Willkommen, schön sind Sie da!
Logo Ex Libris

Risse in der Großen Mauer

  • Kartonierter Einband
  • 240 Seiten
(0) Erste Bewertung abgeben
Bewertungen
(0)
(0)
(0)
(0)
(0)
Alle Bewertungen ansehen
(7) LovelyBooks.de Bewertung
LovelyBooks.de Bewertung
(1)
(5)
(1)
(0)
(0)
powered by 
Leseprobe
Mit welchen Schwierigkeiten kämpft ein katholischer Priester unter dem Kommunismus? Was erlebt ein Mädchen vom Lande als Wanderarb... Weiterlesen
20%
15.50 CHF 12.40
Sie sparen CHF 3.10
Auslieferung erfolgt in der Regel innert 2 bis 4 Werktagen.
Bestellung & Lieferung in eine Filiale möglich

Beschreibung

Mit welchen Schwierigkeiten kämpft ein katholischer Priester unter dem Kommunismus? Was erlebt ein Mädchen vom Lande als Wanderarbeiterin in der Großstadt? Wie sieht eine chinesische Prostituierte ihre Kunden und die Welt? Jan-Philipp Sendker hat im Land der Mitte hunderte von unerlaubten Interviews geführt und schildert eindringlich eine sich rasant wandelnde Gesellschaft, in der Widersprüche das einzig Konstante sind.




»Dieses Buch kann ich sehr empfehlen.«

Autorentext
Jan-Philipp Sendker, geboren in Hamburg, war viele Jahre Amerika- und Asienkorrespondent des Stern. Nach einem weiteren Amerika-Aufenthalt kehrte er nach Deutschland zurück. Er lebt mit seiner Familie in Potsdam. Bei Blessing erschien 2000 seine eindringliche Porträtsammlung Risse in der Großen Mauer. Nach dem Roman-Bestseller Das Herzenhören (2002) folgten Das Flüstern der Schatten (2007), Drachenspiele (2009), Herzenstimmen (2012), Am anderen Ende der Nacht (2016), Das Geheimnis des alten Mönches (2017) und Das Gedächtnis des Herzens (2019). Seine Romane sind in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Mit weltweit über 3 Millionen verkauften Büchern ist er einer der aktuell erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren.

