom Staub zu befreien. Als Kunstgegenstände interessierten ihn die Arbeiten wenig, und dennoch hatte er gegenüber einigen der Schnitzwerke eine Art verwandtschaftlichen Gefühls entwickelt. Er arbeitete mehr als sorgfältig, wenn er das Smaragdpferd abstaubte. Auch dem schwarz-olivfarbenen Kopf gegenüber und dem Gescheckten Hai widmete er seine besondere Aufmerksamkeit. Was aber nicht bedeutete, dass sich vielleicht sonst irgendwo Staub niederlassen durfte. Rottcodd betrat die Halle, jahraus, jahrein, winters und sommers, um sieben Uhr, schlüpfte aus seinem Jackett und zog sich einen langen grauen Kittel über, der formlos bis auf die Knöchel niederfiel. Es war seine Gewohnheit, den Staubwedel aus Federn fest unter den Arm geklemmt, einen scharfen Blick über den Rand seiner Brille die Halle entlang zu werfen. Rottcodds Schädel war dunkel und klein, wie eine verwitterte Musketenkugel, und die Augen hinter den blitzenden Gläsern zwei verkleinerte Versionen des Kopfes. Alle drei befanden sich ständig in Bewegung, als wollten sie die schlafend verbrachte Zeit wettmachen. Der Kopf wackelte mechanisch von einer Seite auf die andere, wenn Rottcodd ging, und die Augen spähten hierhin und dorthin und überallhin, wenn auch auf nichts Bestimmtes, als erhielten sie ihre Anweisungen von der Mutterkugel, in der sie saßen. Nachdem er beim Eintritt rasch über den Brillenrand geblickt und, nach dem Überstreifen des Kittels, das Gleiche den gesamten Nordflügel entlang wiederholt hatte, befreite Rottcodd gewöhnlich seine linke Achselhöhle von dem Staubwedel und ging ohne weiteres Unterfangen auf die erste Skulptur rechter Hand zu. Die Halle, im obersten Stockwerk des Nordflügels gelegen, war eigentlich keine richtige Halle, eher eine Art Dachboden. Das einzige Fenster lag am entgegengesetzten Ende, gegenüber der Tür, durch die Rottcodd, aus dem höher liegenden Teil des Gebäudes kommend, trat. Es ließ nur wenig Licht ein. Die Läden waren fast ständig geschlossen. Tag und Nacht wurde die Halle der Edlen Schnitzwerke durch sieben Kandelaber beleuchtet, die im Abstand von neun Fuß von der Decke hingen. Niemals durften die Kerzen ausgehen oder auch nur herabbrennen, und Rottcodd sah selbst nach ihnen, ehe er sich um neun Uhr abends zurückzog. In einem kleinen, dunklen Vorraum der Halle befand sich ein Vorrat an weißen Wachskerzen. Ebenfalls dort warteten Rottcodds Kittel, ein riesiges, vor Staub weißes Gästebuch und eine Trittleiter auf ihren Gebrauch. Es gab ansonsten weder Tische noch Stühle, keinerlei Möbel außer der Hängematte an der Fensterwand, in der Rottcodd schlief. Der Dielenboden war mit weißem Staub bedeckt, welcher, nachdem er so fleißig von den Skulpturen entfernt worden war, keinen anderen Platz fand und sich tief und aschegleich besonders in den vier Ecken aufhäufte. Wenn Rottcodd die erste Skulptur zur Rechten abgestaubt hatte, bewegte er sich mechanisch an der langen bunten Phalanx entlang, blieb vor jeder Statue einen Moment stehen, wobei seine Augen an ihr auf- und abglitten und sein Kopf wissend hin- und herwackelte, ehe er den Staubwedel ansetzte. Rottcodd war unverheiratet. Wenn man ihm zum ersten Mal begegnete, wirkte er entrückt und sogar nervös, und die Damen empfanden ihm gegenüber ein gewisses Entsetzen. Er war also wunschlos zufrieden damit, so allein Tag und Nacht auf dem riesigen Dachboden zu leben. Doch zuweilen tauchte unerwartet aus dem einen oder anderen Grund ein Diener oder ein anderes Mitglied des Haushalts auf, um ihn mit einer dem Ritual entsprechenden Frage zu erstaunen - und darauf senkte sich wieder Staub auf die Halle und auf Rottcodds Seele. Wie sahen seine Träume aus, wenn er in der Hängematte lag und den dunklen Kopf in die Armbeuge gesteckt hatte? Wovon träumte er wohl, Stunde um Stunde, Jahr um Jahr? Es fällt schwer, zu glauben, irgendwelche