

Beschreibung
Der Straßburger Jurist Eugen Wilhelm (1866 - 1951) war ein wichtiger Protagonist der ersten deutschen Homosexuellenbewegung, an deren Bestrebungen er sich - oft unter dem Pseudonym Numa Praetorius - beteiligte. Sein Tagebuch gewährt einen umfassenden Einblick ...Der Straßburger Jurist Eugen Wilhelm (1866 - 1951) war ein wichtiger Protagonist der ersten deutschen Homosexuellenbewegung, an deren Bestrebungen er sich - oft unter dem Pseudonym Numa Praetorius - beteiligte. Sein Tagebuch gewährt einen umfassenden Einblick in die Selbstwahrnehmung und subkulturelle Lebenswelt eines gleichgeschlechtlich begehrenden Mannes und frankophilen Elsässers im deutschen Kaiserreich um 1900. Anhand des hier erstmals ausgewerteten Selbstzeugnisses legt die Studie die erste systematische Untersuchung von Wilhelms Leben und Wirken vor.
Autorentext
Kevin Dubout ist freier Historiker und Mitarbeiter an der Forschungsstelle zur Geschichte der Sexualwissenschaft der Magnus-Hirschfeld- Gesellschaft e. V. (Berlin).
Leseprobe
Einleitung 1. Erkenntnisinteresse, Fragestellung und Ziele "Am Abend geht es mir schlecht. Selbst auf die Homosexualität habe ich keine Lust mehr. Auch das ist vorbei". Mit dieser lakonischen Feststellung von Lustlosigkeit und Lebensüberdruss brach der deutsch-französische Jurist und Sexualwissenschaftler Eugen Wilhelm aus Straßburg (1866-1951) im März 1951 seine Tagebuchführung ab. Er setzte damit einer lebenslangen Schreibpraxis, die 1885 begonnen und auf etwa 8.000 handschriftlichen Seiten beinahe ununterbrochen 66 Jahre lang bis kurz vor seinem Tod fortgeführt wurde, ein Ende. Ein letztes Mal brachte Wilhelm in diesem mit zitternder Hand verfassten Eintrag den engen Zusammenhang zwischen Homosexualität als sinnstiftende Kategorie der Selbstdefinition und der Praxis des diaristischen Schreibens zum Ausdruck. Beide bedingten und unterstützten sich gegenseitig: Als sogar die Homosexualität nicht mehr imstande war, die Selbstdefinition mitzutragen und das eigene Leben berichtenswert zu machen, hörte der Schreibprozess auf, verstummte der Diarist endgültig. Dies verdeutlicht die biographische Gestaltungskraft sowohl der Tagebuchführung als auch des Konzepts der Homosexualität bei Wilhelm. Schon allein aufgrund seines gewaltigen Umfangs und des in politischer sowie sozial- und kulturhistorischer Hinsicht äußerst bewegten Zeitraums seiner Verfassung stellt Eugen Wilhelms Tagebuch, das 2009 von dem französischen Soziologen Régis Schlagdenhauffen in Zusammenarbeit mit der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft (Berlin) entdeckt wurde, ein für historische Untersuchungen äußerst ergiebiges Zeitdokument dar. Dass ein derart umfassendes, kontinuierlich geführtes Tagebuch überliefert ist, darf als Glücksfall gelten. Denn während der nationalsozialistischen Besatzung des Elsass wurde Wilhelm am 17. Oktober 1940 als Homosexueller verhaftet und elf Tage später im elsässischen Sicherungslager Schirmeck-Vorbrück interniert. Am 30. Oktober 1940 wurde er aus gesundheitlichen Gründen entlassen und überlebte schließlich die Besatzungszeit. Dabei wurde sein Tagebuch entgegen der üblichen Verfolgungspraxis, persönliche Aufzeichnungen Verhafteter für weitere Fahndungszwecke zu beschlagnahmen, nicht konfisziert. Das Selbstzeugnis überstand auch die Bombardements der Alliierten auf Straßburg in der späteren Phase des Zweiten Weltkriegs. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass der Verfasser selbst sein Tagebuch nicht vernichtete, wie es sonst nicht unüblich ist, sondern eine Überlieferung und spätere Erschließung offenbar nicht ablehnte, ja - allem Anschein nach erst ermöglichte. Dies deutet bereits auf eine der möglichen Schreibabsichten des Diaristen hin: Mit seinen Tagebuchaufzeichnungen schrieb Wilhelm nicht nur für sich selbst, sondern legte einer wie auch immer gearteten Nachwelt eine umfangreiche Selbstdarstellung vor. Entgegen der beim Lesen von Tagebüchern leicht zu erliegenden Illusion der Transparenz und Unmittelbarkeit erscheint deshalb eine besondere methodische Vorsicht bei der Tagebuchauswertung angeraten. Zwar in sehr unterschiedlichen Zeitabständen