Leseprobe
Vorwort zur Neuausgabe
Gut sieben Jahre sind seit dem Abschluss meiner Recherchen und der ersten Ausgabe der »Risse in der Großen Mauer« vergangen. Sieben Jahre, in denen ich das Land weiter bereist habe und bei jedem Besuch aufs Neue erleben durfte, wie schnell und dramatisch es sich verändert. Die Wirtschaft wächst jährlich um rund zehn Prozent, als gäbe es keine Grenzen des Wachstums. China ist, hinter Amerika und Deutschland, zur größten Handelsnation der Welt aufgestiegen. Im August 2008 finden in Peking die Olympischen Sommerspiele statt, das Land öffnet sich, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich, die Risse in der Großen Mauer nehmen mit jedem Jahr zu. Umso erstaunter stellte ich bei der erneuten Lektüre meines Buches fest, wie wenig es von seiner Aktualität eingebüßt hat, abgesehen natürlich von den Wirtschaftsdaten. Zahlen und Statistiken müssen im rasant wachsenden China so schnell nach oben revidiert werden, dass selbst die Artikel in den Wirtschaftsteilen der Tageszeitungen bereits kurz nach ihrem Erscheinen schon wieder veraltet sind.
Aber das Thema dieses Buches ist nicht die wirtschaftliche Analyse, es ist das Leben hinter den glitzernden Fassaden der imposanten Neubauten, es sind die Veränderungen, die in Zahlen nicht messbar sind, die Schwierigkeiten, mit denen das Reich der Mitte und seine Bewohner bei ihrem Aufstieg zur Großmacht kämpfen müssen. Diese Probleme haben sich in den vergangenen Jahren nicht grundsätzlich verändert, sondern nur verschärft. Trotz des beeindruckenden Wirtschaftswachstums bleibt China auch heute ein Land, das von außen stärker und gefestigter wirkt als von innen, eine Gesellschaft, in der Widersprüche das einzig Konstante sind. Davon erzählen die exemplarischen Lebensläufe in diesem Buch und sie haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren.
Die in mehreren Kapiteln beschriebene Kluft zwischen Arm und Reich ist in den vergangenen Jahren nicht geschrumpft, sondern eher erheblich größer geworden. Der Aufbau eines unabhängigen Rechtswesens gestaltet sich auch heute noch, trotz aller Fortschritte, so schwierig und widersprüchlich, wie es der Rechtsanwalt Wu Ming im ersten Kapitel erlebt. Die Bedeutung der Religion hat weiter zugenommen, aus denselben Gründen, die uns der katholische Priester Gregorie im vierten Abschnitt erklärt. Die Zerstörung der Umwelt ist inzwischen eines der größten Probleme des Landes; vom Beginn des mühsamen Kampfes gegen die Verschmutzung berichtet der Umweltschützer Yang Xin im neunten Kapitel.
China ist nach wie vor eine Nation auf der Suche nach ihrer Seele, nach ihrer Identität und ihrem Platz in der Welt. Das Reich der Mitte ist nicht länger das Zentrum des Universums, aber was ist es dann? Welche Gewissheiten, welche Werte und Normen haben ihre Gültigkeit behalten und welche nicht? Was tritt an ihre Stelle? Was für eine Art von Gesellschaft soll entstehen, nachdem das sozialistische Modell gescheitert ist?
Die zwölf Menschen, die ich in diesem Buch porträtiere, haben uns mitgenommen auf ihrer Suche nach Antworten auf diese Fragen und ich hoffe, dass die Schilderungen ihrer Biografien ein wenig zum Verständnis des historischen Wandels beitragen, der sich vor unseren Augen in China vollzieht.
Berlin, im Januar 2007