großartigen Gedanken suchten seinen Kopf heim, noch - trotz der Skulpturen, deren farbenprächtige Reihen sich in schmaler werdender Perspektive über den Gang erhoben wie ein Bogengang für einen Herrscher - dass Rottcodd irgendeinen Versuch unternahm, sich aus seiner Isolierung zu befreien, sondern eher diese Einsamkeit um ihrer selbst willen genoss, jedoch ständig in Furcht vor einem Eindringling lebte. An einem schwülen Nachmittag kam wirklich ein Besucher und störte Rottcodd, als er gerade tief in seiner Hängematte lag, denn seine Siesta wurde abrupt durch ein Rütteln an der Türklinke unterbrochen, welches offensichtlich anstelle der üblicheren Praxis des Klopfens an das Holz vollzogen wurde. Das Geräusch warf ein Echo durch den langgestreckten Raum und setzte sich daraufhin in den feinen Staub auf den Dielen. Sonnenlicht zwängte sich durch die dünnen Risse der Fensterläden. Selbst an einem heißen, stickigen, ungesunden Nachmittag wie diesem waren die Läden geschlossen, und Kerzenlicht beleuchtete den Raum mit ungleichmäßigen hellen Strahlen. Als das Rütteln an der Klinke ertönte, richtete sich Rottcodd abrupt auf. Die dünnen Streifen gedämpften Lichtes bemalten seinen Kopf mit der Helligkeit der Außenwelt. Als er sich von der Hängematte herabließ, tanzte es um seine Schultern; die Augen flogen an der Tür auf und ab und kehrten nach diesen raschen, zuckenden Abschweifungen wieder und wieder zu der aufgeregten Türklinke zurück. Rottcodd umklammerte den Staubwedel fest mit der rechten Hand und begann, die helle Prachtstraße hinabzuschreiten. Dabei wirbelten seine Füße mit jedem Schritt eine kleine Staubwolke auf. Als er schließlich bei der Tür ankam, hatte die Klinke aufgehört, sich zu bewegen. Er ließ sich unvermittelt auf die Knie fallen, legte das rechte Auge an das Schlüsselloch, und indem er den hin- und herpendelnden Kopf sowie das wandernde linke Auge zu kontrollieren suchte (welches sich ständig bemühte, an der senkrechten Oberfläche der Tür auf- und abzugleiten), konnte er nach gehöriger Konzentration in sechs Zentimeter Entfernung seines Schlüssellochauges ein Auge erkennen, das nicht das seine war, nicht nur eine andere Farbe als sein Eisenmarmor besaß, sondern auch, was überzeugender war, sich auf der anderen Seite der Tür befand. Dieses dritte Auge, welches sich ebenso verhielt wie das eine Rottcodds, gehörte Flay, dem schweigsamen Diener Sepulchraves, Graf von Gormenghast. Es galt als absolute Seltenheit, dass Flay sich vier Zimmer in der Horizontalen oder gar ein Stockwerk von Seiner Lordschaft entfernte. Gänzlich fern der Seite seines Herrn zu sein war unnormal, doch hier war offensichtlich an diesem schwülen Sommernachmittag ein Auge Flays vor dem Schlüsselloch der Tür zur Halle der Edlen Schnitzwerke, und vermutlich steckte auch der Rest Flays dahinter. Als sich beide Augen gegenseitig erkannten, zogen sie sich gleichzeitig zurück, und wieder rasselte der Messingknopf der Tür unter der Hand des Besuchers. Rottcodd drehte den Schlüssel und öffnete langsam die Tür. Flay schien den gesamten Türrahmen auszufüllen, als er derart sichtbar wurde, und er betrachtete mit recht ausdrucksloser Miene den kleineren Mann vor sich. Es sah nicht so aus, als ob ein so knöchernes Gesicht wie das seine eine normale menschliche Äußerung von sich geben könnte, sondern, anstelle von Lauten, eher etwas Brüchigeres, Älteres, Trockeneres, vielleicht wie Splitter oder Teilchen eines Steins. Dennoch öffneten sich die ausgedörrten Lippen. »Ich bin's«, sagte er und tat einen Schritt in den Raum. Dabei knackten seine Kniegelenke. Sein Gang durch die Halle - wie auch sein Gang durchs Leben - wurde von diesen Knacklauten, einem pro Schritt, begleitet, welche ähnlich dem Knacken dürrer Zweige klangen. Rottcodd, der sah, dass es sich in der Tat um Flay handelte, bedeutete ihm mit einer irritierten Handbewegung, näherzutreten, und schloss hinter ihm die Tür. Flay war nie ein flüssiger und gewandter Unterhalter gewesen, und so starrte er eine Weile freudlos vor sich hin, und dann, nach - wie es Rottcodd schien - einer Ewigkeit, hob er eine knochige Hand und kratzte sich hinter dem Ohr. Daraufhin gab er eine zweite Bemerkung von sich. »Immer noch hier, eh?