

Beschreibung
Dieses Buch spielt in den Schuljahren einer Schule jedoch, die ein Leben lang dauert und erzählt von zoologischen, musikalischen und filmischen Versuchen, von imaginären Häusern, lunaren Schnurrbärten und rollenden Pflanzen, von Sprüngen ins Wasser, sprachlich...Dieses Buch spielt in den Schuljahren einer Schule jedoch, die ein Leben lang dauert und erzählt von zoologischen, musikalischen und filmischen Versuchen, von imaginären Häusern, lunaren Schnurrbärten und rollenden Pflanzen, von Sprüngen ins Wasser, sprachlichem Erfindungsreichtum und anderen Widerstandshandlungen, vom Regen und seinem »Gegenlied«, dem Feuer. Alltagsabenteuer verwandeln sich in Reflexionen und mentale Abschweifungen in kleine Abenteuergeschichten. »Matteo Terzaghi gehört gegenwärtig zu den besten Schriftstellern italienischer Sprache. [] Man kann Die Erde und ihr Trabant, wie das Buch an mehreren Stellen fast selbst suggeriert, als eine Art Fortsetzung von Fritz Kochers Aufsätze betrachten kleine Schulaufsätze in der Tradition Robert Walsers, in denen auf vordergründig schlichte, tatsächlich aber äusserst tiefsinnige Weise von allem Leben erzählt wird.« Francesco M. Cataluccio, »La domenica dei libri«, Radio popolare, Mailand »Ein sehr persönlicher Nicht-Bestseller auf meiner sehr persönlichen Bestenliste ist Matteo Terzaghis Sammlung von Kürzesterzählungen Die Erde und ihr Trabant. Vergnügliche, abschweifende, lunare, ironische Texte auf den Spuren des grossen Schweizer Schriftstellers Robert Walser.« Paolo Di Stefano, Corriere della Sera, Mailand
Autorentext
Matteo Terzaghi, geboren 1970, studierte in Genf Philosophie und lebt in Bellinzona. Er hat zusammen mit dem Grafiker Marco Zürcher mehrere Künstlerbücher publiziert. Im verlag die brotsuppe erschien 2015 Amt für Lichtbildprojektion (Originaltitel: Ufficio proiezioni luminose), mit dem er 2014 den Schweizer Literaturpreis gewann.
Leseprobe
Regen Bei Regen fliegen die Vögel nicht, sie wissen, wo sie Unterschlupf finden, wie Mücken und sonstige Fluginsekten. Der Regen zieht Staubpartikel zu Boden und die Luft wird transparenter. Am Regen gefällt mir, dass er so irdisch ist! Auf dem Mond sengt die Sonne, fällt aber kein Regen, ebensowenig wie auf den anderen Planeten unseres Sonnensystems und anderen bekannten Planeten. Würde ein Marsmensch über einen Regenschirm stolpern, er wäre kaum in der Lage, dessen eigentliche Funktion zu erraten, und würde ihn wohl eher für ein Musikinstrument oder eine zusammenklappbare Skulptur halten. Giacometti kommt mir in den Sinn, wie er, den Kopf tief eingezogen, den Regenmantel wie ein Zelt über dem Kopf, in Paris eine regenglänzende Strasse überquert. Das berühmte Foto von Cartier-Bresson. Was hat Giacometti mit Ausserirdischen zu tun? Ein bisschen was durchaus, schon nur wegen seines Blickpunkts: Der Erde und ihren Bewohnern so nahe und gleichzeitig so astronomisch weit von ihnen entfernt. Und Regenschirme waren ihm fremd, oder er hatte zumindest vergessen, einen mitzunehmen. Die Naturwissenschaft lehrt, dass sich alles Leben auf die untersten zehn bis maximal zwanzig Kilometer der Erdatmosphäre konzentriert, wo auch der Regen und die übrigen meteorologischen Phänomene entstehen. Wasserdampf, Sauerstoff, Stickstoff, Kohlendioxid: Eingetaucht in dieses Gasgemisch, schalten wir unseren alten Empfänger ein, auch bekannt unter dem heute noch magisch klingenden Begriff »Transistorradio«, und lauschen dem Wetterbericht. Regen, Regen, immer nur Regen. Schön, selbst wenn wir gerade nicht mehr wissen, wer wir sind und wo wir uns befinden, selbst wenn wir uns, was passieren kann, ganz und gar verloren fühlen wir sind auf dem richtigen Planeten, und das ist schon einmal beruhigend. Regen, Regen, immer nur Regen. Der chinesische Dichter Tao Qian, der im vierten und fünften Jahrhundert n. Chr. lebte, schrieb ein Gedicht mit dem Titel Überschwemmung: Mitten auf einer komplett überfluteten Ebene steht ein Haus, und an einem Fenster dieses Hauses steht er selbst, schaut hinaus und sieht weit und breit kein Boot. Um hingegen die sommerlichen Platzregen zu beschreiben, die einen im Gebirge