Es gibt für einen Journalisten kaum ein faszinierenderes Land als China. Es ist fremd und exotisch und ein Fest für die Sinne. Es steckt voller Geheimnisse, voller unbekannter Geschichten und Menschen, die nach jahrzehntelangem Schweigen bereit sind, sie zu erzählen.
Es gibt für einen Journalisten kaum ein schwierigeres Land als China. Entdecken kann er es nur unter staatlicher Aufsicht und Kontrolle. Die chinesische Regierung sieht in jedem ausländischen Journalisten nach wie vor einen potentiellen Spion, der überwacht und kontrolliert werden muss. Wer nach China kommt, um eine Geschichte zu recherchieren, benötigt ein Journalistenvisum. Er muss seine Reise vorher anmelden, die Orte und Institutionen auflisten, die er besuchen möchte, etwaige Interviewpartner benennen und nach Möglichkeit die Fragen zuvor einreichen. Er bekommt von der Regierung einen Dolmetscher gestellt, der ihn auf der gesamten Reise begleitet und aufpasst, dass der Journalist keine eigenmächtigen Recherchen anstellt. In der Provinz sitzt dann bei Interviews oft auch noch der örtliche Parteisekretär mit am Tisch. Nicht gerade ideale Bedingungen, um von einem Menschen zu erfahren, was er wirklich denkt und fühlt. Wer herausfinden möchte, was hinter der regierungsamtlichen Version der Wahrheit steckt, bewegt sich in einer Grauzone. Er kann auf eigene Faust durchs Land fahren. Dabei kann er in der Regel keine Offiziellen interviewen, keine Staatsbetriebe, Krankenhäuser oder Behörden besuchen, da dort in den meisten Fällen nach der Genehmigung gefragt wird. Aber er kann Bauern auf ihren Feldern interviewen. Er kann mit Arbeitslosen auf der Straße reden, mit Privatunternehmern, Hausfrauen, Kellnerinnen oder Studenten. Mit jedem, der bereit ist, sich auf ein Gespräch einzulassen und auf das damit verbundene Risiko.
In den vier Jahren meiner Arbeit als Asienkorrespondent des Stern konnte ich in China fast ungehindert recherchieren. Selbst Bürgermeister, Parteisekretäre und Regierungsbeamte sprachen mit mir, natürlich nur privat bei einem Abendessen und unter der Bedingung, dass ich ihre Namen nicht nennen würde.
Das Reich der Mitte ist nicht mehr jener Polizeistaat, der er noch vor zehn, fünfzehn Jahren war. Ein Freund, der im Büro der Öffentlichen Sicherheit arbeitet, berichtete mir, dass er meinen Namen auf einer Liste gesehen habe; es ist sehr wahrscheinlich, dass die Behörden genau wissen, was Journalisten in ihrem Land treiben. Doch solange die Reporter nicht über politisch besonders sensible Themen schreiben dazu gehören politische Dissidenten und Menschenrechte, das Militär, illegale Organisationen oder Korruption auf höchster Ebene , lassen sie sie gewähren. Dennoch bleibt für beide Seiten ein Risiko. Es kommt immer wieder vor, dass die Regierung einen ausländischen Korrespondenten des Landes verweist; dabei ist unklar, nach welchen Kriterien die Ausweisung erfolgt, da fast alle Journalisten zumindest gelegentlich in der Grauzone arbeiten. Die größere Gefahr droht jedoch den chinesischen Gesprächspartnern. Im Winter 1998 wurde in der Provinz Hunan ein Mann zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, weil er in einem nicht genehmigten Interview mit dem von den USA finanzierten Rundfunksender Radio Freies Asien von Bauernprotesten berichtet hatte. Eine Ausnahme, aber kein Einzelfall.
Dieses Buch konnte nur entstehen, weil in den vergangenen Jahren viele Chinesen mutig genug waren, mir ihre Geschichten zu erzählen. Vor allem die hier porträtierten Menschen haben ein nur schwer kalkulierbares Risiko auf sich genommen. Sie waren zudem äußerst großzügig mit ihrer Zeit, haben über Monate hinweg mit unendlicher Geduld meine Fragen beantwortet. Oft saßen wir mit meiner Dolmetscherin Bessie Du stundenlang zusammen, zuweilen verbrachten wir ganze Tage miteinander. Ein Rechtsanwalt hatte die Courage, uns ganz offen über die Korruption hinter den Kulissen der chinesischen Justiz zu berichten; er machte durch seine Erzählungen deutlich, wie schwierig Chinas Weg in einen unabhängigen Rechtsstaat ist. Ein katholischer Priester lud uns ein, einige Tage in seiner Gemeinde zu verbringen und ignorierte die Tatsache, dass er jeden Kontakt zu einem Ausländer melden und sich genehmigen lassen müsste. Wir konnten mit der ersten professionellen Drag Queen in China durch Pekings langsam entstehende Schwulenszene ziehen, und eine Prostituierte beschrieb uns, wie der Handel mit der Ware Sex im Reich der Mitte funktioniert. Es gab viele Gespräche über heikle Themen, die nur dank guter Kontakte, langer Recherchen und viel Glück möglich waren. Vor ein, zwei Jahren hätte das noch nicht gereicht. Wir durften manche unserer Interviewpartner in ihren Büros besuchen, andere in ihren Unternehmen, fast alle luden uns zu sich nach Hause ein. Privatbesuche dieser Art waren vor wenigen Jahren noch gefährlich; Nachbarn hätten die Anwesenheit eines Ausländers dem Nachbarschaftskomittee gemeldet, und unsere Gastgeber hätten große Schwierigkeiten bekommen.
