

Beschreibung
Wir waren eine neue Generation. Unser Leben und unser Schreiben waren eins. Ich zumindest hoffte, mein ganzes Leben lang zu schreiben, wie ich lebe, und nicht zuzulassen, dass auch nur ein Gramm Pose und Unaufrichtigkeit in das von mir Geschriebene einfloss. T...Wir waren eine neue Generation. Unser Leben und unser Schreiben waren eins. Ich zumindest hoffte, mein ganzes Leben lang zu schreiben, wie ich lebe, und nicht zuzulassen, dass auch nur ein Gramm Pose und Unaufrichtigkeit in das von mir Geschriebene einfloss. Trank ich, so hatte ich vor, übers Trinken zu schreiben. Mit anderen Worten - über das Leben. Mein Leben, das einzige, das ich kannte! Das hielt ich für eine ehrliche Position
"Alkohol" ist sowohl eine autobiographische Schrift, als auch eine geradezu wissenschaftliche Studie über den Alkoholismus, nicht weniger aber ist das Buch eine surrealistische Reise durch unsere verworrene Epoche, die süchtig macht. Darin stecken sowohl Ekel und Begeisterung, als auch Wahnsinn und Schmerz, Tod und Auferstehung, Liebe und Hass. Und noch andere wichtige Dinge, die wir zu verschweigen neigen. Oder auch dazu, sie hinunterzuschlucken. Oft mit viel Alkohol. In einem Bulgarien nach dem Kommunismus und vor dem Beitritt zur EU untersucht "Alkohol" nüchtern und gründlich, mit viel Humor, fundamentale Fragen, erhält so universelle Bedeutung und Wichtigkeit, und macht neugierig auf mehr von Kalin Terzijski!
Autorentext
Kalin Terzijski, geboren 1970 in Sofia, studierte Medizin und arbeitete als Psychiater. Seit dem Jahr 2000 widmet er sich ganz dem Schreiben. Alkohol, verfasst mit Dejana Dragoeva, war 2010 das meistver- kaufte belletristische Werk in Bulgarien. Der Autor stand viermal auf der Shortlist für den Helikon-Preis und wurde 2011 für seine Erzählungen Gibt es jemanden, der dich liebt? mit dem Europäischen Literaturpreis geehrt. Wahnsinn ist sein zweiter Roman, erschienen 2011.
Leseprobe
Prolog Glaubst du, der Roman wäre besser geworden, wenn du ihn alleine geschrieben hättest?, fragte ich Kajo. Ich hätte ihn niemals geschrieben..., antwortete er. Vielleicht stimmt das nicht ganz, vielleicht hätte Kajo auch ohne mich ein Buch geschrieben (und warum auch nicht, während wir am Roman arbeiteten, hat er zwei Gedichtbände veröffentlicht), man hätte es aber wohl kaum als Roman bezeichnet. Wo- möglich wären es eher Gedanken und Einsichten oder etwas Ähnliches geworden. Nachdem er mir in einem Skype-Gespräch die Geschichte mit Marta und Marto, die mit Alkohol beginnt und ohne Alko- hol endet, in groben Zügen erzählt hatte (Geschichten mit einem Thema bringen ihn, ich weiß nicht, warum, derart in Rage, und er hat unablässig wiederholt, dass ein Buch nichts tauge, wenn es erzählt werden könne), war mir sogleich klar, dass das mehr werden würde als eine Geschichte darüber, wie man dasTrinken aufgibt. Da steckte viel mehr drin da waren solide gestapelte Schichten, die sorgfältig durchpflügt werden mussten, damit das literarische Gras keimte, wenn eine LPG-Metapher erlaubt ist. Du warst der fruchtbare Boden, in dem dieses Gras keimte. Jetzt sei bitte nicht böse, dass es nicht genau so aussieht, wie du es erwartet hast. Immerhin ist das mein Gras!, sagte Kajo. Mit diesen Worten Kajos haben wir unseren Roman von uns selbst befreit, von den Vorstellungen, die wir von ihm hatten, von unseren Meinungen, von unseren Launen, die täglich wech- selten und unter deren Einfluss wir immer wieder etwas fanden, was es noch genauer zu erfassen galt. Gibt es überhaupt ein per- fektes Buch? Wie soll das denn gehen, insbesondere wenn dieses ein überaus unvollkommenes Leben beschreiben soll und einen äußerst deformierten, lebenden Helden, der ständig von einem Extrem ins andere kippt, und zwar in einem solchen Maße, dass er, von unserer Schreibarbeit begeistert, aufjuchzt, wie genial wir seien, um wenige Stunden darauf achtzig Prozent des Geschrie- benen zu vernichten und schließlich aus den Resten die eine oder andere Kurzgeschichte zu veröffentlichen. Als wir mit der Arbeit am Buch begonnen haben, kannten wir uns erst seit Kurzem, seit wenigen Monaten. Wie wir