überraschen können, hat ein hiesiger Lyriker einen wunderbaren Ausdruck geprägt: »ein Regenschauer, von Sonne ganz durchlöchert«. Mit dem Gegenteil, »Sonnenschein, von Regen ganz durchlöchert«, hätte er etwas Vernünftigeres gesagt, aber das besondere Licht jener sommerlichen, fast wolkenfreien Regengüsse hätte er damit nicht eingefangen. Regen, Regen, holder Regen. Der Herbst weicht dem Winter und das Radio kündigt »anhaltende Niederschläge« an. Spürst du die Feuchtigkeit, die durch die Wände dringt? Ein Feuer können wir nicht entfachen im Haus, aber immerhin eine Kerze. Eine Flamme, egal wie klein, stimmt stets ein Gegenlied zum Regen an. Während ich diese Zeilen schreibe, regnet es draussen. Das ist nicht verwunderlich. Gerade an Regentagen kommen Lehrer mit ihrem Hang zu Tautologien auf das Thema Regen, und ich war heute mein eigener Lehrer, in der kleinstmöglichen Klasse: einer Einschülerklasse. Der Mond gehört uns »China auf dem Mond gelandet.« Die Schlagzeile in der Zeitung vom 15. Dezember 2013 wundert mich. Wie bitte? Ich hatte doch gedacht, der Mond interessiere niemanden mehr, nicht die Maler und Dichter und schon gar nicht die Wissenschaftler und Ingenieure. Die Nachricht kommt mir vor wie aus einer anderen Zeit, aus den Jahren, als technologische Fantasien fast immer etwas mit der NASA und der Eroberung des Weltraums zu tun hatten und nicht wie heute mit der Eroberung des Nervensystems mittels Gehirnchips und ähnlicher Implantate. Ich suche mein Exemplar von Der Mond gehört uns hervor, und zum ersten Mal kommt mir der Verdacht, das »uns« könnte sich, sozusagen präventiv, an die Chinesen richten: Er gehört uns, habt ihr verstanden? Uns, uns, uns. Als dieser Bildband im Sommer 1969 bei Zeitungsverkäufern auf dem Ladentisch prangte, bestand mein persönliches Universum noch aus einer Fruchtblase, und mehr strebte ich wohl auch gar nicht an, aus diesem Grund vielleicht bewahre ich das Buch noch heute auf wie ein Familienandenken, wie etwas, das zu meiner persönlichen Geschichte gehört: Während der Mensch auf dem Mond landete, bereitete ich mich wie Millionen von Altersgenossen ahnungslos darauf vor, auf der Erde zu landen. Der Mond gehört uns ist ein unlesbares Buch, hält aber, von der richtigen Seite angepackt, zahllose Überraschungen, Einsichten und Denkanstösse bereit. Die Bildunterschrift zu S. 114 lautet zum Beispiel: »Das grosse Abenteuer ist zu Ende: Für die Helden des Weltraums ist der Moment gekommen, Spannung abzubauen. Auf dem Rückflug zur Erde rasiert Collins sich den Bart ab. Er lässt aber einen Schnurrbart stehen: den ersten lunaren Schnurrbart der Geschichte.« Von jetzt an werden wir sagen, jemand trage einen »Pariser« Schnurrbart, wenn er ohne Schnurrbart nach Paris fährt und mit einem zurückkehrt. Oder ging es den Redakteuren von Der Mond gehört uns vielleicht um den Einfluss des Erdtrabanten auf das Haarwachstum? Man hatte ja tatsächlich mit allem rechnen müssen, und 1969 wäre es für die US-Regierung ziemlich peinlich gewesen, drei Marines auf den Mond zu schicken und acht Tage später drei Langhaarige mit Bart zurückzubekommen. Wie auch immer, der lunare Schnurrbart ist nur die erste einer ganzen Reihe von Segnungen, in deren Genuss die Menschheit dank der Mission Apollo 11 kommt. Andere Beispiele: »Die Art und Weise, wie sich die Astronauten im Weltraum die Zähne putzen, setzt auf der Erde eine Revolution in Gang. Die Ära der Zahnbürste nähert sich ihrem Ende. Inspiriert von der Raumfahrt, wird derzeit in Chemielabors eine Zahnpaste entwickelt, die wie ein Bonbon gekaut und danach geschluckt wird.« Oder: »Aus Raketentreibstoff wurde eine Substanz isoliert, die mehrere Geisteskrankheiten zu heilen vermag«, was in einen Zusammenhang mit einer weiter unten zu lesenden Behauptung gestellt werden muss: »Die Entdeckung des Mondes ist nichts anderes als eine regelrechte Explosion des menschlichen Geistes«, und das, obwohl die Wissenschaftler beim Anblick des »Schatzes«, den die Astronauten nach Hause brachten, zunächst verdutzt kommentiert hatten: »Das sieht ja aus wie ein gewöhnliches, graues Pulver«. So zu lesen in der Bilduntersc…