Die Öffnung und der Wandel Chinas sind das Thema des Buches. Oder genauer: die kritische Phase, in der diese Entwicklung sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts befindet. Zwanzig Jahre nach Beginn des Prozesses muss sich die Führung in Peking an Reformen versuchen, die Deng Xiaoping nicht wagte: die Privatisierung der über 300 000 maroden Staatsbetriebe, die Anerkennung der Privatwirtschaft, das Ende der sozialen Versorgung durch einen allgegenwärtigen Staat mit subventionierten Mieten, einer kostenlosen Krankenversicherung und Altersversorgung. Der Staat und die Partei ziehen sich aus dem Alltagsleben der Menschen in einem Maße zurück, wie es noch vor kurzem unvorstellbar war. Die 1,3 Milliarden Chinesen müssen lernen, alleine zu gehen. Wie sie die neu gewonnenen Freiräume nutzen, wie sie mit dieser Last und diesen Möglichkeiten umgehen danach bestimmt sich die Zukunft dieses Landes.
Ich bin seit 1995 auf mehr als drei Dutzend Reisen kreuz und quer durch das Riesenreich gefahren und habe mit hunderten von Menschen geredet, mir ihre Geschichten aufgeschrieben, ihre Sorgen und Ängste, ihre Sehnsüchte und Träume notiert, mir ihre Wut und ihre Enttäuschungen angehört. Ich habe in den Lehmhütten der Bauern in den nordwestlichen Provinzen gesessen und mir von ihrem Kampf gegen den Hunger und ihren Hoffnungen auf einen bescheidenen Wohlstand erzählen lassen. Es war bewegend, über die Arbeitsmärkte zu laufen, auf denen junge Männer und Frauen ihre Arbeit zu fast sklavenartigen Bedingungen anbieten. Es war beeindruckend und zuweilen amüsant, die Energie, die Kreativität und den Optimismus reicher Jungunternehmer zu beobachten. Und so habe ich nicht nur die verschiedenen Gesichter eines neuen China gesehen, sondern auch gelernt, dass uns mehr verbindet als trennt, dass hinter der offensichtlichen Exotik vertraute Gefühle, Ängste und Bedürfnisse stecken. Chinas Gespenster haben andere Gesichter und andere Namen. Unverständlich waren sie nur auf den ersten Blick.
Besonders deutlich wurde mir das nach einem Gespräch mit zwei jungen Autoren in Peking, die ein Pamphlet gegen den Westen, vor allem die USA, verfasst hatten. Ihr nationalistisch gefärbtes Buch Das China, das nein sagen kann hat in der internationalen Presse für erhebliche Aufregung gesorgt. Nachdem sie mir fast zwei Stunden lang wütende Tiraden gegen das imperialistische Amerika in den Notizblock diktiert hatten, sagten sie am Ende des Gesprächs mit entwaffnender Offenheit: »Natürlich ist der amerikanische Traum auch der chinesische Traum.« Es ist der Traum von einem freien, selbstbestimmten Leben. Ein Leben in Frieden, in dem jeder wenigstens die Chance bekommt, die Möglichkeiten, die das Leben bietet, zu nutzen. Diesen Traum teilen die Chinesen heute mit dem Rest der Welt, und sie haben sich aufgemacht, ihn zu verwirklichen.
Um ihren langen Marsch zu beschreiben, habe ich die Form des Porträts gewählt, weil es für mich keinen besseren Weg gibt, ein anderes Land, eine andere Kultur zu verstehen, als am Beispiel einzelner Menschen. Die hier porträtierten Personen kommen aus völlig unterschiedlichen Schichten und Teilen des Landes, und sie erzählen von ganz verschiedenen Aspekten des Wandels. In manchen Fällen habe ich Namen, Ortschaften oder biographische Details geändert, um meine Gesprächspartner zu schützen. Es sind mehr als ein Dutzend individueller Lebensgeschichten, aber in vielen Dingen ähneln sie zahlreichen anderen, die ich gehört habe. Sie beschreiben eine Nation auf der Suche nach ihrer Identität und ihrem Platz in der Welt. Eine Gesellschaft, in der Widersprüche das einzig Konstante sind und die von außen gesehen weit stärker und stabiler wirkt als von innen. Sie berichten von einem zerrissenen Land, das verzweifelt versucht, vom 19. wenn nicht gar 18. Jahrhundert direkt in das 21. zu springen. Das seine Bürger zwingt, in zwanzig, dreißig Jahren eine Entwicklung durchzumachen, für die der Westen sich zweihundert bis dreihundert Jahre Zeit genommen hat.
Was die zwölf Menschen, die ich beschreibe, vereint und gleichzeitig von vielen ihrer Landsleute unterscheidet, sind die Kraft und der Mut, mit dem sie sich den ständig neuen Herausforderungen stellen. Das Wort »Krise« setzt sich im Chinesischen aus zwei verschiedenen Lauten oder Silben zusammen. Der eine steht für Gefahr, der andere für Chance. Die Menschen in diesem Buch haben verstanden, manche intellektuell, andere instinktiv, dass es das eine nicht gibt ohne das andere. Sie begreifen den Umbruch vor allem als Chance.