«, fragte er, wobei sich die Stimme ihren Weg aus dem Gesicht kämpfte. Rottcodd, vermutlich der Meinung, auf eine solche Frage bedürfe es kaum einer Antwort, zuckte die Achseln und ließ die Augen an der Decke umherschweifen. Flay riss sich zusammen und fuhr fort: »Ich sagte: Immer noch hier, eh?« Bitter starrte er das Smaragdpferd an. »Immer noch da, eh, Rottcodd?« »Ich bin immer hier«, erwiderte Rottcodd, senkte die blitzenden Brillengläser und ließ die Augen über Flays Gesicht gleiten. »Tagaus, tagein. Immer. Sehr heiß heute. Ungewöhnlich schwül. Wollten Sie irgendetwas?« »Nichts«, entgegnete Flay und blickte Rottcodd mit leicht bedrohlich wirkender Miene an. »Ich will nichts.« Er wischte sich die Handflächen an den Hüften ab, wo das schwarze Tuch wie Seide glänzte. Rottcodd schnippte mit dem Staubwedel Asche von seinem Schuh und neigte den Kugelkopf. »Ah«, meinte er unverbindlich. »Sie sagen ?Ah?«, meinte Flay, drehte Rottcodd den Rücken zu und begann, die farbenprächtige Galerie hinabzuwandern. »Aber ich sage Ihnen, es ist mehr als nur ?ah?.« »Natürlich«, erwiderte Rottcodd. »Viel mehr, möchte ich meinen. Aber ich vermag es nicht zu begreifen. Ich bin Kurator.« Dabei reckte er sich zu voller Größe und stand auf den Zehenspitzen im Staub. »Was?«, fragte Flay und schwankte über ihm, denn er war wieder zurückgekehrt. »Ein Kurator?« »Das ist richtig«, sagte Rottcodd und wackelte mit dem Kopf. Flay schnaubte trocken. Rottcodd hielt dies für ein Zeichen absoluter Verständnislosigkeit, und es ärgerte ihn, dass dieser Mann sein Reich betreten hatte. »Kurator«, sagte Flay nach einem ungemütlichen Schweigen. »Ich werde Ihnen etwas erzählen. Ich weiß etwas, eh?« »Nun?«, fragte Rottcodd. »Ich sag es Ihnen«, begann Flay. »Aber zuerst: Welchen Tag haben wir? Welchen Monat und welches Jahr? Antworten Sie!« Rottcodd erstaunte diese Frage, aber er wurde langsam neugierig. Es war zu offensichtlich, dass dieser knochige Mann irgendetwas vorhatte, und er antwortete: »Es ist der achte Tag im achten Monat. Über das Jahr bin ich mir etwas unsicher. Aber warum?« Mit fast unhörbarer Stimme wiederholte Flay: »Der achte Tag im achten Monat.« Seine Augen wirkten fast durchsichtig; und es war, wie wenn man in einem Land mit hässlichen Hügeln plötzlich zwischen den harten Felsen zwei den Himmel widerspiegelnde Seen findet. »Kommen Sie«, sagte er. »Kommen Sie näher, Rottcodd. Ich werde es Ihnen erzählen. Sie verstehen Gormenghast nicht - was in Gormenghast geschieht - die Dinge, die vor sich gehen - nein, nein. Unter Ihnen, da spielt es sich ab, unter diesem Nordflügel. Was bedeuten diese Dinge hier oben? Diese hölzernen Gegenstände? Zu nichts mehr nütze. Aufbewahren, ja. Aber zu nichts mehr nütze. Alles in Bewegung. Das Schloss ist in Bewegung. Heute, zum ersten Mal seit Jahren, ist er allein, mein Herr. Nicht unter meinen Augen.« Flay biss sich auf die Knöchel. »Schlafzimmer der Gräfin: Dort ist er. Lordschaft außer sich: Will mich nicht um sich haben, lässt mich nicht das Neue sehen. Den Neuen. Er ist da. Er ist unten, und ich habe ihn nicht gesehen.« Flay biss sich auf den entsprechenden Knöchel der anderen Hand, als wollte er die Empfindung ausgleichen. »Niemand drin gewesen. Natürlich nicht. Ich bin der Nächste. Die Vögel sitzen aufgereiht auf dem Bett. Raben, Spatzen, diese Lumpen, und die weiße Krähe. Auch ein Turmfalke ist da, Klauen ins Kissen gekrallt. Die Herrin füttert sie mit Brotkrusten. Körnern und Brotkrusten. Hat ihr Neugeborenes kaum angesehen. Erbe von Gormenghast. Sieht ihn gar nicht an. Aber der Herr starrt ihn an. Hab ihn durch das Gitter gesehen. Braucht mich. Lässt mich nicht hinein. Hören Sie zu?