aufeinan- dertrafen, war recht eigenartig nämlich beim einzigen Wettbe- werb, an dem Kajo je teilnahm, und zwar obwohl er glaubte, kein Kandidat für Wettbewerbe mehr zu sein, sondern ein Mensch, dem die Arbeit gebührt, weil er ein professioneller Drehbuch- autor ist, ein ausgewiesener noch dazu, der es nicht nötig hat, in welche Konkurrenz auch immer zu treten. Und ausgerechnet dieser Mensch, der jede Art von Wettbewerb von Grund auf hasste, landete am selben Ort wie ich. Schicksal. Zwar trennten sich unsere Wege auf diesem Gleis bald, doch im Laufe unserer unendlich langen Gespräche kamen wir uns immer näher. Wir trafen uns oft und tranken immer das Gleiche ich Kaf- fee und Cola, er Milch und Mineralwasser. Ich nahm unsere Ge- spräche mit einem Diktiergerät auf, um nicht nur den Sachver- halt, sondern auch die Phraseologie seiner Erzählung abbilden zu können (später, als Kajo einige der übertragenen Gespräche las, war er über die Unförmigkeit seiner Gedanken entsetzt, hätte er aber nicht gelesen, was er dachte, so hätte er womöglich nie das geschrieben, was er später schrieb!). Unsere Gespräche ähnelten einem Monolog nämlich dem Monolog eines tauben Menschen, der nicht aufhörte zu sprechen, bis ihm die Energie ausging, das Telefon klingelte oder ein anderes Ereignis ihn in den Terminplan seiner sonsti- gen Pflichten zurückholte. Oft ließ er nicht einmal zu, dass ich ihn unterbrach. So gingen aus verbalen Überschwemmungen Episoden hervor als müsste erst der trübe Bodensatz abge- pumpt werden, bevor das Trinkwasser floss. Diese Gespräche wirkten sonderbar auf mich sie schläferten mich ein, dämpf- ten meine Wachsamkeit, vernebelten mein Urteil und brachten mein Reaktionsvermögen direkt zum Stillstand. Erst als ich sie zu Hause abhörte, begriff ich, dass ich die Fragen, die mir unter den Nägeln brannten, nicht gestellt hatte, sodass sich in die- ser breiigen Redemasse ein Rückgrat hätte bilden können. Ich musste mich aber in dieser Situation erst einmal zurechtfinden. Das Problem bestand darin, dass wir beide im Dunkeln tappten. Denn ich hatte keine Ahnung weder wusste ich von Kajos Trunksucht, noch kannte ich ihn als Abstinenzler. Ich war für ihn das vorurteilsfreie weiße Blatt, von dem er klar ablesen konnte, was er schrieb, und zwar in jedem Augenblick. Es stellte sich heraus, dass, während in seinem bis vor Kurzem in Alko- hol eingelegten Gehirn Brocken von Erinnerungen, Spuren von Ergriffenheit und von Niederlagen herumtrieben, trübe Wellen faszinierende Dinge ans Ufer schwemmten meiner Meinung nach kostbare Perlen, seiner Meinung nach verweste Leichen. Die Dokumentalistik indes lief auf bruchstückhafte Publika- tionen im Internet hinaus. Nachdem genug Zeit mit Gesprächen vergangen war und ich Kajo in all seinen Posen erlebt hatte als Psychiater, als pro- fessionellen Sketch-Autor, als verträumten Dichter, als altern- den Rebellen, als ergebenen Konformisten , begriff ich, dass wir immer näher an das herankamen, was wir erreichen wollten. Beide wollten wir, dass die Geschichte, die wir erzählten, aufrichtig und ehrlich ist, also mussten wir alle Posen wie ein Ritual außerhalb des Schreibens durchleben, damit endlich das reine und echte Schreiben übrig blieb. Deshalb hielt ich die Wort- kaskaden geradezu masochistisch aus, denn darauf folgte je- weils ein schönes Kapitel des Romans. Was suchte er aber eigentlich in diesem Roman? Auch euch wird das sicherlich klar werden, wenn ihr den Roman lest. Was aber hatte ich in seiner Geschichte zu suchen? Da die Ruhm- sucht einen manchmal des Gedächtnisses beraubt, muss ich es, so wie ihm, vielleicht auch jedem anderen erklären, der fragt: Wer ist das denn? Meine unsichtbare Rolle bestand darin, die Linien vor- zuzeichnen, auf welchen alle Seiten geschrieben wurden. Die Seiten so zusammenzufügen, dass aus einem verstreuten Puzzle unzusammenhängender Gedanken eine Geschichte sowohl mit einer Story als auch mit einem Plot entstand. Eine Weile mit Kajo zu leben, um zu begreifen, dass das, was er sieht, so gar nicht das ist, was ich sehe, und dass das Problem gar nicht in der Dioptrie meiner Brille liegt. Wobei mein Bl…