»Was nützen neue Gesetze,
wenn das Denken das alte bleibt?«

Ein ungewöhnlich heißer und feuchter Spätsommertag in Shanghai. Die Digitaluhr auf dem Armaturenbrett zeigt 6:08, draußen haben wir bereits 30 Grad und eine fast tropische Luftfeuchtigkeit. Die Hitze liegt über der Stadt wie ein schweres, nasses Tuch. Wu Ming stellt die Klimaanlage seiner Limousine etwas kühler. Er sieht müde aus und wirkt angespannt. Die Augen etwas zusammengekniffen, sitzt er hinter dem Lenkrad und gähnt. Er schiebt eine CD in einen schmalen Schlitz: Mozart, Klaviersonaten. Selbst diese Musik kann ihn nicht wirklich beruhigen, er trommelt mit den Fingern auf dem Schaltknüppel. Wir stehen im Stau auf der neuen Stadtautobahn, die auf 15, zuweilen 20 Meter hohen Stelzen quer durch Shanghai führt. Von hier oben unterscheidet sich der 15-Millionen-Moloch kaum von den monotonen Stadtlandschaften anderer asiatischer Metropolen. Hochhaus neben Hochhaus, spiegelverglast, einander gleichend, als wären sie geklont. In der Ferne die Wolkenkratzer von Pudong.
Wu nimmt die nächste Ausfahrt und versucht es mit einem Schleichweg durch die Stadt. Direkt unter der Autobahn machen an die fünfzig ältere Frauen ihren Frühsport. Sie stehen in Reih und Glied, halten große rote Fächer in den Händen, die sie in rhythmischen, fast grazilen Bewegungen über ihren Köpfen schwenken. Aus einer Stereoanlage klingt etwas scheppernd klassische chinesische Musik. Daneben haben ein paar Frauen mobile Garküchen aufgestellt, ihre Kunden sitzen auf kleinen Hockern und schlürfen Nudelsuppe zum Frühstück. Einen Block weiter tanzen mehrere Dutzend Paare zwischen den mächtigen Betonpfeilern Wiener Walzer, so ernst, so konzentriert und elegant, als wären sie auf einem Opernball.
Wu sieht die Frühsportler nicht, er ist mit seinen Gedanken woanders. In einer Stunde beginnt sein Prozess. Am Nachmittag hat er eine wichtige Besprechung mit einem Mandanten, am Abend ein Essen mit einem hochrangigen lokalen Parteifunktionär, einem alten Schulfreund. Morgen muss er nach Peking, zwei Tage später nach Shenzhen. Wu Ming ist, was man im Westen einen Staranwalt nennt. Er jettet von Prozess zu Prozess kreuz und quer durch das Riesenland, er hat eine große Kanzlei, in der über dreißig Rechtsanwälte für ihn arbeiten, und dennoch muss er Klienten abweisen. Der Termin heute morgen ärgert ihn. Er mag weder den Fall noch den Mandanten. Ein Freund bat ihn um Hilfe, da konnte er nicht nein sagen.
Wir biegen in die Toreinfahrt eines alten Backsteingebäudes ein. Irgendjemand hat es geschafft, an der maroden Fassade das chinesische Emblem zu befestigen. Ein Polizist kontrolliert Wu Mings Akkreditierung als Rechtsanwalt. Das sechsstöckige ehemalige Bürohaus dient vorübergehend als Gericht, bis ein Neubau fertiggestellt ist. Wir müssen in den vierten Stock, der Fahrstuhl ist kaputt. Wu flucht nicht, das ist nicht seine Art. Er schaut den Gerichtsdiener nur schweigend an, ein Blick, der den jungen Mann in Uniform zweimal schlucken und sich dann verhaspeln lässt. Wir steigen das wuchtige Treppenhaus hinauf. Die Flure sind dunkel und schmal und so lang, dass wir ihr Ende in der Finsternis nicht ausmachen können. Unsere Schritte hallen in der Stille.