« Gewiss hörte Rottcodd zu. Zunächst einmal hatte er Flay noch niemals in seinem Leben so viel reden hören, und dann war die Nachricht, dass schließlich und endlich dem alten, traditionsreichen Haus Groan ein Erbe geboren war, immerhin ein interessanter Leckerbissen für einen Kurator, der allein im oberen Stockwerk des verlassenen Nordflügels lebte. Hier war etwas, mit dem er sich noch einige Zeit in Gedanken beschäftigen konnte. Es stimmte zwar, wie Flay gemeint hatte, dass der Pulsschlag des Schlosses ihn in seiner Hängematte nicht erreichte, denn um genau zu sein, hatte Rottcodd nicht einmal die Tatsache vermutet, dass ein Erbe unterwegs war. Seine Mahlzeiten kamen in einem Aufzug aus der Dunkelheit der Dienstbotenquartiere viele Stockwerke unter ihm, und in der Nacht schlief er in dem Vorraum und war daher vollständig von der Welt und ihren Geschehnissen abgeschnitten. Flay hatte ihm eine echte Neuigkeit mitgeteilt. Dennoch ließ er sich nicht gern stören, selbst wenn ihm eine Nachricht von solcher Gewichtigkeit überbracht wurde. Durch den kugelförmigen Kopf schoss eine Frage, die Flays Eindringen betraf. Warum hatte Flay, der normalerweise nicht einmal eine Braue hochgezogen hätte, um seine Gegenwart zur Kenntnis zu nehmen - warum hatte er sich nun der Mühe unterzogen, in einen ihm so unbekannten Teil des Schlosses hinaufzusteigen? Und einer Person, so wenig mitteilungsfreudig wie er selbst, eine Unterhaltung aufzuzwingen? Er ließ in der ihm eigenen merkwürdigen Weise die Augen an Flay auf- und abgleiten und überraschte sich selbst durch die plötzlichen Worte: »Und wem oder was verdanke ich Ihre Anwesenheit, Mister Flay?« »Was?«, fragte Flay. »Was war das?« Er blickte auf Rottcodd herab, und seine Augen wurden glasig. Mister Flay hatte sich in der Tat selbst überrascht. Warum nur, dachte er, hatte er sich die Mühe gemacht, Rottcodd die Neuigkeit zu überbringen, die ihm so wichtig war? Warum ausgerechnet Rottcodd? Er starrte den Kurator eine Weile an, und je länger er dort stand und nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass die eben gestellte Frage gelinde gesagt unangenehm angemessen war. Der kleine Mann vor ihm hatte ihm eine direkte und einfache Frage gestellt. Eigentlich eine schwierige Frage. Er stakste ein paar Schritte auf Rottcodd zu, zwängte die Hände in die Hosentaschen und drehte sich sehr langsam auf dem Absatz um. »Ah«, sagte er schließlich. »Ich verstehe, was Sie meinen, Rottcodd - ich verstehe, was Sie meinen.« Rottcodd sehnte sich zurück in seine Hängematte, um den Luxus des Alleinseins zu genießen, doch seine Augen wanderten noch rascher über das Gesicht des Besuchers, als er diese Bemerkung hörte. Flay hatte gesagt, er verstehe, was er, Rottcodd, gemeint habe. Hatte er das wirklich? Sehr interessant. Was hatte er eigentlich gemeint? Was genau war es, was Flay verstand? Er schnippte ein imaginäres Staubkörnchen von dem vergoldeten Kopf einer Dryade. »Sie interessieren sich für die Geburt da unten?«, fragte er. Flay stand eine Weile, als habe er die Frage nicht gehört, aber nach ein paar Minuten wurde deutlich, dass er wie vom Donner gerührt war. »Interessieren?«, schrie er mit tiefer, rauher Stimme. »Interessieren? Das Kind ist ein Groan! Ein echter, männlicher Groan. Eine Herausforderung an die Zukunft! Keine Veränderung, Rottcodd, keine Veränderung!« »Ah«, sagte Rottcodd. »Ich verstehe, was Sie meinen, Mister Flay. Aber Seine Lordschaft lagen doch nicht etwa imSterben?