

Beschreibung
Gert G. Wagner ist als Sozial- und Wirtschaftsforscher über disziplinäre Grenzen gegangen. Als engagierter Politikberater und innovativer Wissenschaftsmanager hat er immer wieder sozial- und wissenschaftspolitische Debatten angestoßen und begleitet. Kollegen u...Gert G. Wagner ist als Sozial- und Wirtschaftsforscher über disziplinäre Grenzen gegangen. Als engagierter Politikberater und innovativer Wissenschaftsmanager hat er immer wieder sozial- und wissenschaftspolitische Debatten angestoßen und begleitet. Kollegen und Weggefährten liefern mit ihren Beiträgen zu diesem Band eine Bestandsaufnahme der empirisch- quantitativen Forschung, die Gert G. Wagner seit Anfang der 1980er-Jahre wesentlich geprägt hat.
Autorentext
Marcel Erlinghagen ist Professor für Soziologie an der Universität Duisburg-Essen und Research Fellow am DIW Berlin. Karsten Hank ist Professor für Soziologie an der Universität zu Köln und Research Fellow am DIW Berlin. Michaela Kreyenfeld ist Professorin für Soziologie an der Hertie School of Governance in Berlin.
Leseprobe
Disziplinäre Grenzüberschreitungen - Gert G. Wagner zum 65. Geburtstag Marcel Erlinghagen, Karsten Hank & Michaela Kreyenfeld Zur Erklärung gesellschaftlicher Phänomene und individueller Verhaltensweisen werden seit einiger Zeit (wieder) zunehmend multi- und interdisziplinäre Perspektiven herangezogen. Auch wenn die Wissenschaftslandschaft nach wie vor stark durch disziplinäre Grenzziehungen geprägt ist, kann die komplexe Wirklichkeit globalisierter Gesellschaften und der in diesen agierenden Individuen nur durch disziplinäre Grenzüberschreitungen theoretisch und empirisch angemessen erfasst und analysiert werden. Ein beharrlicher Grenzgänger dieser Art, der in der Tradition der klassischen Nationalökonomie, die die Wirtschaftswissenschaft als Gesellschaftswissenschaft versteht und dabei neben den wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen individuellen Handelns auch die Psychologie der Akteure mit in den Blick nimmt, ist Gert G. Wagner, der am 5. Januar 2018 seinen 65. Geburtstag feiert. Dieses Datum nehmen wir zum Anlass, durch die im vorliegenden Band versammelten sozial- und verhaltenswissenschaftlichen Beiträge, erstens, eine aktuelle Momentaufnahme jener von Gert Wagner seit Anfang der 1980er Jahre wesentlich mitgeprägten empirisch-quantitativen Forschung in Deutschland zu geben, die sich heute nicht mehr allein auf die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften beschränkt, sondern auch wichtige Teile der Psychologie mit einbezieht. Damit soll, zweitens, einer der einflussreichsten und produktivsten Sozial- und Wirtschaftsforscher Deutschlands gewürdigt werden, der zudem in vielfältigen Funktionen als innovativer Wissenschaftsmanager (insbesondere als langjähriger Leiter der Längsschnittstudie "Sozio-oekonomisches Panel") sowie als engagierter Politikberater immer wieder zentrale sozial- und wissenschaftspolitische Debatten mit angestoßen und beharrlich begleitet hat. Vor dem Hintergrund der interdisziplinären, kreativen und brückenbauenden Lebensleistung Gert Wagners sind "Innovation" und "Wissenstransfer" die Leitmotive des vorliegenden Bandes, die sich in den einzelnen Beiträgen in sehr unterschiedlichen Formen und Formaten - vom empirischen Fachaufsatz über Review-Artikel bis hin zum Essay - widerspiegeln. Die enorme Vielfalt des Wirkens von Gert Wagner kann in einem Band mit gerade einmal 15 Beiträgen natürlich nur im Ansatz reflektiert werden. Wir hoffen allerdings, dass es uns gelungen ist, eine zumindest halbwegs repräsentative Stichprobe gezogen zu haben: Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist - natürlich - das zentrale, von ihm in den Jahren 1989 bis 2011 am DIW Berlin geleitete, Projekt Gert Wagners. Während Stephen P. Jenkins und Timothy M. Smeeding die Besonderheiten des SOEP im Allgemeinen würdigen, arbeiten Bruce Headey und Ruud Muffels in ihrem Beitrag heraus, wie Gert Wagner mit dem SOEP u. a. die Erforschung von Lebenszufriedenheit befruchtet und weiter vorangetrieben hat. Exemplarische Analysen hierzu finden sich bei Sandra Gerstorf, Nilam Ram und Denis Gerstorf, die über ihre - gemeinsam mit Gert Wagner durchgeführte - Forschung zu Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit am Lebensende berichten. Gert Wagner hat jedoch nicht nur die klassischen Fragebogeninhalte einer ursprünglich fast ausschließlich auf die Untersuchung sozio-ökonomischer Fragestellungen angelegten Panelstudie sukzessive erweitert. Er hat auch surveymethodisch die Grenzen des früher im Rahmen einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage machbar erscheinenden verschoben, wie zum Beispiel das von Michaela Riediger ausführlich beschriebene Multi-Method Ambulatory Assessment Project eindrucksvoll belegt. Das SOEP hat die Welt (sozialwissenschaftlicher Längsschnittstudien) verändert - und ist selbst durch eine sich wandelnde Welt mitgeprägt worden. Eine besondere Rolle spielt hier natürlich die deutsche Wiedervereinigung. Wie deren Folgen für die Lebensbedingungen in Ost und West mit dem SOEP genau beschrieben und analysiert werden können, demonstriert Peter Krause in seiner Untersuchung. Dass das SOEP auch heute noch bestens dazu geeignet ist, klassische Themen der Ungleichheitsforschung - wie sie Gert Wagner immer beschäftigt haben - auf höchstem wissenschaftlichen Niveau zu untersuchen, zeigen insbesondere zwei der hier gesammelten Beiträge. Während Jan Goebel und Markus M. Grabka die Sensitivität von Armuts- und Ungleichheitsmessungen bei gerundeten Einkommensangaben betrachten, analysieren Richard Hauser, Richard V. Burkhauser, Kenneth A. Couch und Gulgun Bayaz-Ozturk auf Basis der Cross-National Equivalent Files des PSID und SOEP die wirtschaftlichen Folgen der Auflösung von Partnerschaften im deutsch-amerikanischen Vergleich. Wissenschaftliche Forschung (ob mit oder ohne SOEP) war und ist für Gert Wagner nie - und bei aller Neugierde (zum Beispiel ob alle Wähler rechtsextremer Parteien einen Schäferhund besitzen) - akademischer Selbstzweck, sondern im Mittelpunkt steht für ihn immer deren gesellschaftliche Relevanz. Nicht zufällig unterstreicht daher Hans-Jürgen Krupp in seinem Beitrag die Bedeutung einer wissenschaftlichen Fundierung von Politikberatung. Diese hat eine wichtige Basis unter anderem in der universitären Forschung und Lehre zur Sozialpolitik, mit deren (möglichem) Verschwinden sich Stephan Leibfried kritisch auseinandersetzt (an dieser Stelle sei daran erinnert, dass die Denomination von Gert Wagners erstem Lehrstuhl - an der Ruhr-Universität Bochum - "Sozialpolitik und öffentliche Wirtschaft" lautete). Insbesondere ist eine wissenschaftlich fundierte Politikberatung jedoch auf qualitativ hochwertige Daten angewiesen, die nicht nur erhoben sondern einer breiten wissenschaftlichen Öffentlichkeit auch zugänglich gemacht werden müssen. Hierzu leisten, wie Reinhold Thiede und Tatjana Mika zeigen, Forschungsdatenzentren - für deren Einrichtung sich Gert Wagner als Vorsitzender des Rates für Sozial- und Wirtschaftsdaten stark gemacht hat - einen wichtigen Beitrag. "Gute" Politikberatung darf, last but not least, aber auch den normativen Diskurs nicht scheuen (wie Gert Wagner u. a. als Vorsitzender der Kammer für soziale Ordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland gezeigt hat). In diesem Sinne fragt etwa Axel Börsch-Supan in seinem Essay, ob die Rente gerecht sein kann. Die Liste der Themen, mit denen Gert Wagner sich bereits beschäftigt hat (und die neugierig auf seine Zukunftsthemen macht), lässt sich noch vielfältig fortsetzen, wie unter anderem die Beiträge von Reimund Schwarze zur Versicherung von Naturgefahren oder von C. Katharina Spieß zur Ökonomie frühkindlicher Bildung und Betreuung zeigen. Und schließlich wäre Gert Wagner nicht Gert Wagner, wenn er seiner privaten Sportbegeisterung nicht auch wissenschaftlich nachgegangen wäre. Neben dem Verhältnis von Sport und Doping, mit dem sich Nicolas Ziebarth in seinem Beitrag auseinandersetzt, geht es hier natürlich unvermeidlich auch um die - wie Jürgen Gerhards und Michael Mutz zeigen - schönste Nebensache der Welt: den Fußball (dem der Jubilar ein Semester seines Studiums widmete, um bei der Fußballweltmeisterschaft 1974 als freiwilliger Helfer mitzuwirken). Sucht man nach den Gemeinsamkei…