Im Gerichtssaal Sechs warten bereits Wu Mings Assistent, der Angeklagte, seine Rechtsanwältin und über ein Dutzend Besucher. Wu vertritt seinen Mandanten, der nicht persönlich kommen wollte. Der Raum ist keine 30 Quadratmeter groß. Von den Wänden schält sich die graue Farbe wie Haut nach einem Sonnenbrand. An der einen Seite hängen zwei große, handgeschriebene Poster. »Rauchen und Trinken verboten« warnt das eine, »Richtern ist es nicht erlaubt, Geschenke jedweder Art von den Prozessbeteiligten entgegenzunehmen« erinnert das andere. Zwei große Fenster stehen weit offen, die Klimaanlage funktioniert nicht. Es ist heiß und stickig. Wu und sein Assistent tragen dunkelblaue Anzüge, weiße Hemden und Krawatten. Auf Wus hoher Stirn stehen winzige Schweißperlen.
Der Angeklagte, ein großer, schlanker Mann Mitte vierzig, betrachtet Wu respektvoll, dann zunehmend nervöser, und seine Augen flackern dabei wie Kerzenlicht im Wind. Er weiß, mit wem er es zu tun hat.
Die drei Richter treten ein, alle Anwesenden stehen schweigend auf. In ihren blauen Uniformen sehen sie zunächst aus wie Polizisten, doch beim zweiten Blick erinnern sie mit ihren dreckigen Hemdkragen, schmuddeligen Jacketts, abgewetzten Manschetten und besudelten Hosen eher an Kellner eines ziemlich heruntergekommenen Gasthofes. »Das Gericht tagt. Setzen!«, kommandiert der Vorsitzende Richter. Die drei sitzen hinter einer Art Lehrerpult; der Raum ist so voll, dass die Stühle kaum einen Meter auseinanderstehen. Man hat eher den Eindruck einer Diskussionrunde als den einer Gerichtsverhandlung. Einer der Zuschauer in der ersten Reihe schlägt die Beine übereinander. »Setzen Sie sich gefälligst anständig hin!«, schnauzt einer der Richter ihn an. Der Vorsitzende klärt beide Parteien über ihre Rechte auf: das Recht, Fragen nicht zu beantworten, zusätzliche Beweise zu liefern, die Klage zurückzuziehen. Plötzlich klopft es an der Tür, und ein Gerichtsdiener unterbricht die Verhandlung. Die Polizei verlangt nach dem Vorsitzenden Richter. Der gehorcht, verschwindet entgegen den Vorschriften und kehrt erst nach einer halben Stunde zurück. Der Prozess geht weiter.


Produktinformationen

Titel: Risse in der Großen Mauer
Untertitel: Gesichter eines neuen China
Autor:
EAN: 9783453620162
ISBN: 978-3-453-62016-2
Format: Kartonierter Einband
Hersteller: Heyne
Herausgeber: Heyne Taschenb.
Genre: Politik, Gesellschaft & Wirtschaft
Anzahl Seiten: 240
Gewicht: 201g
Größe: H188mm x B119mm x T17mm
Jahr: 2007
Auflage: 5. Aufl.
Land: DE