« »Nein«, erwiderte Flay. »Er lag nicht im Sterben. Aber: Zähne werden länger«, und damit stolzierte er wie ein Fischreiher mit langen Schritten zu den hölzernen Fensterläden, und der Staub wirbelte hinter ihm auf. Als dieser sich wieder gesetzt hatte, sah Rottcodd, dass Flay den kantigen, pergamentfarbenen Kopf an das Fensterkreuz gelehnt hielt. Flay war nicht gänzlich von seiner Antwort auf Rottcodds Frage bezüglich seiner Anwesenheit in der Halle der Edlen Schnitzwerke befriedigt. Als er dort am Fenster stand, wiederholte er für sich diese Frage immer und immer wieder. Warum gerade Rottcodd? Warum in aller Welt Rottcodd? Und dennoch wusste er, sobald er von der Geburt erfahren hatte und seine zähe Natur so heftig aufgestört worden war, dass es ihn gedrängt hatte, seine Begeisterung einem anderen Wesen mitzuteilen - da war ihm Rottcodd eingefallen. Er war nie sehr mitteilsam oder enthusiastisch gewesen und hatte es daher unter dem emotionalen Druck des Ereignisses als schwierig empfunden, Rottcodd die Tatsachen mitzuteilen. Und, wie bereits erwähnt, kam es ihm nicht nur eigenartig vor, dass er sich derart entlastet hatte, sondern auch, dass dies in so kurzer Zeit geschehen war. Er drehte sich um und sah, wie der Kurator müde neben dem Gescheckten Hai stand; sein kleiner, kurzgeschorener, runder Kopf bewegte sich wie der eines Vogels hin und her; die Hände hielt er, den Staubwedel zwischen den Fingern, gefaltet. Es war offensichtlich, dass Rottcodd höflich darauf wartete, dass er ging. Dennoch befand sich Flay in einem merkwürdigen Zustand. Es überraschte ihn, dass die Nachricht Rottcodd so unbeeindruckt ließ, und es überraschte ihn, dass er selbst die Nachricht überbracht hatte. Er nahm eine riesige silberne Uhr aus der Tasche und hielt sie waagerecht auf der Handfläche. »Muss gehen«, sagte er unbeholfen. »Hören Sie, Rottcodd, ich muss gehen.« »Nett von Ihnen, dass Sie vorbeigeschaut haben«, meinte Rottcodd. »Würden Sie sich beim Hinausgehen ins Gästebuch eintragen?« »Nein! Kein Gast!« Flay zog die Schultern bis an die Ohren hoch. »Bin siebenunddreißig Jahre bei Seiner Lordschaft. Gästebuch«, fügte er verächtlich hinzu und spuckte in eine entfernte Ecke des Raumes. »Wie Sie wollen«, erwiderte Rottcodd. »Ich habe die Personalspalte des Gästebuchs gemeint.« »Nein«, sagte Flay. Als er auf dem Weg zur Tür an dem Kurator vorbeikam, sah er ihn, als er auf gleicher Höhe mit ihm war, vorsichtig an, und die Frage drängte sich wieder auf. Warum? Das Schloss pulste vor Aufregung über die Geburt. Alles schwirrte vor Vermutungen. Keine Kontrolle mehr. Gerüchte schoben sich über die Schwelle. Überall, auf den Gängen, in den Hallen, der Kapelle, in Speiseraum, Küche, Schlafsaal und Eingangshalle war es das Gleiche. Warum hatte er sich den begeisterungsunfähigen Rottcodd ausgesucht? Und dann, auf einen Schlag, wusste er es. Er musste sich unbewusst klar darüber gewesen sein, dass für niemanden sonst diese Nachricht neu gewesen wäre; dass Rottcodd für seine Botschaft jungfräulicher Boden war; Rottcodd, der Kurator, der allein unter den Edlen Schnitzwerken lebte, war der Einzige, dem er die Neuigkeit überbringen konnte, ohne seine mürrische Würde infrage zu stellen, und für den, wenn es ihn auch nur zu geringer Begeisterung hinreißen würde, es letztendlich doch etwas Neues bedeutete. Nachdem er das Problem gedanklich gelöst hatte und schwerfällig merkte, dass die Lösung recht banal und unoriginell war und es sich nicht um seine wandernde Seele handelte, die über Gänge und Treppen hinweg nach der Rottcodds rief, schritt Flay mit ungelenken Bewegungen durch die Gänge des Nordflügels und die gewundenen Steintreppen hinab, die auf den Steinplatz führten, und er verspürte eine sonderbare Ernüchterung, ein Gefühl, als habe er an Würde verloren, und Dankbarkeit, dass sein Besuch bei Rottcodd von niemandem beobachtet worden war und dass Rottcodd selbst vor der Welt wohlversteckt in der Halle der Edlen Schnitzwerke lebte.