und mit unterschiedlicher Ausführlichkeit, dennoch sein Leben lang hielt Wilhelm Eindrücke, Überlegungen, Erlebnisse akribisch fest, die im Zusammenhang mit sei-nem gleichgeschlechtlichen Begehren und Leben standen. Er berichtete über zahlreiche Reisen quer durch ganz Europa und darüber hinaus, über Freundschaften, sexuelle Kontakte, Liebesbeziehungen, Abenteuer und Subkulturen, reflektierte Fragen der Zugehörigkeit und der Identität, machte sein Tagebuch überhaupt zum Medium einer intensiven Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Wissen über Sexualität im Allgemeinen und über Homosexualität im Besonderen. Denn die Tagebuchführung verlief zeitlich parallel zu und in engem Dialog mit einer "diskursive[n] Explosion" um Sexualität, genauer gesagt einer "Politisierung und Medizinierung des Sexuellen" im 19. und frühen 20. Jahrhundert, an der die Sexualpathologie, die Sexualwissenschaft, sexualreformerisch orientierte Bewegungen, aber auch die Politik, die Justiz und eine breitere Öffentlichkeit beteiligt waren. Wilhelms diaristische Aufzeichnungen setzten 1885 ein - ein Jahr vor dem Erscheinen der Psychopathia sexualis des deutsch-österreichischen Psychiaters Richard von Krafft-Ebing (1840-1902), das sich zum einflussreichen Standardwerk der damaligen Sexualpathologie entwickelte und eine Schlüsselrolle in der Artikulierung einer modernen homo-sexuellen Identität spielte. Die Tagebuchführung setzte sich fort, als Homosexuellenorganisationen gegründet wurden, als sich eine sexualwissenschaftliche Disziplin allmählich etablierte, und als diverse Skandale und Affären, allen voran der Eulenburg-Skandal (1907-1909), zur Popularisierung sexualwissenschaftlichen Wissens und entsprechender Identitätskonzepte beitrugen. Mit dem vorliegenden Quellenbestand eröffnen sich deshalb vielversprechende Perspektiven für die Geschichte der Homosexualitäten, namentlich unter dem Gesichtspunkt einer Alltagsgeschichte und einer Geschichte der Selbstwahrnehmung gleichgeschlechtlich begehrender Männer. Das Tagebuch lässt sich weder in die Gattung der polizeilichen oder gerichtlichen "Verfolgungsdokumente" einordnen noch ist es auf eine unmittelbare oder mittelbare medizinische Veranlassung verfasst worden. Die Schreibsituation des Diaristen Wilhelm unterschied sich daher von der der Patient_innen, die Psychiatern ihre Lebensgeschichten zur Verfügung stellten, oder von derjenigen der festgenommenen Personen, die in Verhörsituationen biographische Bekenntnisse abfassten: Sie erfolgte ohne direkte Aufforderung von außen und ohne die Intention einer Verwertung in einem anderen Zusammenhang, etwa als Fallgeschichte oder Grundlage für ein Gutachten. Aufgrund dieser besonderen Schreibsituation kann am Beispiel Eugen Wilhelms rekonstruiert werden, wie sexuelle Identitätskonzepte im Wechselspiel von sexualwissenschaftlichen Diskursvorlagen, alltäglichen Interaktionen und eigensinniger Aneignung in einem Selbstzeugnis artikuliert wurden. Wilhelms Subjektivierungsprozess gestaltete sich äußerst vielschichtig und spannungsreich. Hierzu trugen die politischen, rechtlichen, soziokulturellen und nationalen Rahmenbedingungen im Elsass in dem hier untersuchten Zeitraum des Kaiserreichs erheblich bei. Nachdem das Elsass und Teile Lothringens 1871 an das gerade erst gegründete Deutsche Reich angegliedert worden waren, stellte die Grenzregion einen der "Krisenherde des Kaiserreichs", eine dauerhafte Streitfrage in den deutsch-französischen Beziehungen und ein während des Ersten Weltkriegs tatsächlich umkämpftes Gebiet dar. Um die Integration der Bevölkerung des Reichslands Elsass-Lothringen in das Deutsche Reich wurde stets gerungen, die nationale und politische Loyalität der Elsass-Lothringer jedoch oft infrage gestellt. Der Alltag im Reichsland zeichnete sich durch Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten aus - im Spannungsfeld von Annäherung und Misstrauen, Emigration nach Frankreich und Einwanderung aus Altdeutschland, gegenseitiger Abgrenzung und pragmatischem Miteinander altelsässischer und altdeutscher Bevölkerungsgruppen, Germanisierungspolitik und Bemühungen um verfassungsrechtliche Gleichs…