Inhalt

Vorwort von Kai Meyer Jemand hat einmal die Frage gestellt, wie sich die phantastische Literatur entwickelt hätte, wäre nicht Tolkiens Herr der Ringe , sondern Mervyn Peakes Gormenghast zur Blaupause des modernen Fantasy-Genres geworden. Sicher ist, es gäbe mehr Bücher wie jene Handvoll, die sich ganz offen zu Peake bekennt: Gloriana von Michael Moorcock, China Mievilles Perdido Street Station , Die Spur des goldenen Opfers von Lucius Shepard, natürlich die Viriconium -Trilogie von M. John Harrison, Gene Wolfes Buch der Neuen Sonne und Jeff VanderMeers Stadt der Heiligen & Verrückten . Es mag noch weitere geben, aber alles in allem ist die Liste nicht lang. Warum also gilt Gormenghast bis heute als einer der Eckpfeiler der Fantasy? Vielleicht, weil es abseits von Tolkien das erste Werk war, das voll und ganz auf Visualisierung setzt. Die Geschichte - gut und schön. Die Charaktere - ein Panoptikum aus wandelnden Grotesken. Aber was da vor unserem inneren Auge entsteht, schon in den allerersten Sätzen, ist ein ausgefeiltes optisches Panorama. So wundert es nicht, dass Peake sich, wie Tolkien, erst zu einem Erfolgsautor entwickelte, als auch das Medium Film am Ende der Sechzigerjahre durch breitere Streuung und Verfügbarkeit einen neuen Stellenwert erlangte. Die protestierenden Studenten, die die Welten von Mittelerde und Gormenghast nahezu zeitgleich für sich entdeckten, waren - anders als ihre Eltern - bereits an Leinwand und Bildschirm geschult, sie wollten Geschichten und Welten nicht nur lesen, sondern sehen . Die Grenze zwischen den Wahrnehmungen beider Medien, zuvor vom Literaturbetrieb unumstösslich aufrecht erhalten, fiel gemeinsam mit vielen anderen Schranken in jenen Jahren. Und so verwundert es nicht, dass zwei Romane, die auf den ersten Blick wenig verbindet, aufgrund der atemberaubenden Visualität ihrer Beschreibungen so häufig in einem Atemzug genannt werden. Man mag sich für den Plot der Gormenghast -Romane begeistern oder nicht, ihrer Atmosphäre kann man sich kaum entziehen. Und es sind jene Stimmungen, heraufbeschworen durch die sprachgewaltige Beschreibung der Schauplätze, die bis heute Generationen von Autoren geprägt haben. Nicht allen Geschichten mag man es auf den ersten Blick ansehen, aber Gormenghasts Einfluss ist in der aktuellen Phantastik allgegenwärtig. Seine Steine wurden abgetragen wie die der alten englischen Landhäuser, die man auf der anderen Seite des Ozeans wieder aufgebaut hat. Das Gestein von Schloss Gormenghast steckt in George R. R. Martins voluminösen Fantasyepen ebenso wie in den Pixeln zahlreicher Videospiele, Neil Gaimans Sandman -Comics und den Filmen von Tim Burton. Ich selbst habe in meinen Romanen wieder und wieder mit dem Mörtel der Groans gemauert; ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft ich meine Heldinnen und Helden über weitläufige Dächer und enge Treppenfluchten, durch endlose Hallen und verwinkelte Steinkorridore gejagt habe. Vieles, das wir heute »gotisch« nennen, geht mindestens so sehr auf Gormenghasts Fundamente zurück wie auf die häufiger genannten Klassiker von Walpole und Radcliffe. So scheint es auf den ersten Blick verwunderlich, dass wir die Wurzeln seiner Entstehung ausgerechnet in China suchen müssen. Mervyn Peake wurde 1911 in Guling geboren, einem beliebten Urlaubsort europäischer Kolonialherren im Osten Chinas. Vor allem Briten errichteten hier hunderte von Villen, in die sie sich vor der Sommerhitze des Tieflandes zurückzogen. Peakes Vater arbeitete als Arzt und Missionar, seine Mutter als Krankenschwester. Als die Familie 1923 nach England zurückkehrte, hatten die Jahre in Guling und später in Peking den Zwölfjährigen bereits tief geprägt. Die strengen Rituale des chinesischen Alltags sollten auch das Leben der Bewohner Gormenghasts beherrschen: Das Schloss ist durchdrungen von Peakes Kindheitseindrücken. Die archaischen Statuen, die er als Junge auf der Straße nach Peking passierte, dienten ihm als Vorbilder für Gormenghasts Bildhauereien; chinesische Jadeschnitzer finden ihre Entsprechung in den armseligen Dorfbewohnern, deren Schnitzwerke um die Gunst der Herrscherfamilie konkurrieren. So wie Peake die Lehmhütten der Bergbewohner rund um Guling »wie Napfschnecken« an die Hänge seines Schlossberges versetzte, übernahm er auch die labyrinthische Architektur von Pekings Verbotener Stadt als imaginären Bauplan für das Setting seiner Romane - und potenzierte seine Dimensionen ins Maßlose. Gormenghast mag vordergründig den Anschein europäischer Historie erwecken, aber selbst sein verkrustetes Feudalsystem hat mehr mit den Gegebenheiten am chinesischen Kaiserhof gemein als mit dem britischen Königshaus. Daheim in England besuchte Mervyn Peake das Internat Eltham School, und die dortigen Zustände verarbeitete er mit satirischer Feder im zweiten Band seines Werks, in den Spielen von Titus' Mitschülern, und mehr noch im Gebaren der skurrilen Lehrerschaft. Nach zweijähriger Ausbildung an einer Kunsthochschule zog es den begabten Illustrator auf die Kanalinsel Sark. Obgleich er sich gelegentlich mit den eigenbrötlerischen Bewohnern anlegte, scheint er dort eine glückliche Zeit verbracht zu haben. Seine Vermieterin Miss Renouf liebte Federvieh und führte mit Vorliebe einen weißen Vogel auf ihrer Schulter spazieren; sie mag die Inspiration für manche Eigenheiten der zukünftigen Lady Groan geliefert haben. Peakes Ruf als Zeichner und Maler wuchs, er ging zurück aufs Festland, heiratete, zeugte mehrere Kinder. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er eingezogen, langweilte sich in verschiedenen Kasernen und Garnsionen und schrieb währenddessen am ersten Gormenghast -Roman. 1940 ließ er während eines Heimaturlaubs bei seiner Frau Maeve den Beginn jenes Manuskripts zurück, das bald zu Der junge Titus heranwachsen sollte; bald folgten weitere Kapitel. Maeve bewahrte die Teile des Romans unter ihrem Bett auf. Wenn sie für längere Zeit das Haus verließ, trug sie die Seiten bei sich - aus Angst, dass sie während eines Luftangriffs verloren gehen könnten. Peake hasste den Alltag in der Armee und verarbeitete seine Ablehnung im rigid geregelten Tagesablauf der Bewohner Gormenghasts. Nach zwei Jahren und einem Nervenzusammenbruch wurde er aus dem Dienst entlassen und kehrte zu seiner Familie zurück. Er vollendete den ersten Band im Garten-Cottage seines Elternhauses, wo er nun mit Maeve und den beiden Kindern lebte. Ausgerechnet Graham Greene war es, der dafür sorgte, dass Titus Groan veröffentlicht wurde. Es heißt, Peake sei ihm zufällig in einem Londoner Café begegnet und habe ihm dort zum ersten Mal von Gormenghast erzählt. Greene, damals bereits ein erfolgreicher Schriftsteller, las das Manuskript - und sein erstes Urteil war niederschmetternd. »Sehr enttäuscht« sei er, schrieb er Peake in einem Brief. Er habe ihm »gelegentlich den Hals umdrehen wollen«, weil er »ein erstklassiges Buch durch Nachlässigkeit verdorben« habe. Zuletzt bot er ihm an, das Ganze bei einem Whiskey in einer Bar zu besprechen. Das muss geholfen haben, denn nach gründlicher Überarbeitung wurde das Buch 1946 vom Verlag Eyre & Spottiswoode publiziert. Im selben Jahr kehrte die Familie zurück auf die Insel Sark, wo der zweite Roman entstand. Nebenbei schuf Peake zahllose Zeichnungen seiner Figuren, weil er sich nicht damit zufrieden gab, die Welt von Gormenghast allein durch Worte zum Leben zu erwecken. Örtlichkeiten auf Sark flossen namentlich in die Geschichte ein, wurden zu Teilen des Schlosses und seiner Umgebung. Als er zehn Jahre später am dritten Buch saß und mit Frau und Kindern längst wieder auf dem Festland lebte, zog es ihn noch einmal in die Abgeschiedenheit der Insel; diesmal fuhr er allein, um dort in Ruhe den Roman zu vollenden. Mervyn Peake ist niemals zu Reichtum gekommen, auch nicht zu seinen erfolgreichsten Zeiten als Illustrator. Die Gormenghast -Romane wurden von der Kritik überwiegend wohlwollend aufgenommen, waren aber alles andere als Bestseller. Peake begann, Theaterstücke zu schreiben, in der Hoffnung, damit mehr Geld zu verdienen. Doch als sein Drama The Wit to Woo 1957 in London uraufgeführt wurde, entpuppte es sich als katastrophaler Misserfolg - ganze siebzehn Pfund habe es eingespielt, wird behauptet, bevor es überstürzt wieder abgesetzt wurde. Am selben Tag erkrankte Peake und erholte sich nie wieder. Offenbar war es eine Kombination verschiedener Krankheiten, die im Laufe der kommenden Jahre sein Gehirn angriff, darunter Symptome von Parkinson und Enzephalitis. Er lebte noch ein ganzes Jahrzehnt, verlor aber die Fähigkeit zu zeichnen, und ein vierter Gormenghast -Roman - eine von mehreren geplanten Fortsetzungen - blieb Fragment. Mervyn Peake starb 1968 im Alter von 57 Jahren, körperlich und geistig ein alter Mann, der den späten Erfolg seiner Bücher nicht mehr miterlebt hat. Wie schon im Fall von Tolkiens Herr der Ringe war es die Jugend zur Zeit der Studentenrevolten, die Gormenghast wiederentdeckte und zu anhaltender Popularität verhalf. Titus und Steerpike haben nie die Berühmtheit von Frodo und Sauron erreicht, aber Peakes Protagonisten besitzen etwas, das Tolkiens Helden vollkommen abgeht: unbändigen Drang zur Rebellion. Sie stellen sich gegen die eingerostete Obrigkeit und ihre Traditionen, persönliche Freiheit wird ihnen zum höchsten Gut. Dass sie dies zu Feinden macht statt zu Verbündeten, ist die große Tragik ihrer Geschichte. Peake führt beide nicht als Sympathieträger im modernen Sinne, und es ist entlarvend, dass einem ausgerechnet Steerpike in all seiner Verschlagenheit ans Herz wächst: Er ist radikal und gnadenlos, zugleich aber wendet er das verhasste System geschickt gegen sich selbst. Und Steerpike ist es auch, durch dessen Augen wir Gormenghast erstmals kennenlernen - am eindrucksvollsten während seiner Kletterpartie über die Dachlandschaft des Schlosses, als er die verrottenden Strukturen aus der Vogelperspektive betrachtet. Es ist der Blickwinkel des ewigen Rebellen, den Peake hier einnimmt, die Sicht von einem, der glaubt zu durchschauen, was falsch läuft in seiner Gesellschaft. Steerpike und Titus sind Gormenghasts ganz eigene Jugendbewegung, und wir teilen ihre Enttäuschung und ihre Wut, so als wären wir es, die den maroden Mikrokosmos einer ganzen Welt zu unseren Füßen sehen. Kai Meyer, Mai 2010

Produktinformationen

Titel: Gormenghast / Der junge Titus
Untertitel: Neuausgabe
Übersetzer: Annette Charpentier
Autor: Mervyn Peake
Vorwort von: Kai Meyer
EAN: 9783608939217
ISBN: 978-3-608-93921-7
Format: Fester Einband
Herausgeber: Hobbit-Presse
Genre: Science Fiction & Fantasy
Anzahl Seiten: 616
Gewicht: 730g
Größe: H214mm x B139mm x T46mm
Jahr: 2010
Auflage: Neu durchges. Neuaufl.
Land: DE

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